Auf und davon

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Ortsunabhängiges Arbeiten wird immer mehr zum Lebensgefühl, mit dem sich auch Unternehmen auseinandersetzen. In der schönen, neuen Arbeitswelt kann man Geld verdienen und trotzdem seine Liebe zum Reisen intensiv ausleben.

Irgendwann setzte es ein, das Reisefieber. Im Studium bot sich die Möglichkeit für Tim Chimoy, ein sechsmonatiges Praktikum in den USA zu absolvieren. „Dort kam ich auf den Geschmack“, erinnert sich Chimoy. Der damals angehende Architekt lernte die persönliche Freiheit und die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung kennen, die man erst dann entdeckt, wenn man die gewohnte Umgebung und die vorgegebenen Lebensbahnen hinter sich lässt. Chimoy schloss das Studium ab: „Wegen einer Anstellung musste ich meine Freiheit dann einschränken.“ Drei Jahre arbeitete er als angestellter Architekt in verschiedenen Büros in Deutschland, China und den USA. Es war noch nicht das, was er gesucht hatte: Ein Aufbaustudium für Projektmanagement im Bauwesen sollte Klarheit bringen. Mit dem Abschluss schien die Zeit gekommen für einen guten Job. Chimoy heuerte mit großen Erwartungen als Projektmanager in einem Unternehmen an, doch seine Hoffnungen wurden enttäuscht. „Ich hatte das Gefühl, in einer Warteschleife zu hängen, ohne eigene Projekte, ohne eigene Verantwortung.“ In dieser Zeit beschäftigte er sich mit neuen Möglichkeiten, der Ziellosigkeit zu entkommen. „Mir fiel auf, wie viele Menschen über ihren Schritt in die Selbstständigkeit schreiben.“ Und dann war da noch das Fernweh. Chimoy zählte beides zusammen – und kündigte seine Festanstellung.

Vor zwei Jahren hat sich der 34-Jährige als freiberuflicher Architekt selbstständig gemacht. Das ist an sich nichts Besonderes. Außergewöhnlich ist, dass Chimoy immer da arbeitet, wo er gerade gerne Zeit verbringt: in Finnland, Thailand, Vietnam oder kommendes Jahr in Südamerika. Hin und wieder auch mal in Berlin. Seine Arbeitsutensilien sind sein Laptop und drahtloses Internet, sein Kapital ein Netzwerk freischaffender Architekten und Zeichner in aller Welt, mit denen er auch umfangreichere Aufträge von Architekturbüros und Bauträgern erfüllen kann. Er liefert CAD-Zeichnungen und dreidimensionale Visualisierungen von Bauprojekten genau so, als säße er als Angestellter an einem Schreibtisch mit Büropflanze. Dabei blickt er von seinem Bildschirm vielleicht gerade auf einen Swimmingpool, der von Palmen umrandet ist.

Callcenter für Sekretariatsleistungen

Ortsunabhängiges Arbeiten ist kein Massentrend, es ist ein langsam wachsendes Lebensgefühl, das nicht bei jedem auf Verständnis stößt. Anrufe der Kunden gehen deshalb bei einem Callcenter ein, dessen Sekretariatsleistungen der Architekt gemietet hat. Für eventuelle Kundenbesuche in Deutschland arbeitet er mit einem Freiberufler in Berlin zusammen.

Was mancher für Dauerurlaub halten mag, ist in der Praxis ein normaler Broterwerb, der allerdings die Lust auf neue Umgebungen, fremde Menschen und dosiertes Abenteuer zulässt. Es gibt inzwischen regelrechte Hochburgen sogenannter „digitaler Nomaden“ an exotischen Orten rund um den Globus, die zu bestimmten Jahreszeiten bevorzugt werden. Ab November über den europäischen Winter hinweg gehört Chiang Mai in Nordthailand dazu: Dort gibt es inzwischen zahlreiche Miet-Arbeitsplätze (Coworking Spaces) mit guter Internetanbindung, günstige Appartments, ein angenehmes Klima und vor allem viele Cafés mit Wlan. Chimoy ist ein Experte für Reisen und Arbeiten, denn neben seinem Blog „Earthcity.de“ verfasst er Ratgeberbücher für Menschen, die vor einer ähnlichen Entscheidung stehen, ihr herkömmliches Leben mit einem Nine-to-five-Job und stark begrenzten Urlaubsreisen komplett umzukrempeln. Das „Handbuch für ortsunabhängiges Arbeiten“ vertreibt er als E-Book: „Entwirf Dein Leben“ und „Kenne Deine Möglichkeiten“, raten zwei Kapitel in dem sehr praxisbezogenen Buch. Demnächst erscheint sein neuer Titel über Work-Life-Balance. Vor Kurzem hat er sogar einen Vortrag in einem internationalen Unternehmen über die Möglichkeiten des ortsunabhängigen Arbeitens gehalten – die Idee greift um sich.

Talente mit Freiheit ködern

Beschleuniger dieser neuen Online-Arbeitswelt sind Portale wie Elance oder Twago. Dort können Unternehmen IT-, Design- oder Onlinemarketing-Projekte ausschreiben und aus den registrierten Freiberuflern auswählen – egal, wo auf der Erde sie sich gerade aufhalten. Bei Elance sind rund 300.000 freie Programmierer und 225.000 Designer registriert. Im Monat werden nach eigenen Angaben rund 120.000 Aufträge online vermittelt.

„Digitale Nomaden und ortsunabhängiges Arbeiten bekommen immer mehr Aufmerksamkeit. Die Menschen sind daran interessiert, wie man den Lifestyle realisieren kann. Nie waren die Voraussetzungen besser als heute“, sagt Marcus Meurer. Der 36-Jährige hat vor zwei Jahren seinen Job als Online-Marketingmanager bei einem großen Unternehmen gekündigt. Mit seiner Freundin Felicia Hargarten bereist er die Welt und arbeitet von unterwegs als Online-Marketingberater. Das Reisen mache ihn kreativ und motiviere ihn für neue Projekte. Meurer hat beispielsweise eine Konferenz für die neue Arbeits- und Lebensform ins Leben gerufen, das DNX Event in Berlin. „Immer mehr Unternehmen möchten mit uns zusammen die Arbeitswelt der Zukunft gestalten. Die ersten Unternehmen erkennen, dass die Talente von heute nicht mehr mit Geld, Status und Jobtiteln zu ködern sind. Sie geben ihren Mitarbeitern mehr Freiheit, sich selbst zu verwirklichen und lassen sie auch von anderen Orten als im Büro arbeiten.“ Die Zeiten, in denen Mitarbeiter längere Auslandsaufenthalte beispielsweise für „Work & Travel“ mit dem festen Job bezahlen mussten, sie scheinen zu Ende zu gehen.

von Petra Schäfer

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