Eine Vorstellung von der Zukunft der Arbeit

Ende des Monats werden die Xing New Work Awards verliehen. Trendexpertin und Jurymitglied Birgit Gebhardt sprach mit uns über Tendenzen in den diesjährigen Einreichungen und ihr persönliches Bild unserer Zukunft.

Mit dem New Work Award zeichnet das Karrierenetzwerk Xing mit Unterstützung der Magazine Focus und Human Resources Manager Konzepte und Projekte aus, die Inspiration für die Zukunft unserer Arbeitswelt liefern. Die Presiträger werden am 28. Januar in Berlin gekürt. Bestimmt wurden sie über eine offenes Online Voting.

Frau Gebhardt, in Ihrem Buch „2037 – unser Alltag in der Zukunft“ beschäftigen Sie sich mit unserer Gesellschaft, wie sie in 25 Jahren aussehen könnte. Wie sieht in diesem Szenario unser Arbeitsleben aus?

Die zunehmende Datenkommunikation, Automatisierung und der Einsatz lernfähiger Softwares werden unsere Logik zu wirtschaften und zu arbeiten grundlegend verändern. Wir werden stärker in Kompetenznetzwerken arbeiten und dies weniger auf ein Unternehmen beschränkt. Der Wissensarbeiter muss sein Leistungsprofil an Aufgaben und Methoden permanent schärfen, um für interessante Projekte attraktiv zu sein. Das bedeutet ein hohes Maß an Engagement, Eigenverantwortung, Selbstkenntnis und Unternehmergeist.

Die Möglichkeiten, seine eigenen Talente zu erkennen, zu entfalten, zu vermarkten und in der vielfältigen Anwendung auch zu bereichern, steigen. Intelligente Lernsoftware kann schon im Kindesalter helfen, wirklich individuell zu fördern und bei der geeigneten Berufswahl unterstützen. Die neuen humanen Kompetenzen, die künftig – auch in Abgrenzung zu Maschine, Roboter und Software gebraucht werden – entstehen gerade erst. Viele angestammte Kompetenzen in beispielsweise Medien, Handel oder Finanzdienstleistung hat die IT übernommen. Sogar Markenunternehmen finden sich durch den Einzug kundennaher Plattformen plötzlich im Zulieferer-Status wieder. Konsumenten treten mit Unternehmen in Dialog oder können plötzlich selbst als professioneller Anbieter auftreten. Die vernetzte Arbeitswelt hält für engagierte Talente enorme Entwicklungschancen bereit. Ideen, Inhalte und gemeinsame Interessen lassen sich verknüpfen, vermarkten, messen und monetarisieren.

Das Buch ist jetzt knapp vier Jahre alt. Ist schon etwas Realität geworden, womit Sie so schnell nicht gerechnet hätten?
Ja, zum Beispiel die Flüchtlingswelle hat einiges beschleunigt. Im Buch beschreibe ich, wie Migranten das Leben in ehemaligen Büroquartieren, wie zum Beispiel der City Nord verändern. Jetzt hat der Hamburger Senat die Ansiedlung von Flüchtlingen unter anderem in der City Nord beschlossen. Auch die Werteverschiebung, die bei Lesungen anfangs im Publikum noch zu Ablehnung und teilweise Entsetzen geführt hat, schleicht sich ein: Auto- und Krankenversicherungen bieten bereits denjenigen verbesserte Tarife an, die sich gesund oder verkehrsgerecht verhalten und sich dafür tracken lassen. Die Solidargemeinschaft zersplittert in Interessen-Communities. China überlegt quasi als staatliche Kontrollreaktion bereits einen Citizen Score einzuführen, eine Pflicht-App, die das Bürgerverhalten in quasi-Echtzeit auf seine soziale Verträglichkeit und ressourcenschonende Lebensführung analysiert und dem individuellen Profil einen „Social Credit“ ähnlich unserer Schufa-Kreditwürdigkeit anhängt und geht damit genau den Weg den das Buch beschreibt.

Die Initiative hinter dem New Work Award, in dessen Jury Sie sitzen, will den Dialog über die Zukunft unserer Arbeit vorantreiben. Warum braucht es das?
Weil uns immer noch die Vorstellung davon fehlt, wie die Arbeitswelt der Zukunft aussieht, wie sich Kompetenznetzwerke organisieren, wie sich menschliche Verhaltensmuster mit den Leistungen der intelligenten Maschinen und Rechnern abstimmen beziehungsweise auch von ihnen abgrenzen lassen. Wenn die intelligenten Systeme Entscheidungen treffen, Faktoren in komplexen Abhängigkeiten gewichten und permanent Marktbedürfnisse messen können, erübrigen sich viele Analyse-, Controlling, Prozessteuerungs- und auch Managementfunktionen, die lange als unverzichtbar und Karrieresicher galten. Neben der IT-Kompetenz gewinnen plötzlich viele weiche Faktoren wie Teamfähigkeit, Empathie und Kreativität an Wert – und verlangen nach ganz neuen Formen der Zusammenarbeit, agilen Organisationsstrukturen und stimulierenden Umgebungen.

Wie schätzen Sie das Teilnehmerfeld in diesem Jahr ein, zeichnet sich da ein dominierendes Thema ab?
Modelle zur flexiblen Arbeitszeit und zunehmend auch die Option, den Arbeitsort spontan zu wählen, stellen die Mehrheit dar. Hier finde ich interessant, dass Unternehmen ergebnisorientierter schauen und den Mitarbeitern beziehungsweise Teams immer mehr Eigenverantwortung in ihrer Arbeitszeit und -weise zubilligen. Wir konnten mit der Zunahme der Einreichungen feststellen, dass Themen wie autonom arbeitende Teams auch organisatorisch stärkere Konsequenzen bedeuten. Waren es früher einzelne Projekt- oder Pioniergruppen, die eine neue Arbeitsweise selbst erproben durften, weil sie wollten, werden jetzt Hierarchien und Abteilungssilos zugunsten von flexiblen Projektstrukturen umgebaut.

Was können andere Unternehmen von den Nominierten lernen?
Extem viel, denn wir beobachten selbst unter den New Work-Einreichungen eine breite Spanne an Entwicklungsdynamik. Neben dem Innovationsgrad der einzelnen Maßnahmen finden sich hier auch Graduierungen bei der Umsetzung, die sicher für den einen oder anderen Change-Prozess als Case herangezogen werden können.

Haben Sie einen Favoriten in diesem Jahr?
Für meine Studien finde ich inzwischen das WIE bei der Umsetzung wichtiger als den neuesten Trend. Bei der Mammutaufgabe flexible Arbeitsstrukturen in einem Konzern einzuführen, fand ich Philips recht überzeugend. Trotz vieler hundert Mitarbeiter in klassischen Tätigkeiten bietet das Unternehmen Autonomie über Arbeitszeit- und Ort. Das Büro wurde komplett umgestaltet zum Ort der Begegnung und kreativen Kollaboration. Mitarbeiter haben Wandel durch Kulturinitiativen, Inspiration von außen und Reflexion von innen auf ihr Unternehmen übersetzt und ihre Unternehmenskultur so mitgestaltet.

Was wird in den nächsten Jahren das Trendthema in der Arbeitswelt?
Ich sehe hier stärker die Öffnung der Unternehmen nach Außen, das heißt die proaktive und hochflexible Vernetzung mit Kunden, Experten, Partnern. Über virtuelle Plattformen und physische Satelliten und bestenfalls als Synergie bis hin zum Mitbewerber. Das Silo zu öffnen und diesen Austausch zu fördern, wäre jetzt der nächste Schritt. General Dynamics zum Beispiel war dieses Jahr mit der Maßnahme dabei, seine Schweißer in auslastungsschwachen Zeiten an andere Unternehmen zu verleihen. Solche Win-win-Lösungen entsprechen der Logik der Vernetzung. 

von Sven Pauleweit
Foto: Privat
Birgit Gebhardt
Trendexpertin

Birgit Gebhardt ist Trendexpertin für vernetzte Arbeitskultur, die sie in ihren New-Work-Order-Studien erforscht. Die ehemalige Geschäftsführerin des Trendbüros ist Mitglied der Expertenkommission der Bertelsmann-Stiftung zu neuen Lebens- und Arbeitsperspektiven, sowie im XING Ideenlabor und der Arbeitsgruppe Future of Work im Münchner Kreis. Ihr Buch „2037 – unser Alltag in der Zukunft“ ist 2011 erschienen.

Neuen Kommentar schreiben

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen auf Netiquette. Wir behalten uns vor, Kommentare, die dagegen verstoßen, werblichen Inhalt enthalten oder den Artikelbezug vermissen lassen, nicht zu veröffentlichen.
Die Kommentare müssen aus technischen Gründen einzeln freigeschaltet werden. Daher kann es zu Verzögerungen kommen, bis diese sichtbar werden.