Fluch oder Segen?

Arbeitgeber müssen sich in Zeiten des Social Web dem anonymen Feedback von Bewerbern, Mitarbeitern oder Ehemaligen stellen. Für die einen sind Bewertungsplattformen ein nützliches Instrument im Employer Branding. Für die anderen sind Kununu und Co. vor allem eine Spielwiese für Frustrierte.

Stellenangebote – sie alleine reichen im Recruiting schon lange nicht mehr aus. Wer Bewerber für sich gewinnen will, der muss sie überzeugen. Top-Karrierechancen, gutes Arbeitsklima oder ein toller Chef: Mit diesen Aussichten können Unternehmen punkten. Viele Bewerber informieren sich im Vorfeld umfangreich über potenzielle Arbeitgeber. Doch die wirklich interessanten Informationen finden sie nicht auf deren Karriere-Webseite. Vor allem Bewertungsplattformen gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung. Denn: Sie geben die Meinung und Erfahrungswerte anderer wieder. Was früher nur Freunde und Bekannte untereinander austauschten, steht heute zugänglich für jeden im Netz. Portale wie kununu, meinchef.de, Companize oder Jobvoting machen es möglich. Sie versprechen Transparenz und reale Einblicke ins Unternehmen. Reputation ist das neue Schlagwort.

Die Unterschiede der Bewertungsplattformen reichen weit: Bei Companize können Arbeitnehmer anonym ihr Gehalt vergleichen und sich im geschützten Bereich mit anderen austauschen. Hingegen stehen bei kununu anonyme Bewertungen von Bewerbern, Mitarbeitern und Ehemaligen im Vordergrund. Mit 7,3 Millionen Seitenaufrufen pro Monat und insgesamt 658.000 Arbeitgeberbewertungen stellt kununu die bekannteste Bewertungsplattform dar. Seit der Übernahme durch das Business-Netzwerk XING Anfang 2013 baut das Unternehmen mit Sitz in Wien seine Marktführerschaft weiter aus.

Feedback-Gebern den direkten Dialog anbieten

„Bewertungsplattformen sind eine gute Möglichkeit für Bewerber, sich einen ersten Eindruck von potenziellen Arbeitgebern zu verschaffen“, sagt Markus Rasche, Leiter Personal- und Organisationsentwicklung bei der DIS AG. Es sei ein guter zusätzlicher Kanal für das Employer Branding, wenn sich Unternehmen hier öffnen und den Kandidaten mit Ehrlichkeit und Transparenz begegnen. Er merkt aber an, dass Bewertungen nicht die letzte Wahrheit sind, weil sie immer aus subjektiven Erfahrungen entstehen. Dennoch: Eine Tendenz zeigen sie allemal.

Die Positivbewertung „angenehme Arbeitsatmosphäre, jederzeit weiter zu empfehlen“ ist nur eine von vielen, die der Personaldienstleister auf kununu erhalten hat. Insgesamt kommt das Unternehmen bei Mitarbeitern sehr gut weg. Doch ganz ohne Negativbewertung geht es nicht: „DIS AG eine Mogelpackung“ findet ein Ex-Mitarbeiter und bemängelt unter anderem Umsatzdruck und starre Budgetvorgaben. Auch wenn kritische Bewertungen bei der DIS AG selten vorkommen: Das Unternehmen nimmt diese ernst und bietet Feedback-Gebern über die Bewertungsplattform den direkten Dialog an. Das bestätigen offizielle Stellungnahmen unter manchen Bewertungen. „Erfreulich viele Feedback-Geber gehen auf unser Angebot ein und nutzen die Gelegenheit, in einem vertraulichen Telefonat konstruktiv die aus ihrer Sicht kritischen Erlebnisse zu schildern“, meint Rasche. Vor allem aber trügen die zahlreichen positiven Rezensionen dazu bei, dass sich immer mehr Bewerber für das Unternehmen interessieren.

Nico Rose, Senior Director Corporate Management Development bei Bertelsmann, beobachtet zwar die wichtigsten Bewertungsplattformen, möchte das Thema im Employer Branding aber nicht überbewerten. Nach außen sei dies ein weiterer Informationskanal neben vielen anderen Quellen, aus denen interessierte Menschen Informationen über Bertelsmann beziehen. Intern nutzt das Unternehmen Bewertungsplattformen ebenfalls als eine Feedback-Quelle unter vielen, sagt Rose. Negativbewertungen schaut sich Bertelsmann genau an. Das Unternehmen ist bemüht, Feedback in die entsprechenden organisatorischen Einheiten zurückzuspielen, sofern diese konkret zu identifizieren sind. Rose räumt ein, dass dies bei der Größe und Diversität von Bertelsmann nicht immer ganz einfach ist.

Arbeitgeber verlieren im Social Web ihre Informationshoheit

Zum richtigen Umgang mit Bewertungen rät Tamara Frast, Head of Corporate Communications & Marketing bei kununu: „Mit Reputationsmanagement können Unternehmen gute Bewertungen als Werbe-Booster einsetzen und kritischen Kommentaren den Wind aus den Segeln nehmen.“ Doch genau solche Aufforderungen werden von Kritikern bemängelt. Bewertungsplattformen sind keine unabhängigen Institute. So viele Vorteile für Reputation sie auch haben mögen – die Portalbetreiber sind Wirtschaftsunternehmen mit Erfolgszielen. Reichweite und Klickraten sind dabei wichtige Indikatoren. „Ob die wirtschaftlichen Interessen von kununu mit einem fairen Dialog zwischen Arbeitgebern und potenziellen Mitarbeitern vereinbar sind“, stellt Jannis Tsalikis, Blogger und Ausrichter des HR-Barcamps, in Frage.

Durch die sozialen Netzwerke im Allgemeinen sei die Informationshoheit der Arbeitgeber verlorengegangen. Unternehmen hätten kaum noch die Kontrolle, welche Dinge Mitarbeiter oder Ehemalige im Netz preisgeben. „Interna können quasi frei und ungezwungen geäußert werden“, sagt Tsalikis. Zudem beobachte er zunehmend die Bagatellisierung von Bewertungen, die kununu und Xing durch die sogenannten Expressbewertungen ermöglichen. Dabei können Nutzer von ihrem Xing-Profil aus ihre Arbeitgeber per Punktevergabe – von sehr gut bis mangelhaft – inklusive Kommentarfunktion beurteilen. Ein „Nebenbei“-Feedback auf XING einzuholen, findet Tsalikis, führe lediglich zu mehr Reichweite von kununu, nicht aber zu aussagekräftigen Bewertungen.

Frast versichert, dass technische Filter und Kontrollinstanzen eine hohe Bewertungsqualität gewährleisten. Namentliche Erwähnungen oder Kraftausdrücke seien dadurch ausgeschlossen. Im Zweifelsfall fordere kununu vom User einen Nachweis an. Dieser muss dann belegen können, dass er bei dem bewerteten Unternehmen auch gearbeitet hat. Erbringt der User keinen Nachweis, sagt Frast weiter, stellen sie die Bewertung offline.

Kommentare, Beschimpfungen oder Unwahrheiten sind dann zwar nicht mehr sichtbar. Aber die damit verbundene Punktebewertung bleibt bestehen, kritisiert Tsalikis. Die Fairness rutsche dabei in den Hintergrund. Sein Lösungsvorschlag: Bewertungen müssten spätestens nach einem Jahr gelöscht werden – egal ob positiv oder negativ. Unternehmen könnten sich so von schlechter Reputation befreien und signifikant verbessern.

von Sven Lechtleitner

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