Für ein höheres Ziel

Was braucht es, um mutig sein zu können? Die Psychologin Astrid Schütz über selbstbewusste Menschen, die positive Seite der Angst und den Mut, zur eigenen Persönlichkeit zu stehen.

Astrid Schütz hat in den 90ern zum Thema „Selbstdarstellung von Politikern“ promoviert. Vermutlich könnte sie einiges Interessantes zu Donald Trump sagen. Klar ist: Ein gewisses Selbstvertrauen hilft, wenn es darum geht, ein Risiko einzugehen und im Beruf erfolgreich zu sein. Doch aus Selbstvertrauen kann schnell auch mal Selbstüberschätzung werden.

Frau Professor Schütz, es gibt viele Ratgeber, die einem nahelegen, mutig zur eigenen Persönlichkeit zu stehen und zu sein, wie man ist. Kommt man mit Authentizität besser durchs Leben?
Mit Abstrichen würde ich sagen ja. Es wäre unklug beispielsweise im Bewerbungsgespräch von tiefgreifenden Selbstzweifeln zu erzählen. Das würde zu weit gehen. Aber dennoch ist Kongruenz, also eine Übereinstimmung von dem, was wir empfinden und dem, was wir tun, sicher wichtig. Schauen Sie sich den Dienstleistungsbereich an, zum Beispiel Call Center oder Flugbegleiter. In diesen Berufen müssen Sie bestimmte Emotionen präsentieren, unabhängig davon, wie Sie sich tatsächlich fühlen. Wir nennen das „Surface Acting“ im Vergleich zu „Deep Acting“. Unsere Forschung zur Emotionsregulation hat gezeigt, dass eine solche Inkongruenz  auf Dauer belastend ist. Im Extremfall können sogar psychosomatische Probleme auftreten. Deshalb muss man davon abraten, dauerhaft eine Fassade im Job aufrechtzuerhalten. Dasselbe gilt für Führungskräfte. Die sind gegenüber ihren Mitarbeitern überzeugender, wenn sie auch meinen, was sie sagen und selbst leben, was sie fordern. Authentizität tut der Führung gut. Das heißt aber nicht, stets sein Herz auf der Zunge zu tragen.

Auf der anderen Seite ist es doch professionell, wenn ich nicht immer den Emotionen meines Gegenübers ausgesetzt bin. Ich will als Kunde nicht, dass mir die Servicekraft etwas vorheult.
Ja, aber das ist ein Extrem. Genau wie der Bewerber, der von den Selbstzweifeln erzählt.

Sollten Führungskräfte sich nicht aufgrund eines professionellen Anspruchs mit Emotionen zurückhalten?
Es kommt eben drauf an. Wenn die Führungskraft einen neuen Kunden trifft, sollte sie die eigenen Empfindungen eher nicht nach außen tragen und nicht erzählen, dass es morgens am Frühstückstisch Krach gab. Etwas anderes ist es, wenn die Führungskraft in einer kleinen Gruppe mit Mitarbeitern sagt, dass es ihr heute nicht so gut gehe und sie deshalb vielleicht etwas weniger aufmerksam sei. Es ist also eine Frage des Kontextes, der Beziehung und der Dosierung.

Wenn man sieht, wer die klassische Karriereleiter hochsteigt, dann sind das eher Menschen, die selbstbewusst sind und die sich anpassen können. Steht da Authentizität nicht im Weg?
Anpassen im Sinne von sich auf neue Situationen schnell einstellen zu können, nicht aber anpassen im Sinne von Einstellungen über Bord werfen und anders handeln als es einem entspricht. Allerdings gibt es natürlich unterschiedliche Karrierewege. Und ja, die Karrieristen, die auch mal jemanden ausbooten, kommen durchaus häufig nach oben. Ich beobachte jedoch  ebenfalls, dass es auch die authentischen und engagierten Leute gibt, die weiterkommen. Ich kann aber natürlich nur dann in einem Unternehmen authentisch sein, wenn die Organisationskultur mir entspricht. Wenn diese Passung nicht existiert, wird es schwierig mit der Authentizität. Generell habe ich den Eindruck, dass Führungskräfte und Mitarbeiter heute weniger als früher gezwungen sind, irgendeine Rolle im Unternehmen zu spielen, die ihnen nicht entspricht. Authentizität ist mehr willkommen als das noch vor einigen Jahren der Fall gewesen ist.

Sind Menschen für Sie mutig, die zu ihrer eigenen Persönlichkeit stehen und authentisch sind?
Ja, durchaus. Nicht immer nur die beste und die rosige Seite von sich zu präsentieren und auch mal Schwäche einzugestehen, finde ich schon mutig. Ein Vorgesetzter muss nicht derjenige sein, der alles besser weiß. Es ist vielmehr ein Ausdruck von Stärke anzuerkennen, dass es Spezialisten gibt, die ihm auf manchen Gebieten überlegen sind.

Beobachten Sie diese Einsicht zunehmend bei Führungskräften?
Ja, wir bewegen uns von einer eher autoritären Führungskultur weg in Richtung einer partizipativen Kultur. Und in diesem Zusammenhang sehe ich auch einen entspannteren Umgang miteinander und die Bereitschaft, Schwächen zuzugeben. Wichtig ist auch eine wertebasierte, eine ethische Führung. Unternehmen entwickeln mit den Führungskräften und Mitarbeitern zunehmend Leitlinien für gutes Handeln im Unternehmen.

Nichtsdestotrotz hilft Selbstbewusstsein im beruflichen Alltag. Kann man das lernen?
Die Forschung zeigt, dass es zwar eine genetische Komponente des Selbstbewusstseins gibt. Den etwas größeren Anteil bilden jedoch die Erfahrungen, die wir machen – sowohl im Kindesalter als auch später. Das heißt, man kann Selbstbewusstsein durchaus lernen, beispielsweise durch Training oder Coaching. Selbstbewusste Menschen haben es im Beruf tatsächlich leichter. Denn wenn sich jemand selbst nichts zutraut, trauen ihm andere auch nichts zu. Wenn allerdings Selbstbewusstsein zur Selbstüberschätzung wird, ist eine Grenze erreicht. Dann wird es kontraproduktiv.

Ab welchem Punkt ist die Grenze zur Selbstüberschätzung überschritten?
Sich viel zuzutrauen ist erst einmal gut. Problematisch wird es dann, wenn ein Mensch nicht in der Lage ist, eigene Schwächen zu sehen und nicht mehr zuhört. So jemand schottet die positive Einstellung zu sich selbst vor Einflüssen von außen ab. Er oder sie nimmt kein Feedback an und sucht die Schuld stets bei anderen. So eine Einstellung verhindert Lernen.

Kann man sagen, selbstbewusste Menschen sind eher bereit Risiken einzugehen als andere?
Definitiv. Jemand mit viel Selbstvertrauen ist eher bereit, etwas zu wagen, weil er sich durch Misserfolge oder Kritik nicht aus der Bahn werfen lässt. Menschen, die unsicher sind, versuchen meist sich anzupassen und gehen den sicheren Weg.

Arbeiten Sie als Wissenschaftlerin eigentlich selbst mit dem Begriff „Mut“? Spielt der in der Persönlichkeitspsychologie überhaupt eine Rolle?
Wir beschäftigen uns gerade mit dem Thema Risikowahrnehmung und im Rahmen dessen haben wir auch über Mut diskutiert. Der Begriff ist sicherlich schwer zu definieren und es wurde bislang wenig dazu geforscht beziehungsweise geschrieben.

Das finde ich überraschend. Es wird doch ständig mehr Mut zu irgendwas gefordert.
Ja, das stimmt. Bislang hat man in der Forschung aber eher Risikoneigung oder Selbstvertrauen betrachtet, beides aber nicht wirklich zusammengebracht.

Trotzdem die Frage: Wie wird Mut in der Regel definiert?
Es ist die Bereitschaft, für ein höheres Ziel freiwillig ein Risiko einzugehen und die eigene Angst zu überwinden.

Also Angst spielt bei Mut immer eine Rolle?
Das wird unterschiedlich gesehen. Ich würde sagen, sie gehört dazu, weil es normal und richtig ist, bei Risiken Angst zu empfinden. Hätten wir keine Angst, würden wir uns viel zu leicht Gefahren aussetzen. Dennoch kann man sie überwinden und sich entscheiden, etwas zu tun, weil man ein höheres Ziel erreichen möchte. Die sogenannten Weißhelme in Syrien beispielsweise riskieren ihr Leben, wenn sie in zerbombte Häuser gehen und dort nach Überlebenden und Toten suchen. Das finde ich extrem mutig. Oder nehmen Sie das Thema Whistleblowing. Menschen, die rechtliche oder moralische Verstöße in ihrem Unternehmen melden oder öffentlich machen, obwohl sie negative Folgen zu befürchten haben, müssen in der Regel auch viel Mut aufbringen. Sie folgen ihren eigenen moralischen Prinzipien und riskieren damit ihren Job. Viele Whistleblower sagen allerdings im Nachhinein, wenn sie gewusst hätten, welche Konsequenzen sie ertragen müssen, hätten sie es nicht gemacht.

Spannend ist die Frage, ob dieses höhere Ziel, von dem Sie gesprochen haben, auch ein rein subjektives sein kann. Oder muss es die Allgemeinheit ebenfalls als positives Ziel wahrnehmen?
Ja, das ist keine leichte Frage. Es ist sicherlich mutig, den eigenen Idealen zu folgen. Schwierig wird es, wenn die Ideale nicht von anderen geteilt werden. Denken Sie an Widerstandskämpfer oder den Tyrannenmord. Ist ihr Ziel wertvoll genug, um ein Risiko einzugehen? Dasselbe gilt für „Mutproben“ wie U-Bahn-Surfen oder Base-Jumping? Findet jemand das tollkühn, leichtsinnig oder mutig? Das hängt davon ab, wie man das Ziel bewertet.

Welche Rolle spielen andere Menschen für uns, wenn es darum geht, mutig zu sein?
Familiäre Vorbilder spielen zum Beispiel eine Rolle. Wenn jemand gelernt hat, dass es wichtig ist, das Richtige zu tun und feste, eigene Normen zu haben, bringt diese Person eine gute Voraussetzung dafür mit, mutig zu sein. Zum Beispiel etwas zu tun, woran man glaubt, auch wenn andere Menschen dagegen sind. Oder auch etwas nicht zu tun. Also beispielsweise sich nicht dem Druck einer Gruppe zu beugen, wenn diese jemanden mobbt. Familie, Vorgesetzte, Kollegen oder Freunde, die ähnliche Werte und Ansichten teilen, helfen, Mut zu zeigen.

von Jan C. Weilbacher
Astrid Schütz, Foto: Tim Kipphan
Astrid Schütz
Lehrstuhl Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik, Personal- und Sozialpsychologie
Universität Bamberg
Sie ist Professorin und Inhaberin des Lehrstuhls für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik, Personal- und Sozialpsychologie an der Universität Bamberg und leitet dort das Kompetenzzentrum für Angewandte Personalpsychologie. Sie forscht zu Personalauswahl und -entwicklung und führt Praxisprojekte mit Unternehmen zu diesen Themen durch. Sie ist Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Artikel und Bücher. Zum Thema Selbstvertrauen ist von ihr unter anderem das Buch erschienen „Je selbstsicherer, desto besser?“.

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