Heiß begehrte Spezialisten

IT-Fachkräfte zählen hierzulande zu den am meisten gesuchten Mitarbeitern. Klassische Stellenanzeigen reichen längst nicht mehr aus, um die offenen Stellen zu besetzen. Recruiter beschreiten daher immer öfter ganz neue Wege.

Der Internetdienstleister 1&1 hat sich im Herbst vergangenen Jahres etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Das Unternehmen veranstaltete in München eine elektronische Schnitzeljagd, um Studenten, Absolventen und IT-Profis für den Standort in der bayerischen Landeshauptstadt anzusprechen. Per App konnten sich Interessenten Fragen zu speziellen IT-Themen aufs Handy laden. Nach jeder korrekt beantworteten Frage öffnete sich eine Karte mit einer Markierung und einer Wegbeschreibung zu einem Cafe, einer Kneipe oder einem Kino. Dort konnten die Spieler einen vor Ort aushängenden QR-Code einscannen und bekamen zur Belohnung zum Beispiel ein Freigetränk oder einen kleinen Imbiss. Wer mindestens drei Fragen richtig beantwortete, wurde zur Abschlussveranstaltung in eine Studentenkneipe samt Abendessen und Freibier und den IT-Experten von 1&1 eingeladen.

„Für uns war das eine gute Aktion, um Kontakt zu Informatikern aus der Region aufzunehmen“, sagt Rüdiger Becker, Personalchef bei 1&1. Nebenbei können seine Personaler auch die fachlichen Fähigkeiten der Kandidaten abklären und gleichzeitig die Kompetenz des Unternehmens demonstrieren. Denn die Fragen waren keine Pseudo-Rätsel, sondern echte fachliche Aufgaben, von den IT-Kollegen von 1&1 zusammengestellt. Deshalb gab es gleich vier verschiedene Routen, jeweils eine zu den Themen Java, Android, Frontend und Systemadministration – Bereiche, die für 1&1 besonders relevant sind.

Wer heute erfolgreich IT-Kräfte rekrutieren will, muss kreativ sein. Während andere Mitarbeiter sich noch geschmeichelt fühlen, wenn ein Headhunter anruft, winken Informatiker meist nur müde ab, wenn das Telefon bei ihnen klingelt. „Es ist kein Wunder, dass vor allem IT-Unternehmen solche außergewöhnlichen Recruiting-Kampagnen starten“, sagt Georg Albes von der Personalberatung Robert Half International (RHI). „Erstens sind sie nah dran an der IT-Welt und können am ehesten einschätzen, was bei ITlern gut ankommt. Zweitens ist der Bedarf an IT-Kräften bei solchen Unternehmen auch besonders groß.“ Das Angebot dagegen wird kleiner, der Fachkräftemangel in der IT-Branche ist beträchtlich. Im vergangenen Jahr gab fast die Hälfte der vom Stellenportal Monster befragten IT-Firmen an, dass freie Stellen nur schwer zu besetzen seien. Die Unternehmen rechneten damit, dass mehr als jede zehnte Stelle mangels geeigneter Kandidaten unbesetzt bleiben muss.

Auch im laufenden Jahr ist der Bedarf groß. „Drei von vier Firmen in Deutschland wollen in diesem Jahr neue IT-Fachkräfte einstellen, fast alle sind auf der Suche“, sagt Personalberater Albes. Und sie suchen da, wo die Zielgruppe zu Hause ist: Im Internet. „Fachliche Foren sind besonders wichtig, um Events zu platzieren“, sagt Albes. „Es gibt für jede Fachrichtung eigene Plattformen. Informatiker sind interessiert daran, sich auszutauschen und fortzubilden und sind deshalb viel in solchen Foren unterwegs.“

Das Unternehmen präsentieren

Also hat auch 1&1 seine Kampagne in Fachforen beworben. Mit Erfolg: Mehr als 100 Mal wurde die App heruntergeladen, 50 Informatiker wurden eingeladen, zehn davon anschließend auch zu 1&1 zu einem Fachvortrag in die Firma. An die Übrigen verschickten die Personalmanager Fotos vom Abend. „Wir werden einige von Ihnen auch noch einmal ansprechen, um den Kontakt zu halten“, sagt Personalchef Becker. Wie viele neue Mitarbeiter 1&1 mit der Aktion rekrutiert, kann er noch nicht absehen. „Es geht bei solchen Aktionen auch darum, sich als potenzieller Arbeitgeber zu präsentieren.“ 1&1 etwa betreibt nach eigenen Angaben eines der größten Rechenzentren Deutschlands, kann Informatiker mit entsprechend hochkarätigen Jobs und neuester Technik locken. „Es ist schon schwieriger geworden, IT-Experten zu bekommen“, sagt Becker. „Die klassische Ansprache über Stellenanzeigen reicht längst nicht mehr. Bislang haben wir unsere Stellen aber immer noch in akzeptabler Zeit besetzen können.“ Auch dank Aktionen wie der Code-Caching-Kampagne. Wer es dabei zur so genannten Code-Caching-Nacht geschafft hat, konnte sich mit den Fachexperten von 1&1 austauschen.

Die HR-Manager entwickeln die grundlegende Strategie für solche Kampagnen und übernehmen die Organisation des Events. „Wir schaffen eine Plattform, auf der unsere Fachkollegen unser Unternehmen präsentieren können. Die ITler kommen untereinander viel besser ins Gespräch“, sagt Becker. Es gehe darum, das Unternehmen vorzustellen und Interessenten zu begeistern. Das gehe am besten, indem man erklärt, woran man arbeitet. „Das interessiert die IT-Kandidaten am meisten. Und dazu können unsere Fachleute nun mal deutlich mehr sagen als wir Personalmanager“, sagt Becker. „Informatiker bekommen bei fachlichen Gesprächen leuchtende Augen.“

ITler auf Kaffeefahrt

Der britische Hersteller Sophos entwickelt seine Sicherheitssoftware in Deutschland in mehreren Städten und bietet dort technische Unterstützung für seine Kunden. 300 der 450 im deutschsprachigen Raum beschäftigen Mitarbeiter sind ITler. Das Unternehmen ist ständig auf der Suche nach zum Beispiel Softwareentwicklern und Support-Spezialisten. Der Karlsruher Sophos-Standort ist Mitglied im regional aufgestellten „Cyberforum“. Die Internetplattform vernetzt Unternehmen und ITler aus der Region Karlsruhe und organisiert Events wie „Catch the Job“.

Einmal im Jahr lädt das Cyberforum zu dieser modernen Form der Kaffeefahrt, bei der sich rund 100 IT-Fachkräfte einen Tag lang mehrere potenzielle Arbeitgeber aus Karlsruhe anschauen können. Per Bus werden die Talente zu verschiedenen Firmen kutschiert. Zu den gastgebenden Firmen zählt auch Sophos. „Für uns ist das eine gute Gelegenheit“, sagt HR-Managerin Sabrina Benz, die das Event auf Seiten von Sophos koordiniert. „Wir können den Kandidaten direkt hier vor Ort zeigen, wie wir arbeiten und wie ihr potenzieller Arbeitsplatz aussehen könnte. Auf Jobmessen fällt es deutlich schwerer, das rüberzubringen und sich von anderen Firmen abzusetzen.“ Zumal die Fachkollegen sich bei solch einer Veranstaltung deutlich leichter einbinden lassen als wenn die HR-Managerin sie quer durch die Republik auf Jobmessen lotsen würde. „Die Interessenten können mit Kollegen aus allen IT-Disziplinen unseres Hauses fachsimpeln, das ist enorm wichtig“, sagt Benz. Für die HR-Managerin sind solche Kampagnen aus dem Recruiting heute nicht mehr wegzudenken. „Man muss deutlich kreativer sein als noch vor fünf oder sechs Jahren, um IT-Fachkräfte zu bekommen.“ Sie greift dafür auch auf Altbewährtes zurück: Das Unternehmen wirbt neuerdings auf Karlsruher Straßenbahnen für seine Jobs. „Wir leben hier in einer Studentenstadt, viele potenzielle Kandidaten fahren mit der Bahn“, sagt Benz.

Der Kopf hinter Aktionen wie „Catch the Job“ ist Lutz Leichsenring. Der Gründer der Berliner Recruiting-Agentur „Young Targets“ hat sich auf die Ansprache von IT-Fachkräften spezialisiert. Für einen Kunden hat Leichsenring ein „Java-BBQ“ entwickelt, bei dem potenzielle Software-Entwickler im Namen einer in der Szene bekannten Prozesstechnik grillen. „Der fachliche Kontext ist bei ITlern wichtiger als bei anderen Berufsgruppen“, sagt Leichsenring. „Und beim Kochen kann man nun mal gut reden.“ Damit solche Events funktionieren, gelte es, neben der externen Agentur auch die eigenen Kollegen einzubinden. „Sie brauchen die Expertise, um ein solches Event für die Kandidaten inhaltlich interessant zu machen. Außerdem sind die Kollegen ein guter Multiplikator, wenn sie in ihrem Netzwerk über die Kampagne reden. Viele haben selbst Spaß an solchen Aktionen und machen aus eigenem Antrieb Werbung.“ Solche Events erleichterten auch die Zusammenarbeit zwischen HR-Managern und IT-Fachkräften, die häufig nicht die gleiche Wellenlänge hätten. Viele HR-Manager müssen sich auf die anspruchsvolle Kundschaft erst noch einstellen. Der Umgang ist meist leger, die Kontaktaufnahme und Kommunikation unkompliziert und vor allem schnell. „Viele ITler skypen zum Beispiel lieber, als sich persönlich zu treffen“, sagt Albes. Auch vermeintlich nebensächliche Dinge wie die Kleiderordnung sind in der IT anders: „Wenn wir für Unternehmen auf die Suche gehen, klären wir vorab, ob die Kandidaten mit Jeans und Hemd kommen dürfen“, sagt Albes. „Diese Freiheit ist vielen ITlern nämlich wichtig.“

Ausstattung und Aufgabe zählen

Auch Unternehmen außerhalb der IT-Branche können mit passenden Recruiting-Events Kandidaten locken. Der Mineralölkonzern Shell zum Beispiel hat im vergangenen Sommer ein Online-Webinar mit anschließendem Chat zum Thema Big Data und Cybercrime veranstaltet, Bereiche, die IT-Experten von Shell derzeit umtreiben. Referenten waren IT-Führungskräfte von Shell, beworben wurde die Veranstaltung in sozialen Medien und über die Hochschulen. Wer sich für das Webinar anmeldete, landete automatisch im Absolventenprogramm von Shell. „Die meisten IT-Fachkräfte sind Tüftler, denen vor allem der fachliche Inhalt wichtig ist. Wenn Unternehmen kommunizieren können, dass sie hier Spannendes zu bieten haben, haben sie gute Chancen“, sagt Albes. „Die richtige technische Ausstattung und herausfordernde Aufgaben zählen am Ende mehr als der Name des Arbeitgebers.“ Was aber noch wichtig ist, sind die Arbeitsbedingungen: Wer Homeoffice und flexible Arbeitszeiten bieten kann, sammelt wichtige Pluspunkte. Denn, so der Berater: „Der Übergang von privatem Leben und Job ist bei ITlern eben besonders fließend.“

von André Schmidt-Carré

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viele Firmen möchten junge, dynamische Mitarbeiter mit viel Berufserfahrung. Wenn man nicht selbst in den Nachwuchs investiert bleibt man halt auf der Stecke - beide Seiten -

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