„HR kocht viel zu sehr in der eigenen Suppe“

Für Stephan Grabmeier ist klar: HR hat noch viel Nachholbedarf, vor allem in Sachen Digitalisierung. Um das zu ändern, geht er mit 20 Personalern auf Entdeckungsreise. Uns hat er erzählt, was dahinter steckt.

Anfang Oktober geht Stephan Grabmeier auf Safari, genauer gesagt auf HR Safari. Zusammen mit 20 Personalern will der Geschäftsführer der Innovation Evangelists die Digitalisierung in freier Wildbahn erleben, wie er sagt. Dafür hat er gemeinsam mit der Good School, einem Weiterbildungsanbieter für digitale Themen, ein buntes Programm entwickelt: Es geht in einem alten Schulbus über zwei Tage hinweg zu sechs Stationen in der Bundeshauptstadt. Interaktive Vorträge, Hands-in-Workshops und „Backstage-Besuche“ sollen frisches, innovatives – kurz: wichtiges – HR-Know-how bringen.

Herr Grabmeier, warum haben Sie Ihr Event „Safari“ genannt?
Ursprünglich wollten wir es „Journey“ nennen. Ich kenne das so aus dem Innovationsmanagement, dass man von Innovations-Journeys spricht, also eine Reise unternimmt. Das war uns aber zu abgedroschen und über die Assoziationen von „reisen“ bis „etwas erleben“ sind wir dann bei „Safari“ hängengeblieben. Dazu hat sich die Begrifflichkeit „Digitalisierung in freier Wildbahn“ eingeschlichen und das hat uns gut gefallen.

Auf Safari geht es oft darum, die fünf großen Tiere Afrikas zu finden. Um im Bild zu bleiben, was sind die Big Five, die es aufzuspüren gilt bei der HR Safari?
Es geht vor allem um Modelle zur Zukunft der Arbeit, um Digitalisierung und um deren Bedeutung für HR. Und unter dem Digitalisierungsthema liegen ein paar weitere Komponenten. Also es geht darum, wirklich neue Methoden und Tools kennenzulernen und den Blick für die Entwicklung von HR zu schärfen. Also welche nächste Evolutionsstufe HR im Zuge der Digitalisierung einnehmen muss um ein adäquater Partner auf Augenhöhe für das Business zu sein.

Würden Sie sagen, dass die Digitalisierung das wichtigste HR-Thema ist in der nächsten Zeit?
Nicht nur. Aber wenn man auf die Themen guckt, die HR für sich entwickeln muss und wo es Skills aufbauen muss, dann würde ich sagen, ist es mit das wichtigste.

Die Personaler brauchen also Nachhilfe in Sachen Digitalisierung?
Ein glasklares Ja. Das erleben wir seit Jahren und man sieht das auch in verschiedenen Studien, beispielsweise der Metaanalyse von centrestage zu Social Enterprise. Die Studie zeigt die Entwicklung verschiedener Corporate-Funktionen und wie diese eine Treiberrolle im Unternehmen für digitale Entwicklung einnehmen. Alle Funktionen, von IT über Marketing, Kommunikation und das Top-Management, haben sich in dem Fall entwickelt. Nur HR ist, ausgehend von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau, stagniert. Das ist ein sehr trauriges Bild für HR.

Erwarten Sie zur HR Safari denn eher die digitale Avantgarde der HR-Szene oder mehr diejenigen, die ihren eigenen Nachholbedarf erkannt haben und sich an das Thema herantasten wollen?
Sagen wir mal so, mit einem Leistungssportler brauchen Sie nicht in ein Grundlagencamp zu gehen. Daher sprechen wir nicht die digitale Avantgarde an, sondern diejenigen, die noch am Anfang stehen. Aber es ist sehr spannend zu sehen, dass sich einige aus der digitalen Avantgarde gemeldet haben. Wir wollen aber die ansprechen, die noch nicht soweit sind. Und das sind aktuell noch rund 90 Prozent der Personaler.

Es gibt also eine deutliche Lücke zwischen diesen beiden Gruppen?
Das sehe ich schon so. Ich berate seit vielen Jahren Unternehmen und Vorstände zur Digitalen Transformation. Man findet zwar bei allen HRlern Gehör und die meisten bestätigen, dass es wichtig und richtig sei und HR dabei eine zentrale Funktion einnehmen muss. Aber zwischen der Erkenntnis und dem Handeln liegt eine riesengroße Lücke. Deswegen haben wir auch dieses Format gewählt. Konferenzen und Workshops gibt es viele, aber es hautnah zu erleben, zu Unternehmen zu gehen, die schon einen Schritt weiter oder anders sind, das bringt nochmal ganz andere Impulse.

Ist das Programm darauf angelegt, HR-Themen in den Fokus zu rücken oder allgemeiner zu schauen, was im Rahmen der Digitalisierung passiert und wo HR eine Treiberrolle einnehmen kann?
Es hat zwei Komponenten. Erst mal ist für uns wichtig, über den Tellerrand zu schauen. HR kocht doch viel zu sehr in der eigenen Suppe. Und wenn wir über Digitalisierung sprechen, dann sprechen wir über die Veränderung von Geschäftsmodellen, wandelnden Technologien, veränderte Kundensituationen und teilweise gänzlich neuen Märkten. Diesen Blickwinkel braucht HR. Insgesamt würde ich sagen, dass wir rund ein Drittel allgemeine Digitalisierungsthemen haben und zwei Drittel deren konkrete Übersetzung in die HR-Arbeit.

Der Veranstaltung liegen verschiedene Thesen zugrunde. Eine lautet „HR heißt in Zukunft nicht mehr HR, sondern People Business. Eines der zentralen, neuen Wirkungsfelder: Feel-good-Management.“ Was ändert sich im Unternehmen, nur weil die HR-Funktion „People Business“ genannt wird?
Wir greifen neue Trends auf und schauen uns deren Umsetzung an. Und Trends, die sich aktuell in den Unternehmen zeigen, wollen wir kontrovers diskutieren und überlegen, was das für die eigene Unternehmung bedeutet. Was sich meiner Ansicht nach ändert, wenn man von „People Business“ spricht, ist, dass es einen wesentlich wertschätzenderen Umgang mit Menschen zeigt, allein aufgrund der Begrifflichkeit. Eben nicht von Ressourcen als betriebswirtschaftlicher Reproduktionsfaktor zu sprechen. Diese Diskussion wird ja schon lange geführt. Darüber hinaus glaube ich, dass es nicht verkehrt ist, neue Begrifflichkeiten einzuführen, um die entsprechende Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken.

Interessant ist auch die These, dass die richtigen Kandidaten in Zukunft nicht mehr von Recruitern, sondern von Algorithmen gefunden werden. Wird das wirklich so sein, ist der PC der bessere Recruiter?
Jetzt versuchen Sie in einem Satz eine Entscheidung für oder gegen eine Hypothese zu bekommen. Ich kann es Ihnen nicht exakt sagen. Auf jeden Fall ist der ganze Umgang mit Daten etwas, was uns als Mensch in der Technologiegesellschaft beeinflusst. Ob es die NSA-Skandale sind oder ob die Daten von Kreditkarten geklaut werden. In dieser Welt leben wir schon in den letzten Jahrzehnten. Das ist uns aber manchmal nicht so bewusst. Die Frage ist nur, wird sich HR dem Thema „Cognitive Computing“ denn auch annehmen? Was sind die Ableitungen von HR aus den Entwicklungen der Machine to machine-Kommunikation, was aus der Industrie 4.0? Wenn man sich das Thema Big Data anguckt, dann gibt es viele Ableitungen, die HR für sich treffen kann. Ob das Recruiting danach besser ist, kann ich noch nicht beantworten, es wird anders werden. Und es gibt uns zumindest viele Möglichkeiten, Dinge neu zu betrachten. Ich glaube, es ist ein wichtigter Schritt für HR, in dieses Thema intensiv einzusteigen. Dies kann mit der Safari gut gelingen. Und wir haben noch Restplätze, wer also noch nicht gebucht hat, der hat noch eine letzte Chance.

von Kathrin Justen
Stephan Grabmeier
Stephan Grabmeier
Geschäftsführer
Innovation Evangelists GmbH

Stephan Grabmeier ist Gründer und Geschäftsführer der Innovation Evangelist GmbH. Mit seinem Team berät er Unternehmen zu Themen rund um Social Enterprise und Innovationsmanagement. Bevor er Innovation Evangelist wurde, war er vier Jahre lang Head of Cultural Initiatives bei der Deutschen Telekom AG.

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