HR muss sich stärker positionieren

HR musste in der Vergangenheit viel einstecken, sagt Stefan Nette. Der Personaler ist überzeugt: Kritik ist wichtig, um in Bewegung zu bleiben, doch auch Vertrauen muss da sein. Es ist Zeit, eindeutiger Stellung zu beziehen. Ein Plädoyer für das Menschliche.

Wir, die Personaler, sehen uns nun schon geraume Zeit der mannigfaltigen Kritik ausgesetzt. Wir arbeiten nicht zeitgemäß, wir können unsere Leistungen nicht mit Zahlen belegen, wir können nicht verhandeln und seien im Unternehmen nicht gut vernetzt. Auch ich schlug zuletzt auf meinem Blog in genau diese Kerbe und Initiierte die Interviewreihe „Quo Vadis – Personalwesen“. Kritik zu üben, ist die eine Sache und sicherlich auch wichtig. Denn wer im Hier und Jetzt verharrt, der verpasst die Zukunft. Doch es müssen auch Lösungen geschaffen werden.

Zahlen, Zahlen, überall Zahlen. In der modernen Ökonomie ist alles planbar, alles belegbar und valide. Dass hierbei oftmals jeglicher Spielraum zunichte gemacht wird und dass Mut, Risikobereitschaft und Unternehmertum dabei von Zeit zu Zeit ausgebremst werden, wird billigend in Kauf genommen. Ich frage mich, was gewesen wäre, wenn Carnegie, Rockefeller oder J.P. Morgan sich ganz allein auf die Zahlen verlassen hätten. Sicher, die monopolistische Allmachtsstellung dieser Männer wünsche ich mir beileibe nicht und halte sie für hochgradig gefährlich, aber ein bisschen mehr Spielraum und Vertrauen in unsere Fähigkeiten wünsche ich mir dann doch.

Viele große Wirtschaftspersönlichkeiten hatten „den richtigen Riecher“. Man hat sich auch auf seine Intuition verlassen. Das Problem mit allen Innovationen ist schließlich, dass man sie erst, nachdem sie eingeführt wurden, wirklich valide messen kann. Manche lassen sich sogar schwer bis überhaupt nicht messen – aller Planung und Marktforschung zum Trotz. Außerdem sollten wir auch nicht vergessen, warum der typische HR-Mitarbeiter, auch die Damen seien hier nicht vergessen, eine Karriere in diesem Fachbereich angestrebt hat. Wenn ich mich umschaue, dann sehe ich sehr viele Kollegen, die ein „gutes Händchen“ für Menschen haben, denen der einzelne am Herzen liegt, die reden und argumentieren können, die Empathie und meist zumindest eine Weiterbildung haben, die darauf abzielt, Menschen zu verstehen und zu entwickeln.

Vielen von uns scheint also die menschliche Ebene wichtig zu sein. Man könnte es vereinfacht ausdrücken: „Wir können Mensch“. Nicht jeder von uns, sicherlich gibt es auch jene Zahlenaffinen, die nicht ganz so stark sind auf der zwischenmenschlichen Ebene. Aber in der Regel gehen diese Menschen ins Controlling oder in die Buchhaltung, wo sie ihre ausgeprägte Zahlenaffinität ausleben können. Es ist die Natur der Dinge, dass die wenigsten Menschen alles können und erst recht nicht alles gleich gut. Sicher ist diese Ansicht etwas plakativ und man sollte sie nicht zu sehr fokussieren, denn jeder hat andere Fähigkeiten und auch unter uns Personalern gibt es so viele verschiedene Persönlichkeiten wie Sand am Meer.

Ist es nun also sinnig, von uns den ultimativen Spagat zu verlangen, von einem Geschäftsbereich, der so umfassend ist wie das Personalwesen? Es gibt viele Experten und Fachleute im Personalbereich, und diesen sollte auch das Vertrauen geschenkt werden, dass sie durchaus wissen, was sie tun, wenn sie neue Maßnahmen vorschlagen. Nicht alles ist mit Zahlen zu verargumentieren, in vielen Bereichen würde schon der gesunde Menschenverstand das eine oder andere Argument untermauern. Vor geraumer Zeit wurde auf diesem Portal das Scheitern des HR-Business Partners zum Thema gemacht. Ich sehe einen der Gründe für das Scheitern des Konzeptes in der Tatsache, dass wir viel zu oft nicht als Partner, sondern als Erfüllungsgehilfe wahrgenommen werden, aber auch in der Tatsache, dass wir uns in diese Rolle ergeben, weil es müßig ist, ständig mit dem Kopf vor die Wand zu laufen.

Ich denke, HR ist in eine Zwickmühle geraten. Wir merken, dass man uns gerne nicht ganz voll nimmt und auf der anderen Seite fehlt uns die Zuversicht, dass man mit etwas Mut und Forschheit überzeugen kann. Jörg Buckmann fordert mit seiner Publikation Frechmut im Personalmarketing. Ich wünsche mir noch viel mehr. Ich wünsche mir frechmutige Personaler, die selbstbewusst auftreten und wenn nötig auch mal einfordern, dass man ihrer Intuition und ihrem Gespür für Menschen vertrauen soll.

Ich sage nicht, dass HR der wichtigste Faktor im Unternehmen ist, das halte ich für anmaßend und unkooperativ. Aber HR ist ein wichtiger Faktor im Unternehmen, weil wir Menschen für unsere Unternehmen begeistern, weil wir dafür sorgen wollen, dass ebendiese Menschen sich auch in fünf Jahren noch bei uns wohlfühlen. Weil wir auch in den größten Zwickmühlen wissen, dass es sich bei dem meisten, was an uns heran getragen wird, um Vertrauliches handelt, das entsprechend behandelt werden muss. Wir sind letztlich die Mittler zwischen der Belegschaft und der Unternehmensleitung. Wir befinden uns täglich in einem Spannungsfeld. Honoriert wird das wohlmöglich weder von der einen noch von der anderen Seite.

Es ist an der Zeit unsere Kernkompetenzen und auch die Probleme, die unsere Tätigkeit mit sich bringt, wieder in den Fokus zu rücken, weg von der ständigen Kritik und teilweise auch Selbstkasteiung. Wir können durchaus Position beziehen. Wenn wir es schaffen, ein Verständnis für die Problematiken unserer täglichen Arbeit zu schaffen, besteht immerhin eine Chance, dass man auch sieht, dass wir nicht immer alles in Zahlen pressen können.

Wenn wir es schaffen, dass man unseren Unternehmergeist wahrnimmt und den Wunsch, unsere Unternehmen auf ihrem Weg hin zu mehr, oder zumindest gleichbleibendem, Erfolg nach Kräften zu unterstützen, dann können wir uns vielleicht auch endlich wieder unseren Kernaufgaben zuwenden. Einem möglichst austarierten Verhältnis von Unternehmens- und Mitarbeiterinteressen. Denn uns allen ist bewusst, dass die Zeit einer totalen Automatisierung noch nicht angebrochen ist, und wir auf die Menschen, welche die Leistungen erbringen, angewiesen sind. Auf alle, vom Vorstand bis zur Aushilfe.

Es wird Zeit dieses Verständnis in alle Köpfe zu bekommen. Wenn es nur in unseren eigenen besteht, kommen wir nicht vom Fleck. Vielleicht braucht es dafür auch einige Male ein durchsetzungsstarkes „Ich rede noch, Sie hören mir jetzt zu!“, aber auch das wird uns sicherlich an einigen Stellen etwas mehr Respekt einbringen. Manchmal muss auch die Frage nach dem „bin ich hier überhaupt richtig“ gestattet sein. Denn wenn man alle Energie in Projekte steckt, die letztlich nicht umgesetzt werden, ist das weder für den Einzelnen noch für das Unternehmen sinnvoll.

Gastbeitrag von Stefan Nette
Stefan Nette
Autor
Stefan Nette
HR-Manager
Online Marketing Solutions AG

Stefan Nette ist HR-Manager bei der Online Marketing Solutions AG und schreibt auf seinem Blog „aussYcht“ über die Gen Y, HR und die Zukunft der Arbeit.

Kommentare

Hallo Herr Nette,

Hallo Herr Nette,

klasse Artikel - sie sprechen mir in vielen Bereichen aus der Seele. Ich habe in meinem letzten Blog-Beitrag "Ein Hoch auf die Personalarbeit" http://noch-ein-hr-blog.de/?p=1041 auch schon mal dargestellt, dass sich HR wieder auf seine Kernkompetenzen besinnen muss. Lassen Sie uns daran arbeiten, ich glaube, das ist der richtige Weg ...

Hallo Herr Eggert,

Hallo Herr Eggert,

schön, dass Sie meine Meinung teilen.

Ich bin fest überzeugt, dass wir das Dilemma in den Griff bekommen können. Ich denke wir müssen vor allem zeigen, dass HR nicht nur Administration ist.

Herzliche Grüße
Stefan Nette

Hallo Herr Nette,

Hallo Herr Nette,

vielen Dank für dieses Plädoyer, das sicher vielen Personalern aus dem Erfahrungs-Herzen spricht.

Zu einigen Ihrer Aussagen darf ich vor dem Hintergrund einer sich im radikalen Umbruch befindlichen Arbeitswelt Stellung nehmen:
„Ich sage nicht, dass HR der wichtigste Faktor im Unternehmen ist, das halte ich für anmaßend und unkooperativ“.
DOCH, bitte sagen Sie, was viele denken und wissen: Menschen sind der wichtigste Faktor im Unternehmen, denn OHNE sie gibt es kein Produkt, kein Ergebnis, keine Wettbewerbsfähigkeit. Das ist nicht anmaßend, sondern Fakt. (Wir erinnern uns an das Stellwerk-Chaos in Mainz 2013.
„Denn uns allen ist bewusst, dass die Zeit einer totalen Automatisierung noch nicht angebrochen ist, ...und wir auf die Menschen, welche die Leistungen erbringen, angewiesen sind…“)

Valide Zahlen können wir auch als Personaler liefern: In den kommenden 10 Jahren werden rund 6 Millionen weniger Menschen als heute dem deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Kein Aufschrei im Land!?
Damit einher geht ein sich heute schon abzeichnender Paradigmenwechsel (-> Vollbeschäftigung), WER will WARUM, mit WEM und WAS, WIE lange! in Zukunft bewegen? Mit Anerkennung und Respekt produktiv zusammen arbeiten?

Das sind die nachhaltigen Fragen und Herausforderungen, denen sich alle beteiligten Generationen ob Entscheider oder Mitarbeiter zu stellen haben! Mitarbeiter und Kandidaten tun dies schon länger. Und damit haben einige etablierte Personal-und HR Strategien als auch Instrumente der letzten 20 Jahre leider ausgedient.
Mit zunehmendem Leidensdruck in den Unternehmen hat HR jetzt die einmalige Chance zum selbstbewussten Veränderungsmotor, zum Vorbild zu werden. Ein UMDENKEN im und am System nicht nur einzufordern sondern mutige und sinnvolle Lösungen UMZUSETZEN. Dort wo es zugelassen ist.

Dann braucht es auch kein „Verständnis für die Problematik unserer Arbeit“.
Klare Kante zeigen, das H(uman) steht VOR dem R. Und dort wo es eben nicht zugelassen wird: bitte zurück zum Punkt Paradigmenwechsel….
Die künftigen (Erfolgs) Zahlen für eine konsequente und vertrauenswürdige WIR Rolle könnten positiv für sich sprechen.

Lassen Sie es uns wagen: Die Tat unterscheidet das Ziel vom Traum:-)

Mit herzlichem Gruß

Marion Berger

Hallo Frau Berger,

Hallo Frau Berger,

ich stimme Ihnen insgesamt voll zu und es ist ganz großartig, Ihre und Herr Eggerts Position zu erleben, insbesondere da Sie beide wesentlich mehr Erfahrung, professionell wie auch Lebenserfahrung haben als ich.

Schön, dass als junger Personaler nicht als Hallodri und Krawallbruder/junger Wilder wahrgenommen werde, sondern als klar denkender Mensch. Danke dafür.

Ihre Ausführung bezüglich Mensch an erster Stelle stimmen vollkommen, ich möchte mich demnächst auf meinem Blog der zunehmenden ökonomisierung des Menschen zuwenden, auch im Bezug auf unseren Sprachgebrauch, auch im Bezug auf meinen Jobtitelt, den ich gerne zukünfit Verbannen möchte. Human Resources ist in meinen Augen ein begriff der die Essenz nicht erfasst und den Menschen gleichstellt mit Wirtschaftsfaktoren und Rohstoffen, die wir leider allzu oft wenig nachhaltig verbrauchen und unserem Habitat damit wirklich schaden. Aber das soll an einer anderen Stelle diskutiert werden.

Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass HR sich nicht über andere Abteilungen und Resorts stellen soll in der Selbstwahrnehmung. Wir alle sind Menschen und somit gleichwertig. Hier auf dem HRM wurde in einem Artikel geschrieben, dass die HR-Abteilung die wichtigste im Unternehmen sei. Wie anmaßend in meinen Augen, wie unkooperativ. Ich bin doch nicht besser als der Controller, der Verkäufer etc.

Nur wenn alle so gut es geht an einem Strang ziehen kann wirklich außergewöhnliches entstehen. Ich möchte einfach einen unnötigen Kleinkrieg vermeiden indem ich sagen HR (Abteilung) ist nicht der wichtigste sondern ein wichtiger Faktor. Alle Mitarbeiter/Menschen in Summe sind der wichtigste Faktor, aber nicht ein Resort alleine.

Herzliche Grüße
Stefan Nette

Hallo Herr Nette,

Hallo Herr Nette,

danke für die gute Stellungnahme, in der Sie die "Stellung" zwischen den Stühlen beschreiben. Von dieser wackligen Situation aus ist es sehr schwer, Ansprüche auf die gleich beide Stühle anzumelden.

Wir sind aber in der Lage, Stühle zu besetzen und diese "flexibel", wenn die Themenstellung es anbietet, wieder zu verlassen. Wir haben kein übertriebenes Sitzfleisch. Und den eigenen Sitzplatz aufzugeben ist nicht so schwer, wenn man sich vorstellen kann, auf einem anderen Platz zu nehmen. Wir haben den Spielraum, wie Sie sagen. Leider hat das bzw. kann das nicht jeder, weshalb die wenigen Stühle von den anderen Partnern im Unternehmen, mit dem was diese zur Verfügung haben, bitterlich verteidigt werden. Und das sind in einer zahlengesteuerten Organisation eben Zahlen. Wir sollten tatsächlich nicht mitmachen bei diesem Kleinkrieg. Wir brauchen in diesem Spiel unsere eigenen, oder besser ergänzenden, Regeln oder noch besser: unsere eigene Auslegung der bestehenden Regeln.

Denn schließlich muss ich für den Zahlenmenschen Verständnis haben, dass er von dem Spiel, das er gut beherrscht und in dem er auch noch erfolgreich ist, nicht ablassen möchte. Meine Strategie schließt diese Kenntnis mit ein. Die Strategie umzusetzen, den Traum in die Tat umzusetzen, wie Frau Berger das beschreibt, zum richtigen Zeitpunkt und mit dem richtigen Kniff in den Focus zu rücken, das ist die große Kunst.

Dann muss es gelingen, dass die Partner im Unternehmen merken, dass wir am gleichen Strang ziehen. Mir selbst ist es zuletzt nicht immer gelungen, diese davon zu überzeugen, dass wir bereits am gleichen Strang ziehen. Ich glaube aber, dass mein Griff am Strang der richtige ist. Wenn es nicht anders geht, muss ich irgendwann konsequent sein. Von daher, vielen Dank für Ihre abschließende Bemerkung: "bin ich hier überhaupt richtig?".

Freundliche Grüße
Stefan Abstein

Lieber Herr Abstein,

Lieber Herr Abstein,

es ist immer schwierig in alle Richtungen zu argumentieren, manchmal muss man einfach die Tat sprechen lassen. Wenn man Ihnen das Wasser abgräbt, bevor Sie etwas in die Tat umsetzen können, ist es schwierig und eigentlich muss man dann auch zugeben, dass man Sie somit hindert Ihren Job zu erledigen. Jedenfalls so wie er Ihren Ansprüchen nach erledigt werden müsste.

Ich wünsche Ihnen aufrichtig durchhaltevermögen und sollte das nicht reichen den Mut eine Veränderung zu forcieren, wie ich bereits sagte nützt ein stillgelegter/gelähmter Personaler weder dem Unternehmen noch dem Personaler. Wenn die grundsätzlichen Überzeugungen nicht matchen, ist man schlicht machtlos. Dann sollte man sich jemanden suchen mit dem es besser klappt... auf beiden Seiten.

Vielleicht möchten Sie mich ja in Zukunft auf dem laufendne halten was sich bei Ihnen letztlich ergeben hat? Gerne über Xing....

Ich wünsche Ihnen aufrichtig viel Erfolg und alles Gute,

Stefan Nette

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