Kumpel statt Konkurrent

Der Volkswagen-Konzern hat eine Roboterinitiative gestartet, um künftig im großen Stil Arbeitsplätze in der Produktion durch Maschinen zu ersetzen. Weil demnächst viele Babyboomer in Rente gehen, will das Unternehmen ohne Entlassungen auskommen. Zudem will der Autobauer verbleibende und neue Mitarbeiter mit umfangreichen Qualifizierungen fit machen für die digitalisierte Produktion.

A uf den ersten Blick macht der orangefarbene Roboter im Audi-Stammwerk Ingolstadt nichts Besonders: Er reicht einem Fließbandarbeiter aus einer großen Kiste Kühlmittelausgleichsbehälter an, die der Mann dann einbaut. Nichts Weltbewegendes, und doch etwas ganz Neues: „PART4you“ ist der erste Roboter des Volkswagen-Konzerns, der Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeitet. Seine zahlreichen Artgenossen fristen ihr Dasein aus Sicherheitsgründen üblicherweise hinter Gittern, weil die Gefahr zu groß ist, dass sie Menschen verletzen. Zu ungehobelt sind ihre Manieren – sie arbeiten zwar präzise, halten aber nicht inne, wenn ihnen jemand in die Quere kommt.

Ganz anders der neueste Roboter: Er trägt eine weiche Schutzhaut mit integrierter Sensorik, außerdem Kamera und Saugnapf zum Anheben der Bauteile, die er dem Mitarbeiter in ergonomisch optimaler Position anreicht. Das erspart den Bandarbeitern das lästige Beugen in die Materialbox, das häufig Rückenschmerzen verursachte.

Wenn es nach Volkswagen geht, werden künftig noch viel mehr Helfer vom Schlage eines „PART4you“ in den Werkshallen arbeiten. Der Konzern plant eine umfangreiche Roboterinitiative, denn die Digitalisierung der Produktion schreitet rasant voran. Bei der Robotertechnik erwarten Experten in den kommenden Jahren einen Innovationssprung, weil wichtige Bauteile wie Sensoren, Steuerungen und Bildverarbeitung immer leistungsfähiger und gleichzeitig kostengünstiger werden. In den kommenden 20 Jahren könnten deshalb viele tausend Arbeitsplätze durch Roboter ersetzt werden.

Vor einer groß angelegten Entlassungswelle auf dem Weg zur Industrie 4.0 muss aber niemand Angst haben, beschwichtigt VW-Personalvorstand Horst Neumann. Denn in Deutschland und vielen anderen Ländern kommt ein anderer, gegenläufiger Effekt zum Tragen: „Zwischen 2015 und 2030 werden außergewöhnlich viele Beschäftigte die Unternehmen verlassen, weil die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in Rente gehen“, sagt der Personalchef. „Den Abgang der älteren Kollegen könnten wir in gleichem Maße gar nicht durch junge Mitarbeiter ersetzen.“ Ein abteilungsübergreifendes Kompetenzteam unter Beteiligung des Personalmanagements plant derzeit, wie die Roboterinitiative in den kommenden Jahren und Jahrzehnten umgesetzt werden könnte.

Die Anforderungen steigen

So viel scheint klar: Menschen und Maschinen werden künftig deutlich stärker zusammenarbeiten als bislang, die Roboter könnten den Mitarbeitern vor allem monotone und körperlich besonders anstrengende Aufgaben abnehmen. „Roboter werden kleiner und leichter, sie verlassen die Käfige, in die sie heute aus Sicherheitsgründen eingesperrt sind“, sagt VW-Vorstand Neumann. Gleichzeitig erwartet niemand eine menschenleere Fertigung, dazu bleiben zu viele Aufgaben übrig, die auch künftig nicht wirtschaftlich automatisiert werden können.

Diese Aufgaben werden allerdings deutlich anspruchsvoller werden, als sie oftmals ohnehin schon sind. Neumann sieht die Rolle des Personalmanagements im Zuge der Roboterinitiative deshalb vor allem in der Qualifikation der verbleibenden und gerade auch der jungen, neuen Mitarbeiter. Denn VW will auch künftig neue Beschäftigte einstellen, Roboter hin oder her. „Die Anforderungen an Facharbeiter, Meister und Ingenieure werden steigen“, sagt der Personalvorstand. „Deshalb wird die Aus- und Weiterbildung, neben der Technik, ebenfalls einen großen Schub brauchen.“

Um diesen nötigen Sprung zu schaffen, hat der Autokonzern Ende vergangenen Jahres parallel zur Roboterinitiative auch eine Initiative zur Weiterentwicklung der Berufsausbildung für die digitalisierte Arbeitswelt gestartet. Experten der konzerneigenen Volkswagen Group Academy analysieren künftig gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), wie die Ausbildung von jungen Nachwuchskräften im Hinblick auf die digitalisierte Arbeitswelt in den kommenden „Smart Factories“ auszurichten ist. „Wir gehen davon aus, dass sich die Kompetenzprofile der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Betrieben stark verändern werden“, sagt BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser. „Deshalb ist es jetzt wichtig, diese zu identifizieren und angemessen didaktisch und methodisch für die Aus- und Weiterbildung aufzubereiten.“

Automatisierte Applikationen

Auch wenn das Tempo und das Ausmaß der Entwicklung neu sind, die Effekte der Automatisierung auf Belegschaft und Arbeitsplätze kennt man bei VW schon seit vielen Jahren. Der Konzern gilt als einer der Vorreiter der automatisierten Fertigung, schließlich ist der Massenhersteller auf effiziente Fertigung angewiesen.

Die heute im Konzern eingesetzten Roboter kosten zwischen drei und sechs Euro pro Stunde und sind damit gegenüber den menschlichen Arbeitskräften wahre Schnäppchen: In der deutschen Autoindustrie liegen die Arbeitskosten bei mehr als 40 Euro pro Stunde und steigen weiter. Anfang März erst hat sich der VW-Konzern mit der IG-Metall auf eine Lohnsteigerung von 3,4 Prozent geeinigt. Solche Löhne kann man nur zahlen, wenn die Arbeitskräfte entsprechend produktiv sind: Bereits heute arbeitet nur noch knapp die Hälfte der Produktionsmitarbeiter am Band, der größere und wachsende Teil der Beschäftigten überwacht Maschinen, beseitigt Störungen, baut Anlagen auf und um, fährt Systeme hoch und runter und programmiert Rechner.

Diese Arbeiten nehmen künftig zu, und sie werden komplexer: „Ein künftiger IT-System-Mechatroniker beispielsweise wird einen Roboter dank Digitalisierung zwar einfacher programmieren können“, sagt Ralph Linde, Leiter der Volkswagen Group Academy. „Zugleich wird er aber eine Vielzahl automatisierter Applikationen beherrschen müssen.“ Schließlich muss irgendjemand Robotern wie „PART4you“ und seinen Artgenossen sagen, was genau sie tun sollen.

von André Schmidt-Carré

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