So wird die Arbeitswelt 2016

Man kann momentan eine Menge zu möglichen Trends lesen. Es macht ja auch Spaß, ein wenig in die Kristallkugel zu schauen. Jan C. Weilbacher gibt ebenfalls ein paar Prognosen ab, wie die Arbeitswelt 2016 aussehen könnte. Zehn Thesen.

Individuelle Boni: Noch mehr Großkonzerne schaffen sie ab
Bosch hat individuelle Boni für Führungskräfte abgeschafft. Der Bonus ist nun an den weltweiten Erfolg der Bosch-Gruppe und der Einheit, in der sie arbeiten, gekoppelt. Dieser Schritt ist mehr als bemerkenswert und er wird Nachahmer finden. Ich wette, dass eine Handvoll Unternehmen, die an die Größe von Bosch heranreichen, 2016 nachziehen werden. Boschs Entscheidung hat für Aufsehen gesorgt. Infineon hat schon 2010 die individuellen Boni abgeschafft. Das alte System war nicht wirklich flexibel und zu kompliziert. Individuelle Leistung ist auch immer schwieriger zu messen. Viel wichtiger ist aber: Individuelle Boni gekoppelt an individuelle Leistungsziele fördern nicht unbedingt die Kollaboration. Die meiste Überzeugungsarbeit muss dennoch bei den Führungskräften selbst geleistet werden, die das bisherige System verinnerlicht haben.

Jährliche Mitarbeitergespräche sind nicht mehr zeitgemäß
In den wenigsten Unternehmen herrscht Zufriedenheit mit den Performance Management Systemen. Ein Problem sind zum Beispiel Ziele, die am Anfang des Jahres „vereinbart“ werden und am Ende eigentlich nicht mehr wirklich relevant sind. Wenn dann noch Boni an den Zielen hängen, wird in die falsche Richtung incentiviert. Zum Spiel gehört auch das jährliche Mitarbeitergespräch, des Personalers liebstes Instrument, das dem Feedback und der Leistungsbeurteilung dient. Armin Trost hat in seinem Buch schon gut dargelegt, dass dieses Instrument nicht mehr zeitgemäß ist. So wie das Mitarbeitergespräch in der Regel läuft, sagt Trost, passe es gut zu einem hierarchischen System, aber nicht zu modernen Arbeitsformen. Ich wette, dass das jährliche Mitarbeitergespräch 2016 in vielen Unternehmen verschwinden wird, vor allem weil es zu starr ist. Allerdings: Feedback ist und bleibt wichtig. Moderne Softwarelösungen bieten heute die Möglichkeit schnell und unkompliziert Feedback zu geben – auch unter Kollegen.

Mehr Projektarbeit und mehr Zusammenarbeit mit externen Fachkräften
Laut einer Studie von Hays verbringen Mitarbeiter heute 35 Prozent ihrer Arbeitszeit in fachbereichsübergreifenden Projekten. Zudem nimmt auch die Zusammenarbeit mit externen Fachkräften zu. Deren Anteil liegt in Relation zu den Festangestellten bei rund 11 Prozent. Ich wette, dass beide Anteile noch steigen werden. Eine wirkliche tollkühne Wette :) Festangestellte und Externe arbeiten häufig gemeinsam in Projekten zusammen. Die Dynamik der Wirtschaftswelt verlangt das. Reine funktionale Organisationsstrukturen stoßen an Grenzen. Und wenn mehr als ein Drittel der Angestellten in Projekten arbeitet, muss man auch fragen, wie sinnvoll Stellenbeschreibungen eigentlich sind.

Fachliche Qualifikationen sind bei der klassischen Bewerbung am wichtigsten
Ich bin ein großer Anhänger von „Hiring for attitude, train for skills“. Ich glaube daran, dass man Positionen auch um Kandidaten, die wirklich super sind, herum bauen kann, wenn sie intelligent, lernfähig und motiviert sind. Doch die Realität ist eine andere. Es war zuletzt auf Blogs viel die Rede vom Cultural Fit, also dass Kandidat und Unternehmen auch hinsichtlich der Werte zusammenpassen. Ich wette, dass das 2016 weiterhin eine untergeordnete Rolle spielen wird. Svenja Hofert hat es richtig gesagt: Die Anforderungen an Spezialkenntnissen steigen und damit sind ganz konkrete fachliche Kenntnisse gemeint, Programmiersprachen, Erfahrungen mit Tools etc. Im klassischen Bewerbungsprozess wird zunächst nach solchen formalen Kriterien gesucht und ausgesiebt und nicht danach geguckt, wer kulturell am besten passt. Und wenn die Stelle sehr schwer zu besetzen, aber wichtig ist, dann wird eben mit dem einen PHP-Entwickler besetzt, der halt noch übrig ist. Der Fachbereich macht den nötigen Druck.

Die Stellenanzeige ist tot
Natürlich sind gerade Internet-Stellenbörsen nicht tot. Sie sind neben der Unternehmenswebseite der wichtigste Recruiting-Kanal – immer noch. Ich habe etwas übertrieben :) Ich meinte es auch aus Sicht des Kandidaten. Für die richtig guten, macht es wenig Sinn, sich auf eine klassische Anzeige zu bewerben und dann womöglich unter Hunderten anderen Bewerbungen unterzugehen, weil sie einfach übersehen werden oder die geforderte Master-Note statt einer 1,0 nur eine 1,8 ist. Gute Leute bauen sich Netzwerke auf – sowohl offline als auch online. Über diese Wege sind die Chancen größer. Ich wette, wir werden 2016 noch stärker eine Zweiteilung im Recruiting sehen. Die wichtigsten Positionen werden über Headhunting, Active Sourcing und Netzwerke (der Fachbereiche) eingestellt. Der Rest kommt mit Glück über Stellenanzeigen. Ich denke auch, dass die Fachbereiche noch viel stärker in den Recruiting-Prozess einbezogen werden müssen, um ihn schneller zu machen.

Wirtschaft wird politischer
2016 wird ein Jahr, in dem sich nicht nur Verbände stark in die politische Diskussion einmischen, sondern auch Spitzenmanager. Das Thema Flüchtlinge hat es schon gezeigt. Und es gibt in diesem Jahr einige politische Themen mit großem Diskussionsbedarf. Neben der Integration von Flüchtlingen, sind das Leiharbeit und Werkverträge, Bildung und Digitalisierung. Am Ende des Jahres erscheint auch das Weißbuch des Arbeitsministeriums zu Arbeit 4.0, ein Thema mit enormen gesellschaftlichen Aspekten.Und wer hätte das gedacht: Vor Kurzem hat Telekom-Chef Timotheus Höttges in einem Interview über das bedingungslose Grundeinkommen gesprochen. Vor zwei, drei Jahren wäre das undenkbar gewesen. Es galt als Spinner-Thema von Weltverbesserern. In Finnland startet nun sogar ein Experiment mit 10.000 Probanden, auf das sicher auch viele in Deutschland schauen werden. Das wird spannend. Ob man dafür oder dagegen ist, ist vor allem eine Frage des Menschenbildes. Ich denke, Arbeit ist für die meisten Menschen wichtig für das Selbstwertgefühl und halte die Idee daher erst einmal für begrüßenswert.

Agile Arbeitsweisen: Der Durchbruch
Viel ist über Agilität geschrieben worden. Aber nicht überall wo Agilität draufsteht, ist auch Agilität drin. Für manche ist es ein Schlagwort, mit dem man sich schmücken will.Doch schaut man sich das Manifest der agilen Softwareentwicklung an, dann wird klar, dass es grundlegende Prinzipien gibt, die berücksichtigt werden müssen. Dazu gehören beispielsweise Vertrauen und selbstorganisierende Teams. Selbstorganisation wird nun keinen flächendeckenden Siegeszug vollziehen. Aber ich wette, dass sie in 2016 einen Durchbruch erleben wird – aus der Notwendigkeit heraus, agil Produkte oder Projekte zu entwickeln. „Das Wesen der Selbstorganisation ist“, so sagt es Boris Gloger, „dass innerhalb klar definierter Rahmenbedingungen kreative Freiheit erlaubt ist.“ Ein anderes Prinzip ist die konsequente Nutzerorientierung. Die ist in vielen Unternehmen aufgrund des Erreichens von vorgegebenen Kennzahlen aus dem Fokus geraten. Die vielen Pilgerreisen ins Silicon Valley sollten nun aber klar gemacht haben, dass der Blick auf die Bedürfnisse des Kunden oberste Priorität haben muss.

Ein großes Thema 2016 wird Gesundheit
Die Zunahme von Freiheit und Verantwortung auf der einen Seite und die steigenden Anforderungen an die Mitarbeiter auf der anderen Seite, werden das Thema Gesundheit 2016 wieder groß werden lassen. Und es ist die Aufgabe von HR Führungskräfte zu sensibilisieren und den Humanisierungs-Aspekt zu betonen.

Die eigene Marke ist wichtiger denn je
Ob man es mag oder nicht, aber heutzutage ist es wichtig, wahrnehmbar mit einem Thema in Verbindung gebracht zu werden, ein Experte in etwas zu sein – innerhalb eines Unternehmens, aber vor allem „draußen“ auf dem Markt. Für den Journalismus gilt das mehr denn je. Jemand, der Journalist sein will, und keinen Twitter-Account hat, sollte sich ein anderes Betätigungsfeld suchen. Allgemein gilt: Arbeitgeberwechsel nach einigen Jahren sind heute völlig normal. Zweitens wird das Dasein als Freelancer oder externer Experte für einige immer spannender. Da hilft es, eine Personal Brand aufzubauen. Blogs und Social Media unterstützen da enorm. Mehr und mehr Arbeitgeber müssen lernen damit umzugehen, dass sie Mitarbeiter haben, die in bestimmten Communities bekannt sind. 2016 sind solche Leute noch stärkere Werbebotschafter für ihre Arbeitgeber.

Und natürlich: Sinn
Da sind sich viele einig: Sinnstiftung im Arbeitskontext wird wichtiger. Die Arbeit ist mehr als nur Geld zu verdienen. Und es ist ja auch von den Arbeitgebern gewollt, dass Mitarbeiter die Extra-Meile gehen. Das tun sie nur, wenn sie motiviert sind und sich mit dem Job identifizieren können. Bei allen Fragen rund um Führung, Kultur und Strukturen muss die Frage der Sinnstiftung berücksichtigt werden. Für die Personalentwicklung heißt das beispielsweise, dass sie sich mehr den individuellen Bedürfnissen und Notwendigkeiten zuwendet. HR wird mehr zum Begleiter, der den Einzelnen berät, der innerhalb eines Rahmens der Unternehmensstrategie individuell lernt.

In diesem Sinne wünscht Ihnen die Redaktion des Human Resources Manager ein Frohes Neues Jahr.

von Jan C. Weilbacher

Kommentare

Ein sehr schöner Beitrag,

Ein sehr schöner Beitrag, Herr Weilbacher. Ich gehe damit weitgehend konform, insbesondere weil ein Teil Ihrer Thesen einander bedingen: Je mehr agile Methoden zum Einsatz kommen, um so weniger kann mit traditionellen Zielsystemen (meist auf Jahresbasis) gearbeitet werden. Denn diese fußen oft auf einer zu Jahresbeginn vereinbarten Zielplanung. Agilität aber löst sich genau von dieser starren Planung. Alles andere wäre widersinnig.

Darüber hinaus entstehen neue Regelungs- oder besser De-Regelungsbedarfe für HR aus der Tatsache, dass eine vermehrte projektartige Zusammenarbeit mit selbstständigen Externen erfolgt. Wie will ich hier Leistung fair vergleichbar machen zwischen Internen und Externen? Und vor allem: Sollte ich das überhaupt? Oder geht es am Ende nicht nur um das Projektergebnis?

Sehr schön finde ich auch die Passage mit den Markenbotschaftern, die in ihre Community hinein wirken. Das spüre ich in zwei Rollen: zum einen als Personalmarketingverantwortlicher im Unternehmen, zum anderen als ein solcher Botschafter über meinen HR-Blog. Die (Management)Attention wächst jedenfalls.

Ihnen an dieser Stelle noch ein gutes Neues Jahr und weitere inspirierte Beiträge!

Persoblogger Stefan Scheller

Lesenswerter Artikel. Ich bin

Lesenswerter Artikel. Ich bin gespannt, ob alles so eintreffen wird. Ich selbst teile viele der Einschätzungen.

Einen Punkt möchte ich gerne noch kommentieren: "Es war zuletzt auf Blogs viel die Rede vom Cultural Fit, also dass Kandidat und Unternehmen auch hinsichtlich der Werte zusammenpassen. Ich wette, dass das 2016 weiterhin eine untergeordnete Rolle spielen wird."

Ich bin der Meinung, dass man schon genau schauen muss, wo der Cultural Fit notwendig ist. Sprechen wir von fachlichen Experten, die notwendig sind, um Unternehmensziele zu erreichen und das Unternehmen fachlich zu positionieren, so haben die Fachabteilungen tatsächlich z.T. ein eingeschränktes Angebot an Arbeitskräften. Ich bin aber der Meinung, dass das auch nicht so schlimm ist.

Wichtig finde ich, dass
1. ein fachlicher Experten nicht zur Führungskraft wird, wenn sie dazu (noch) nicht geeignet sind oder auch nicht zur Führungskraft werden will
2. vor allem Führungskräfte, die dazu geeignet sind, den Cultural Fit mitbringen sollten
3. Führungskräfte den Cultural Fit in der Abteilung, für die sie verantwortlich sind, nach und nach herstellen. Sie sollten in der Lage sein, Fachkräfte auf diesem Weg mitzunehmen. Das ist eine der wichtigsten Führungsaufgaben.

Ich gehe außerdem davon aus, dass die Berücksichtigung des Cultural Fit nicht in jedem Fachbereich die gleichen Schwierigkeiten aufwirft, so dass ich Unternehmer und Personalabteilungen dazu ermutige, Cultural Fit dort zu berücksichtigen, wo immer es möglich ist. Wo es schwierig ist, muss man pragmatisch Kompromisse machen. Das gehört zum Leben.

Viele Unternehmen würden einen großen Schritt weiterkommen, wenn sie die oben genannten Punkte 1. bis 3. umsetzen würden. Cultural Fit wäre dann genau da, wo er hingehört in der richtigen Konzentration. Das wäre im Interesse von Fach- und Personalabteilung gleichermaßen und damit zum Vorteil des Unternehmens.

Sven Löbel
Blog Wirksame Beziehungsarbeit für vitale Unternehmen

Vielen Dank Herr Weilbacher,

Vielen Dank Herr Weilbacher, das sind wunderbare und zukunftsweisende 10 Thesen!!! Mögen Sie auch dort Gehör finden, wo sie umgesetzt werden können. Ich oute mich als Sprenger-Fan (www.sprenger.com) und erkenne eine ähnliche Philosophie. Leider spricht heute kaum noch jemand über Ricardo Semler (Semco-System), der schon in den 80er Jahren mit der Demokratisierung und dem radikalen Führungsmodell in seinem vom Vater übernommenen Unternehmen einen Samen für neue kreative Ideen gesetzt hat.

In diesem Sinne muss es anders werden, damit es besser werden kann!

Herzliche Grüße aus Wien,
FeelgoodCoach Irene Galler

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