Von Häppchen zu Häppchen

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Die Digitalisierung verändert das Arbeiten. In Zukunft wird neben dem, was wir heute Arbeit nennen, ein stetig wachsendes Heer von Freelancern seine Dienste anbieten. Dass Unternehmen darauf reagieren müssen, zeigt sich schon im Hier und Heute.

Was ein Gig ist, wussten bis vor kurzem nur Musiker und solche Menschen, die einst Musiker werden wollten: Ein einmaliger bezahlter Auftritt, Musik gegen Gage, ohne Sicherheit, dass eine Fortsetzung oder gar dauerhafte Anstellung daraus hervorgehen kann. Die Mehrheit der Menschen sucht immer noch nach dem Gegenteil eines solchen Auftritts: Nach einem festen Job, einem regelmäßigen Einkommen und einem Kontingent freier Tage pro Jahr. Nicht sie selbst wollen das finanzielle Risiko ihrer Arbeit tragen, sondern der Arbeitgeber soll das tun.

Doch diese Einstellung ändert sich. In einigen Branchen schneller als in anderen. Aber es scheint ein generelles Umdenken in der arbeitenden Bevölkerung stattzufinden: Immer mehr Menschen suchen nach Gigs – und zwar über das Internet. Bei dem Selbstständigen-Netzwerk Freelancer.com sind weltweit bereits über 13 Millionen Menschen registriert und warten darauf, dass sich ein Kunde mit einem Auftrag oder einer Anfrage meldet. Zwar hat es immer schon Einzelkämpfer-Selbstständige gegeben, Freelancer-Netzwerke und kleine Agenturen und Dienstleister. Aber nun können Einzelkämpfer ihre Dienste weltweit über Auftrags-Plattformen anbieten. Und sie können arbeiten, wo sie wollen – auch fern ihrer Kunden.

Die Digitalisierung führt dazu, dass sich Menschen neue Zugänge zu Arbeit verschaffen. Auch als Nebenverdienst entdecken Menschen selbstständige Arbeit über das Internet. Die Plattform Airbnb macht Mieter und Wohnungseigentümer zu Hoteliers ihres eigenen Zuhauses, Uber macht sie zu privaten Taxiunternehmern – und bei DaWanda bieten Tausende Menschen Selbstgebasteltes an. So kann man nun tagsüber zum Beispiel als freier Grafikdesigner arbeiten und am Wochenende ins Auto steigen und seine Dienste als Uber-Fahrer anbieten. Das war früher nicht so einfach.

Grenzen verschwimmen

Statt sich über ein Einkommen aus einem Vollzeitjob als Angestellter zu finanzieren, haben Menschen zunehmend die Möglichkeit, sich ihren Verdienst mit vielen kleinen Arbeitshäppchen zu verdienen. Die Arbeitswelt ändert sich, und darauf müssen sich auch Personalmanager einstellen. Arbeit wird sich „so stark verändern, dass wir sie kaum noch wiedererkennen werden.“ Zu diesem Schluss kam kürzlich der amerikanische Think Tank Roosevelt Institute in einer Prognose für den amerikanischen Arbeitsmarkt. Er soll im Jahr 2040 zum Großteil von Arbeitshäppchen bestimmt sein, statt von einer großen Zahl an Angestelltenverhältnissen. Die Berufslaufbahn vieler Menschen besteht dann „aus einer Ansammlung Tausender kurzfristiger Aufgaben, die über die eigene Lebenszeit verteilt sind.“

Für Unternehmen heißt das: Die Trennung zwischen Angestellten und freien Mitarbeitern verschwimmt immer stärker. Freelancer müssen in Zukunft viel intensiver als heute in die Prozesse der Unternehmen integriert sein. Statt Angestellte einzusetzen, werden Unternehmen ganze Projekt-Teams aus Freelancern zusammensetzen – je nach Bedarf. Natürlich werden Unternehmen auch weiterhin Angestellte beschäftigen. Nur werden diese vor allem damit zu tun haben, ein sich stets wandelndes Heer von Freien zu orchestrieren. So jedenfalls sieht der US-Think-Tank die Zukunft.

Solche Prognosen muss man hinterfragen, schließlich kann niemand die Zukunft voraussagen. Fakt ist jedoch: Die Zahl der Selbstständigen und Freelancer wächst. In den USA nimmt die Anzahl der Selbstständigen sogar rasant zu. Im Mai 2015 gab es dort 15,5 Millionen Freelancer, ein Zuwachs von einer Million Menschen im Vergleich zum Vorjahr. Selbstständige machen bereits rund 34 Prozent der arbeitenden amerikanischen Bevölkerung aus. In Europa zeigt sich ein ähnliches Bild. Das ermittelte Patricia Leighton, Professorin für Sozialrecht an der Pariser IPAG Business School. Für ihre Studie „Future Working: The Rise of Europe’s Independent Professionals“ aus dem Jahr 2013 recherchierte sie die Zahl der Teilnehmer der Häppchen-Wirtschaft. Im Zeitraum von 2004 bis 2013 nahm die Zahl dieser Einzelkämpfer enorm zu. In den Niederlanden wuchs sie um 93 Prozent, in Frankreich um 85 Prozent. Deutschland liegt mit einem Wachstum von 43 Prozent im unteren Mittelfeld. Hier stieg die Zahl der Ein-Mann-Firmen von 6,2 auf 8,9 Millionen.

Mit dem steten Wachstum der Zahl der Freelancer, die ihre Dienste verschiedenen Kunden anbieten, werden in Unternehmen die Grenzen zwischen Angestellten und freien Mitarbeitern in Zukunft immer stärker verschwimmen. In diesem Urteil ist sich die Forschung einig. „Freelancer werden in Unternehmen eine wichtigere Rolle einnehmen als heute“, sagt Heike Bruch, Professorin am Institut für Führung und Personalmanagement (IFPM) der Schweizer Universität St. Gallen.

Der Technik-Riese IBM ist ein Beispiel dafür, wie sich die Grenzen von Unternehmen auflösen. Im Jahr 2012 wollte das Unternehmen tausende Stellen abbauen, um die Angestellten mit freiberuflichen IT-Spezialisten zu ersetzen. Die Belegschaft war wenig amüsiert, der Konzern musste zurückrudern. Aber: In kleinerem Maßstab hat IBM den Plan dennoch umgesetzt: Heute betreibt das Unternehmen eine Plattform, auf der Mitarbeiter und Externe in einer digitalen Gemeinschaft zusammen an Projekten arbeiten können. Einzelne Arbeitsschritte werden dort ausgeschrieben, und interessierte IT-Experten können sich auf die Aufträge bewerben.

Neue Unabhängigkeit

Die technische Entwicklung der vergangenen zehn Jahre habe Produktionsprozesse stark vereinfacht – und deshalb die Arbeit von Angestellten für Firmen weniger nötig gemacht, urteilt der Think Tank Roosevelt Institute. Der Vorteil für Unternehmen liegt auf der Hand: Sie haben einen neuen Grad der Unabhängigkeit erreicht. Sie können sich talentierte Köpfe weltweit zusammensuchen und stets mit für den jeweiligen Job am besten geeigneten Freelancern kooperieren. Muss etwa eine deutsche IBM-Abteilung Kosten sparen, kann sie sich über die Plattform etwa indische Programmierer einkaufen, deren Stundensätze weitaus geringer sind als die ihrer deutschen Konkurrenten. Zwar ist Offshoring, also das Beschäftigen günstigerer Mitarbeiter im Ausland, schon lange Praxis in vielen IT-Unternehmen. Aber eine Plattform wie die von IBM macht diesen Prozess übersichtlicher als je zuvor.

Die verstärkte Zunahme von Kooperationen mit Externen hat auch gesamtwirtschaftliche Vorteile. „So entsteht ein deutlich effizienterer Arbeitsmarkt“, sagt die St. Gallener Professorin Bruch. „Vom ökonomischen Standpunkt aus betrachtet, ist das auf jeden Fall ein Fortschritt.“ Allerdings – das dürfen Unternehmen laut Bruch nicht unterschätzen – kann die Entwicklung negative Folgen für die Unternehmenskultur haben. Unternehmen müssten aufpassen, dass sie nicht zu einem Hohlkörper werden, warnt Bruch. Deshalb sei es wichtig, den Kontakt zwischen den angestellten Mitarbeitern zu stärken und gleichzeitig den Externen ein Verständnis der Unternehmenskultur zu vermitteln. Dies funktioniere, indem man sie eng an das Unternehmen bindet, sie regelmäßig für sich arbeiten lässt.

Bei einer extremen Form der Häppchen-Unternehmung wird Zusammenhalt allerdings gar nicht mehr nötig sein. Sie besteht letztlich nur aus einem riesigen Heer von Selbstständigen, die von einem Mini-Team angestellter Mitarbeiter geleitet und beraten werden. So braucht es kein Verständnis für das große Ganze, wenn ein freier Mitarbeiter nur als einer von Hunderttausenden in Häppchen zergliederte Arbeitsschritte ausführt. Solch ein Unternehmen ist Clickworker. Das Unternehmen zählt nur 22 Angestellte in ihrer Zentrale in Essen und ein ganz kleines Team in den USA, doch diese befehligen über 700.000 freie Teilnehmer der Häppchen-Wirtschaft. Diese Click-Arbeiter erfüllen über die Plattform Aufgaben im Auftrag von Großkonzernen, die kein Unternehmen mit Bordmitteln erledigen könnte: Etwa 10.000 Produktfotos in Online-Shops beschriften und verschlagworten. Oder einer Spracherkennungssoftware antrainieren, Dialekte zu erkennen, indem man ihr Beispielsätze vorspricht.

Personaler als Vermittler

Keiner der abertausenden Arbeiter ist bei Clickworker angestellt – sie werden pro Foto oder eingesprochenem Satz bezahlt. Eine Kultur im Sinne eines Großunternehmens braucht es gar nicht. Viele Click-Arbeiter sehen die Arbeit eher als Freizeitbeschäftigung mit Zubrot an. Für Belange und Fragen dieser Crowd beschäftigt das Unternehmen Community-Manager.

Ist solches Community-Management eine neue Form von HR-Management? Wahrscheinlich wird es ein Teil davon, arbeiten Unternehmen in Zukunft so extrem mit freien Mitarbeitern zusammen wie Clickworker. Personalmanager sollten sich allerdings erst einmal auf die unternehmenseigene Community konzentrieren. Denn auch dort gibt es viel zu tun, wenn sich die Firma stärker für Freelancer öffnet. HR kann etwa zum Vermittler zwischen Einkaufsabteilung und Fachabteilungen werden, damit beide den besten Kompromiss zwischen Preis und Leistung finden, wenn das Unternehmen Freelancer auswählt. Bisher ist das nur selten der Fall, klagen Beobachter. „Oft grenzen Einkaufsabteilungen die Angebotsauswahl nach rein finanziellen Gesichtspunkten ab, denn dort regiert der Preis“, sagt Kerstin Tammling, selbstständige IT-Spezialistin und Vorstandsmitglied des Deutschen Bundesverbands Informationstechnologie für Selbstständige (DBITS). „Fähigkeiten, Erfahrung und Qualität sind häufig sekundär, weil für den Einkauf schwer zu beurteilen.“

Personalmanagern kann deshalb in Zukunft eine wichtige Aufgabe zufallen. Sie sind dank ihrer Erfahrung in der Lage dafür zu sorgen, dass es der Einkauf mit der Preisoptimierung nicht übertreibt und darunter die Qualität der Arbeit leidet. Personalmanager müssen sich dazu allerdings im Unternehmen entsprechend positionieren, zum Beispiel indem sie eine vermittelnde Rolle einnehmen zwischen Einkauf und Fachbereich. Das passiert bisher eher selten. Schließlich kümmern sich Personaler klassischerweise nur um die Belange der Angestellten. HR-Manager müssen ihre Rolle also komplett neu definieren, wenn sie in der Häppchen-Wirtschaft mit dabei sein wollen.

von Marvin Milatz

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