Agil, werteorientiert, zukunftsfest: Die Diakonie als Arbeitgeber im Wandel

Debatte

Frau Ronneberger, fast jeder Mensch in Deutschland kommt im Laufe seines Lebens in irgendeiner Form mit der Diakonie in Berührung oder kennt den Namen der OrganisationSie steht als Marke für soziale Unterstützung. Was viele nicht wissen: Mit rund 687.000 Mitarbeitenden hat sie die Dimension einiger DAX-Konzerne und ist damit einer der größten Arbeitgeber Deutschlands. Was bedeutet diese Dimension für unsere Gesellschaft? 
Die Struktur der Diakonie unterscheidet sich grundlegend von der klassischen Wirtschaft: Die Diakonie beschäftigt Hunderttausende hauptamtliche Mitarbeitende und arbeitet zugleich mit sehr vielen freiwillig Engagierten. Als Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche vereint die Diakonie rund 34.000 Einrichtungen und etwa 5.000 rechtlich eigenständige Träger. Anders als Unternehmen verfolgt sie jedoch keine Gewinnabsicht. Im Mittelpunkt steht vielmehr die soziale und gesundheitliche Teilhabe von Menschen. Die Angebote der Diakonie sollen Menschen unterstützen, die nicht von vornherein über ausreichend Ressourcen oder finanzielle Mittel verfügen, damit sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Die Arbeit reicht dabei von Kindertagesstätten über Sozialberatung und gesundheitliche Hilfen bis hin zu Pflegeeinrichtungen. 

Wie gelingt es, in einer solchen dezentralen Struktur gemeinsame Ziele und Standards zu verfolgen? 
Was uns als Diakonie verbindet, sind unsere Werte: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Wer Hilfe braucht – egal in welcher Lebenssituation –, soll sie in einer diakonischen Einrichtung bekommen. Gleichzeitig arbeiten viele unterschiedliche Einrichtungen und Träger unter dem Dach der Diakonie zusammen. Landesverbände, Fachverbände und die Diakonie Deutschland als Spitzenverband stehen dabei in engem AustauschGemeinsam überlegen wir regelmäßig, wie wir unsere Angebote in den verschiedenen Hilfefeldern weiterentwickeln können. Ich sehe diese dezentrale Struktur als Wettbewerbsvorteil. Sie verbindet die Stärke und Expertise eines großen, bundesweiten Verbandes mit ErfahrungWissen und professioneller Arbeit in Einrichtungen, die fest in ihrer Region verwurzelt sind. Außerdem ermöglicht sie, dass sich engagierte Menschen vor Ort sehr direkt einbringen können – mit ihren Erfahrungen und mit dem Blick auf konkrete Probleme. Dieser niedrigschwellige Zugang ist für einen funktionierenden Sozialstaat enorm wichtig.

Viele Menschen verbinden mit der Diakonie vor allem PflegeeinrichtungenWas sind ihre wichtigsten Handlungsfelder und in welchen gesellschaftlichen Bereichen ist die Diakonie derzeit besonders gefordert? 
Zu den Diensten der Diakonie zählen unter anderem Krankenhäuser, Altenpflegeheime, Sozialstationen, Wohngruppen oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung, ebenso Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Angebote für Suchtkranke und Obdachlose sowie soziale Beratungsstellen. Der größte Arbeitsbereich diakonischer Einrichtungen und Träger ist die Kinder- und Jugendhilfe mit mehr als 13.600 Angeboten bundesweit, gefolgt von der Altenhilfe mit über 6.200 Angeboten.  Die größte Herausforderung ist für viele Bereiche dieselbe: Einerseits wird die auskömmliche Finanzierung all dieser Hilfefelder von politischer Seite infrage gestellt und, andererseits, verlieren die Menschen immer weiter das Vertrauen in Staat und Politik.

Welche aktuellen Kampagnen oder thematischen Schwerpunkte verfolgt der Verband derzeit?
Für uns im Bundesvorstand der Diakonie Deutschland ist aktuell der Schutz unserer Demokratie zentral. Denn sie ist die Grundlage für alles, was wir als Diakonie tun. Ein Baustein ist unsere Demokratie-Iinitiative #VerständigungsOrte. Aber Demokratie bedeutet für uns vor allem auch soziale Teilhabe: Alle Menschen sollen die Möglichkeit haben, am gesellschaftlichen Leben mitzuwirken.  

Wir beobachten mit Sorge, dass der Ton in gesellschaftlichen Debatten rauer geworden ist. Besonders problematisch sind pauschale Abwertungen von Menschen, die in Armut leben. Solche Diskurse stellen den sozialen Zusammenhalt infrage. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit ist das drängende Thema Pflege. Die Finanzierung der Pflege steht massiv unter Druck. Dabei wissen wir, dass der Bedarf in einer immer älter werdenden Gesellschaft in Zukunft weiter steigen wird. Für mich ist auch das eine demokratische Frage: Wie gehen wir als Gesellschaft mit älteren und pflegebedürftigen Menschen um? Und welche Verantwortung übernehmen wir füreinander?  

Globale Krisen, Kriege und der Klimawandel haben oft unmittelbare soziale Folgen, etwa durch Fluchtbewegungen oder steigende soziale Belastungen. Welche Auswirkungen sehen Sie angesichts des neuen Krieges im Nahen Osten auf die Arbeit der Diakonie, und wie bereiten sich diakonische Einrichtungen auf solche gesellschaftlichen Krisen vor? 
Als Diakonie begleiten und beraten wir seit Jahrzehnten Menschen, die nach Deutschland kommendie Schutz suchen, zur Ausbildung kommenhier arbeiten möchten oder zu ihrer Familie nachziehen. Mit unseren Angeboten und Beratungsstellen im ganzen Land sind wir eng mit lokalen Initiativen und anderen Wohlfahrtsverbänden vernetzt. Gerade auch in Krisen wie dem Krieg in Syrien oder in der Ukraine haben wir viel Erfahrung darin gesammelt, Menschen beim Ankommen professionell zu begleiten und zu unterstützen. Ich bin fest davon überzeugt: Eine starke und vielfältige Wohlfahrtspflege macht hier einen entscheidenden Unterschied. Der Staat kann diese Aufgabe nicht allein bewältigen. Es ist notwendig, dass er im Sinne des Subsidiaritätsprinzips eng mit einer engagierten Zivilgesellschaft zusammenarbeitetNur so entstehen Erfolgsgeschichten und positive Beispiele gelungener Integration.

Wie stellt sich die aktuelle Fachkräfte- und Nachwuchssituation in den diakonischen Einrichtungen dar?  
Die steigende Zahl unserer Mitarbeitenden unterstreicht unsere Rolle als einer der größten Arbeitgeber Deutschlands. Wir begreifen den Wandel in der Sozialwirtschaft nicht als Barriere, sondern als Impuls für eine umfassende Modernisierung unserer Arbeitswelten. Durch gezielte Investition in innovative Ausbildungscurricula, die akademische Professionalisierung und zukunftsweisende Recruiting-Strategien festigen diakonische Träger ihre Position als verlässliche, attraktive und werteorientierte ArbeitgeberDabei setzen auch wir auf New Work und agile Führung, um Beteiligung, Eigenverantwortung und Teamarbeit zu stärken. Unser Ziel ist eine ganzheitliche Bindung von Mitarbeitenden. Wir schaffen Rahmenbedingungen, die durch Wertschätzung und moderne Strukturmodelle geprägt sind. Indem wir Karrieren flexibilisieren und die Fachexpertise unserer Teams konsequent fördern, sichern wir nicht nur die Versorgungsqualität, sondern steigern nachhaltig die Anziehungskraft sozialer Berufe.  Das diakonische Profil ist unser Alleinstellungsmerkmal – es bietet in einer sich wandelnden Arbeitswelt die nötige Orientierung, Stabilität und eine tiefgreifende Sinnstiftung.  

Eine tragende Säule für die Leistungsfähigkeit der Organisation sind rund 700.000 freiwillig Engagierte  wie werden sie regional eingebunden und begleitet?
Freiwilliges Engagement ist ein zentraler Bestandteil unserer ArbeitIn unseren Einrichtungen und Diensten werden die Freiwilligen sehr eng begleitet und sind fest in die Abläufe eingebunden. Einige Bereiche diakonischen Handelns basieren grundlegend auf dem freiwilligen Engagement vieler Tausender Menschen. Beispiele sind die Telefonseelsorge, die Bahnhofsmission oder die Besuchsdienste der Grünen Damen und Herren. Sie leben davondass Menschen bereit sind, sich einzubringen und ihre Zeit und Aufmerksamkeit ihren Mitmenschen zu schenken. Diese Angebote können nur dauerhaft funktionieren, wenn die freiwillig Engagierten eng durch hauptamtliche Mitarbeitende begleitet werden.  Sie sorgen dafür, dass Freiwillige gut vorbereitet werden, Unterstützung bekommen und langfristig eingebunden bleiben – all das ist entscheidend, damit freiwilliges Engagement gut funktionieren kann. 

Welche Werte oder Kompetenzen erwarten Sie von Menschen, die bei der Diakonie arbeiten möchten?
Wir suchen Menschen, die fachliches Können mit echter Menschlichkeit verbinden. Konkret bedeutet das: Wir brauchen Fachkräfte, die ihr Handwerk beherrschen, aber dabei nie das Gegenüber aus den Augen verlieren. Fachlich erwarten wir eine hohe Qualifikation und die Bereitschaft zur kontinuierlichen Weiterentwicklung – gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Akademisierung unserer Berufsfelder. 

Entscheidend ist jedoch die Haltung: Wir suchen Menschen, die unsere diakonischen Werte teilen und allen Menschen mit Respekt und Wertschätzung begegnen – unabhängig von Herkunft, Lebenssituation oder Status. Gleichzeitig werden Kompetenzen wie Eigenverantwortung, Reflexionsfähigkeit und eine ausgeprägte Teamorientierung immer wichtiger. Wer bei uns arbeitet, sollte den Anspruch haben, Sinnstiftung und professionelles Handeln in Einklang zu bringen. Kurz gesagt: Wir suchen Expertinnen und Experten mit Herz und Verstand, die soziale Arbeit aktiv mitgestalten wollen. 

Warum denken Sie, begeistern sich so viele Menschen für eine freiwillige ehrenamtliche Tätigkeit bei der Diakonie?
700.000 Menschen sind als freiwillig Engagierte in diakonischen Einrichtungen und Diensten tätig. Ein wesentlicher Faktor für dieses oftmals sehr langjährige Engagement ist, dass es sinn- und gemeinschaftsstiftende Aufgaben sind. Die Menschen, die sich in diakonischen Einrichtungen engagieren, spüren eine direkte Selbstwirksamkeit. Oft sind sie in feste Gruppen eingebunden, aus denen auch das Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaft erwächst. Viele Menschen suchen dies aktiv. Wichtig ist, dass es nicht bei einer kurzfristigen Begeisterung bleibt, sondern zu dauerhaftem Engagement kommt, je nach persönlicher Lebenssituation. Dabei müssen freiwillig Engagierte gut begleitet werden, in ihrem Engagement qualifiziert und nicht in Überforderungssituationen geschickt werden. Und sie müssen Anerkennung für ihr Tun erfahren.  

Die Diakonie beruft sich auf christliche Werte und Nächstenliebe. Wie prägen diese Werte konkret den Arbeitsalltag der Mitarbeitenden?
Die Arbeit der Diakonie Deutschland ist stark von christlichen Werten geprägt – vor allem von der Idee der Nächstenliebe. Wir wenden uns besonders den Menschen zu, die Unterstützung brauchen und für die es oft keine anderen Angebote gibt. Wir gehen auch dahin, wo sich kein Geld verdienen lässt und es deshalb so gut wie keine privaten Anbieter gibt: Obdachlosigkeit, Sucht, soziale Schuldnerberatung. Das meinen wir mit dem Dienst an der Gesellschaft. Grundlage und Basis aller Arbeit der Diakonie ist der evangelische Glaube, der alle Menschen so annimmt, wie sie sind.  

Wie beurteilen Sie die aktuelle Sozialpolitik in Deutschland im Hinblick auf Pflege, soziale Dienste und Unterstützungssysteme?
Seit vielen Jahren steht unser Sozialsystem massiv unter Druck. Die Kosten steigen, was immer wieder zu Kürzungsdebatten führt. Gleichzeitig werden dringend notwendige Reformen, wie beispielsweise in der Pflege, nicht oder nur halbherzig angegangen. Leidtragende sind immer diejenigen, die am dringendsten unsere Hilfe brauchen. Schauen wir auf die neue Grundsicherung: Es kann nicht sein, dass Kinder und Familien am meisten unter den beschlossenen Reformen leiden müssen. Und viele Menschen in Armutslagen erhalten nicht in vollem Umfang die Sozialleistungen, auf die sie einen Anspruch haben, – während gleichzeitig enorme Summen in einer ineffizienten Verwaltung versickern. Soziale Sicherheit ist nicht nur ein Kostenfaktor, sie ist unverzichtbar für die Resilienz einer Gesellschaft, für den sozialen Frieden und damit auch für wirtschaftliche Investitionen und wirtschaftliches Wachstum. 

Wo sehen Sie politischen Handlungsbedarf? 
Wir sehen, dass die Bedarfe immer weiter steigen, sei es in der Pflege, in der Eingliederungshilfe oder bei Kindern und Familien. Hier müssen nachhaltige Finanzierungsmodelle entwickelt werden, die alle gerecht mit einbeziehen. Gleichzeitig müssen wir endlich Bürokratie abbauen und die Digitalisierung vorantreiben. Denn entscheidend ist, dass Zeit, Geld und Energie dort ankommen, wo sie wirklich gebraucht werden: bei den Menschen, die Unterstützung benötigen. 

Diakonische Einrichtungen arbeiten an der Schnittstelle von staatlicher Finanzierung, kirchlicher Trägerschaft und gesellschaftlichem Engagement. Wie funktioniert dieses Modell in der Praxis?
Die Diakonie als Dienstgemeinschaft von Engagierten und Hauptamtlichen, als soziales Non-Profit-Unternehmen, aber auch als zivilgesellschaftliche Akteurin stellt eine hybride Organisationsform dar. Diese Verbindung verschiedener Rollen ist typisch für die Wohlfahrtsverbände in Deutschland und ist in dieser Form ziemlich einzigartig. Gerade für das Engagement vieler Freiwilliger spielen dabei auch die rechtlichen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle, zum Beispiel das Zuwendungs- und Gemeinnützigkeitsrecht. Sie entscheiden mit darüber, wie gut sich Menschen einbringen können und wie Engagement unterstützt wird. Deshalb begrüßt die Diakonie ausdrücklich Initiativen der Politik, die das Ehrenamt stärken wollen – etwa den von der Bundesregierung angestoßenen „Zukunftspakt Ehrenamt“. Solche Ansätze können dazu beitragen, freiwilliges Engagement langfristig zu sichern und zu fördern.  

Welche Rolle können Unternehmen spielen, wenn es darum geht, gesellschaftliche Verantwortung gemeinsam wahrzunehmen?
Unternehmen sind in der besonderen Situation, nicht nur Menschen Arbeit und damit eine Lebensgrundlage zu geben, sondern auch Treiber für Innovation und Fortschritt zu. Auf Unternehmen wird aus diesem Grund im gesellschaftlichen Diskurs gehört. Ich wünsche mir, dass sich die Wirtschaft stärker für zukunftsfähige, nachhaltige Lösungen einsetzt. Davon profitieren wir alle. Und: Seien Sie mutig und geben Sie Menschen in ihrem Unternehmen eine Chance, denen der Zugang zu Arbeit und Teilhabe zu oft verwehrt wurde.  

Wenn Sie sich wünschen könnten, dass Wirtschaft, Politik und Gesellschaft die Arbeit der Diakonie noch stärker wertschätzen, – was wäre Ihnen dabei am wichtigsten?
Mein Wunsch ist, dass wir als Gesellschaft die Arbeit der Wohlfahrtspflege nicht als selbstverständlich betrachten. Denn ohne die vielen Menschen in den Einrichtungen der Diakonie Deutschland und der freien Wohlfahrtspflege würden viele soziale Angebote schlicht nicht existieren – und unser gesellschaftlicher Zusammenhalt wäre deutlich schwächer. Diese Arbeit verdient Respekt, Unterstützung und eine verlässliche politische Grundlage. Die Diakonie und die ganze freie Wohlfahrtspflege stehen ein für alle Menschen in allen Lebenslagen. Das ist nicht immer einfach oder populär. Doch wenn es diese vielfältigen Angebote nicht mehr gibt, kann unsere Gesellschaft nicht mehr funktionieren. Darum sollten wir diese vielen und flächendeckenden Angebote nicht als gegeben hinnehmen, sondern jeden Tag gemeinsam dafür einstehen.  

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Support. Das Heft können Sie hier bestellen.

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Sabine Schritt ist leitende Redakteurin beim Human Resources Manager.

Sabine Schritt

Sabine Schritt ist Chefredakteurin des Magazins Human Resources Manager. Sie war zuvor 25 Jahre als freie Journalistin tätig. Nach verschiedenen Stationen im Tagesjournalismus und bei Ratgeber- und Lifestyle-Publikationen, beschäftigt sie sich seit über 15 Jahren intensiv mit Themen rund um die Arbeitswelt, HR und Führung. Die gebürtige Kölnerin war zudem bis 2012 stellvertretende Chefredakteurin des Schweizer Fachmagazins HR Today in Zürich. Anschließend war sie zehn Jahre als freie Redakteurin für das Fachmagazin Personalführung tätig. Sabines besonderes Interesse gilt den Aspekten:  Zusammenarbeit, Kommunikation, digitale Transformation, Kulturwandel in Unternehmen, Rollenverständnis von HR, Persönlichkeitsentwicklung.

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