In einer Zeit, in der das World Wide Web noch jung und Google gerade einmal sechs Jahre alt war, sagte ein Mann zu einer Frau irgendwo in Nordrhein-Westfalen: Schau dir das mal an, da gibt es so eine neue Plattform, auf der jeder Mensch Wissen teilen kann. Die Frau war neugierig und schließlich fasziniert. Ein Klick in eine gigantische Welt.
„Hello world“, hatte Mitgründer Jimmy Wales wenige Jahre zuvor, am 15. Januar 2001, als ersten Satz in der Wikipedia geschrieben, nachdem er die Website wenige Tage zuvor registriert hatte. Später verschwanden diese Worte durch ein Update, wurden 2010 wiedergefunden und kürzlich als digitales Abbild für 750.000 Dollar versteigert. Wikipedia ist Kult. Heute existiert die freie Enzyklopädie in über 344 Sprachvarianten. Allein die deutsche Ausgabe zählt über drei Millionen Artikel.
Wikipedia ist das wohl transparenteste Medium, das es gibt – doch die Enzyklopädie funktioniert nur so lange, wie Menschen bereit sind, ihre Zeit zu verschenken. Das Wissensforum ist Teil einer digitalen Gegenwelt zu den Tech-Giganten im „Kampf um das Internet“, wie der Journalist Stefan Mey es nennt. Während sich durch Google, Meta und Co. digitale Macht bei wenigen IT-Konzernen kumuliert, stellt Wikipedia ihr Wissen der ganzen Menschheit kostenlos und werbefrei zur Verfügung. Es ist eine Gemeinschaft von Ehrenamtlichen, die sie stetig aktualisieren.
Die Frau aus Nordrhein-Westfalen, die sich damals, im Jahr 2004, neugierig an den Rechner setzte und einen Eintrag zu einer Stadt in ihrer Nähe vervollständigte, ist eine von ihnen. „Ich war damals noch Studentin und unglaublich fasziniert, dass man das Internet so bearbeiten konnte“, erinnert sie sich. „Dass es möglich war, auf eine Seite zu gehen und sie zu editieren.“
Unter dem Pseudonym Itti fing sie an, eigene Artikel zu schreiben. (Anm. der Red.: Der HRM-Redaktion ist der Name bekannt). Denn die Wikipedia sichert allen, die für sie schreiben, Anonymität zu. Pseudonyme sind ein zentrales Element der Wikipedia-Kultur. Sie schützen Autorinnen und Autoren vor persönlichen Angriffen gerade bei kontroversen Themen oder kritischen Artikeln über Unternehmen und Prominente. Sie sorgen zudem dafür, dass Beiträge nach Qualität beurteilt werden und nicht nach dem gesellschaftlichen Status der Person dahinter; vom Schüler bis zur Professorin begegnet man sich auf Augenhöhe.
Wikipedia ist ein offenes Wissensarchiv. Das hawaiianische Wort „wiki“ bedeutet „schnell“, das griechische paideia „Bildung“. Wikipedia will also schnelle Bildung für alle bieten. Dabei ist jede Änderung der einzelnen Einträge dokumentiert, jede Quelle nachvollziehbar, jede Diskussion öffentlich einsehbar. Doch Transparenz auf Systemebene bedeutet nicht, dass das Ergebnis neutral ist. Es bedeutet nur, dass der Weg dorthin nachvollziehbar ist. Wer bestimmt, welche Quellen zählen? Wer entscheidet, was relevant ist und was gelöscht wird? Diese Fragen verhandelt eine Community, in der Ehrenamtliche über die Darstellung von Wissen streiten – offen, bisweilen hart, manchmal feindlich. Denn es gibt Menschen und Gruppen, die aktiv versuchen, „Wikipedianerinnen“ am Schreiben zu hindern: durch Anfeindungen und Diskreditierung. Die Userin Itti arbeitet seit mehr als 20 Jahren in diesem System. Als Administratorin sorgte sie dafür, dass Beleidigungen binnen Sekunden verschwanden. Als Autorin macht sie Frauen sichtbar, die in der Enzyklopädie bisher keinen Platz hatten. Und als Mensch muss sie ihre Identität schützen, damit sie weitermachen kann.
Zwischen Edit Wars und Dankbarkeit
Wer einen Schreibfehler entdeckt, ein doppeltes Wort, eine fehlende Information, korrigiert die Stelle also mit oder ohne Benutzerkonto. Vor sich hinpuzzeln, nennt Itti das am Telefon und erzählt, wie sie eine Zeit lang Datumsangaben korrigierte – es heißt 2. März 2025, nicht 02.03.25. Es soll schließlich alles einheitlich sein. „Das hört sich jetzt langweilig an, ist es ja als Sache auch“, sagt sie trocken. „Aber es ist spannend durch diese Editier-Aufgabe von Artikel zu Artikel zu hopsen, durch ganz unterschiedliche Themenbereiche.“ Itti beschreibt das emsige Zusammenspiel vieler Hände, sobald ein Text entsteht oder bearbeitet wird: Jemand schreibt den Text, dann kommen nach und nach mehrere Handvoll Leute, die daran weiterbasteln. Der eine beseitigt Tippfehler, die nächste legt Kategorien an, wieder ein anderer ist darauf spezialisiert, Bindestriche durch korrekte Halbgeviertstriche zu ersetzen. Hier lacht sie auf. Ja, so genau sind die Wikipedianer. Manche schreiben dann „Danke für den Artikel“, andere drücken die Danke-Funktion. „Das ist zumeist ganz harmonisch“, sagt Itti.
Ihr gefällt besonders, dass sie diesem Ehrenamt ohne Verpflichtung, Termine oder Druck nachgehen kann. Man braucht nichts weiter als einen Computer mit Browser und kann selbst bestimmen, wann man editiert. „Ich mag es, abends beim Fernsehen die Füße hochzulegen und in der Wikipedia ein bisschen Unfug zu revertieren, einen Kommentar zu schreiben oder erste Recherchen für einen neuen Artikel anzustellen“, sagt Itti. Sie hat einen vollen Arbeitstag als Managerin, sie hätte für ein ausgedehnteres Ehrenamt auch schlicht nicht die Zeit.
Doch mitunter wird aus dem friedlichen Puzzeln auch ein Kampf um jedes Wort. Ein Edit War bricht dann aus: Zwei oder mehr User ändern einen Artikel immer wieder gegenseitig, löschen, was das Gegenüber geschrieben hat, und stellen die eigene Version wieder her. Das ist ein zehrendes Tauziehen. In solchen Fällen greifen die Schutzmechanismen der Wikipedia: Irgendjemand aus der Community informiert darüber auf der Projektseite „Vandalismusmeldung“, einer zentralen Meldeseite für alles, was schiefläuft. Dann schaut sich ein Admin das an – davon gibt es aktuell rund 160 im deutschsprachigen Raum – und entscheidet über Maßnahmen ‒ diese reichen von Seiten- bis zu Artikelsperren. Die niedrigste Artikelschutzstufe sperrt unangemeldete Nutzer aus, die nächste verlangt sogenannte Sichterrechte, für die man bereits einige Monate dabei sein und eine gewisse Zahl an Bearbeitungen vorweisen muss. Im Extremfall wird ein Artikel so gesperrt, dass nur noch Admins die von Autoren auf der Diskussionsseite besprochenen Änderungen übertragen dürfen, oder es werden Benutzer gesperrt. „So sehr kann das eskalieren“, sagt Itti. „Aber das ist die absolute Ausnahme.“
Einmal rettete sie den Artikel eines Künstlers aus ihrer Region vor der Löschung. Die war offenbar bereits abgemachte Sache in der Redaktion Bildende Kunst gewesen, wie Itti erzählt. Sie fand das unfair und half dabei, Ausstellungsnachweise und Presseberichte im Artikel zu ergänzen, den Beitrag also zu wikifizieren, indem sie konkrete Belege für die Relevanz des Künstlers anführte. Genau das ist der entscheidende Hebel in Wikipedia-Löschdiskussionen: Belegbarkeit is Queen. Parallel dazu entwickelte sich eine lebhafte Debatte, an der sie sich argumentativ beteiligte – bis hin zu der etwas absurden, aber offenbar wirksamen Frage, ob das Ruhrgebiet (damals 5,1 Millionen Einwohner) nicht genauso ein relevantes Publikum darstelle wie ganz Österreich (damals 8,4 Millionen Einwohner). Nach sieben Tagen entschied ein Administrator: „bleibt“.
Diese Geschichte lässt sich im Buch Alles über Wikipedia nachlesen, das 2011 zum zehnten Jubiläum erschienen ist. Das war auch der Startschuss für Ittis Karriere bei der Wikipedia: Sie wurde zur Frankfurter Buchmesse eingeladen, organisierte später eine Lesung. Die war ein Erfolg. Rund 50 Leute kamen, fast alles Wikipedianer, erinnert sie sich. Danach fragt sie jemand aus der Community, ob sie Mentorin werden wolle. Itti sagt ja. Wieder später wird sie gefragt, ob sie Admin werden wolle. Erneut sagt sie zu. Später wird Itti sogar Bürokratin – eine Rolle, die nur wenige in der Wikipedia innehaben. Das heißt: Sie konnte Benutzerrechte vergeben, Verwaltungsaufgaben übernehmen, in sensiblen Bereichen arbeiten. Zum Beispiel dort, wo Verschwörungserzählungen kuratiert werden müssen. Diese Aufgaben legte sie jedoch 2023 ab und arbeitet seitdem wieder vermehrt als Autorin.
Bedeutende Frauen im Fokus
Eines ihrer liebsten Projekte als Autorin sind die Frauenorte. In der Hälfte der deutschen Bundesländer existiert diese Initiative, sie würdigt bedeutende Frauen mit Gedenktafeln im öffentlichen Raum. Von Elisabeth Selbert, einer der vier Mütter des Grundgesetzes, bis hin zu Persönlichkeiten, die kaum jemand kennt, die aber Außergewöhnliches geleistet haben. Itti entdeckte die Initiative durch Zufall, legte nach dem Vorbild von Sachsen-Anhalt eine Übersichtsseite für Nordrhein-Westfalen und andere Bundesländer an und begann, die Biografien zu schreiben. Dabei fiel ihr auf, dass selbst offizielle Quellen teils falsche Daten enthielten. Auf der Webseite eines bayerischen Ministeriums fand sie Fehler in den Lebensdaten einer geehrten Frau. Also schrieb sie hin. „Ich glaube, das kam nicht so gut an“, sagt sie. „Man hat sich freundlich bedankt und war offensichtlich ein bisschen verschnupft.“
Aber genau diese persistente Besserwisserei sei es, was eine gute Wikipedianerin ausmacht, findet Itti: „Man sollte den unbedingten Willen haben, anderen vom eigenen Wissen etwas abzugeben.“ Diese Akribie treibt sie auch beim Projekt 100 Women Days an, einem jährlichen Wettbewerb, mit dem Ziel, in den 100 Tagen vor dem Weltfrauentag möglichst viele Frauenbiografien für die Wikipedia zu schreiben. Statt der ursprünglich angepeilten 100 neuen Artikel kamen bis zum 8. März 2026 insgesamt 2.352 zusammen. Zwei Mal gewann Itti den Wettbewerb.
Das sei ihr wichtig, schließlich waren Frauen lange von politischer Macht, von Universitäten, von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Alle Politikerinnen und Politiker ab Landtagsebene gelten in der Wikipedia als relevant– aber in der Rückschau waren schließlich vor allem Männer an der Macht. „Du holst mit dem, was heute kommt, nicht 2.000 Jahre Geschichte auf“, sagt Itti, also heißt es: schreiben, schreiben, schreiben, damit die Wikipedia nicht nur von Männern bevölkert wird.
Trolling und Hate Speech
Bei allen Mühen profitiert sie von ihrem Ehrenamt. „Ich lerne wirklich viel“, sagt Itti und wird ernst. Auch Sachen, die man nicht wissen oder sehen wolle, sagt sie. Als sie 2012 Administratorin wurde, traute sie ihren Augen nicht. Auf den Diskussionsseiten tauchten Penisbilder auf, sogenannte Dickpics; das Versenden unerwünschter belästigender Dickpics ist strafbar. Sie sprach andere Admins an: Wie machen wir das weg? Die Reaktion: „Och nö, das reicht, wenn es in der Frontseite gelöscht ist, in der Versionsgeschichte kann das doch bleiben.“
Auch persönlich begegnet ihr Trolling und Hate Speech. „Es gab zu mir als Itti etwa 1.000 Seiten im Internet. Seiten, auf denen ich beleidigt oder Unfug über mich geschrieben wurde“, sagt sie. Vieles konnte inzwischen gelöscht werden. „Manche Männer vertragen es nicht so gut, wenn ihnen Frauen Grenzen aufzeigen, und als Admin in der Wikipedia macht man das halt“, sagt sie. Sie war als Admin auch gerade in Konfliktbereichen, in den sogenannten Honigtöpfen aktiv. Das sind Orte in der Wikipedia, um die viele Bienen kreisen: Kriege, Timmy der Wal, Corona. Wenn also etwas im realen Leben Wellen schlägt, übertragen sich diese in die Wikipedia. Egal ob Verschwörungsgeschichten, Frauenhass, ein politisches Ereignis – was auch immer gerade die Menschen bewegt. „Wir Admins haben die Aufgabe, die Regeln für enzyklopädische Arbeit durchzusetzen, Meinung rauszuhalten, denn wir können in letzter Konsequenz Konten sperren und Seiten schützen. Tritt man damit jemandem auf die Füße, ist man automatisch der Feind“, sagt sie. Doch, das betont sie immer wieder, Wikipedia ist eine Enzyklopädie, kein Meinungsforum. „Dafür setze ich mich ein, egal ob als Benutzerin und Autorin oder in meiner Zeit als Admin.“
Heute werden Inhalte digitaler Gewalt sofort versionsgelöscht, die Konten gesperrt. „So schnell kannst du gar nicht gucken“, sagt Itti. Die Community habe sich verändert, es werde härter und schneller durchgegriffen als früher, sagt sie. Außerdem gebe es vielfältige Möglichkeiten, sich einzubringen. „Man muss ja nicht nur schreiben, man kann sich auch als Fotografin oder in der Qualitätssicherung engagieren“, sagt Itti. Die Online-Enzyklopädie, davon ist sie überzeugt, sei jedenfalls ein guter Ort für Frauen. „In der Wikipedia ist die Gesellschaft fast schon ein bisschen weiter als im wahren Leben.“
Die Wikipedia
In der Wikipedia gibt es ein mehrstufiges System, um die Integrität von Wissen zu wahren: Darunter fällt, die Online-Enzyklopädie vor Vandalismus zu schützen, vor Manipulationsversuchen oder vor Inhalten, die nicht den strikten Wikipedia-Regeln entsprechen. Das betrifft auch Rechteverletzungen wie Beleidigungen, Urheberrechtsverletzungen oder auch die unerwünschte Offenlegung von Personeninformationen. Beleidigungen werden gelöscht, oft so gründlich, dass sie auch in der Versionsgeschichte nicht mehr auffindbar sind. Dafür sorgen neben den Admins fünf sogenannte Oversighter und fünf Stewards, die sich um den deutschsprachigen Raum kümmern. Generell haben Stewards aber globale Rechte. Man kann sich das vorstellen wie einen Setzkasten. Wird etwas durch einen Admin gelöscht, fällt es eine Etage tiefer, nur noch sichtbar für Admins. Die Oversighter können es noch eine Etage tiefer fallen lassen, dann sehen es nur noch die etwa 40 weltweiten Stewards und die fünf Oversighter der deutschsprachigen Wikipedia.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Transparenz. Das Heft können Sie hier bestellen.

