Kampfrhetorik: Die Spiele sind eröffnet

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Ebenso wie Eris, die Göttin der Zwietracht, in der griechischen Mythologie für Zank sorgte, greifen die Menschen zu Kampfrhetorik, um einander zu manipulieren. Wie wir uns ihrer entziehen können, zeigt Rhetorikexperte Thomas Albrecht.

Bereits vor etwa zweihundert Jahren wusste Arthur Schopenhauer, wie es um die meisten von uns im Wesentlichen bestellt ist. Menschen wollen recht haben, ganz gleich, ob sie inhaltlich der relativen Wahrheit nahe sind oder nicht. Der deutsche Philosoph beschäftigte sich im Jahr 1830 mit einigen Manipulationstechniken; „Kunstgriffe“ nannte er sie in seinem postum veröffentlichten Rhetorikklassiker Die Kunst, recht zu behalten. Es wird vermutet, dass er damit subtil auf die ruchlosen verbalen Verrenkungen seiner Zeitgenossen verwies. Die Streittechniken sind nicht darauf aus, wechselseitiges Verständnis zu erzeugen, sondern die Rechthaberei zu füttern.Eristische Dialektik nannte Schopenhauer diese Kunst des Streitens. Eris ist die Göttin der Zwietracht. Heutzutage tritt die Eristische Dialektik als Teil von Kampf­rhetorik auf, die uns vor allem im digitalen Kosmos durch Hassrede und Verschwörungsideologien begegnet.

Aber auch in der politischen Kommunikation wimmelt es von Finten und verbalen Attacken. Der Rhetorikexperte Thomas Wilhelm Albrecht möchte diese manipulativen Tricks entwirren, die Muster hinter den sogenannten Strategemen sichtbar machen und allen an die Hand geben, wie sie Kampfrhetorikerinnen und Manipulateure auflaufen lassen können. Kommunikation ist laut Albrecht immer manipulativ, weil wir die Gedanken über unsere Erfahrungen schließlich zwangsläufig durch Tilgung (Aspekte weglassen), Generalisierung (Verallgemeinern von Erfahrungen) und Verzerrung (Unterschiedliche Gewichtung unserer Erfahrungen) vermitteln. Entscheidend ist vielmehr unsere Absicht. Sie trennt die wohlwollende Wortgewandtheit von Kampfrhetorik. Diese verleitet die Zuhörenden zu Gedanken und Handlungen, die für sie nachteilig, gar schädlich sind. Oft bemerken wir sie nicht einmal, sie kann sich äußert subtil heranpirschen, uns in eine Art Trancezustand versetzen. Albrecht geht taktisch vor, um die irrsinnige Komplexität von Sprache, Wahrnehmung und Rhetorik in kleinere Teile zu gliedern. Er zeigt, wie wir durch kognitive Verzerrungseffekte wie den Selbstüberschätzungseffekt oder den HALO-Effekt beeinflusst werden, wie wir uns durch Rapport und Trance-Induktion dabei auch noch wohlfühlen und wie unsere Realitätsstrategien – unbewusste Gedankengänge, die wir zur Wahr- oder Falschbewertung heranziehen – getriggert werden.

Um dies für alle greifbarer zu machen, hat Albrecht Reden transkribiert und analysiert, von österreichischen Politikern, Angela Merkel und Sahra Wagenknecht oder Boris Johnson; Donald Trumps Trance induzierende Rhetorik darf in diesem Kontext natürlich auch nicht fehlen. Auch Schopenhauers 38 Kunstgriffe werden am Ende ausführlich vorgestellt, ebenso 24 Denkfehler; all dies macht dieses Buch zu einem wichtigen Nachschlagewerk. Albrecht hat in seiner Analyse wohl jeden Winkel kampfrhetorischer Strukturen ausgeleuchtet, so dass man am Ende der Lektüre eigentlich gleich wieder mit dem erneuten Lesen beginnen kann, um sich zumindest kleine Teile dieses immensen und facettenreichen Wissens einzuverleiben.

Was jedoch direkt hängen bleibt, ist die Strategie, die uns Albrecht an die Hand gibt, um Kampfrhetoriker und Strippenzieherinnen alt aussehen zu lassen: das konsequente Nachfragen. Denn durch Fragen werden Tilgung, Generalisierung und Verzerrung rückgängig gemacht.

© Goldegg Verlag

Thomas Wilhelm Albrecht: Kampfrhetorik. So werden wir gegen unseren Willen beeinflusst – und was wir dagegen tun können, 270 Seiten, Goldegg Verlag, 19,95 Euro. Erschienen im Oktober 2020.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Vernetzung. Das Heft können Sie hier bestellen.

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(c) Julia Nimke

Jeanne Wellnitz

Redakteurin
Quadriga
Jeanne Wellnitz ist Redakteurin beim Magazin Human Resources Manager.  Die gebürtige Berlinerin arbeitet zusätzlich als freie Rezensentin für das Büchermagazin und die Psychologie Heute und ist Autorin des Kompendiums „Gendersensible Sprache. Strategien zum fairen Formulieren“ (2020) und der Journalistenwerkstatt „Gendersensible Sprache. Faires Formulieren im Journalismus“ (2022). Die 38-Jährige hat Literatur- und Sprachwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und beim Magazin KOM volontiert.

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