Mentale Stärke: ein strategischer Erfolgsfaktor

Healthy Workplace

Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren bereits einen wichtigen ersten Schritt gemacht: Sie haben in Kampagnen, Events und Kommunikationsmaßnahmen investiert, um das Bewusstsein für mentale Gesundheit zu stärken, das Stigma abzubauen und Mitarbeitende zu ermutigen, offen über ihre Herausforderungen zu sprechen. Das war richtig. Und notwendig. 

Doch die Zahlen werden nicht besser. Die Daten der AOK aus dem letzten Jahr zeigen, dass psychisch bedingte Ausfallstage in Deutschland in den letzten zehn Jahren um 43 Prozent zugenommen haben. Awareness allein reicht also nicht mehr aus.   

Für Unternehmen ist es an der Zeit, von der Awareness-Phase in eine Phase des Tuns zu kommen und konkrete Maßnahmen rund um die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeitenden umzusetzen – nicht trotz der angespannten Wirtschaftslage, sondern gerade wegen ihr. 

Warum Awareness alleine nicht mehr reicht

Ein Bewusstsein für die Bedeutung mentaler Gesundheit am Arbeitsplatz aufzubauen, war, ist und bleibt wichtig. Gerade seit der Pandemie ist durch die engagierte Awareness-Arbeit vieler Menschen – besonders im HR-Bereich – überhaupt erst das Fundament entstanden, auf dem wir heute aufbauen können. Mentale Gesundheit am Arbeitsplatz ist kein Tabuthema mehr. Das ist eine echte Leistung. 

Aber dieser erste Schritt reicht nicht mehr aus. Es wird Zeit für den nächsten: konkrete Maßnahmen, die Resilienz und mentales Wohlbefinden am Arbeitsplatz aktiv unterstützen und den stetig steigenden Fehlzeiten endlich etwas entgegensetzen. 

Und der Druck wird nicht abnehmen. Die wirtschaftliche Unsicherheit und die rasante Entwicklung rund um KI zwingen die meisten Unternehmen zu kontinuierlichen Transformationsprozessen. Diese Veränderungswellen lassen sich nur dann erfolgreich navigieren, wenn Mitarbeitende mental stark sind und wirklich an einem Strang ziehen. Mentale Stärke wird damit zu einem der zentralen Erfolgsfaktoren der nächsten Jahre. 

Was bedeutet mentale Stärke?

Mentale Stärke bedeutet nicht, frei von Belastungen oder Herausforderungen zu sein – und auch nicht, keine psychische Erkrankung zu haben. Vielmehr geht es darum, aktiv mentale Stärke aufzubauen, unabhängig davon, ob gerade eine Krise vorliegt oder nicht. 

Und das gelingt eben nicht nur mit dem Aufbau von Wissen, sondern muss von jedem Einzelnen aktiv gelebt und trainiert werden. Wenn wir körperlich fit werden wollen, reicht es auch nicht, Trainings- und Ernährungspläne zu kennen. Wir müssen das Training am Ende auch absolvieren. Und genauso ist es mit unserer Psyche. 

Der wirtschaftliche Faktor: Warum sich mentale Stärke auszahlt

HR-Verantwortliche wissen in der Regel, dass mentale Stärke nicht nur für das Wohlbefinden der Mitarbeitenden, sondern auch für den Unternehmenserfolg entscheidend ist. Doch sie stoßen damit intern oft an Grenzen, weil das Thema auf Führungsebene als „weiches“ Thema wahrgenommen wird. Dabei kosten Mitarbeitende, die mental nicht fit sind, Unternehmen ganz schön viel:  

  • Laut der Weltgesundheitsorganisation gehen weltweit 12 Milliarden Arbeitstage jährlich durch Depressionen und Angststörungen verloren. 
  • Viele Mitarbeitende kündigen bei anhaltender mentaler Belastung, noch bevor sie überhaupt ausfallen. Und jede HR-Person weiß, wie teuer Neubesetzungen sein können. 
  • Ein Kostenfaktor, der oft übersehen wird, ist der Produktivitätsverlauf aufgrund schlechter mentaler Gesundheit. Präsentismus – also das Phänomen, wenn Mitarbeitende zwar anwesend, aber nicht leistungsfähig sind – kostet Unternehmen schätzungsweise doppelt so viel wie reguläre Fehlzeiten.  

Die Kehrseite dieser Rechnung ist genauso eindeutig: Unternehmen, die in mentale Stärke investieren, machen ihre Organisationen resilienter – und resiliente Unternehmen performen nachweislich besser.  

Laut dem Accenture Resilience Index (2024) wachsen hochresiliente Unternehmen um 6 Prozentpunkte schneller als ihre Wettbewerber und erzielen eine um 8 Prozentpunkte höhere Gewinnmarge. 

Was HR und Führung jetzt tun können

Ironischerweise beginnt auch hier alles mit Awareness-Arbeit. Diesmal aber beim Management. Denn das Bewusstsein, dass mentale Gesundheit am Arbeitsplatz nicht mit einem Mental Health Day alle paar Monate erledigt ist, muss erst einmal da sein.  

Wirksame Initiativen müssen in Strukturen und Prozesse integriert werden und den Mitarbeitenden greifbare Unterstützung bieten. HR kann auf der Unternehmens-, Führungs- und Mitarbeiterebene ansetzen. Gerade für Führungskräfte und Mitarbeitende ist Eigenverantwortung ein zentraler Faktor: HR-Teams können zwar Angebote einführen, aber es liegt am Team, diese auch aktiv zu nutzen. 

Auf Unternehmensebene: Grundlagen schaffen

  • Um das Management zu überzeugen, sollten HR-Verantwortliche die mentale Gesundheit mit konkreten Kennzahlen verknüpfen – Fehlzeiten, Fluktuation, Produktivitätsverluste. Diese Kennzahlen können schließlich auch dabei helfen, die Wirkung der jeweiligen Initiativen zu messen 
  • Psychologische Sicherheit als Grundlage schaffen: Mitarbeitende müssen wissen, dass sie Belastungen ansprechen können, ohne negative Konsequenzen zu fürchten. Kein Training wirkt dauerhaft in einem Umfeld, das Resilienz strukturell untergräbt. 
  • Ein aktives Growth-Mindset fördern, zum Beispiel durch feste Rubriken für Erfolge und Rückschläge in regelmäßigen Meetings, um gemeinsam aus Fehlern zu lernen. So lernen Mitarbeitende, Rückschläge als Chancen für ihr persönliches Wachstum zu begreifen. 

Auf Führungsebene: Ein Support-Netzwerk aufbauen

  • Trainings und Schulungen für resiliente Führung, psychologische Sicherheit und Stressmanagement als festen Bestandteil der Führungsentwicklung etablieren. 
  • Das Mental Health First Aid (MHFA)-Programm einsetzen: Das 2000 in Australien entwickelte und heute in 30 Ländern aktive Kursformat schult Führungskräfte und Mitarbeitende darin, psychische Belastungssignale früh zu erkennen und erste Unterstützung zu leisten – analog zur klassischen Ersten Hilfe. Der entscheidende Unterschied zu klassischen Awareness-Workshops: MHFA vermittelt spezifische Handlungskompetenz. Was sage ich, wenn jemand in einer Krise ist? Wie leite ich zur professionellen Hilfe weiter? Das macht aus passiven Zuschauern aktiv Handelnde. Am wirksamsten entfaltet MHFA seine Wirkung in Kombination mit strukturellen Maßnahmen. 
  • Führungskräfte selbst nicht vergessen: Nur wenn die Führungskräfte selbst resilient sind, können sie ihr Team unterstützen und ihnen ein Vorbild sein. HR sollte deshalb sicherstellen, dass auch Führungskräfte niedrigschwelligen Zugang zu individueller Unterstützung haben. 

Auf Beschäftigtenebene: Konkrete Maßnahmen einführen

  • Resilienz-Trainings anbieten in unterschiedlichen Formaten, je nach Bedarf: Präsenzworkshops für teamweite Maßnahmen, digitale Programme und 1:1-Begleitung durch Psychologinnen und Psychologen für individuelle Belastungen. Die Kombination aus allen drei Formaten zeigt in der Praxis die stärkste Wirkung. 
  • Digitale Zugänge schaffen: Plattformen, die Mitarbeitenden jederzeit und anonym den Zugang zu qualifizierten Psychologinnen und Psychologen ermöglichen – ohne Wartezeiten und ortsunabhängig. 

Wir brauchen Awareness – und konkrete Maßnahmen

Vielleicht ist der Titel dieses Beitrags nicht ganz richtig. Denn wir sollten uns nicht von Awareness-Kampagnen weg bewegen. Sie sind wichtig – und sie müssen aufrechterhalten werden. Aber sie sind nur der erste Baustein. 

Unternehmen sollten neben diesen Kampagnen Maßnahmen einführen, die mentale Stärke im Arbeitsalltag verankern und dem Team die Möglichkeit geben, seine mentale Stärke zu trainieren. 

Die mentale Stärke der Mitarbeitenden ist die Grundlage für Leistungsfähigkeit, für Innovation und für die Fähigkeit, sich in einer dauerhaft unsicheren Welt zu behaupten. Und das wiederum ist die Grundlage für erfolgreiche Unternehmen. Vielleicht braucht es also weniger Debatten darüber, ob das Thema ernst genommen werden sollte – und mehr Mut, es endlich ernsthaft anzugehen.

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Lächelnder Mann mit gestreiftem Hemd vor einem Fenster mit unscharfem Hintergrund.

Jonas Keil

Jonas Keil ist Co-CEO und Co-Founder vom HR-Tech-Unternehmen nilo, einem Anbieter zur Förderung der mentalen Gesundheit am Arbeitsplatz. Keil ist zudem als Speaker für Organisationsentwicklung, nachhaltige Unternehmenskultur und gesunde Führung tätig. In seiner Kolumne "Healthy Workplace" schreibt er darüber, wie mentale Gesundheit, Performance und eine nachhaltige Unternehmens- und Führungskultur zusammenhängen.

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