„Bitte kein Rainbow-Washing!“

Interview

Ein Großteil der Menschen aus den LGBTIQ+-Communitys haben Bedenken, ihre sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität am Arbeitsplatz zu offenbaren. Besonders hoch ist diese Zahl in konservativ geprägten Kontexten wie der Rechtsbranche. Somit ist es auch schwierig, Personen zu finden, die bei der Aktion #GesichtZeigen mitmachen. Sie soll LGBTIQ+-Personen sichtbar machen, die im juristischen Bereich tätig sind. Wie ist es dennoch gelungen? Fünf Fragen an den Initiator Stuart Bruce Cameron.

Herr Cameron, warum ist es in der Rechtsbranche so heikel für queere Personen, die eigene sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität zu thematisieren?
Studien, Zahlen und Erfahrungsberichte zeigen deutlich: Für LGBTIQ+ ist es generell schwierig, sich am Arbeitsplatz zu outen. Das betrifft alle Branchen und Berufsgruppen, besonders aber vermeintlich konservativere Branchen. Betroffene haben Angst vor Repressalien und Diskriminierung, aber eben auch davor, Aufträge zu verlieren. In der juristischen Welt ist die Angst vor dem Outing oft noch größer, denn für Richter*innen oder Anwält*innen ist es entscheidend, dass ihnen vertraut wird. Befürchtungen, dass ein Outing dieses Vertrauen schwächen könnte und sie in der Folge Mandate verlieren, sind wahrscheinlich keine Seltenheit.

Wie haben Sie die Menschen ermutigen können, bei der Aktion mitzumachen?
Zunächst sind wir auf queere Personen in der Rechtsbranche zugegangen und haben sie zu einer Teilnahme an unserer Kampagne #GesichtZeigen ermutigt. Hilfreich war auch unser Karriere- und Allyship-Netzwerk ALICE für LGBTIQ+-Personen im juristischen Bereich, das die Kampagne organisiert und jedes Jahr veröffentlicht. Zudem gab und gibt es ein großes Engagement von den Menschen, die Teil der Kampagne sind und Gesicht zeigen. Es ist ihnen ein wirkliches Anliegen, ihre Erfahrungen – vor allem die positiven – weiterzugeben und anderen Betroffenen Mut zu machen. Das hat nach der ersten Veröffentlichung 2020 auch viele andere Menschen zum Mitmachen motiviert.

Die Kampagne #GesichtZeigen startete im September 2020, um LGBTIQ+-Vorbilder in der juristischen Branche zu zeigen. Am 17. Mai 2022 ging die Kampagne für mehr Offenheit und Vielfalt am Arbeitsplatz in die dritte Runde. Hinter ALICEDem Karriere- und Allyshipnetzwerk für queere Jurist:innen steht die Uhlala Group. Als Social Business setzt sie sich seit 2009 für LGBTIQ+-Menschen in der Arbeitswelt ein.

Hier geht es zur Liste der Personen, die an der diesjährigen Kampagne teilgenommen haben.

Viele fürchten, ein Outing könne sich negativ auf die Karriere und Mandate auswirken. Haben sich diese Sorgen für Teilnehmende bewahrheitet?
Das kann ich nicht genau sagen. Zumindest hat uns seit der ersten Liste 2020 niemand von negativen Folgen aufgrund der Kampagne berichtet. Ganz im Gegenteil; viele Teilnehmende von #GesichtZeigen haben sehr positive Rückmeldungen bekommen und erzählten uns von tollem Feedback und guten Gesprächen im Anschluss an die Kampagnen.

Es ist mittlerweile die dritte Liste, die veröffentlicht wurde. Was hat sich seit der ersten Kampagne im Jahr 2020 verändert?
Zunächst hat sich natürlich die Zahl der Personen verändert, die mit der Kampagne Gesicht zeigen. 2020 umfasste die Liste 40 Personen. In diesem Jahr freuen wir uns über 75 Teilnehmende. Offen gestanden war unser Ziel, auf die 100 zu kommen. Daran halten wir weiter fest und arbeiten darauf hin. Was sich auch verändert hat, ist die Bereitschaft, das Thema anzusprechen. 2020 haben wir mit #GesichtZeigen Neuland betreten, die Leute waren deshalb noch eher zurückhaltend. Inzwischen ist die Kampagne etablierter und mit zunehmender Bekanntheit von ALICE und der Kampagne trauen sich mehr Leute, das Thema anzusprechen und sich auch selbst zu positionieren. Diese Veränderungen freuen uns natürlich.

Wie können Unternehmen LGBTIQ+-Menschen besser unterstützen?
Das ist eine große Frage, auf die es keine kurze Antwort gibt – das würde der Frage und vor allem ihrer Bedeutung nicht gerecht werden. Grundsätzlich ist das, was Unternehmen tun können, immer abhängig von ihrer Größe und Struktur. Wir selbst bieten mit unserem Pride Audit beispielsweise einen guten Ausgangspunkt, um zu erfassen, wie hoch die Vielfalt im Bereich LGBTIQ+ bereits ist. Zum anderen zeigt das Audit, je nach Größe des Arbeitgebers, einige Möglichkeiten auf, was ein Arbeitgeber konkret für die LGBTIQ+-Mitarbeitenden machen kann.

Und was ist ein absolutes No-Go?
Wovon ich wirklich abraten möchte, ist im Pride-Monat nur das eigene Logo bunt zu färben und auf den Social-Media-Kanälen mit dem Regenbogen um sich zu werfen. Wenn im Unternehmen gar nichts für LGBTIQ+ gemacht wird, ist das unglaubwürdig und Rainbow-Washing!

Zum Gesprächspartner:

Stuart Bruce Cameron ist Gründer und CEO der Uhlala Group und Initiator von ALICE – Dem Karriere- und Allyshipnetzwerk für queere Jurist:innen.

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