„Weißt du, was wir nicht machen? Aufgeben!“

Portrait

Von der Werbeagentur zum ökosozialen Textilunternehmen Manomama

Vor 17 Jahren startete Sina Trinkwalder ein Projekt gegen alle Wahrscheinlichkeiten. Die Augsburgerin plante, in einer sterbenden Branche ein Unternehmen zu gründen, das Menschen beschäftigt, die auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr hatten. Sie dachte dabei vor allem an Frauen über fünfzig, die ihr Leben lang für die Familie zurückgesteckt oder ihre Jobs verloren hatten. Unterbrochene Karrieren, wenig Geld, Langzeiterwerbslosigkeit, Alleinerziehende – diesen Frauen wollte Sina Trinkwalder in ihrer eigenen Textilfirma eine Chance geben. Und das in Augsburg, wo die einst florierende Textilindustrie zum Erliegen gekommen war, weil die Löhne im Ausland billiger sind. Spindeln und Webstühle standen still, Manufakturen, Maschinenfabriken und Färbereien hatten geschlossen, das Augsburger Textilviertel war verwaist. Hier, wo einst Stoffe und Bekleidung gefertigt wurden, wollte Trinkwalder wieder Textilien produzieren, und zwar mit einer regionalen Lieferkette.

Wieso gab die Unternehmerin für dieses sozialromantische Hirngespinst – so nannten ihr Umfeld und die Medien ihre Idee damals gern – ihre lukrative Position als Geschäftsführerin auf? Sie hatte schließlich eine erfolgreiche Werbeagentur mit Millionenumsatz.

 

Schlüsselszene: Warum Sina Trinkwalder alles änderte

Wuppertal im Jahr 2009: Sina Trinkwalder, Anfang 30 und Marketingexpertin, hatte hier gerade einen Termin bei einem großen Kunden gehabt. Sie blätterte in Hochglanzzeitschriften mit dessen Anzeigen, während sie auf den Zug nach Hause wartete. Achtlos warf sie eines der Magazine in den Mülleimer. Ein Mann griff danach und freute sich sichtlich über den Fund. Sie gab ihm auch die anderen Ausgaben und fragte, warum er sich dafür interessiere. Er erklärte, dass er sie vor Weihnachten sammle. Aus den glitzernden Umschlägen bastelten er und seine Frau ihren Weihnachtsschmuck. Beide waren obdachlos.

Diese Szene beschreibt Sina Trinkwalder in vielen Podcasts, Porträts und Interviews – und auch in ihrem autobiografischen Buch „Wunder muss man selber machen“ über die Gründungsphase. Schon seit der Geburt ihres Sohnes war sie nachdenklich geworden ob ihres Lebensstils: immer höher, immer weiter, immer besser. Als sie auf den Obdachlosen traf, war ihr Sohn vier Jahre alt. Ihr fiel auf, schreibt sie in ihrem Buch, dass keine ihrer Kampagnen, keine der gebauten Websites die Welt in irgendeiner Weise besser gemacht hatten.

Soziales Unternehmertum in Augsburg: Neue Chancen für Frauen 50+

Sie wollte fortan etwas grundlegend ändern – und jenen helfen, die kein Geld, keine Perspektive hatten. Dass es ein Textilunternehmen wurde, lag zum einen an der Historie der Stadt, den niedrigen Einstiegshürden für ungelernte Kräfte und der Möglichkeit, lokal wieder Wertschöpfung aufzubauen. 2010 gründete sie die Manufaktur Manomama. „Mit den Händen der Mütter“, das war ihr Motto. Unterstützt wurde sie von ihrem damaligen Mann Stefan, der auch ihr Partner in der Agentur war. Beide gaben ihr gesamtes Vermögen in das Unternehmen. Wochenlang brachte sie sich das Nähen bei, später sogar an einer großen Industrienähmaschine. Ein ehemaliger Rektor einer Fachhochschule für Bekleidungstechnik, ihr Mentor, unterstützte sie dabei. Ein Büchlein zur industriellen Nähmethodik wurde ihre Bibel.

Die einen nennen es Wahn, die anderen Flow. Für Sina Trinkwalder ist es Modus Operandi. Sie erzählte ihrer Twitter-Community von dem Vorhaben und rief in der Lokalzeitung dazu auf, sich bei ihr zu bewerben. Die Agentur führte ihr Mann weitgehend allein weiter. Auch dem Arbeitsamt gab sie Bescheid. 700 Bewerbungen waren auf einen Schlag auf ihrem Tisch. Zuerst sortierten sie und ihre rechte Hand aus der Agentur, Miriam, alle aus, die schon einen Job hatten und nur mehr Geld wollten. Das halbierte den Stapel. Dann suchten sie gezielt nach alleinerziehenden Müttern. Schließlich luden sie eine Gruppe ein. Einige kamen nicht, andere wollten nur eine Unterschrift fürs Arbeitsamt. Der harte Kern traf sich im ehemaligen Lounge-Raum der Agentur und bekam von Sina Trinkwalder ein Kärtchen: Sie sollten drei Wünsche aufschreiben, die sie hatten. Fast alle, unter ihnen auch einige langzeitarbeitslose Damenschneiderinnen und Bekleidungsfertigerinnen, schrieben ein Wort auf: Arbeit.

Skillbasiertes Recruiting aus dem Bauch heraus

Sina Trinkwalder will diesen Wunsch erfüllen und schaut dabei vor allem auf die Fähigkeiten und das Potenzial der Menschen, die da vor ihr stehen. Was HR seit einiger Zeit als skillbasiertes Recruiting feiert, hat sie schon damals systematisch umgesetzt. „Wie willst du auch auf Qualifikation in der Näherei gucken in einer toten Branche, in der Ausbildungsberufe schon ewig ausgestorben sind?“, fragt sie und redet sogleich weiter. Sie schaue eben, ob die Chemie passe, ob die Menschlichkeit stimme. „Was bringt es denn, wenn ich zwei hoch qualifizierte Tipptopp-Premium-Forbes-30-unter-30-Egoisten in einen Raum stopfe, die sich dann hinter der Tür nur gegenseitig steinigen?“ Da nehme sie lieber Menschen, die lernen wollen, eben noch nicht alles können, aber finden: Gemeinsam sind wir stark.

Fürs Recruiting brauche sie keine Personalabteilung, sagt sie. Es wird gemeinsam entschieden, wer eingestellt wird. Trinkwalder beschreibt es so: „Da kommt Gerda, die Leitung der Näherei, und sagt: Du, in dem Bereich, da bräuchten wir echt noch mal ein paar helfende Hände.“ Dann wird die erste Person auf der Liste der Bewerbungen angeschaut. „Die Leute bewerben sich bei uns nicht auf einen Bereich, sondern die wollen einfach bei uns arbeiten“, sagt Trinkwalder. Wer bei Manomama anfängt, bekommt eine unbefristete Stelle und mehr als den Mindestlohn. Auch sonst kommt Trinkwalder ihren Mitarbeitenden entgegen: „Meine Ladies und Gentlemen können sich aussuchen, wann sie zum Arbeiten kommen, weil: Wer bin ich denn, ihnen vorzuschreiben, wann die Arbeit in ihr Leben passt?“

Die Augsburger Unternehmerin Sina Trinkwalder ist bekannt für ihr ökosoziales Textilunternehmen Manomama, das Menschen einstellt, die vom Arbeitsmarkt aussortiert wurden: Langzeiterwerbslose, Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen, Alleinerziehende, Geflüchtete. Das war aber nicht ihre erste Gründung: Bereits mit 19 Jahren startete sie mit ihrem damaligen Mann Stefan eine Werbeagentur, beide hatten dafür 1998 ihr Studium abgebrochen, sie BWL und Politik, er Jura. Heute erzielt sie mit Manomama und 50 Mitarbeitenden nach eigenen Angaben einen Umsatz von vier Millionen Euro.

Wachstum mit Risiko: Millionentaschen, Medienrummel und Bundesverdienstkreuz

Hört man die Unternehmerin reden, klingt alles leicht, machbar, logisch. Sie sagt Sätze wie: „Nee Leute, ihr müsst nicht um die Ecke denken oder neu denken. Es reicht völlig, wenn ihr einfach mal denkt“ oder „Meiner Meinung nach braucht es nicht viel für Wirtschaft: Bauchgefühl und Menschenverstand“ oder „Fair ist, wenn der Produzent sich das Produkt, das er herstellt, als Kunde auch leisten kann“ oder auch: „Weißt du, was wir nicht machen? Aufgeben!“

Dieses Credo war gerade zu Beginn überlebenswichtig. Die Produktion von Manomama begann mit T-Shirts und Sweatshirts, bei denen die Kundschaft auf der Website Farben und Details selbst wählen konnte. In ihrem Buch liest sich der Start wie eine Tour de Force: Die Schnittmacherin boykottierte die Produktion, die Frau, die die Farben zuordnet, war farbenblind und sagte es nicht, ein Wasserschaden ruinierte die Stoffe, was Trinkwalder kurzerhand auf Twitter und Facebook postete. Der „Dachschaden-Hoodie“ verkaufte sich durch Trinkwalders Beliebtheit.

Eine Million Stofftaschen

Aufregung machte sich auch breit, als die Drogeriemarktkette dm zwei Jahre nach der Gründung eine Million Stofftaschen bei ihr bestellte. Sie informierte den Bayerischen Rundfunk und die Augsburger Allgemeine, dass sie nicht nur Hallen, sondern auch Menschen suchte. Mehr als dreitausend Bewerbungen gingen daraufhin ein. In ihrem Buch schreibt sie, wie sie nach ewigem Hickhack die größere Produktionshalle fand, über Nacht einen gigantischen CNC-Cutter besorgte und das gesamte Team motivierte, in Akkordarbeit diesen Auftrag zu stemmen. Man liest und denkt: Wie kann das gehen? Immer auf Kante, immer mit maximalem Risiko – aber das scheint Trinkwalders Elixier. Am Ende geht es gut. Auch Edeka bestellt Taschen. Der Medienrummel ist gigantisch, die Umsätze steigen. Und die Preise häufen sich, 2015 gibt es das Bundesverdienstkreuz. Sina Trinkwalder, die Alleskönnerin.

Früher war Sina Trinkwalder überall: in Talkshows, auf Podien, in den Medien. Aber die Sache hatte ihren Preis. Die Jahre zwischen Hamburg und Augsburg, das Pendeln, die Nächte im Büro. Irgendwann ging es nicht mehr. Jetzt hat sie zur Entspannung die Olivenbäume und ein Haus zum Renovieren in der Toskana. Wie ihr Tag aussieht? „Ich stehe morgens mit Kaffee auf und gehe abends mit Kaffee ins Bett, was dazwischen liegt, ist immer anders“, sagt sie. Unternehmertum heißt für Trinkwalder: ahnen, nicht planen.

Die Voraussetzung für alles sei aber, dass die Leute überhaupt ehrlich erzählen, was sie nicht können. Dann findet die Unternehmerin eine Lösung. „Ich möchte, dass alle wissen, dass sie jederzeit zu mir kommen können, ohne sich zu schämen. Braucht eine Mitarbeiterin 200 Euro für ein Kommunionskleid der Tochter oder weil die Waschmaschine kaputt ist, kriegt sie das. Das Gleiche auch dann, wenn jemand einen zinslosen Kredit für eine größere Ausgabe braucht, auch ohne: Was hast du schon wieder gemacht?“ Und wenn eine Kollegin seit vier Wochen mit hängenden Mundwinkeln herumsitzt, dann sagt Trinkwalder: „So, jetzt lass die ganze Scheiße hier liegen, wir beide gehen jetzt einen Kaffee trinken – was ist denn los?“

Fragt man sie, wie viele Menschen für sie \ldots, fährt sie lachend durch den Satz und korrigiert: „Für mich arbeitet schon einmal niemand. Mit mir arbeiten momentan 50 Menschen. Es waren einmal bedeutend mehr, 150, doch viele sind davon in Rente gegangen.“ Und es waren auch zu viele, um wahrhaftige Beziehungen untereinander aufzubauen. Und diese bräuchten Unternehmer, findet Trinkwalder. Wenn sie in der Näherei ist, schätzt sie, dass sie 30 bis 40 Prozent ihrer Zeit investiert, um Kontakte zu pflegen.

Shitstorms, Umzug und Neuanfang: Sina Trinkwalder zwischen Hamburg und Augsburg

Im Jahr 2015, acht Jahre nach der Gründung, geriet eine weitere Gruppe, die Hilfe brauchte, in Trinkwalders Blickfeld: Menschen mit Migrationsgeschichte. Die Unternehmerin setzt sich lautstark für eine offene Gesellschaft ein, in Talkshows, in den sozialen Medien. Dafür kassiert sie auch Shitstorms auf Twitter und Facebook, schreibt sie auf ihrem Blog. Sie verlässt Twitter. Und dann auch Augsburg, denn sie bekam nicht nur den Hass im Netz zu spüren, sondern erhielt auch eine Morddrohung.

Sie zieht zu ihrem neuen Lebensgefährten nach Hamburg. Jahrelang pendelt sie mit der Bahn zwischen der Hansestadt und der „Fuggerstadt“, mal wohnt sie vorübergehend in einer kleinen Augsburger Wohnung, während der Coronapandemie schläft sie oft einfach im eigenen Büro – auf einer Matratze im Konferenzraum. Weil Manomama Schutzmasken produziert, gilt der Betrieb als systemrelevant und darf weiterlaufen.

Nach der Pandemie macht sie eine Camping-Tour durch die Toskana und stößt mit ihrem Partner auf ein verlassenes Haus – sie kaufen es. Seit knapp drei Jahren renovieren die beiden das Anwesen mit fünf Hektar verwildertem Land. Alles zu sehen auf Instagram, wo sie ihren neuen Mann auch kennengelernt hatte. „Wir hatten dasselbe Rennrad“, sagt sie. Sie likte sein Bild, er ihres. Denn seit einer stressbedingten Gürtelrose, die begann, das Auge zu betreffen, hatte die Unternehmerin ihr Leben umgekrempelt: Joggen und Radfahren statt Nonstop-Arbeiten, Kaffee, Essen und Menthol-Zigaretten.

Nächste Generation und neue Projekte: Magnus, Brichbag und der inklusive Arbeitsmarkt

Sieben Jahre lang war es also still um Sina Trinkwalder, vor allem zum Schutz ihres Sohnes. Doch inzwischen ist Magnus erwachsen, 21 Jahre alt. Er hat sein Abitur gemacht und danach eine Ausbildung zum Marketing- und internationalen Kaufmann absolviert – und arbeitet bei Manomama. Trinkwalder hat versucht, es ihm auszureden. Er hätte auch Koch werden können, er sei so talentiert. Aber alles Zureden half nichts. „Es hatte keinen Zweck mit ihm zu diskutieren, seine Entscheidung stand fest. Ja, er ist eben mein Sohn“, sagt sie und lacht. Nun ist Schluss mit der Pendelei. Sie und ihr Lebensgefährte ziehen dieses Jahr zurück nach Augsburg. Sina Trinkwalder fühlt sich bereit, sich wieder öffentlich einzumischen, nur auf Talksendungen will sie künftig verzichten.

Für die Firma formuliert sie kein großes Wachstumsziel, sondern etwas anderes: „Für mich ist der größte Erfolg, Beständigkeit in Dinge zu bringen“, sagt sie. Und das geht nur über Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung. Manomama ist mittlerweile eine vollstufige Näherei, in der alles produziert werden kann. Diese Flexibilität ist ihr Überlebensprinzip. Außerdem verarbeitet sie Reststoffe. Aus den Überresten von einer Markisenproduktion stellt sie mit ihrem Label Brichbag wasserabweisende Rucksäcke her. Wird einer verkauft, erhält gleichzeitig ein obdachloser Mensch denselben Rucksack, gefüllt mit Hygieneartikeln und Nahrungsmitteln. Denn was für Sina Trinkwalder wirklich zählt, ist am Ende nicht die effizienteste Produktion, sondern dass niemand allein bleibt, wenn es darauf ankommt.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Support. Das Heft können Sie hier bestellen.

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Jeanne Wellnitz (c) Mirella Frangella Photography

Jeanne Wellnitz

Redakteurin
Quadriga
Jeanne Wellnitz ist Senior-Redakteurin in der Wirtschaftsredaktion Wortwert. Zuvor war sie von Februar 2015 an für den Human Resources Manager tätig, zuletzt als interimistische leitende Redakteurin. Die gebürtige Berlinerin arbeitet zusätzlich als freie Rezensentin für das Büchermagazin und die Psychologie Heute und ist Autorin des Kompendiums „Gendersensible Sprache. Strategien zum fairen Formulieren“ (2020) und der Journalistenwerkstatt „Gendersensible Sprache. Faires Formulieren im Journalismus“ (2022). Sie hat Literatur- und Sprachwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und beim Magazin KOM volontiert.

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