KI-Agenten: Systeme mit Eigeninitiative

AUS DEM MAGAZIN

Wenn Technologie beginnt, Arbeit aktiv mitzugestalten, geraten Tätigkeiten, Rollen und Selbstverständnis in Bewegung. Genau das geschieht im Zuge der KI-Agenten. Noch sind sie nur in wenigen Unternehmen im Einsatz, doch vieles deutet darauf hin, dass wir erst am Anfang einer Entwicklung stehen, die unsere Arbeit grundlegend verändern wird. KI-Agenten sind Assistenzsysteme mit Eigeninitiative. So beschreibt es Tina Arens. Die KI-Dozentin und -Beraterin unterstützt Menschen dabei, KI technisch zu verstehen, und begleitet Unternehmen bei der Einführung von Multi-Agenten-Systemen. „KI-Agenten handeln proaktiv, zerlegen Aufgaben, wählen Tools und führen Teilprozesse aus“, erläutert sie.
 

Wie eine von Microsoft Deutschland beauftragte Studie zeigt, halten Entscheider und Entscheiderinnen in Deutschland, in deren Unternehmen bereits mit KI gearbeitet wird, KI-Agenten für wichtig oder sehr wichtig für die digitale Entwicklung ihrer Organisation. Gemäß der von Civey im Juli 2025 durchgeführten Befragung versprechen sich jeweils mehr als die Hälfte der 1.000 Teilnehmenden schnellere Ergebnisse und eine generelle Entlastung durch die KI-Agenten. 45 Prozent sehen mehr Zeit für wertschöpfende Tätigkeiten, 26 Prozent sehen weniger bürokratischen Aufwand und 17 Prozent rechnen damit, dass KI-Agenten weniger Fehler machen werden als ihre menschlichen Kolleginnen und Kollegen.

Bessere Arbeitsergebnisse …

Reinhard Karger, Unternehmenssprecher vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), betont, dass es beim Einsatz von KI-Agenten weniger um Zeitersparnis geht, wie vielfach angenommen, sondern um bessere Arbeitsergebnisse bei ähnlichem Zeitaufwand. Ein Agent könne zum Beispiel bei der Eventplanung Marktvergleiche durchführen, den strategisch passenden Zeitpunkt evaluieren oder Kunden identifizieren, die sich als Gäste eignen – inklusive deren Zahlungsmoral. Auch angesichts der Tatsache, dass Aufgaben immer komplexer werden – etwa durch Compliance –, zeigt sich laut Karger der Nutzen: „Bei Reisekostenabrechnungen kann ein Agent automatisch prüfen, ob Rechnungen mit den tagesaktuellen Compliance-Richtlinien übereinstimmen“, gibt er ein Beispiel. 

Praktische Erfahrung damit hat Sebastian Wolters, der bei der Gemeinde Rosendahl im Münsterland den Bereich IT und Digitalisierung verantwortet. Da zunehmende Cyberkriminalität die Rechnungsprüfung immer intensiver macht, hat er mit seinem Team einen KI-Agenten gebaut, der in der Kommune eingehende Rechnungen 24/7 nach Auffälligkeiten checkt. „Mit menschlicher Arbeit wären solche Prüfungen über die regulären Arbeitszeiten hinaus nicht möglich“, so Wolters. Seine Verwaltung zählt übrigens zu den ersten, die Agenten breit einführt. Das Ziel ist dabei, wegzukommen von rudimentärer, nicht sinnstiftender Arbeit. „Früher hatten wir 30 bis 40 Datensilos, und Mitarbeitende waren ein Großteil ihrer Arbeitszeit damit beschäftigt, Daten von A nach B zu übertragen. Jetzt werden Daten durch KI-Agenten überall synchron gehalten – das ist eine enorme Entlastung von Tätigkeiten, die niemand gern macht“, erläutert der Digitalexperte.

… aber gemischte Gefühle bei den Mitarbeitenden

Doch all dem Potenzial zum Trotz blicken Mitarbeitende mit gemischten Gefühlen auf eine Zukunft, in der ihnen KI-Agenten im Beruf zur Seite stehen werden. Das zeigt eine im Juni 2025 durchgeführte Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov, die ebenfalls von Microsoft Deutschland beauftragt wurde. 37 Prozent der 500 befragten Angestellten ohne Führungsverantwortung äußerten sich eher negativ, 35 Prozent positiv. Auch die Mitarbeitenden der Gemeinde Rosendahl sind nicht durchweg erfreut über die KI-Agenten. „Manche Mitarbeitenden spüren Verlustängste, wenn sie sehen, dass Agenten Routineaufgaben präziser ausführen, als sie es tun“, sagt Sebastian Wolters.

„Wer sich stark mit seinen Routinen identifiziert, kann KI-Agenten als Gefahr erleben“, bringt es Tina Arens auf den Punkt. Andere wiederum würden Entlastung und Verunsicherung gleichzeitig erleben, da sie mit der durch die verschwindenden Routinen entstehenden neuen Freiheit überfordert seien. 

Beim Halbleiterhersteller Infineon zeigt sich bei der Einführung von KI-Agenten genau diese Ambivalenz. „In den Teams, in denen wir „Pilot Use Cases“ testen, gibt es Begeisterung und den Wunsch nach schneller Implementierung von KI-Lösungen. Die Kolleginnen und Kollegen erwarten sich, dass die Agenten sie in ihrer Arbeit unterstützen und repetitive Tätigkeiten übernehmen werden. Einige haben aber auch Sorge“, berichtet Franziska Schneider, die das operative HR-Geschäft des Konzerns verantwortet. „Insbesondere Mitarbeitende, die seit vielen Jahren in festen Aufgaben unterwegs sind, fragen sich, was mit ihrer Tätigkeit passieren wird. Diese begleiten wir durch unterstützende Lernformate und mit offenem Austausch zum Einfluss von KI auf die Arbeit von HR.“

HR als erstes Experimentiergebiet

Wichtig ist, Identitäts- und Verlustängste im Zusammenhang mit der neuen Technologie ernst zu nehmen. „Die Mitarbeitenden dürfen auf keinen Fall mit der Einführung eines KI-Agenten-Systems überrumpelt werden. Stattdessen sollten sie von Anfang an eingebunden und gut begleitet werden“, sagt KI-Beraterin Tina Arens. Die Ergebnisse der YouGov-Umfrage geben ihr recht: 44 Prozent der befragten Angestellten wünschen sich eine Begleitung durch KI-Spezialisten oder Workflow-Manager und -Managerinnen, die sich um eine gute Zusammenarbeit von Mensch und Maschine kümmern. Ebenso wichtig ist ihnen ein klar erkennbarer Mehrwert der KI-Agenten. 35 Prozent bestehen zudem auf guten Fort- und Weiterbildungen und 33 Prozent auf eine ehrliche Debatte zu den Chancen und Risiken der Agents. Franziska Schneider von Infineon weist zudem darauf hin, dass das Prinzip „Trial and Error“ organisationaler Alltag werden müsse. „Nur wenn Mitarbeitende ausprobieren dürfen, finden sie heraus, wohin ihr Weg gehen kann.“

Bei Infineon sind es zunächst die Mitarbeitenden von HR selbst, die mit den KI-Agenten experimentieren. Ein Vorgehen, das sich Tina Arens von allen Unternehmen wünscht: „HRler sollten optimalerweise die Ersten im Unternehmen sein, die KI-Agenten anwenden. So können sie aus der eigenen Erfahrung heraus ein größeres Verständnis für den Einsatz der Technologie sowie für die Ängste, Sorgen und Fragen der Mitarbeitenden entwickeln.“

Das Thema AI nimmt bei der HR von Infineon insgesamt einen hohen Stellenwert ein. Daher wurde hier vor zwei Jahren aus strategischen Gründen der Bereich „HR Digital“ gegründet. Leiter ist Kevin Kandathil, der neben Franziska Schneider bei Infineon die Einführung der KI-Agenten im Konzern verantwortet. In den „HR AIl Hands Meetings“, in denen sich alle 900 HR-Mitarbeitende von Infineon einmal pro Quartal versammeln, wird laut Kandathil ganz offen und transparent über den Einfluss und die Herausforderungen von Digitalisierung und KI – und eben auch von KI-Agenten – gesprochen. 

Begeisterung fördern

Um wiederum Wissen über KI und KI-Agenten in die gesamte Belegschaft zu bringen, hat man unter anderem im Konzern eine Digital Community aufgebaut. Hier vereinen sich in erster Linie Mitarbeitende, die sich aus sich heraus mit den neuen Technologien und Möglichkeiten beschäftigen wollen „Unser Ziel ist es, die Menschen im Betrieb für die Möglichkeiten durch die Digitalisierung samt KI-Agenten zu begeistern. Dabei setzen wir bei denen an, die neugierig auf das Thema sind“, erläutert Kandathil. Sebastian Wolters geht in seiner Behörde ähnlich vor: „Wir haben aus der Organisation heraus gefragt, wer Lust hat, mehr über Digitalisierung zu erfahren, und haben aus diesen Interessenten eine Community gegründet, die von meinem Team bespielt wird“, berichtet er. Man hoffe, dass so ein Funke überspringe und ein breiteres Interesse für KI-Agenten entstehe. 

Der Ansatz, die Konzentration zunächst auf jene Mitarbeitenden zu legen, die (mit aller Wahrscheinlichkeit) die Chancen durch die KI-Agenten erkennen, ist laut KI-Experte Reinhard Karges entscheidend. „Es sollten die Menschen im Unternehmen gefunden werden, die Lust auf die Arbeit mit KI-Agenten haben, die die Haltung haben: Da geht was! So kann auch die Neugier der anderen revitalisiert werden“, sagt er.

Chance für mehr Selbstwirksamkeit

Nach Überzeugung von Karger ist es wichtig, dass HR für die Technologie der Agenten im Unternehmen wirbt und die Chancen herausstellt. Mehr Selbstwirksamkeit der Mitarbeitenden sei dabei das entscheidende Stichwort. „Automatisierung zwingt zur Reflexion, welche Arbeitsschritte in Prozessen noch sinnvoll sind, was man delegieren will und was nicht“, so der KI-Experte. „Salopp gesagt: Wir kommen mehr in die Richtung: Wünsch dir was!“ Auch Tina Arens ist überzeugt: „Bevor ein Agent eingesetzt wird, müssen Prozesse offengelegt werden. Genau darin liegt ein Lerngewinn.“ Wegfallende Routinearbeiten würden Raum schaffen für Kreativität, Innovation, Strategie und mehr Empathie. Für sie sind KI-Agenten daher ein Werkzeug der Befähigung, nicht der Entmachtung. „Der Mensch bleibt Navigator: Er gibt Richtung und Ziel vor und kontrolliert die Agenten“, betont Arens. „Denn die Systeme erkennen zwar Muster, doch sie verstehen nicht, was diese im menschlichen oder organisatorischen Kontext bedeuten.“


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„Wenn Menschen merken, dass sie gestalten können, verlieren sie die Angst. Ihre Identifizierung mit der vorherigen Tätigkeit, dem reinen Tun, wird dann abgelöst von dem, was sie bewirken können“, ist Arens überzeugt. Laut Manuel Pietzonka, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Fachhochschule für Oekonomie und Management (FOM), sind Arbeit und Identität zwar nicht zwangsläufig miteinander verbunden. In Deutschland würden Menschen sich jedoch stärker mit ihrer Arbeit identifizieren als in vielen anderen Ländern. „Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir als eher individualistisch geprägte Kultur stark nach Selbstverwirklichung streben und viele dies in ihrer Arbeit suchen. Wir wollen unser individuelles Potenzial ausspielen und dabei unter anderem Kompetenz, Wertschätzung, und Selbstwirksamkeit erfahren“, sagt Pietzonka. Das legt nahe, dass KI-Agenten die Identifikation vieler Mitarbeitenden mit ihrer Arbeit sogar steigern könnten, wenn ihr Einsatz zu einer größeren Selbstwirksamkeit führt.

Von HRM zu HMR?

Sebastian Wolters hat dieses Erleben von Selbstwirksamkeit schon häufig bei seinen Kollegen und Kolleginnen beobachten können. In seiner Behörde nutzt man die durch KI frei gewordenen Ressourcen in erster Linie, um Prozesse zu dokumentieren, Wissen aufzubauen und Mitarbeitende so weiterzuentwickeln, dass sie künftig mehr Gestaltungsraum gewinnen und Kollegen und Kolleginnen mit anderen Tätigkeitsschwerpunkten vertreten können.

Letztlich könnte durch KI-Agenten eine Organisation entstehen, in der der Mensch nicht weniger Bedeutung hat, sondern in der seine Bedeutung neu definiert wird. Worauf es für HR dabei ankommt: Menschen durch die Veränderung zu begleiten, Räume zu öffnen und Wirksamkeit erlebbar zu machen. Weiter in die Zukunft gedacht, liegt – wie Tina Arens anmerkt – die Entwicklung von HRM zu HMR (Human Machine Resources) nahe. Das heißt: Personaler und Personalerinnen managen dann nicht nur Menschen, sondern auch KI-Agenten. Auch sie sind also gefordert, die eigene Identität im Zusammenspiel von Mensch und Maschine neu auszurichten.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Identität. Das Heft können Sie hier bestellen.

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Petra Walther ist freie Journalistin in Bonn.

Petra Walther

Petra Walther ist freie Journalistin in Bonn.

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