Der deutsche Arbeitsmarkt zeigt ein paradoxes Bild: Während der Fachkräftemangel anhält, wird der Berufseinstieg für junge Menschen zunehmend schwieriger. Eine Analyse der Recruiting-Plattform Stepstone, die über vier Millionen Stellenanzeigen von 2020 bis 2025 auswertete, offenbart einen klaren Trend. Der Anteil der Jobs für Berufseinsteiger ist seit 2023 stark gesunken und liegt im ersten Quartal 2025 um 45 Prozent unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Das ist ein niedrigeres Niveau als zu Beginn der Coronapandemie.
Seit dem Start von Chat-GPT & Co. sinkt der Anteil klassischer Bürojobs wie Vertrieb (−56 %), Personalwesen (−50 %), Beratung (−39 %) oder Recht (−30 %), also genau jener Jobs, in denen Berufseinsteiger oft starten. Gleichzeitig boomen Berufe mit starkem menschlichem Kontakt, wie Bildung (+96 %) oder Handwerk (+52 %). Wenn junge Menschen durch KI zunehmend in den Einstiegsjobs verdrängt werden, dann wird ihnen die Möglichkeit genommen, ihr „Handwerk von der Pike auf“ zu lernen und sich die Kompetenzen in der Praxis anzueignen, die für höhere Qualifikationen unerlässlich sind. Und die jedes Unternehmen braucht. Das allein ist schon alarmierend für eine nachhaltige und resiliente Personalstrategie in Zeiten des demografischen Wandels, des Fachkräftemangels und der Digitalisierung im KI-Zeitalter. Hinzu kommen noch weitere Erkenntnisse aus der Wissenschaft, die zeigen, dass wir nicht nur bei den Berufseinsteigern, sondern in allen Bereichen und Karrierestufen auf eine massive Erosion von Skills und Kompetenzen zusteuern. Auch hier gerade wegen und durch KI im Job.
Neuronale Aktivität und kognitive Leistung sind beeinträchtigt
Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat höchst relevante Erkenntnisse über die Auswirkungen von Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT auf die menschliche Lernfähigkeit zutage gefördert. Die über vier Monate durchgeführte Untersuchung mit 54 Teilnehmern dokumentiert, wie der Einsatz von KI-Schreibhilfen die neuronale Aktivität und kognitive Leistung messbar beeinträchtigt. Die Wissenschaftler teilten die Probanden in drei Gruppen auf: Eine Gruppe nutzte LLM-Tools, eine zweite Gruppe gewöhnliche Suchmaschinen und eine dritte Kontrollgruppe arbeitete ausschließlich mit dem eigenen Gehirn. Über drei Sessions hinweg schrieben alle Teilnehmer Essays unter Verwendung ihrer zugeteilten Hilfsmittel.
In einer entscheidenden vierten Session wurden die Gruppen getauscht: LLM-Nutzer mussten ohne technische Hilfe arbeiten, während die „Nur-Gehirn“-Gruppe erstmals KI-Tools einsetzte. Mittels EEG-Messungen konnten die Forscher die Gehirnaktivität der Probanden in Echtzeit überwachen. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die neuronale Konnektivität nahm systematisch ab, je mehr externe Unterstützung die Teilnehmer erhielten. Während die „Nur-Gehirn“-Gruppe die stärksten und weitreichendsten Netzwerkverbindungen im Gehirn zeigte, lag die Suchmaschinen-Gruppe im Mittelfeld. Die LLM-Gruppe wies die schwächste neuronale Kopplung auf.
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Besonders besorgniserregend sind die Langzeitauswirkungen. Teilnehmer, die zuvor LLMs genutzt hatten und dann ohne Hilfsmittel arbeiten mussten, zeigten dauerhaft schwächere neuronale Verbindungen und eine Unteraktivierung wichtiger Gehirnregionen. Umgekehrt demonstrierten Probanden, die erstmals KI-Tools verwendeten, eine erhöhte Gehirnaktivität und bessere Gedächtnisleistungen. Die Forscher werten das als einen Hinweis darauf, dass das „KI-untrainierte“ Gehirn noch alle kognitiven Ressourcen mobilisieren kann. Es ist also in der Praxis wichtig, dass KI immer erst in späteren Schritten der jeweiligen Aufgabe eingesetzt wird. Auf keinen Fall zu früh oder gleich von Beginn an!
Auffällige Homogenität in Wortwahl
Die Studie offenbarte noch weitere Defizite. LLM-Nutzer zeigten eine auffällige Homogenität in Wortwahl und Themenbehandlung. Ihre gefühlte Eigenverantwortung für die verfassten Texte war deutlich geringer. Sie konnten sich nur wenige Minuten nach dem Schreiben schlechter an den Inhalt ihrer eigenen Essays erinnern. Der Grund liegt wahrscheinlich darin, dass ihr Gehirn die Inhalte nicht selbst durchdrungen und erarbeitet, sondern nur konsumiert hat. Diesen Effekt des schnellen Vergessens kennen wir nicht erst seit ChatGPT, sondern bereits seit dem Aufkommen von Social Media mit der berühmten „Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs“.
„Diese Studie demonstriert die dringende Problematik einer wahrscheinlichen Verschlechterung der Lernfähigkeiten“, warnen die Autoren der Studie explizit und eindrücklich. Während KI-Tools zweifellos Effizienzgewinne versprechen, könnte ihr unreflektierter Einsatz langfristig die fundamentalen Denkfähigkeiten der Nutzer schwächen. Damit könnte sogar der erhoffte Effizienzgewinn zunichte gemacht werden, weil die KI zwar schnell arbeitet, die Menschen aber immer träger, unselbstständiger und unproduktiver werden.
Die Forscher appellieren daher an einen bewussten und kontrollierten Umgang mit KI- und Agenten-Technologien, um die kognitiven Fähigkeiten zukünftiger Generationen zu bewahren. HR ist hier in der Pflicht und Verantwortung, dafür zu sorgen und damit nicht nur die menschliche Produktivität und mentale Leistungsfähigkeit zu erhalten, sondern genau damit auch die Wettbewerbsfähigkeit und Innovativität des Unternehmens nachhaltig zu sichern.
Weniger kritisches Denken und Technostress
Mit ihren Ergebnissen stehen die MIT-Forscher nicht allein. Eine australische Studie aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Ergebnis, dass die regelmäßige Nutzung von KI-Dialogsystemen zur Abnahme kritischen Denkens, zu schlechterer Informationsspeicherung und verstärkter kognitiver Abhängigkeit von schnellen Heuristiken führt. Eine weitere europäische Studie rumänischer Forscherinnen und Forscher zu „Technostress und mentaler Gesundheit“ stellt eine „signifikante Assoziation zwischen AI-induziertem Technostress und erhöhter Angst und Depression“ fest. Der World Mental Health Report, der in diesem Frühjahr veröffentlicht wurde, dokumentiert ebenfalls, dass Menschen umso ängstlicher, unselbstständiger und unkritischer werden, je jünger sie sind.
Die Menschen in höherem Alter sind viel besser in der Lage, ihr Leben zu meistern und selbst zu steuern, und ihre mentale Gesundheit und ihr Wohlbefinden sind deutlich höher als bei den Jüngeren. Die Generation 55 plus liegt im weltweiten Durchschnitt bei einem Mental-Health-Quotienten von 101. Bei den jungen Menschen liegt der Mental-Health-Quotient bei gerade einmal 38. Das sind mehr als 60 Punkte Unterschied! Das bedeutet, dass die jüngeren Generationen mental nicht in der Lage sind, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen und selber zu gestalten. Sie fühlen sich ausgeliefert und ertragen das Leben sozusagen. Von Selbstvertrauen und Gestaltungswillen ist kaum eine Spur zu finden. Der Report nennt Smartphones und KI als Gründe für den Verfall vieler Kompetenzen. Das ist auch nachvollziehbar. Je älter die Menschen sind, umso mehr und länger sind sie es gewohnt (gewesen), selber zu denken und zu entscheiden und konnten diese Aufgaben auch gar nicht an KI delegieren. Mit ChatGPT und Agenten geht das so einfach wie nie …
Kompetenzverluste unabhängig vom Alter
Der Grund für den Kompetenzverlust – nicht nur bei den Jungen, sondern auch bei den älteren Menschen mitten im Jobleben – ist die sogenannte Neuroplastizität unseres Gehirns. Neuroplastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, sich aufgrund von Erfahrungen zu verändern und anzupassen. Es ist ein Überbegriff, der sich auf die Fähigkeit des Gehirns bezieht, neuronale Netze zu verändern, zu reorganisieren oder zu vergrößern. Plastizität bezieht sich demnach auf die Formbarkeit des Gehirns oder die Fähigkeit, sich zu verändern – es bedeutet nicht, dass das Gehirn plastisch ist.
Neuro bezieht sich auf Neuronen, die Nervenzellen, die die Bausteine des Gehirns und des Nervensystems sind. Dabei kann es sich um funktionelle Veränderungen aufgrund von Hirnschäden oder um strukturelle Veränderungen aufgrund von Lernprozessen handeln. Das menschliche Gehirn besteht aus etwa 100 Milliarden Neuronen. Zunächst nahm die Forschung für lange Zeit an, dass die Neurogenese, also die Bildung neuer Neuronen, kurz nach der Geburt aufhört. Heute weiß man, dass die Neuroplastizität des Gehirns es ihm ermöglicht, Bahnen umzugestalten, neue Verbindungen zu schaffen und in einigen Fällen sogar neue Neuronen zu bilden. Es gibt zwei Hauptarten der Neuroplastizität:
- Funktionelle Plastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, Funktionen aus einem geschädigten Bereich des Gehirns in andere, nicht geschädigte Bereiche zu verlagern.
- Strukturelle Plastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, seine physische Struktur als Ergebnis von Lernprozessen zu verändern.
Intelligenz und kognitive Flexibilität hängen also davon, wie stabil und flexibel bereits Gelerntes im Gehirn verankert und abrufbar ist. Das gilt unabhängig vom Alter. Wichtig ist die Wiederholung und Anwendung. Regelmäßiges Anwenden durch Abruf („retrieval practice“) und verteilte Wiederholung („spacing“) – also das Anwenden von Wissen und Können in unterschiedlichen Kontexten und Situationen – festigt Gedächtnisspuren, verbessert den späteren Transfer auf neue Aufgaben und sichert das Wissen und Können langfristig.
Neurobiologisch hält Training die relevanten Netzwerke in unserem Gehirn auf einem kräftigen Niveau. So wie wir es aus dem Sprichwort kennen: „Das Gehirn ist ein Muskel.“ Natürlich ist es das nicht. Aber es funktioniert nach einem vergleichbaren Prinzip. Übung verändert messbar die Struktur des Gehirns und erhöht die Leitungseffizienz in den genutzten Bahnen.
Denkaufgaben werden an KI delegiert
Ohne Nutzung bauen Menschen diese Kompetenzen ab. Mit immer mehr KI und Agenten im Job passiert das, denn Denkaufgaben werden an die KI delegiert. Dieser Abbau und Verlust von kognitiven Fähigkeiten tritt sogar schneller bei komplexen Fertigkeiten und Problemen auf. Wir müssen also darauf achten, dass wir gerade die anstrengenden und herausfordernden Aufgaben selber erfassen und verstehen und die KI erst später als Hilfe einsetzen. Menschen neigen aber dazu, den bequemen Weg zu nehmen und sofort die KI zu nutzen. Weitere Folgen von zu wenig selber Denken sind, dass Geschwindigkeit und Genauigkeit im Denken leiden. Wir werden mental und kognitiv immer träger und fauler.
Längere Pausen verschärfen diesen Effekt noch. Das bedeutet: Je länger Unternehmensführung und HR den Prozess laufen lassen und die eigenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sich mehr oder weniger aussuchen können, wann sie KI einsetzen beziehungsweise, dass sie das immer gleich und sofort tun können, umso größer wird der Kompetenzverlust sein. Und damit auch der Schaden für Menschen und Organisation.
Der Grund dafür: In automatisierten Umgebungen mit immer mehr KI entsteht der sogenannte „Out-of-the-loop“-Effekt. Situationserkennen und die Fähigkeit zum kritischen Eingreifen verschlechtern sich bei Menschen, weil aktive kognitive Teilaufgaben wegfallen. Bei Piloten ist beispielsweise schon seit den 1980er Jahren dokumentiert, dass intensive Automationsnutzung manuelle und insbesondere kognitive Fertigkeiten messbar erodieren lässt. Dass externe Führung über digitale Tools und Apps die aktiven Gedächtnissysteme von uns dämpft, zeigt sich auch beim Navigieren.
Wenn Personen ihrem „Navi“ folgen, statt selbst zu planen und sich zu orientieren, fällt die Beteiligung von Hippocampus und präfrontalem Cortex im Gehirn deutlich geringer aus. Das sind genau jene Systeme, die flexible Planung und kognitives Verstehen leisten. Die Konsequenz daraus lautet: Gelernte Dinge müssen regelmäßig, mit Abständen und per aktivem Abruf in wechselnden Kontexten angewendet werden, sonst schwinden Leistung und neuronale Effizienz. Die Menschen werden fauler und dümmer.
Wo Automatisierung und KI im Unternehmen Einzug halten, braucht es bewusste Erhaltungsübungen für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und das auf allen Karrierestufen. Wie diese genau aussehen können, muss erst noch entwickelt werden. Klar ist aber, dass es hier darauf ankommen muss, Menschen sozusagen zum Selberdenken und -analysieren zu „zwingen“ und auf die Schulung natürlicher Kompetenzen wie Empathie, Intuition, vernetztes Denken, unlogisches Denken bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu setzen. Denn diese Kompetenzen können nicht von KI ersetzt werden. In der Kombination mit KI werden aber überproportional produktive, kreative und resiliente Ergebnisse erzielt. Die Wissenschaft liefert aktuell immer mehr Erkenntnisse, die alle in die gleiche Richtung deuten. HR steht nun in der Verantwortung, daraus die praktischen Schlüsse zu ziehen und ins Handeln zu kommen.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Handwerk. Das Heft können Sie hier bestellen.

