Im Lockdown

Porträt

Als Natalie Grams 22 Jahre alt war, kam ihr in einer Landstraßenkurve ein Auto entgegen. Es hatte ihre Spur geschnitten und fuhr auf sie zu. Die Medizinstudentin riss das Lenkrad herum, raste in eine Böschung hinein, ihr Auto überschlug sich mehrfach, knallte gegen Bäume. Totalschaden. Während die Person im anderen Wagen gnadenlos weiterfuhr, saß Natalie Grams in ihrem zerstörten Auto und konnte es nicht fassen. Sie war am Leben. Von diesem Unfall wird sie in den kommenden Jahren noch oft erzählen, in Büchern, Interviews und Podcasts. Aber nicht, wegen des unglaublichen Glücks, das sie gehabt hatte, sondern weil das auch der Ursprung einer besonderen Geschichte ist. Ihrer Geschichte mit der Homöopathie. 

Monate nach dem Unfall wurde die junge Frau nämlich immer wieder ohnmächtig, hatte Herzrasen. Sie ging zu verschiedenen Ärzten. Körperlich war alles ohne Befund. Grams war ratlos, die Kollegen auch. Hilfe fand sie schließlich bei einer Heilpraktikerin, die umsetzte, was in Arztpraxen oft zu kurz kommt: eine detaillierte Anamnese, tiefergehende Fragen zum Lebenswandel, den Umständen der Patientinnen und Patienten. Sie nahm sich schlicht Zeit.  

Diese Zuwendung und Empathie war womöglich das, was Grams damals aus ihrem Zustand half. Denn die Heilpraktikerin führte die körperlichen Symptome auf den Unfall zurück, und riet ihr zu einer Traumatherapie. Die machte Grams dann auch, die Stunden förderten eine posttraumatische Belastungsstörung zutage. Zu einer Psychotherapeutin zu gehen, darauf wäre sie damals nicht gekommen, wird sie später in vielen Interviews bekennen. Therapie? Das ist doch etwas für Verrückte, lautete ein starker Glaubenssatz vor dem Unfall. „Das ist mir heute peinlich“, sagt Natalie Grams rückblickend. 

Tiefe Überzeugung 

Dass die Zuwendung und die Therapie vermutlich die Lösung für ihre Symptome waren und nicht die Globuli, die ihr die Heilpraktikerin damals in die Hand drückte, daran dachte Grams zu dem Zeitpunkt nicht. Sie war überzeugt von der Heilkraft der Alternativmedizin und wollte selbst auch so arbeiten. Sie studierte zu Ende und machte zusätzlich Weiterbildungen zu Homöopathie, Traditioneller Chinesischer Medizin, Yoga, Meditation. Sie absolvierte Praktika in Naturheilkliniken und promovierte zur Sicherheit von Heilkräutern. Im dritten Jahr ihrer Fachärztinnenausbildung zur Allgemeinmedizinerin in einem Krankenhaus bot ihr ein Arzt an, in seine gutlaufende Privatpraxis für Homöopathie einzusteigen. Er wollte in Rente gehen. Für Natalie Grams ging ein Traum in Erfüllung.  

Das war 2009, elf Jahre nach dem Unfall. Es folgte eine Zeit des Wohlstands, der persönlichen Erfüllung. Dass Homöopathie hoch umstritten ist, störte sie nicht. „Mir war viel wichtiger, endlich Zeit für meine Patientinnen und Patienten als Menschen zu haben“, sagt Grams und erinnert sich, als sie in den Neunzigern studierte, sei vor allem auswendig gelernt und wenig hinterfragt worden. „Evidenz galt damals noch als eine fast anrüchige Sache aus den USA“, scherzt sie. Erfahrung empfanden viele als wichtiger.  

Das alles ging so lange gut, bis 2011 eine Wissenschaftsjournalistin ein Interview bei ihr anfragte. Sie schreibe an einem Buch über alternative Heilverfahren und überprüfe diese kritisch mit einem Kollegen, sagte sie Grams, die ihr schließlich Rede und Antwort stand. Sie wollte zeigen, wie wirksam die alternativen Methoden sind. Wäre doch gelacht.  

Abkehr von der Homöopathie

Im Jahr darauf erschien also Die Homöopathie-Lüge und Grams suchte darin nach ihren Interviewpassagen. Sonst hätte sie solch ein Buch auch nicht in die Hand genommen. Doch nun blätterte sie darin, merkte, dass ihr Name gar nicht fiel, las trotzdem weiter, ärgerte sich. „Heute weiß ich, dass ich wahrscheinlich einfach nichts anderes gesagt habe als alle anderen überzeugten Homöopathen vor mir“, sagt Grams. Sie wollte eine Replik schreiben. Die würden schon merken, dass sie falsch liegen. Als sie allerdings zahlreiche Studien gelesen hatte und merkte, dass es keine sicheren Beweise für die Wirksamkeit der Methode gibt, die über den Placeboeffekt hinausgeht, begann ihr Glaube an die Wirksamkeit der Streukügelchen zu wackeln. Sie sprach mit zahlreichen Wissenschaftlerinnen, Chemikern und Physikern und sah ein, dass auch der angebliche Wirkmechanismus wissenschaftlich nicht haltbar war. Ein Jahr lang rang sie mit sich. „Ich verstand schließlich, positive Einzelerfahrungen begründen leider gar nichts.“ Ihr Buch mit dem geschmeidigeren Titel Homöopathie neu gedacht. Was Patienten wirklich hilft erschien 2015. „Ich wollte damals eine Brücke zwischen beiden Welten schlagen“, sagt sie. Vielleicht ließe sich das Positive aus der Homöopathie ja in die Medizin retten. Das Ideal wäre eine zuhörende Medizin. Die damals 37-Jährige schloss ihre Homöopathie-Praxis. Alles andere ließ ihr Gewissen nicht zu. Dann ging es richtig los.  

Natalie Grams wurde deutschlandweit zu einer der bekanntesten Stimmen der Homöopathie-Kritik. Sie wurde gefeiert, sie wurde gehasst. Magazine betitelten ihre Porträts „Die Ketzerin“ oder „Die Nestbeschmutzerin“ und erzählten ihre Geschichte, berichten von den Drohungen, Anfeindungen, der sozialen Ausgrenzung, die der radikale Shift in ihrer Vita zur Folge hatte. Doch Natalie Grams machte weiter. Sie hielt Vorträge, arbeitete als medizinische Fachtexterin, war Mitgründerin des kritischen Informationsnetzwerks Homöopathie, schrieb eine Kolumne, startete den Podcast Grams’ Sprechstunde. Alles im Dienst der Aufklärung.  

Stillstand 

Im Februar 2024 allerdings erschien auf dem Portal detektor.fm eine Podcast-Folge von nur rund vier Minuten. „Long COVID: Staffelpause auf unbestimmte Zeit“, lautet der Titel, Grams erklärte darin, dass sie seit November 2023 an Long Covid erkrankt sei. Sie hatte sich nach ihrer zweiten Coronainfektion nicht mehr erholt. Im Podcast-Take klingt Grams als würde sie kaum Luft bekommen. Sie musste den Erklärtext in mehreren Etappen aufnehmen, schnitt später die größten Luftschnapper heraus. Fachleute hörten dennoch ihre Dyspnoe, die unbarmherzige Atemnot – und schrieben ihr. Natalie, das klingt pathologisch! 

Sie kann seither einfach nicht mehr so viel Luft einatmen, wie sie bräuchte, um fließend zu sprechen. Sie kann sich auch nicht mehr aufrichten, ohne Herzrasen und, im schlimmsten Fall, einen Kreislaufkollaps zu bekommen. Natalie Grams hat nicht nur Long Covid, sondern eine daraus entwickelte schwere, neuroimmunologische Multisystemerkrankung. ME/CFS betrifft mehrere Organsysteme und hat viele Symptome: Atemnot, Muskelschmerzen – selbst das Halten des eigenen Kopfes kostet zu viel Kraft –, bleierne, extreme Erschöpfung, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. Diagnose: schwierig und oft langwierig. Es gibt noch keine Biomarker oder Labortests, nur eine klinische Ausschlussdiagnose ist möglich, was für viele Ärztinnen und Ärzte herausfordernd ist, weil sie die Krankheit nicht kennen oder nicht ernst nehmen. Behandlungsmethode: keine.  

Jede betroffene Person muss also bisher irgendwie selbst damit zurechtkommen. Grams, selbst Ärztin, erlebt nun hautnah die Odyssee, die viele chronisch Kranke im Gesundheitssystem durchmachen. Sie muss ihre Beschwerden erklären, rechtfertigen, verteidigen. Sie probiert alle möglichen Medikamente aus, um die Symptome in den Griff zu bekommen. Welche das sind? Das interessiert in Betroffenenkreisen alle natürlich brennend.  

Zurück zur Selbstbestimmtheit 

Grams schrieb 2024 ein Buch über ihren Weg, besser gesagt, sie diktierte es mit geschlossenen Augen im Liegen, häppchenweise. Doch kein Verlag wollte es herausbringen. Gut geschrieben ist es ja, hieß es, aber das verkauft sich nicht. Nach dem Motto: Corona ist doch vorbei. Sie postete ihre Enttäuschung darüber auf Instagram. Die Community brodelte, sie wollte das Buch. Sie bot ihr Hilfe an, Lektorat, Gestaltung, das würden andere für sie übernehmen, sie solle das Buch doch selbst veröffentlichen. Das machte sie. „Ich habe so viel Unterstützung erfahren in dieser Zeit, dieses Geben, Nehmen und auch Annehmen der Community hat mir durch die dunkelsten Stunden geholfen“, sagt Grams. Sie gibt seitdem kurze Interviews, schreibt Gastbeiträge, postet auf Instagram zum Thema – soweit es ihre Kräfte zulassen. Denn all das kostet sie viel Energie. Es gibt ihr, gemeinsam mit ihren vier Kindern und ihrem Partner, aber auch ein Stückchen Lebenssinn zurück. 

„Es gibt Momente, da bin ich so erschöpft, dass ich wirklich nur daliege, einfach gar nichts mache, außer atmen“, erzählt die 47-Jährige. Dann gebe es aber auch Phasen, in denen sie wisse: Ich muss liegen – aber eigentlich habe ich 1000 Ideen im Kopf. „Mein Antrieb ist ganz normal erhalten“, sagt sie. Das lässt sie oft verzweifeln. Früher ist Grams in Frust-Momenten Joggen gegangen oder hat eine Freundin angerufen. „Diese Kompensationsmechanismen fallen alle weg“, sagt sie. „Man ist mit diesen Gefühlen im Bett gefangen und kann nicht entkommen, gleichzeitig weiß man, dass man sich nicht stressen darf. Es ist ein ewiges Austarieren.“ Atemmediation ist alles, was bleibt. Zwei Jahre macht sie das nun, und langsam geht es bergauf, aber es ist weiterhin ein Leben im Zeitlupentempo. 


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Natalie Grams hat ein gutes Pacing gefunden, eine Methode des Energiemanagements, die bedeutet, sich selbst das richtige Tempo vorzugeben. Das Ziel ist es, Crashs zu vermeiden. Das ist ein Zusammenbruch, eine sogenannte Post-Exertionelle Malaise, die Betroffene nach einer Überanstrengung zeitverzögert überfällt. Der Zustand verschlechtert sich und eine Rückkehr ins Leben wird noch schwieriger. Manchmal führt bereits das Zähneputzen zu einem stundenlang andauernden Crash. 

Deshalb trackt Grams mit der extra dafür entwickelten App „Visible“ ihre Herzfrequenzvariabilität. Damit prüft sie, wie das Herz-Kreislauf-System mit Belastungen zurechtkommt. Dadurch kann sie einschätzen, was sie wann am Tag machen kann. „Mein Alltag ist sehr verschult“, sagt sie. „Ich habe ziemlich genaue Zeiten, wann ich aktiv bin, wann ruhig.“ Es gibt beispielsweise Duschtage. Denn das geht nur, wenn keine anderen Aufgaben an dem Tag anstehen. Denn auf alle Aktivierungsversuche muss eine Pause folgen, in der sich das System erholen kann. Telefonate begrenzt sie auf rund 25 Minuten, mit einer zweistündigen Pause danach. Durch diese ausgeklügelte Pacing-Strategie hat sich ihr Alltag erholt und sie konnte die Belastung in winzigen Schritten steigern. Anfangs ging sie mit dem Rollator und im Rollstuhl vor die Tür, mittlerweile kann sie wieder kurz mit dem Hund spazieren gehen oder der Familie ein Abendessen zubereiten. Ein großer Wunsch ist allerdings noch in weiter Ferne: Sie möchte gerne wieder arbeiten. 

Seit 2022 leitet Grams – neben ihrer Tätigkeit als Podcasterin und Autorin – hauptberuflich das Health-Team im Bereich Kommunikation und Kampagnen bei der Strategieberatung ifok in Bensheim, in der Nähe ihres Wohnorts Heidelberg. Als sie erstmals öffentlich über ihre Erkrankung sprach, schnellten im Intranet ihres Arbeitgebers die Klickzahlen hoch. Auf einem eingekauften Gesundheitsportal hatte die Beratung einen Beitrag zu Long Covid/ME/CFS eingestellt. Die Leute wollten wohl wissen, womit die krankgeschriebene Kollegin da zu kämpfen hat.  

Der große Wunsch: wieder in den Job zurück 

Als sie sich von ihrer Coronainfektion nicht mehr erholt, spricht sie oft mit Heidi Münch, Teamleiterin der HR-Administration. Als nach 72 Krankenwochen das Krankengeld endete, war es Münch, die bei der Arbeitsagentur und der Krankenkasse anrief, sich in einem Moment kümmerte, in dem Grams die Kraft fehlte. „Wir wollten ihr zeigen: Du bist uns wichtig“, sagt die HR’lerin heute. „Personaler sollten Kranke immer als Einzelfall behandeln. Kreativ sein. Das heißt, wir können als Arbeitgeber ruhig mal ungewöhnliche Seitenwege gehen, um dann wieder auf die Hauptstraße zurückzukommen.“  

Die Personalerin wollte herausfinden, ob man nicht eine Wiedereingliederung anders umsetzen könne als nach dem Standard: sechs Wochen, beginnend mit zwei Stunden pro Tag. Und ja: Eine Eingliederung kann sich auch über sechs Monate erstrecken. Denkbar wäre auch eine befristete Erwerbsunfähigkeitsrente in Teilzeit, ergänzend zum Teilzeit-Gehalt.  

Wenn Grams stundenweise zurückkehren kann, werden auch ihre Aufgaben angepasst, berichtet Martina Goddard, HR-Chefin von ifok. Auch sie steht mit Grams im Kontakt, schreibt ihr: „Du musst dich nicht melden, aber wenn du es tust, freue ich mich.“ „Früher hat Natalie extrem viel gleichzeitig gemacht, Brände gelöscht, viele Calls gehabt. Das geht nun natürlich nicht mehr“, sagt Goddard. „Wir haben das Team erst mal versorgt, so dass sie weiterarbeiten können. Kehrt Natalie zurück, wird sie keine Akquise mehr machen, eher recherchieren und schreiben“, sagt Goddard. In ihrem Tempo. Erst einmal verteilt auf wenige Stunden in der Woche. 

Bei beiden klingt vor allem eines durch: HR darf in solch einem Fall nicht nur einfach Dienst nach Vorschrift machen und muss vor allem Vertrauen aufbauen. Das berufliche Eingliederungsmanagement (BEM) habe zu Unrecht einen schlechten Ruf, findet Heidi Münch. „Viele denken, wenn der Arbeitgeber dir BEM anbietet, wirst du bald gekündigt.“ Diese Angst sei völlig unbegründet. „Natürlich sind wir Arbeitgeber, natürlich haben wir einen gewissen Abstand“, sagt die HRlerin. „Aber das hindert uns ja nicht daran, menschlich zu sein.“  

Natalie Grams ist dankbar für das Entgegenkommen, den Halt und das Interesse, das vonseiten ihres Arbeitgebers und von ihrer Online- und Wissenschafts-Community kommt. Nach dem Unfall und der Abwendung von der Homöopathie hat es mit der Erkrankung nun einen dritten großen Wendepunkt in ihrem Leben gegeben. Geschlagen oder hoffnungslos gibt sie sich aber keineswegs. Und ermöglicht ein Interview auch dann, wenn sie es auf verschiedene Gesprächshappen verteilen muss, weil es ansonsten zu anstrengend für sie würde. Gleichzeitig kämpft sie wie viele andere Betroffene um einen Pflegegrad, einen Grad der Behinderung und um soziale Unterstützung mit der schweren Krankheit. „Die Krankheit wird allerdings institutionell immer noch hartnäckig ignoriert“, sagt sie. 

Grams hat sich mittlerweile von Instagram abgemeldet, ihr Buch über ME/CFS vom Markt genommen, weil sie es aktualisieren müsste. „Ich habe meinen Beitrag zur Aufklärung geleistet“, sagt sie. „Nun möchte ich die wenige Energie, die mir zur Verfügung steht, voll und ganz auf mein eigenes Leben und Vorankommen lenken. Ich brauche alle Kraft, damit ich im Frühling, nach der Infektsaison, hoffentlich wieder etwas arbeiten kann.“ 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Shift. Das Heft können Sie hier bestellen.

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Jeanne Wellnitz (c) Mirella Frangella Photography

Jeanne Wellnitz

Redakteurin
Quadriga
Jeanne Wellnitz ist Senior-Redakteurin in der Wirtschaftsredaktion Wortwert. Zuvor war sie von Februar 2015 an für den Human Resources Manager tätig, zuletzt als interimistische leitende Redakteurin. Die gebürtige Berlinerin arbeitet zusätzlich als freie Rezensentin für das Büchermagazin und die Psychologie Heute und ist Autorin des Kompendiums „Gendersensible Sprache. Strategien zum fairen Formulieren“ (2020) und der Journalistenwerkstatt „Gendersensible Sprache. Faires Formulieren im Journalismus“ (2022). Sie hat Literatur- und Sprachwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und beim Magazin KOM volontiert.

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