Eine Frage der Definition

Essay

Fotos makelloser Gesichter, garniert mit News vom brillanten Projekt: Wer nach den Schönen und Erfolgreichen sucht, wird auf Linkedin fündig. Selbst das Scheitern des eigenen Business lässt sich im Karrierenetzwerk noch glamourös inszenieren. Zumindest, wenn man dazu eine nachdenkliche Miene zeigt und Gedankentiefe demonstriert. Das könnte dann etwa so klingen: „Nach drei Jahren als CEO habe ich gemerkt, dass mein Weg eigentlich ein anderer ist – nun habe ich eine Yogaschule auf Bali eröffnet und Seelenfrieden gefunden.“ Hinter solchen Posts verbergen sich gleich mehrere Fragen: Was ist für mich persönlich eigentlich Erfolg? Wie lassen sich gleichzeitig zu meinen Wünschen gesellschaftliche Erwartungen erfüllen? Ein Spannungsfeld, in dem sich die Maßstäbe für Erfolg mitunter verschieben.

Gleichzeitig sind die meisten von uns noch geprägt von althergebrachten Mythen und Metaphern. Begriffe wie Karriereleiter und das Bild, Sprosse um Sprosse nach oben zu klettern, prägen unser Denken. Dazu gehört auch die Vorstellung, dass viel Engagement und ein möglichst später Feierabend automatisch zu einer Erfolgslaufbahn führen. Die gegenwärtigen Appelle der Bundesregierung befeuern Glaubenssätze, die schon unsere Großeltern predigten: Ohne Fleiß kein Preis, das Glück ist mit den Tüchtigen. So forderte jüngst Kanzler Friedrich Merz: „Wir müssen wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten. Mit Viertagewoche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.“ Besonders bei der jungen Generation dürfte er damit für Irritation gesorgt haben. Dass die Zahl der Arbeitsstunden als Messkriterium für Leistung und Erfolg taugt, scheint vielen nämlich ein Relikt aus vergangenen Zeiten zu sein.

Der Erfolgsbegriff hat eine objektive und eine subjektive Dimension. Formale Errungenschaften, etwa Abschlüsse, Titel und Profite, müssen sich nicht zwangsläufig mit dem Gefühl decken, etwas geschafft zu haben. Das hat Diana Bartl eindrücklich erlebt. Als die 46-Jährige im April einem Arbeitsvermittler gegenübersaß, wurde ihr gesamter Werdegang auf eine einzige formale Qualifikation reduziert: „Sie sind also Hotelfachfrau“, sagte der junge Mann und blickte nüchtern auf ihren CV. So erzählt es Bartl heute. Dass sie in den vergangenen 25 Jahren nicht nur ein eigenes Hotel geführt hat, sondern auch Fotografin, Coachin und Gründerin ist, spielte offenbar keine Rolle – alle ihre Erfolge fielen beim Amt durch das Raster. Dorthin getrieben hatte Bartl die Feststellung, dass sie neben ihrem Herzensprojekt, dem von ihr 2019 gegründeten Finanzbildungsprogramm „WERTvoll macht Schule“, noch einen Job benötigt, um über die Runden zu kommen. Und das, obwohl sie für ihr Start-up 2022 sogar den Bundespreis verliehen bekam. „Das war ein frustrierender Moment auf dem Amt“, erinnert sie sich. Ins Wanken gebracht habe er sie allerdings nicht. „Ich weiß ja, was ich schon alles gemeistert habe“, sagt Bartl.

Die Münchnerin berichtet bei Linkedin nun ganz offen von ihren zähen Besuchen beim Arbeitsamt. Dafür bekommt sie viel positives Feedback. Vielleicht, weil es gut tut, zwischen all den Hochglanz-Posts auch einmal authentische Berichte über Durststrecken in der beruflichen Vita zu lesen. Vor allem, wenn man selbst schon solche durchlebt hat.

Es droht ein Backlash

„Erfolg bedeutet, mich selbst als wirksam zu erleben und meine eigenen Vorhaben umsetzen zu können“, fasst Wirtschaftspsychologin Vera Starker ihre persönliche Definition des Begriffs zusammen. Die Messlatte lege jede Person selbst fest. Das wäre zumindest ein wichtiger Schritt, findet sie. Denn viele Menschen merken nicht, dass ihnen das gängige Bild von Erfolg vorschwebt – obwohl sie vielleicht nach bewusster Reflexion selbst eine viel differenziertere Vorstellung davon haben, was es für sie persönlich eigentlich bedeuten würde, erfolgreich zu sein. Wie viel äußere Anerkennung es braucht, um sich als erfolgreich zu erleben, hängt stark von der Persönlichkeit ab. „Menschen mit hoher Selbstbestimmung brauchen weniger Resonanz“, sagt Starker. Sie seien nicht so sehr auf Schulterklopfer angewiesen.

Im Coaching erlebt auch Starker, wie sich die Akzeptanz gegenüber alternativen Lebens- und Karriereentwürfen verändert hat, der Erfolgsbegriff langsam umgedeutet wird. In Umfragen wird der Wandel der Insignien des Erfolgs immer wieder deutlich: Freizeit statt Firmenauto und Eckbüro, sinnstiftende Aufgaben statt hochtrabender Titel. Laut Shell-Jugendstudie strebt etwa nur noch ein Drittel der unter 35-Jährigen eine klassische Führungsposition an. Wichtiger ist der Generation Z persönliche Entwicklung, gesellschaftlicher Beitrag und ein erfülltes Leben. „Zeit ist der neue Bonus“, fasst Starker zusammen. Doch nicht nur diejenigen, die mit New-Work-Konzepten aufgewachsen sind, träumen von einem erfolgreichen Leben jenseits des Hamsterrads. „Wenn ich etwa gestandene Finanzvorstände frage, was sie machen würden, wenn sie im Lotto gewännen, können mir erstaunlich viele detailgetreu einen alternativen Entwurf schildern“, erzählt die Coachin. Erfolgreich sein, das könne auch heißen, sich ehrenamtlich zu verwirklichen, während das erarbeitete Vermögen die laufenden Kosten deckt.

Doch in Zeiten wirtschaftlicher Rezession gibt es zuweilen einen Backlash. Wenn sich der Arbeitnehmermarkt in manchen Bereichen auflöst, Fachkräfte wieder um Jobs konkurrieren müssen, wird die New-Work-Welt von klassischen Leistungsforderungen zur Seite geschubst. Der Fokus liegt bei vielen Firmen nun wieder auf mehr Präsenz, mehr Arbeitsstunden. Ist die Marktstimmung trüb, orientiert man sich zuweilen wieder an den alten Erfolgskriterien, die Sicherheit suggerieren. Doch verfolgen Unternehmen einen anderen Erfolgsbegriff als das Gros ihrer Beschäftigten, kann das auf beiden Seiten Unmut wecken. Zum Beispiel: „Ich möchte in meinem eigenen Tempo etwas Sinnstiftendes erreichen“ versus „Wir müssen wieder mehr Leute in Vollzeit bringen, um möglichst schnell unsere Produktion hochzufahren und Umsätze zu steigern“.

HR als Gestalter eines neuen Erfolgsbegriffs

Die wachsende Diskrepanz zwischen objektiven und subjektiven Erfolgskriterien stellt das Personalmanagement aktuell vor Herausforderungen. „Viele Unternehmen können nicht erklären, wann bei ihnen jemand erfolgreich ist, was überhaupt dafür erfüllt sein muss“, sagt Starker. HR ist also gefordert, klare und zugleich flexible Leistungs- und Produktivitätsbegriffe zu entwickeln. Es gilt, sich nicht von unerreichbaren Idealen treiben zu lassen, sondern gemeinsam mit den Mitarbeitenden zu definieren, was Erfolg im jeweiligen Kontext bedeutet, und konkrete mittel- und langfristige Ziele zu setzen, die nicht nur aus Zahlen bestehen. Natürlich ist es beispielsweise im Vertrieb ein Erfolg, neue Kundschaft an Land zu ziehen. Doch zum erfolgreichen Arbeiten gehört beispielsweise auch, erst einmal passende Leads zu generieren, den Bestand zu pflegen und die Auszubildenden und Praktikanten zu betreuen. Diese eher unsichtbaren Aspekte werden zu oft übersehen.

Neuere Studien, wie die Studie „Association for Project Management“ (APM) von 2024, zeigen, dass ein Projekterfolg heute nicht nur an Zeit, Budget und Qualität gemessen wird, sondern auch an weicheren Kriterien wie etwa der Zufriedenheit von Stakeholdern. Besonders der „Wille zum Erfolg“ und die Identifikation mit dem Projekt gelten als entscheidende Faktoren dafür. 90 Prozent der befragten Projektleitungen gaben an, dass ihr vergangenes Projekt erfolgreich war – auch wenn nur 22 Prozent alle Ziele vollständig erreichten. Das unterstreicht: Erfolg ist immer auch eine Frage der Perspektive und der gemeinsam gesetzten Maßstäbe.

Eine gute Basis für gegenseitiges Verständnis bieten zunächst Einzelgespräche mit den Teammitgliedern, sagt Coachin Vera Starker und rät zu folgenden Fragen: Was bedeutet Erfolg für dich persönlich? In welchen Momenten hast du dich in diesem Job besonders erfolgreich gefühlt? Das kann für die eine Person die Entwicklung eines gesellschaftlich nützlichen Produkts sein, für die andere ein sicheres Einkommen für die Familie. Wieder andere müssen erst in die Reflexion gehen, um diese Frage beantworten zu können. „Das sollte kein Tabu sein, wir sollten alle mehr über unser Verständnis von Erfolg sprechen.“

Das findet auch Mona Ghazi. Beim Blick auf ihren Lebenslauf mag manchem schwindelig werden: Mit 14 Jahren begann sie ihr BWL-Studium, mit 16 gründete sie ihr erstes Start-up, mit 18 schloss sie einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften ab. Heute, mit 23, promoviert sie im Bereich Neuro-Entrepreneurship und führt ihr drittes Unternehmen. Eine reine Erfolgsgeschichte – oder? Ghazi lächelt. „Jetzt fühle ich mich erfolgreich, ja. Aber viele Jahre haben mich Versagensängste geplagt.“ Dass der Druck so hoch war, hing auch mit ihrer persönlichen Definition von Erfolg zusammen. Vor zehn Jahren schwebte ihr das absolute Maximum vor: Es zu etwas bringen, heißt, ein Unternehmen mit 10.000 Angestellten und einer Milliarde Euro Umsatz zu führen, dachte sie damals. Als erste und einzige Unternehmerin in ihrem nahen Umfeld kamen ihr als Vorbilder nur medial präsente Überflieger wie Ex-Apple-CEO Steve Jobs in den Sinn. „Das war ungesund“, sagt sie. „Und selbst wenn ich das erreicht hätte – dann wäre das nächste Ziel eben die Marke von zehn Milliarden gewesen.“

Rastlosigkeit statt Innehalten, permanente Selbstoptimierung – viele Unternehmer und Gründerinnen erleben diese Spirale. Mit 20 Jahren erlitt Ghazi nach Unstimmigkeiten mit ihrem Geschäftspartner und einer privaten Trennung schließlich einen Burn-out. Sie pausierte zwei Monate, verglich ihren Alltag mit dem der Gleichaltrigen, die neben dem Studium reisten und feierten. Und stellte sich die Frage: Wie kann ich meine ambitionierten Ziele umsetzen und gleichzeitig ein entspannteres Leben führen? Nach jahrelangem Coaching entdeckte sie die Hypnotherapie für sich, fand als analytisch denkender Mensch über tief liegende Erinnerungen besseren Zugang zu ihren Emotionen. Neben ihrer Forschung zu diesem Thema bietet sie heute anderen Unternehmerinnen und Gründern Neurocoaching an. „Gerade in dieser Gruppe, die von außen so erfolgreich wirkt, sind die Ängste, nicht gut genug zu sein, sehr verbreitet“, sagt sie.

Der Lebenslauf verrät nicht alles

Der Wandel zur Individualisierung ist spürbar: Erfolg ist heute mehr denn je eine Frage der Selbstwirksamkeit, der persönlichen Zufriedenheit und des gesellschaftlichen Beitrags. „Ich mache das, was mir wichtig ist, muss mich im Alltag nicht verstellen“, sagt Diana Bartl. Zurück in ein Hotel möchte die Gründerin nicht, stattdessen sucht sie Investoren und eine Co-Leitung für ihr Finanzbildungsprojekt, um es am Leben zu erhalten und damit eines Tages ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. „Das reicht mir als Erfolg, viel Geld muss dabei nicht herausspringen.“ Bis es so weit ist, bewirbt sie sich ergänzend weiter, vorzugsweise in sozialen Organisationen. Sie wünscht sich von HR, hinter die Daten und Fakten auf dem Lebenslauf zu blicken: „Die besten Leute, die ich als Geschäftsführerin eingestellt habe, haben bei mir nicht mal offizielle Dokumente eingereicht, aber aus ihren Biografien wurde deutlich, dass sie Hands-on-Qualitäten haben“, sagt sie. „Ich hoffe, dass auch ich das im Gespräch schnell deutlich machen kann.“

Wenn HR die Vielfalt der Erfolgswege erkennt, trägt das dazu bei, dass Unternehmen und die Menschen, die darin arbeiten, gemeinsam wachsen – jenseits von Überstunden und Mythen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Erfolg. Das Heft können Sie hier bestellen.

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Anne Hünninghaus, Foto: Jana Legler

Anne Hünninghaus

Anne Hünninghaus ist Journalistin und Redakteurin bei Wortwert. Sie war von Januar bis Oktober 2019 Chefredakteurin i. V. des Magazins Human Resources Manager. Zuvor arbeitete die Kultur- und Politikwissenschaftlerin als Redakteurin für die Magazine politik&kommunikation und pressesprecher (heute KOM).

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