Mag diese Frage auf den ersten Blick trivial erscheinen, so offenbaren die Antwortoptionen bei näherem Hinsehen philosophische Dimensionen größeren Ausmaßes. Glauben wir, dass künstliche Intelligenz (KI) uns Menschen besser verstehen und begleiten kann als wir selbst? Benötigen wir KI-Assistenten, um Coaching zu verbessern und eine neue Ära des „Augmented Coaching“ einzuläuten? Oder sind wir der Meinung, KI sei das Ende tiefgreifender menschlicher Beziehungen und führe zu Entfremdung und langfristiger Isolation in unserer Gesellschaft?
Der Boom ist bereits da – die Zahlen sprechen für sich
Die aktuelle Studie „How People Are Really Using Gen AI in 2025“ des Harvard Business Review zeigt: Die drei häufigsten KI-Anwendungsfälle 2025 sind allesamt coaching-relevant. An erster Stelle steht therapeutische Unterstützung, gefolgt von Hilfe bei der Lebensorganisation und der Sinnsuche. Unabhängig davon, wie weit KI bereits entwickelt ist, zeigt sich: Die Nutzer haben einen enormen Bedarf, diese Themen zu bearbeiten – und keine Hemmungen, sich direkt an KI zu wenden.
Während uns Studien noch nicht verraten, wie zufrieden Nutzer mit den Ergebnissen sind oder wie wirksam KI-Coaching im Vergleich zu menschlichen Coaches ist, gibt es bereits Untersuchungen zu KI-Coaching-Kompetenzen. Eine neue Studie der Fachzeitschrift Coaching: An International Journal of Theory, Research and Practice (2025) mit dem Titel Getting better all the time: using professional human coach competencies to evaluate the quality of AI coaching agent performance belegt: KI beherrscht bereits viele Kompetenzen, die über Grundkenntnisse im Coaching hinausgehen.
Warum der KI-Siegeszug unaufhaltsam ist
Wenn KI-Coaching-Kompetenzen bereits fast an erfahrene menschliche Coaches heranreichen und zusätzlich Faktoren wie ständige Verfügbarkeit, grenzenlose Geduld, geringe Kosten und Zugriff auf eine schier unendliche Datenbasis bietet – was soll den Siegeszug von KI-Coaching dann noch stoppen? Die kurze Antwort: Er wird nicht zu stoppen sein. Trotzdem brauchen wir menschliche Coaches – gerade jetzt! Denn dieselbe Stanford-Studie zeigt auch: KI gelingt es nicht, echte Verbindungen zu Nutzern aufzubauen und sie empathisch zu begleiten. Auch der Einsatz wichtiger Coaching-Elemente wie Humor, Metaphern und die Nutzung eigener Erfahrung ist KI nicht möglich.
Daher bleiben KI-Gespräche auf einer oberflächlichen Ebene, die zwar für Alltagsorganisation und neue Lösungswege hilfreich ist, aber nicht auf die tiefen Ebenen menschlicher Veränderung eingeht. Studien zur Coaching-Wirksamkeit, wie die Meta-Analyse von Theeboom et al. von 2014 im Journal of Positive Psychology, betonen stets: Die Beziehungsebene zwischen Coach und Coachee ist das wichtigste Element und die Voraussetzung für erfolgreiches Coaching.
Äpfel mit Birnen vergleichen führt nicht weiter
Dies zeigt: Es reicht nicht aus, dass KI-Coaching-Kompetenzen abspult, die ursprünglich als Kriterien für erfolgreiche menschliche Coachings entwickelt wurden. Es macht keinen Sinn, Äpfel mit Birnen zu vergleichen.
KI-Coaching bietet Perspektivwechsel, neue Impulse und einen stets verfügbaren Sparringspartner. Doch für echten Kontakt und die Unterstützung, dem eigenen Selbst, den eigenen Persönlichkeitsmustern und Bedürfnissen näherzukommen – dafür braucht es empathische, lebendige Coaches. Coaches, die Resonanz zu ihren Coachees erzeugen und tiefergehende Erkenntnisse und damit Veränderungen ermöglichen können.
Das Paradox unserer Zeit
Ich behaupte: Das Paradox unserer Zeit liegt darin, dass wir nicht nur trotz, sondern exakt wegen der allgegenwärtigen KI-Verfügbarkeit mehr denn je menschliche Coaches brauchen. Die ständige Versuchung, Dinge nicht selbst zu durchdringen, macht menschliche Begleitung umso wichtiger.
In Coaching-Gesprächen können die großen, philosophischen Fragen behandelt werden: Wo ist unser Platz und unser Sinn in einer zunehmend KI-gestützten Arbeitswelt? Gute menschliche Coaches helfen durch ihre empathische Verbindung, Klienten wieder mehr mit sich selbst in Kontakt zu bringen und bei der eigenen Entwicklung zu unterstützen.
Nicht umsonst meinte Coach und Autor Jonathan Reitz in seiner Keynote auf dem Future of Work Summit: „Coaches kommt zunehmend die Rolle moderner Philosophen in unserer Gesellschaft zu – und wir benötigen diese Rolle mehr denn je“.
Lesen Sie auch den ersten Teil der Kolumne:
Der Siegeszug niedrigschwelligen KI-Coachings hat begonnen und ist unaufhaltsam. Menschliche Coaches sollten sich daher auf ihre Kernkompetenz besinnen: tiefgreifende Gespräche, Reflexionen und empathische Beziehungen. Das bedeutet: Menschliche Coaches benötigen künstlerische Intelligenz – die Fähigkeit, individuell, spontan, authentisch und wenn nötig auch provokativ auf ihr menschliches Gegenüber zu reagieren und schöpferische Prozesse zu ermöglichen. Diese künstlerische Intelligenz bedeutet zum Beispiel, verdeckte und unbewusste Themen der Coachees aufzuzeigen oder auch größere Themen und Zusammenhänge in den Anliegen zu erkennen und zu bearbeiten. Es bedeutet auch, dass ein menschlicher Coach auf dieser Ebene in der Lage ist, einem Coachee seine dysfunktionalen Muster widerzuspiegeln und nicht nur stur an der Erreichung von Zielen mitwirkt. So können die Hintergründe der Ziele offenbart werden und es kann ein tieferes Selbstverständnis beim Coachee entstehen – nicht selten mit der Erkenntnis: „Eigentlich will ich etwas ganz anderes.“ Eine KI, die sich blind in den Dienst der dysfunktionalen Antreiber eines Coachees stellt, wird dessen Not sogar noch verschlimmern. Um sich aber überhaupt erst auf den tieferen Blick und so etwas wie dysfunktionale Antreiber einzulassen, braucht es Zeit, Tiefe und eine gewachsene vertrauensvolle Beziehung zwischen Coach und Coachee. All diese Faktoren können im typischen „Ad-hoc Setting“ von KI-Coaching nicht aufgebaut werden.
Handlungsempfehlungen für HR-Manager und Führungskräfte
HR-Verantwortliche stehen vor der Aufgabe, diese Entwicklung sinnvoll zu gestalten. Aus meiner Sicht ergeben sich folgende Empfehlungen:
- Hybride Coaching-Strategie entwickeln
- KI-Tools für operative Themen: KI-Coaching ist geeignet für Alltagsorganisation, schnelle Problemlösungen und erste Reflexionsimpulse.
- Menschliche Coaches für Tiefgang: Professionelle, menschliche Coaches sollten für Führungskräfteentwicklung, Karriereübergänge und persönliche Transformation eingesetzt werden.
- Coaching-Kompetenzen neu definieren
- Investition in Weiterbildung interner Coaches, zum Beispiel:
- Fokus auf empathische Verbindung, systemisches Denken und philosophische Gesprächsführung
- Weniger Methoden-Know-how, mehr menschliche Authentizität
- Klare Abgrenzung schaffen
- Klare Definition, für Personalentwicklungsmaßnahmen wann und für welche Themen KI-Tools sinnvoll sind und wann und warum menschliche Begleitung notwendig ist.
- Bewusstsein schaffen für die unterschiedlichen Qualitäten beider Ansätze
- Die neue Coach-Generation fördern
- Neue Coaches sollten über „künstlerische Intelligenz“ verfügen.
- Nicht nur standardisierte Zertifikate sind für die Eignung ausschlaggebend, sondern auch die Fähigkeit zu echter menschlicher Verbindung.
- Es gilt, den Empfänger von Coaching-Maßnahmen in der Organisation darin zu bestärken, mutig zu sein, auch unbequeme Gespräche zu führen.
Sinnvolle Koexistenz gestalten
Wer diese Punkte beachtet, kann eine sinnvolle Koexistenz zwischen KI-Coaching und menschlichem Coaching fördern: KI hilft im Alltag, schnelle Ideen und Lösungswege zu generieren. Aber da, wo es um tiefergehendes Verständnis von uns, unserer Welt und einem sinnhaften Leben geht, braucht es den menschlichen Coach.
Die Zukunft gehört nicht der Konkurrenz zwischen KI und Mensch, sondern der intelligenten Kombination beider Welten. Als HR-Verantwortliche haben Sie die Chance, diese Zukunft aktiv zu gestalten – zum Wohl Ihrer Organisation und der Menschen, die in ihr arbeiten.
