Gute Vorbereitung, bessere Verhandlungen

Verhandlung

Im Spitzensport entscheidet sich das Spiel selten im Moment selbst. Es wird in den Wochen davor gewonnen – auf dem Trainingsplatz, im Videoanalyse-Raum, im Kopf. Wer vorbereitet ist, kann souverän improvisieren. In Verhandlungen gilt dasselbe – nur wird es dort erstaunlich oft ignoriert. Deshalb widme ich die erste Kolumne im neuen Jahr einem entscheidenden Schritt für erfolgreiche Verhandlungen – der Vorbereitung. Gerade in der heutigen Zeit ist sie wichtiger denn je. Eine Liste mit Zahlen, Daten und Fakten ist das eine, aber sie reicht bei weitem nicht. Mit Blick auf 1. Personen, 2. Problem und 3. Prozess können Sie sich mental, psychologisch und strategisch optimal vorbereiten.

Nehmen Sie sich für die Vorbereitung Zeit – ein Plädoyer

Verhandlungsvorbereitung ist strategisches Handeln. Wenn man dieser Aufgabe Platz in vollen Kalendern einräumt und sich nicht von Termindruck, Routine oder vermeintlicher Klarheit in Gesprächsfragen leiten lässt, dann ist das kein „Nice-to-have“, sondern Risiko- und Chancenmanagement. Eine Investition, die sich in der Verhandlung auszahlt. Denn Verhandlungen sind komplexe soziale Systeme, in denen kognitive Verzerrungen, Machtverhältnisse und Informationsasymmetrien eine zentrale Rolle spielen. Eine strukturierte Vorbereitung hilft, eigene Ziele, Interessen und Prioritäten klar zu formulieren. Sie schafft Transparenz über Entscheidungsprozesse auf beiden Seiten und sie reduziert Reaktionsdruck im Gespräch. Keine Vorbereitung auf eine Verhandlung ist auch eine Vorbereitung: Die Vorbereitung zur Niederlage. Es ist Ihre Entscheidung, ob Sie das wollen.

Erfolgreiche Verhandlungen beginnen im Kopf – warum das heute mehr denn je wichtig ist

Jede noch so unbedeutend erscheinende alltägliche Verhandlungssituation eines HR-Managers findet vor dem Hintergrund zunehmender wirtschaftlicher Unsicherheiten und einer volatilen (geo-)politischen Lage statt. Wer mit Bewerbern, Führungskräften, Betriebsräten, Dienstleistern oder internen Stakeholdern verhandelt, der trifft immer auf Menschen, in deren Positionen und Entscheidungen sich auch diese Aspekte abbilden. Gleichzeitig ist die Organisation, für die ich als Verhandler agiere, davon geprägt. Wenn ich mich also vorher systematisch darauf vorbereite, wer (wirklich) verhandelt, worum es (eigentlich) geht und wie wir die Verhandlungen (richtig) organisieren, der schafft Handlungsfähigkeit noch vor dem ersten Gesprächstermin.

Reflektionen vor der Vorbereitung

Einige Aspekte sollten geklärt sein, bevor man überhaupt Verhandlungen ansetzt oder auf die Forderung danach eingeht. Denn nicht jede Verhandlung ist sinnvoll. Gerade in HR lohnt sich die ehrliche Frage, ob Verhandeln das richtige Instrument ist – oder braucht es eine Entscheidung? Auch sollte man überlegen, welche Kosten entstehen, wenn man verhandelt, anstatt zu regeln. Denn zu vielen Verhandlungen gibt es auch mögliche strukturelle Alternativen wie Policys, Standardisierungen oder Pilotlösungen. Antworten auf diese Fragen schärfen die eigene Verhandlungsmacht, denn wer weiß, dass er nicht verhandeln muss, tritt anders auf.

Auch stehen HR-Verhandlungen selten isoliert. Sie fügen sich in frühere, parallele oder zukünftige Verhandlungen ein. Fragen Sie sich, welche Präzedenzwirkung ein Abschluss hat. Wie er auf Mitarbeitende, Führungskräfte oder Gremien wirkt. Und welche Signale er langfristig sendet, kulturell und reputativ.

Ein wichtiger Aspekt: Sie selbst

Verhandlungsvorbereitung ist ein psychologischer Selbsttest. Ein zentraler und oft unterschätzter Teil der Vorbereitung ist die Auseinandersetzung mit sich selbst. HR-Verantwortliche stehen häufig unter Erwartungsdruck, zwischen Unternehmensinteressen, Mitarbeiterbelangen und eigener Haltung zu vermitteln.

Vorbereitung bedeutet daher auch, die eigenen Trigger, Unsicherheiten und Reaktionsmuster zu kennen, sich der eigenen Machtposition auf Basis des aktuellen Verhandlungsumfeldes bewusst zu sein und emotionale Eskalationen gedanklich vorwegzunehmen. Zudem ist es wichtig, Klarheit zu haben, welche Informationen man teilen will und welche es zu schützen gilt. Ein falscher Informationsfluss kann die Verhandlung in die falsche Richtung lenken.


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Nicht durch mangelnde Argumente scheitern Verhandlungen, sondern durch unreflektierte Emotionen unter Druck.

Jetzt geht’s ins Detail: Drei Dimensionen, die jede HR-Verhandlung bestimmen

Eine strukturierte Vorbereitung berücksichtigt drei untrennbare Ebenen:

  1. Die Personendimension
    Wer sitzt am Tisch? Welche Stärken bringe ich in die Verhandlungen ein, welche Schwächen und Verwundbarkeiten? Welche Rolle nimmt welche Person ein, wer entscheidet wirklich und wer beeinflusst (nur)? Welche Hierarchie erkenne ich im Team der Gegenseite? Welche Beziehungshistorie, Abhängigkeiten oder internen Spannungen wirken im Hintergrund?
  2. Die Problemdimension
    Worum geht es tatsächlich? Wo liegt meine Grenze, ab der ein Ergebnis nicht mehr akzeptabel ist (Reservationspunkt)? Was ist das optimale Ergebnis, das ich erreichen will (Aspirationspunkt)? Welche Interessen hat die andere Seite? Welche Themen können Verhandlungsspielraum schaffen und welche engen diesen ein? Was sind meine Vorannahmen und wie kann ich sie in der Verhandlung überprüfen?
  3. Die Prozessdimension
    Wie wird verhandelt? Wo, wann und wie lange? Setting, Zeitpunkt, Agenda, Reihenfolge der Themen und Kommunikationsform beeinflussen Ergebnisse stärker als viele glauben. Welche Fristen oder Deadlines bestehen? In welchem Format wird verhandelt und sind wir auf die Besonderheiten des Formats vorbereitet?

Checklisten sind Denkverstärker

Die klassische Verhandlungsvorbereitung scheitert nicht an fehlenden Werkzeugen, sondern an oberflächlicher Nutzung. Eine fundierte Checkliste zwingt zur gedanklichen Tiefe: Ziele, Interessen, Walk-Away, Entscheidungsmandate, Alternativen und Fairnesskriterien werden bewusst reflektiert.

Denken Sie bitte immer daran: Vorbereitung liefert Arbeitshypothesen, keine Wahrheiten. Diese müssen im Gespräch überprüft, angepasst und weiterentwickelt werden. In der Verhandlung gilt immer die Regel: Stop Guessing, Start testing!

Technologie unterstützt – ersetzt aber nicht Urteilskraft

KI-gestützte Tools verändern bereits heute HR-Verhandlungen: von Marktanalysen über Szenarien bis hin zu Trainingssimulationen. Richtig eingesetzt, erhöhen sie Qualität und Geschwindigkeit der Vorbereitung.

Doch Technologie ersetzt keine ethische Abwägung, keine Beziehungsgestaltung und keine Verantwortung für Entscheidungen. Diese bleiben menschliche Kernkompetenzen – gerade in HR.

Vorbereitung schafft keine absolute Sicherheit – sondern Handlungsfähigkeit

Verhandlungen sind komplexe soziale Systeme. Sie verlaufen selten so, wie wir sie planen. Genau deshalb ist Vorbereitung kein Drehbuch, sondern ein mentales Modell, das Orientierung unter Unsicherheit bietet. Sie ist der stille Erfolgsfaktor in HR.

Ein gut vorbereiteter HR-Verhandler kann nicht wissen, was passieren wird – aber er weiß, wie er reagieren kann. Im Spitzenfußball wirkt Kreativität im Spiel oft spontan. Tatsächlich ist sie das Ergebnis jahrelangen Trainings. Oder, wie Dwight D. Eisenhower es formulierte: „Plans are useless, planning is everything.“

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Mann mit kurzen, grauen Haaren und Bart, trägt einen dunklen Anzug und schaut direkt in die Kamera.

Thorsten Hofmann

Thorsten Hofmann ist Experte für erfolgskritische Verhandlungsführung und leitet das C4 Center for Negotiation an der Quadriga Hochschule Berlin. Er unterstützt Unternehmen, Organisationen, NGOs, politische Parteien und Privatpersonen bei der strategischen Vorbereitung, Steuerung und Durchführung komplexer und erfolgskritischer Verhandlungen – national wie international und leitet Seminare und Trainings zur strategischen Verhandlungsführung. Davor arbeitete Thorsten Hofmann viele Jahre als operativer Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) und Interpol und war im Bereich Organisierte Kriminalität (OK) tätig, vor allem bei spektakulären Fällen von Erpressungen und Geiselnahmen im In- und Ausland. Er studierte Psychologie, Behaviour and Credibility Analysis, Kriminologie und Wirtschaftswissenschaften und wurde in verschiedenen Verhandlungssystemen ausgebildet. Thorsten Hofmanns neues Buch Der Verhandlungskompass kombiniert wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Methoden und realen Fallbeispielen aus der Welt der internationalen Ermittlungen und Unternehmensverhandlungen. Basierend auf neuesten psychologischen und neurowissenschaftlichen Studien vermittelt Hofmann, wie sie nonverbale Signale entschlüsseln, emotionale Intelligenz gezielt einsetzen und Täuschungsversuche entlarven. Im Buch enthalten ist umfangreiches, digitales Begleitmaterial. Davor veröffentlichte Hofmann bereits den internationalen Verhandlungsbesteller Das FBI Prinzip. Beide Bücher sind im Ariston Verlag erschienen. Hier können Sie einen Eindruck gewinnen, zu welchen Themen sich Thorsten Hofmann in jüngster Zeit geäußert hat.

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