3 Recruiting-Erlebnisse aus dem Horrorkabinett

Im Recruiting kann so manches schief gehen. Jannis Tsalikis und Eva Stock berichten über
© gettyimages / Koldunova_Anna

Im Recruiting kann so manches schiefgehen – und die Arbeitgebermarke leidet. Jannis Tsalikis und Eva Stock berichten aus dem „HR-Nähkästchen“.

„Arbeitgebermarke ist wie Disko, entweder du siehst geil aus oder du tanzt allein!“ Von Unternehmen wird erwartet, dass über den gesamten Recruiting-Prozess hinweg alles stimmt. Allzu oft ist das nicht der Fall – und die Employer Brand nimmt Schaden. Früher hatten Recruiter drei bis sechs Monate Zeit für die Besetzung einer Stelle, heute sind es drei bis sechs Wochen. Da passieren Fehler. Und nicht nur dort. In ihrem Buch „HR True Story“ erzählen Jannis Tsalikis und Eva Stock Geschichten aus dem „HR-Nähkästchen“ – und sie geben Lösungsvorschläge. Denn HR-Bashing hilft nicht weiter. Hier beschreiben sie drei typische Recruiting-Fehltritte, die so manchen Bewerbern bekannt vorkommen dürften.

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Bewerbungsmappen vertauscht

Es ist bereits viele Jahre her, es gab noch haufenweise Bewerbungsmappen (das ist das mit dem Papier), und es wurden 438 Bewerbungen allein auf eine freie Ausbildungsstelle gezählt. Am Ende wurden nur sechs Bewerber eingeladen, der Rest bekam sehr schnell eine Absage. Tonnenweise Papier also, und, ja, wo gehobelt wurde, da fielen Späne. Denn es kam, wie es manchmal kommen konnte: Zwei Bewerber hießen Meier und kamen aus der gleichen Stadt. Die Anschreiben wurden aus Versehen vertauscht, und die Bewerber bekamen die jeweils falsche Bewerbungsmappe zurück. Peinlich.

Mail an alle Bewerber im „Absagestapel“

Die Recruiterin war müde. Die Tage in einem Start-up können wirklich lang sein. Die Recruiterin war „the lonesome cowboy“ in der Personalabteilung ihres Unternehmens, und das bedeutete an diesem Tag: wieder alles selber machen. Es war 21:16 Uhr. Nachdem nun endlich der langgesuchte Junior Product Manager gefunden worden war, musste die Recruiterin eben noch schnell die Absagen machen. Das war im Prinzip kein Problem, das Unternehmen hatte zwar noch kein Bewerberverwaltungstool, aber sie hatte die Unterlagen aller abgelehnten Bewerber im Ordner „Absagestapel“ gesammelt. Also: alle E-Mail-Adressen als Blindcopy in Outlook rein, Absagetext mit einer nicht persönlichen Anrede in die Mail – und ab die Post. Dass in der Betreffzeile immer noch „Absagestapel“ stand, merkte die Recruiterin erst am nächsten Morgen, als sie ihren E-Mail-Account öffnete und die vielen brüskierten Rückmeldungen der abgelehnten Bewerber entdeckte.

Nein, danke! Der kann nix!

Lesley war Werkstudentin in der Personalabteilung des 400 Mitarbeiter starken Unternehmens und kümmerte sich um die Bewerberverwaltung für alle Servicebereiche. Weil das System ständig streikte und regelmäßig irgendwelche Bugs die Arbeitsabläufe bremsten, machte sie viel per E-Mail. Sie schickte die Bewerbungsunterlagen schnell an die Kollegen, die die Entscheidung über Einladung oder Absage zu fällen hatten, beziehungsweise erinnerte sie regelmäßig daran, Letzteres zu tun, lud dann die ausgewählten Kandidaten ein oder schrieb Absagen. Manchmal bekam sie von den Kollegen „lustige“ Rückmeldungen: „Ach du meine Güte, hast du die Frisur von dem Bewerber gesehen? Nee, sorry, aber das geht gaaaaar nicht!“ Oder: „Nein, danke! Der kann nix!“ Oder: „Das ist mit Sicherheit die schlechteste Bewerbung aller Zeiten!“ An diesem Tag hatte Lesley wieder über hundert Absagen zu schreiben. Und so passierte es: Sie hatte die E-Mail nicht ordentlich aufgesetzt, irgendwie rutschte der abfällige Kommentar eines Kollegen hinein – wahrscheinlich hatte Lesley auf die Schnelle einfach auf „E-Mail weiterleiten“ geklickt – und weg war sie, die Absage. Einen Tagspäter war ihr Fauxpas auf dem Arbeitgeberbewertungsportal Kununu gelandet. Der abgelehnte Bewerber echauffierte sich – die Bewertung des Bewerbungsverfahrens trug den Titel „Abrechnung“. Im Text hieß es, bei diesem Arbeitgeber würde man „wie Dreck“ behandelt.

Tsalikis, Jannis, Stock, Eva: HR True Story: Die heimlichen Herausforderungen und Katastrophen der Personalarbeit und wie man sie meistert; Springer Gabler 2019; 212 Seiten; eBook ISBN 978-3-658-25655-5; Softcover ISBN 978-3-658-25654-8; 32,99 Euro