„Agilität ist mehr als Softwareentwicklung und agile Methoden“

| |

Für André Häusling ist HR der Katalysator der agilen Transformation. Ein Interview über Deutschlands Stand in Sachen Agilität, Kompetenzen und Buzzwords.

Herr Häusling, Sie sind einer der Köpfe hinter der „Agilen HR Conference“, die versucht, den agilen Gedanken in die HR-Welt zu tragen. Nun liest man diesen Begriff inzwischen häufiger. Ist da ein echtes Bewusstsein entstanden oder ist „Agilität“ nur das nächste Buzzword für Buchtitel und Beraterportfolios?
Ja, man könnte meinen, dass Agilität tatsächlich ein Buzzword ist, wenn man liest, wer und welche Unternehmen alle diesen Begriff in ihren Mund nehmen, um sich damit den Mantel der Veränderung umzuwerfen. Das Bewusstsein für „Agilität“ nimmt aber beträchtlich zu. Die meisten CEO´s der Unternehmen haben mittlerweile realisiert, dass die tatsächlichen Herausforderungen wie die Digitalisierung oder sich rapide verändernde Kundenbedürfnisse und komplexe Märkte enorm sind. Deshalb benötigen sie Organisationen, die sich rasend schnell an Veränderungen anpassen können. Agilität kann hier das Rüstzeug liefern, das letztlich auch nötig ist, um im Markt zu bestehen.


André Häusling, Foto: © Norbert Mispelbaum, 2012

Wie bewerten Sie diese Entwicklung. Wo stehen wir in Deutschland?
Insbesondere in IT-Unternehmen und Startups sind agile Methoden wie Scrum und Kanban bereits seit längerem in der Softwareentwicklung völlig gängig. Und auch viele Großunternehmen öffnen sich für agile Ansätze. Während die erstgenannte Gruppe aber bereits anfangen hat, auch strukturell und kulturell neue, agile Wege zu gehen, stoßen gerade Großkonzerne hier immer noch an ihre Grenzen. Agilität ist mehr als Softwareentwicklung und agile Methoden. Wir brauchen Unternehmen mit kundenorientierten cross-funktionalen Organisationsstrukturen – weg von den funktionalen Silos. Darüber hinaus benötigen wir andere Kompetenzen bei den Führungskräften, alternative Personalinstrumente und einiges mehr, um die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen an die Märkte deutlich zu steigern.

Ein Aspekt eines immer dynamischer werdenden Umfeldes ist, dass es klassische, oft als zu starr empfundene, Managementprinzipien infrage stellt – sogar das Management als solches selbst. Ist die HR-Funktion in diesem Kontext dann eigentlich noch zeitgemäß?
HR muss sich mit den neuen Anforderungen auseinandersetzen und die eigene Rolle daran anpassen. Als reines Verwaltungsorgan wird HR zukünftig nicht mehr gebraucht, als aktiv steuernder, agiler Prozess- und Veränderungsbegleiter hingegen umso mehr. Einige der früheren HR-Aufgaben, wie beispielsweise Recruiting, werden in Zukunft in der Verantwortung der cross-funktionalen Teams liegen. HR ist hier in unterstützender und beratender Funktion gefragt, um bestmögliche Rahmenbedingungen für die Teams zu realisieren und so zum Katalysator der agilen Transformation zu werden. Die Erfahrung hat uns gezeigt: Agile Transformationen werden nur mit HR erfolgreich. Um so wichtiger wird es, dass die HR-Bereiche sich auf die agilen Welten vorbereiten.

Welche Kompetenzen muss sich HR dafür aneignen?
Wie bereits angedeutet verändert sich die Rolle von HR weg vom Administrator hin zum Gestalter und Katalysator. Grundsätzlich muss deshalb zunächst mal ein Umdenken bei HR hinsichtlich des eigenen Selbstverständnisses stattfinden. HR muss lernen selbst agil zu arbeiten und viel stärker im Dialog mit den internen wie externen Kunden Lösungen zu erarbeiten. Der Nutzen für die Kunden muss im Mittelpunkt der HR-Arbeit stehen. Meistens drehen sich die HR-Bereiche um sich selbst und bemitleiden sich, weil keiner ihre Wichtigkeit ernst nimmt. Neben agilen Methodenkompetenzen benötigen die HR-Bereiche in Zukunft vor allem Kollaborationskompetenz, Business-Wissen sowie Transformationskompetenz.

Lässt sich abschätzen, wann der Punkt erreicht ist, an dem Unternehmen, die nicht in der Lage sind, in ihren Strukturen Agilität zu ermöglichen, um ihr Bestehen fürchten müssen?
Vorab: Es ist nicht für jedes Unternehmen gleich erstrebenswert, das agilste Unternehmen der Welt zu werden. Der wichtigste Indikator ist immer der Kunde. Wenn das Unternehmen es nicht mehr schafft die Kundenbedürfnisse schnell genug zu erkennen und zu verarbeiten und monetären Mehrwert für den Kunden und das Unternehmen zu kreieren, katapultiert es sich sehr schnell aus dem Markt. Sind die Personen im Unternehmen eher mit sich selber beschäftigt und ihren eigenen Belangen als mit denen der Kunden, gilt Alarmstufe rot.

Zum Thema HR und Agilität hält André Häusling am 20. Juni und 29. August jeweils ein zweitägiges Seminar im HRM Forum.