Ambitioniert dabei

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Ingo Weller versucht immer wieder unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Seine Leidenschaft für das Klettern dürfte dem Münchner Professor dabei zugute kommen. Ein Porträt.

Manchmal, so scheint es, schrumpft die Welt auf wenige Zentimeter. Wenn die Finger nach dem Griff in den Magnesiabeutel eine weiße Spur auf dem Stein hinterlassen und der Kosmos nur noch so weit ist, wie die Arme reichen, dann ist das kleine Stückchen Fels unter dem Fuß alles, auf das es in dem Moment ankommt. Für Ingo Weller ist dies ein beeindruckendes Gefühl, wenn er mit seiner Frau zusammen in die Wand steigt und eine Rot-Punkt-Route erklettert. Rot-Punkt, das bedeutet, durchklettern durch die ganze Länge des Seils ohne Sturz und ohne Ausruhen im Seil.

Seit gut 13 Jahren klettert der Vater zweier kleiner Töchter. Länger noch ist er ein ebenso ambitionierter Wissenschaftler. Und seit 2009 ist Ingo Weller Professor. Er leitet den Lehrstuhl und das Institut für Personalwirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Der Lehrstuhl basiert auf einer Stiftung des Verbandes der Bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeber und ist noch vergleichsweise jung. Als Ingo Weller vor etwas über drei Jahren dem Ruf folgte, war er der erste Inhaber des Lehrstuhls und für ihn selbst war es seine erste Professur – eine Premiere in zweierlei Hinsicht. „Das war natürlich schon eine große Bürde gleich zu Beginn, aber ich habe es immer als Auszeichnung und Glück wahrgenommen, auch mit meiner damals kaum vorhandenen Erfahrung in München anfangen zu können“, sagt er.  Er fühlt sich hier zuhause, das ist spürbar.

Aufgewachsen ist Ingo Weller zusammen mit seiner jüngeren Schwester in einer kleinen Gemeinde bei Bad Berleburg im Rothaargebirge. Mit drei Jahren stand er das erste Mal auf Skiern, nahm mit sechs an Rennen teil, war Deutscher Jugendmeister im Biathlon-Einzellauf und Sprint. Drei bis fünf Stunden tägliches Training. „Ich halte noch heute den Schulrekord in erlaubten Fehlstunden“, sagt Ingo Weller dazu und lacht. Der Sport ist wie seine Familie ein wichtiger Teil seines Lebens. Ein anderer ist die Wissenschaft. Mit 19 hat er für sein Studium an der Universität Paderborn den Biathlon aufgegeben. „Es ist einfach nicht möglich, wenn man ernsthaft studieren möchte, diesen Sport auch ernsthaft zu betreiben“, sagt er.

Wirksamkeit der Instrumente

Diesen Winter ist der heute 40-Jährige im Forschungsfreisemester, freut sich, einige Publikationen fertigzustellen und mit seinem fünfköpfigen Team frisch gestartete Forschungsprojekte voranzubringen. Beschreiben würde Ingo Weller sich als quantitativen Empiriker. „Wir versuchen mit Hilfe großzahliger Datensätze die Wirkungen personalwirtschaftlicher Maßnahmen nachzuweisen, sie theoretisch zu erklären und auch zu quantifizieren“, erläutert der Wissenschaftler. Er interessiert sich dabei vor allem für die strategische Personalarbeit und die Wirksamkeit ihrer Instrumente. Entsprechend groß ist das Themenfeld, entsprechend komplex sind die Fragestellungen, die Ingo Weller zu lösen versucht. So arbeitet er beispielsweise zusammen mit einem italienischen Kollegen gerade an der Frage, welche Anreizeffekte Unternehmen tatsächlich erzeugen können, wenn sie erfolgreiche Patentanmeldungen ihrer Mitarbeiter finanziell belohnen.

In einem anderen Projekt versucht eine Mitarbeiterin von ihm nachzuweisen, welche Sogwirkungen Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf den Arbeitsmarkt haben und ob Unternehmen tatsächlich so einen messbaren Wettbewerbsvorteil erzeugen können. Ob sich mit diesen Werkzeugen besondere Arbeitskraftpotenziale binden lassen oder Frauen nach der Elternzeit der Wiedereinstieg erleichtern lässt, sind nur einige der Fragestellungen, die damit zusammenhängen. „Mich hat immer schon interessiert, wie sich Menschen auf dem Arbeitsmarkt bewegen, wie Unternehmen es schaffen, bestimmte Gruppen zu mobilisieren oder eben nicht“, erläutert Ingo Weller.

In seiner wissenschaftlichen Herangehensweise sieht er sich und sein Forschungsteam eher pluralistisch und nicht auf die eine Methodik eingeschossen. „Wir versuchen immer, für die jeweils zu lösenden Fragen die passenden Theorien und Methoden zu finden. Ich glaube einfach, dass man eine Menge übersehen kann, wenn man sich immer nur der einen Sichtweise bedient.“

Ein Grundkonzept, hinter dem Ingo Weller auch in seiner Lehre steht. Und es ist eine Überzeugung, mit der er sozusagen bei seinem Doktorvater groß gewordenen ist, wie er erzählt. Begonnen hatte er seine Promotion 1998 am Lehrstuhl von Wolfgang Weber in Paderborn, der zu dieser Zeit Rektor der Universität war und sich oft vertreten lassen musste. Zwischen 1999 und 2000 tat dies Wenzel Matiaske. „Mit ihm habe ich mich damals sehr gut verstanden und wir haben mein Thema noch etwas fester gezurrt“, erinnert Weller sich. Als Als Matiaske dann einen Ruf nach Flensburg erhielt und ihm anbot, ihn zu begleiten, hat die Entscheidung nicht lange gebraucht. Einfach war diese Zeit jedoch nicht, wie Wenzel Matiaske erzählt. In Flensburg galt es, in einem ständig von der Schließung bedrohten Institut das Fach Personal und Organisation aufzubauen. Gleichzeitig arbeiteten beide in einem Forschungsprojekt zur leistungsorientierten Vergütung im Öffentlichen Dienst mit Feldforschung in Süddeutschland. Ingo Weller, der in Paderborn wohnen blieb, musste also viel durch Deutschland pendeln. Ein Vergnügen war die gemeinsame Forschung trotzdem, sagt Matiaske, „nicht zuletzt, weil Ingos wissenschaftliche Neugier die Sache vorantrieb“.

Lehre mit Praktikern

Wenzel Matiaske ist inzwischen Professor an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Die Leidenschaft für die Forschung sei ein bindendes Band zwischen beiden geblieben, sagt er. Kurz nach seinem Start in München hat Ingo Weller damit begonnen, einen Executive Master für Human Resources Management auf den Weg zu bringen. Dahinter stand die Überzeugung, dass das Personalmanagement noch immer eine deutliche Professionalisierung braucht, erläutert er. „Wir wollten einerseits erfahrenen Personalern die Möglichkeit geben, sich mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen vertraut zu machen. Andererseits wollten wir Praxisexpertise auch direkt in die Executive-Lehre einbinden und so einen konkreten Transfer erreichen.“ Die Studierenden haben dabei also nicht nur die Chance, mit Fachvertretern zu diskutieren, sie werden auch Teil der späteren Bachelor- und Masterprogramme, indem sie dort als Gastredner auftreten.

Zurückgreifen konnte Weller bei dem Studiengang auf eine Initiative verschiedener Praktiker, die mit der Idee des Executive Masters an die LMU herangetreten waren. „Für uns ist das eine spannende Sache. Wir lernen dabei selbst auch eine Menge über Dinge, die wir sonst nur sehr theoretisch oder abstrakt betrachten.“

Er selbst gibt einen Kurs, führt das Projekt ansonsten als Geschäftsführer. Andere Kurse leiten Kollegen. Dirk Sliwka von der Universität Köln und Rüdiger Kabst von der Universität Paderborn engagieren sich zum Beispiel ebenfalls dort. Im Januar kommt ein neuer Geschäftsführer hinzu. Weller wird sich dann etwas aus der Administration zurückziehen. Vielleicht bleibt dann noch mehr Zeit fürs Klettern.