„Amerikaner sind für ihren Pragmatismus bekannt“

Eine Entsendung ins Ausland ist immer ein Abenteuer. Und die Erfahrungen in der neuen Heimat sind meist bereichernd. So wie bei Boris Gehrke, der zurzeit für das Auswärtige Amt als Diplomat in Washington D.C. ist. Aus unserer Serie über Expatriates.

Herr Gehrke, Sie arbeiten als deutscher Beamter zurzeit an der Deutschen Botschaft in den USA. Was ist das Reizvolle an dem Job dort?
Die USA sind Deutschlands engster Verbündeter außerhalb Europas. Das deutsch-amerikanische Verhältnis tagtäglich ein Stück weit mitzugestalten, birgt für jemanden, der außenpolitisch arbeitet, schon einen besonderen Reiz an sich. Für mich persönlich heißt das, mich mit dem US-Außenministerium, aber auch dem Weißen Haus, zu einer ganzen Reihe von Themen rund um die Internationale Politik auszutauschen: Bei mir sind es unter anderem Teile des Nahen- und Mittleren Ostens oder Afghanistan und Pakistan. Gleichzeitig versuche ich frühzeitig für uns relevante Entwicklungen in der US-Administration zu erkennen. Dabei hilft mir, dass ich in meinem ersten Jahr im Department of State, dem amerikanischen Auswärtigen Amt, Teil des Teams des US-Sonderbeauftragten für Afghanistan und Pakistan war. Dass ich unabhängig davon hier noch einen Präsidentschaftswahlkampf erleben kann, macht das Ganze natürlich besonders interessant.

Welches Image haben deutsche Beamte in den USA?
Das Ansehen Deutschlands in den USA ist seit langem hoch, auch wenn es im Laufe der Zeit natürlich gewissen Schwankungen unterzogen ist. Ich persönlich war aber wirklich überrascht, wie oft ich in D.C. auf „Deutschlandfreunde“ getroffen bin. Nicht nur im US-Außenministerium oder im Weißen Haus, sondern auch im privaten Umfeld – auf dem Spielplatz oder im Supermarkt. Nicht selten trifft man auf Menschen, deren Vorfahren aus Deutschland stammen. Damit hat man dann sofort einen Gesprächsaufhänger.

Alle drei bis vier Jahre müssen Diplomaten auf einen anderen Posten im In- oder Ausland rotieren. Wie hat das Personalreferat dazu beigetragen, dass Sie sich schnell einfinden in Washington?
Die Entscheidung des Personalreferats, dass ich nach Washington gehe, fiel glücklicherweise recht früh, was die Vorbereitung in jeglicher Hinsicht erleichterte. Auch konnte ich noch vor der Versetzung nach D.C. für drei Wochen an unsere Botschaft in Kabul abgeordnet werden, was sich für meine anschließende Arbeit mit dem US-Sonderbeauftragten für Afghanistan und Pakistan als besonders wertvoll erwies. Dies galt sowohl inhaltlich als auch mit Blick auf persönliche Kontakte.

Wenn Sie die beiden Arbeitskulturen vergleichen: Wo gibt es die größten Unterschiede?
Ein erheblicher Unterschied ist schlicht die Größe. Die USA haben gerade im Bereich der Außenpolitik ein Vielfaches unserer Ressourcen. Das führt in Teilen zu einer anderen Arbeits- und Aufgabenverteilung – auch wenn die Außenpolitik unter Präsident Obama in gewisser Weise „europäischer“ war denn je. Amerikaner sind natürlich auch für ihren Pragmatismus bekannt. Er hat Vor- und Nachteile. Aber so wie ich diesen in meiner Zeit im US-Außenministerium kennengelernt habe, fand ich ihn unter dem Strich positiv.

Was lieben Sie an den USA besonders? Was werden Sie vermissen, wenn es 2017 zurückgeht?
Ich werde sicherlich unsere Freunde hier und das bessere Wetter vermissen. Außerdem sind die USA ein tolles Reiseland, das viel zu bieten hat. Ich würde gerne noch mehr von Land und Leuten sehen.

Würden Sie nicht lieber in New York arbeiten statt in Washington?
Nachvollziehbare Frage. Vor allem muss ich zugeben, dass wir New York immer auf unserer „Liste“ hatten – und haben werden. Die Liste enthält die bevorzugten Orte und Posten, die man für eine Versetzung ins Ausland – oder im Inland – abgeben muss. Washington D.C. habe ich insbesondere als familienfreundlichen Posten sehr schätzen gelernt. Und im kulturellen Bereich hat die Stadt mittlerweile auch eine ganze Menge zu bieten.