Anforderungsprofile vergraulen Azubis

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Foto: Thinkstock / Goldfaery
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Ein Großteil der Azubi-Bewerber hat mittlerweile die Wahl und sucht sich seinen Ausbildungsbetrieb aus. Die Betriebe haben diese Wende vom Angebots- zum Nachfragemarkt noch nicht vollzogen. Das zeigt die aktuelle Studie Azubi-Recruiting Trends 2017.

Wie zahlreiche Studien zur dualen Ausbildung in den vergangenen Jahren belegt haben, fallen immer noch zahlreiche Bewerber durchs Raster der Unternehmen. Viele Schülerinnen und Schüler müssen hart um einen Ausbildungsplatz kämpfen, gerade Jugendliche mit schlechten Schulabschlüssen. Die deutschlandweite Studie „Azubi-Recruiting Trends“ zeigt eine ganz andere Seite des Ausbildungsmarkts: Für einen großen Teil der Schüler ist die Bewerbung mittlerweile zum Home-Run geworden. Für die deutschlandweite Untersuchung hat u-form Testsysteme 2.635 Azubi-Bewerber und Auszubildende 903 Ausbildungsverantwortliche und 150 Eltern befragt.

Bewerbung als Home-Run

Längst werden Fachkräfte mit Berufsausbildung zur kritischen Ressource auf dem Arbeitsmarkt, das beginnt schon bei den Auszubildenden. Heute entscheidet sich ein Großteil der Azubi-Bewerber für die Ausbildungsunternehmen, nicht umgekehrt. 46,4 Prozent der Azubi-Bewerber schreiben nur eine bis fünf Bewerbungen, über 60 Prozent erhalten mehr als ein Ausbildungsplatzangebot. Angesichts der vielen Alternativen bekommt die Verbindlichkeit der Kandidaten Risse. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass 45,4 Prozent der Azubis nie wieder etwas von ihrer Bewerbung hören. Azubi-Teilnehmer beklagen sich in Freitextfeldern bitter über fehlendes Feedback. Die Unverbindlichkeit der Betriebe wird mit Unverbindlichkeit beantwortet: Über 23 Prozent der eingeladenen Bewerber erscheint nicht zum Vorstellungsgespräch. Jeder zehnte Azubi tritt die Ausbildung nicht an, obwohl er den Vertrag unterschrieben hat. Die Bewerbung ist für sehr viele Azubis zum Home-Run geworden. Ausbildungsbetriebe müssen sich fragen, ob Bewerberkommunikation, Feedbackverhalten und Auswahlprozesse noch zu dieser Marktlage passen. Hier fördert die Studie einige Inkongruenzen zutage.

Forderungen mit Nebenwirkungen

Das zeigt sich zunächst in der Praxis der Anforderungsprofile in Stellenanzeigen für Auszubildende. Wie gehen Betriebe und Bewerber mit diesen Profilen um? Betriebe nehmen die eigenen Anforderungen nicht ganz ernst: Bei 61,4 Prozent der befragten Ausbildungsunternehmen müssen „nicht alle“ Anforderungen erfüllt sein, damit sie eine Azubi-Bewerbung berücksichtigen. Nur 2,3 Prozent der befragten Betriebe sortieren Kandidaten konsequent aus, die vom gewünschten Anforderungskatalog abweichen. Azubis nehmen es genauer mit den an sie gestellten Forderungen: 19,1 Prozent bewerben sich nur, wenn sie alle, 29,7 Prozent wenn sie vier von fünf Anforderungen erfüllen.

Das heißt, dass der Mehrheit der Ausbildungsbetriebe aufgrund ihres derzeitigen Umgangs mit Anforderungsprofilen sehr viele potenzielle Bewerber verlorengehen. Betriebe sortieren dabei nicht ungeeignete Azubi-Bewerber aus, sondern solche Kandidaten, die sich selbst besonders kritisch prüfen. Die aktuellen Anforderungsprofile mit ihrem ebenso umfassenden wie unpräzisen Wunschforderungen passen daher nicht mehr zur Marktlage. Ausbildungsbetriebe machen sich aktuell noch zu wenig Gedanken darüber, welche Voraussetzungen der jeweilige Beruf wirklich erfordert. Wenn bei Fachinformatikern und Kaufleuten für Büromanagement das gleiche Anforderungsprofil steht, ist das wenig hilfreich. Außerdem sollten sich die Unternehmen von Azubi-Wunschbildern wie dem „Fachinformatiker mit guten Deutschnoten“ verabschieden.

Überschätzte Prozessgeschwindigkeit

Während in Nachfragemärkten wie dem aktuellen Azubi-Markt Anforderungsprofile deutlich in den Hintergrund treten sollten, empfiehlt es sich ein besonderes Augenmerk auf die Geschwindigkeit und Qualität von Bewerbungsprozessen zu richten. Warten Azubi-Kandidaten nach der Bewerbung etwa zu lange auf eine Antwort, sind sie weg und nehmen das Angebot eines der Wettbewerber an. Ausbildungsbetriebe schätzen hier ihre Reaktionszeiten deutlich positiver ein als die Azubi-Bewerber. Auf die Frage „Wie schnell reagieren Sie durchschnittlich im Bewerbungsprozess?“ geben zum Beispiel 61,7 Prozent der Ausbildungsverantwortlichen an, nach ein bis zwei Tagen auf eine Bewerbung zu antworten. Doch machen die Azubi-Bewerber eine andere Erfahrung: Nur 30,6 Prozent von ihnen geben an, dass Unternehmen tatsächlich derart schnell auf Bewerbungen reagieren. Ausbildungsbetriebe sollten Service Level Agreements einführen, um einen zügigen Prozess zu garantieren und regelmäßig überprüfen, ob sie diese Standards einhalten: Wann bekommen Azubi-Kandidaten eine Eingangsbestätigung? Wann eine definitive Zusage, ob es in den nächsten Auswahlschritt geht oder eine Absage? Wie stellt das Unternehmen sicher, dass tatsächlich jeder Azubi-Bewerber eine Nachricht auf seine Bewerbung erhält?

Gute Bewerbungsverfahren bieten persönliche Kontaktpunkte

Im Hinblick auf die Prozessqualität bieten „gute Prozesse“ aus Sicht der Zielgruppe vor allem überzeugende persönliche Kontaktpunkte. Diese sind bei Azubi-Bewerbern deutlich beliebter als bei Ausbildungsbetrieben. Während 74,5 Prozent der Azubis zum Beispiel Praktika als „wichtig“ oder „sehr wichtig“ empfinden, setzen nur 50,8 Prozent der Ausbildungsbetriebe diese „sehr häufig“ oder „häufig“ ein. Bei den Probearbeiten sind die Unterschiede noch auffälliger: 71,1 Prozent der Azubis wünschen sie sich, nur und 30,8 Prozent der Ausbildungsbetriebe bieten sie an. Praktika und Probearbeiten sind bei Azubi-Bewerbern deshalb besonders beliebt, weil sie in keiner anderen Situation so gut erkennen können, ob ein Beruf oder Betrieb zu ihren Interessen und Fähigkeiten passt – und das ist ihnen bei der Berufswahl besonders wichtig (siehe Azubi-Recruiting Trends 2016). Ausschlaggebend zur Wahl eines Ausbildungsbetriebs sind in den meisten Fällen solche Offline-Touchpoints. Dabei zählen menschliche Faktoren wie „die gute Atmosphäre“ im Bewerbungsgespräch besonders stark, die für 53,8 Prozent der Azubis den „letzten Kick“ gibt.

Offline überzeugen, online informieren

Zwar ist die heutige Schüler-Generation digital wie keine andere zuvor. Doch erweist sich die Ableitung als zu einfach, Betriebe könnten die Generation Snapchat auf Snapchat von ihren Ausbildungsangeboten überzeugen. Azubi-Bewerber informieren sich online vor allem mit Hilfe von Suchmaschinen, die 59,4 Prozent „häufig“ oder „sehr häufig“ nutzen. Auch Karrierewebsites (54,8 Prozent) oder das Online-Angebot der Agentur für Arbeit (40,9 Prozent) spielen eine Rolle. Social Media-Kanäle wie Snapchat, Facebook und Youtube sind mit 22,7 Prozent weit abgeschlagen. Im Azubi-Marketing gibt es also keinen Social Media-Wunderkanal. Ressourcen sollten Ausbildungsbetriebe lieber darin investieren, vermehrt reale Kontaktpunkte zu schaffen und Ausbildung erlebbar zu machen. Hier spielen Ausbildungs- und Berufsmessen eine gewisse Rolle. Anders als häufig vermutet ist die Teilnahme an diesen Veranstaltungen für die meisten Schüler keine lästige Pflichtübung: Nur rund ein Drittel von ihnen nimmt Teil, weil sie mit der Schulklasse oder von den Eltern geschickt wurden.

Wichtige, aber schwierige Zielgruppe: Eltern

Eltern stellen nach wie vor eine wichtige Zielgruppe für das Azubi-Marketing dar. Deshalb lohnt hier ein genauerer Blick.  Die Eltern potenzieller Azubi-Eltern sind mit ihrem Beruf generell zufrieden, deren Kinder wissen das. Aber dennoch fühlt sich nur jeder zehnte Azubi-Bewerber von der Berufs- oder Arbeitgeberwahl der Mutter oder des Vaters inspiriert. Aus den Interviews mit Eltern wissen wir, dass sich viele Eltern trotz ihrer allgemeinen Zufriedenheit mit dem eigenen Beruf etwas Besseres für die eigenen Kinder wünschen, etwa im Hinblick auf die Work-Life Balance. Damit steigen die Ansprüche an die Berufswahl des Nachwuchses – und die elterliche Unsicherheit beim Thema Ausbildung.

Die Studie „Azubi-Recruiting Trends 2017“ ist unter www.testsysteme.de/studie zum Download verfügbar. Dort stehen in Kürze neben der branchenübergreifenden Ausgabe die Editionen „Public Sector“ und „Maschinenbau“ sowie ein Heft mit O-Tönen der teilnehmenden Azubis zur Verfügung.