Angriff der Buzzwords

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(c) gettyimages/Don Bayley
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Eine Kolumne von Jan C. Weilbacher

Neulich traf ich nach längerer Zeit einen alten Bekannten wieder. Er ist Berater. Schnell kamen wir auf das Berufliche. Das Gespräch lief, soweit ich mich erinnern kann, folgendermaßen ab:

„Und was machst du jetzt so?“
„Seit wir eine Beratung für digitale Transformation sind, habe ich super viel zu tun.“

„Digitale Transformation? Habt ihr im vergangenen Jahr nicht zu Employer Branding beraten?“
„Ja, lässt sich jedoch kein Geld mit verdienen, also zumindest nicht genug.“

„Ah. Vor zwei Jahren habt Ihr Euch doch extra spezialisiert auf Employer Branding über Social-Media-Kanäle.“
„Ja, aber der Bereich ist zu klein. Du musst heute in die Vollen gehen. Es geht für alle Unternehmen jetzt um alles – wegen der Disruption und so. Nur Employer Branding und Social Media lösen zu wenige Probleme. Deshalb: Digitale Transformation. Bäm.“

„Verstehe, aber habt ihr denn die nötige Expertise?“
(schaut irritiert) „Wie meinst du das? Die holen wir uns im Laufe des Projektes. Erstmal geht es darum, einer der Ersten zu sein. Es gibt einen Bedarf, also musst du das Angebot dazu bringen – und zwar schnell. Und Expertise ist eh ein vager Begriff. Was es braucht ist Selbstbewusstsein.“

„Ich hab ja auch darüber nachgedacht, ob ich als Journalist nicht Content Marketing ins Portfolio mitaufnehmen sollte.“
„Nicht nachdenken. Machen! Da tummeln sich jetzt alle, die Kommunikation fehlerfrei aussprechen können: Werbeagenturen, Corporate-Publishing-Agenturen, PR-Agenturen.“

„Verdammt.“
„Du kannst natürlich auch diesen Zug an dir vorbeifahren lassen und auf den nächsten aufspringen.“

„Den nächste Zug?“
„Ja. Ich kenne einen, der hat bis vor kurzem Content Marketing gemacht und hat nun eine Beratung für New Work.“

„New Work?“
„Ja. Aber vergiss es lieber, bis du dich zu irgendwas entschließt, ist dieser Zug auch vorbei. New Work wollen eh nur die Arbeitnehmer. Interessiert die Unternehmen nicht. Die wollen nur Digitale Transformation – und irgendwas mit Agilität.“

„Und redet ihr weiter mit den Personalern?“
„Ja, klar. Die sind ganz verrückt nach dem Thema Digitale Transformation. Die wollen über nix anderes mehr reden.“

„Was ist mit Talent Management?“
„Nee, ist durch das Ding.“

„Ach, echt. Was ist mit dem Business Partner?“
(lächelt) „Nee, das Thema hat keinen Sex-Appeal. Es gibt noch ein paar Unternehmen, die den Business Partner gerade entdeckt haben. Die haben aber auch die Reaktionsgeschwindigkeit wie ich morgens nach einer Sauftour.“ (lacht laut)

„Und was ist mit Kultur und den Unternehmenswerten?“
(lacht lang und heftig, hält sich den Bauch) „Ist das dein Ernst?“ (lacht weiter)

„Ich meine das schon ernst, vielleicht würde sich ja dann auch mal bei manchen der Kundenservice verbessern.“
(verblüfft) „Kundenservice?“

„Ja, ich erlebe oft einen schlechten Kundenservice: stundenlang anstehen, wenn man ein Paket abholen will, das man im Netz bestellt hat. Oder eine halbe Stunde in der Warteschleife einer Airline hängen, nachdem ich das Ticket online gekauft habe.“
(denkt nach) „Hmm, ja, Kundenservice. Muss man irgendwie mitmachen, wenn man zu Agilität berät.“

„Ich befürchte ja, dass das schlimmer wird, wenn überall die Künstliche Intelligenz Einzug hält.“
(Augen werden groß und leuchten) „Künstliche Intelligenz. Das, mein Lieber, das ist der Heilige Gral. Das ist noch größer als Digitale Transformation. Nächstes Jahr sind wir „die Beratung für Künstliche Intelligenz“.

„Läuft bei Dir.“

Die Essenz aus acht Jahren Human Resources Manager: Jan C. Weilbacher hat die Leser in seiner Kolumne „Home Office“ auf einen persönlichen Gedankenspaziergang durch die Wirtschafts- und HR-Welt mitgenommen. Vor zwei Jahren ließ ihn ein kurzes Gespräch mit einem Berater nicht mehr los, er schrieb es auf. Es führt äußerst unterhaltsam die Absurditäten der beschleunigten Welt vor.

Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Magazin Human Resources Manager. Eine Übersicht der Ausgaben und zu unseren Abo-Konditionen erhalten Sie hier.

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