Wie die Angst aus den Unternehmen verschwindet

Wie Führungskräfte dafür sorgen können, dass die Angst aus dem Unternehmen verschwindet.
© gettyimages / Vulkanov

Nur in einem angstfreien Umfeld können Mitarbeiter ihr volles Potenzial entfalten. Anne Schüller erklärt, wie Angst entsteht und wie man sie vertreibt.

Jedem passiert das ständig: Ohne dass wir so recht wissen, weshalb, finden wir eine neue Bekanntschaft schon nach wenigen Momenten sympathisch – oder auch nicht. Wie sowas kommt? Innerhalb von Millisekunden rattert unser Hirnapparat los, um, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, in rasender Geschwindigkeit unser Vertrautheitsgedächtnis nach gespeicherten emotional markierten Vorerfahrungen zu durchforsten und auf Ähnlichkeiten mit der/dem Neuen abzugleichen.

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Warum so eilig? Bei jeder Begegnung müssen wir blitzschnell erkennen: Bringt der andere uns Gutes – oder droht uns Gefahr? Auch wenn solche (Vor-)Urteile oft unberechtigt sind oder uns auf die falsche Fährte führen: Der Automatismus als solches ist Gold wert. Denn in akuten Gefahrenmomenten springt der nachdenkende Teil unseres Gehirns viel zu langsam an, um uns in Alarmbereitschaft zu versetzen.

Wie unser zerebrales Alarmsystem eine Führungskraft decodiert

Unser Überleben hängt von einem blitzschnellen Alarmsystem ab. Zuständig dafür ist die Amygdala, eine zweifach angelegte daumennagelgroße neuronale Struktur. Sie spürt Bedrohungen kommen und schaltet in einem solchen Fall vollautomatisch und im Bruchteil einer Sekunde auf ein Notfallprogramm um: panikartige Flucht, dosierter Angriff oder atemloses Erstarren – je nachdem, was gerade die passendste Lösung ist.

Dazu sucht die Amygdala nach freundlichen Gesten – aber auch nach Gefahren, die zum Beispiel von einem Höhergestellten ausgehen könnten. Unaufhörlich interpretiert sie die Bedeutung nonverbaler Mitteilungen über Gestik und Mimik. Gesichter sind ihr dabei besonders wichtig. Denn selbst die kleinste Erregung erzeugt Mikrobewegungen in unserem Antlitz, die die Amygdala decodiert.

Ferner sondiert sie jede noch so leise Veränderung in der Stimme. Zudem erschnuppert sie Absichten in unserem Schweiß. So versorgt sie uns mit einem steten Fluss von Informationen, etwa, wenn es um die Intentionen einer Führungskraft geht: „Das hat ihn interessiert … Das hat ihn gelangweilt … Das machte ihn nachdenklich … Da zögerte er … Jetzt sieht es so aus, als ob ihm mein Vorschlag gefällt … Halleluja, geschafft!“

Verängstigte Mitarbeiter sind eine große Gefahr

Angst- und Schmerzinformationen haben im Gehirn immer Vorfahrt. Sie können jedes noch so freudige Ereignis aus dem Bewusstsein verdrängen. Zudem wird die Aufnahme von Neuem durch Unsicherheit, Bedrohungen und Stress stark vermindert. In Momenten höchster Not können nur noch Routinen abgespult werden. Komplexe Denkprozesse sind dann nicht mehr möglich.

Die Erklärung dafür ist einfach: Bei Angst und Bedrohung sind die Verbindungsstellen entlang der Nervenbahnen, die sogenannten synaptischen Spalten, blockiert. In dem Fall können die Hirnströme nicht ungehindert fließen und wir können nicht mehr klar denken. Zudem sorgt Angst auch dafür, dass man rationalen Argumenten nicht mehr zugänglich ist. Es entsteht der berüchtigte Tunnelblick.

Tatsächliche Bedrohungen erzeugen das, was die Psychologie Realangst nennt. Doch auch Ungewissheit, Verunsicherung und ein Ohnmachtsgefühl bewirken Angst. Solche Angst ist, weil nicht unmittelbar greifbar, latent und diffus. Sie schleicht sich als kaum konkretisierbare Grundstimmung in das eigene Leben, in Belegschaften und in ganze Bevölkerungsgruppen ein. Diese Form der Angst nennt man Binnenangst.

Wie man den Weg aus der Angst am besten gestaltet

In Situationen, die mit Angst, Druck, Stress oder Bedrohung verbunden sind, erfordert es unseren ganzen Willen, sich dem Reflex von Angriff oder Flucht zu entziehen. Wird eine Belastung, weil von „Oben“ gesteuert (Arbeitsverdichtung, harsche Deadlines, angedrohte Sanktionen), unkontrollierbar, kommt sogar Panik ins Spiel. Aus der anfänglichen Angst wird Resignation, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Apathie.

Dies kann bis zum körperlichen, geistigen und seelischen Kollaps führen. Das beste Gegenmittel: dem Betroffenen ermöglichen, in kleinen Schritten die Kontrolle zurückzugewinnen. Erst dann, wenn wir eine Situation (wieder) beherrschen, schlägt Angst in Erleichterung um, wir gewinnen Zuversicht, entwickeln Selbstvertrauen und Mut. So kann eine anfängliche Bedrohung nun zu einer Herausforderung werden.

Der Zuspruch Dritter spornt dabei zusätzlich an. Das Wissen, in der Not nicht allein zu sein, ist ungemein tröstlich und mildert die Angst. Wohlmeinender Beistand kann vor allem dann, wenn er aus dem nahestehenden Umfeld kommt, sogar die größte Angst ganz vertreiben. Durch mehrmalige erfolgreiche Wiederholungen lernen wir schließlich, unsere Defizite und die damit verbundenen Ängste aus eigener Kraft zu besiegen.

Wenn Glücksgefühle fluten, explodiert die Performance

Das Verbreiten von Angst ist das simpelste Führungsmittel, denn Angst macht Menschen gefügig. Doch es ist zugleich auch das verheerendste Mittel. Was auf dem Nährboden der Angst wächst und gedeiht, ist meistens am Ende fatal. Denn Angst gebiert Angst. Doch kaum jemals rechnet man die Kosten der Angst. Und die sind gewaltig. Für den einzelnen genauso wie für das Unternehmen als Ganzes.

Das Gegenteil von Angst ist Mut. Mitarbeiter brauchen also ein Umfeld, in dem sie mutig sein dürfen. Auch Kreativität, der Rohstoff für Innovationen, kann nur dann wirken, wenn man keine Angst haben muss. Zwischen den Synapsen muss es verstopfungsfrei fließen. Kopfarbeiter brauchen freundliche und inspirierende Chefs. Nur dann können sie ihr intellektuelles Potenzial voll und ganz zur Verfügung stellen.

Unter positiven Umständen lernt und performt unser Gehirn sehr viel besser. Wenn die Angst schwindet, erleben wir Erleichterung, Freude und Glück. Der euphorisierende Botenstoff Dopamin flutet ein und prämiert unser Engagement mit dem Aufbau von Millionen von Hochleistungsneuronen. Anhaltende Frustration hingegen sorgt dafür, dass Menschen ihren Ehrgeiz verlieren, weil die Dopamin-Produktion verebbt.

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