Angst ist der größte Killer von Leistung und Fortschritt

19.11.2019  |  Anne M. Schüller
Kreativität und Fortschritt gedeihen nur in einem angstfreien Umfeld.
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Druck und Stress bewegen Mitarbeiter nicht zu besseren Leistungen – im Gegenteil. Anne Schüller erklärt, warum Angst jegliche Kreativität blockiert.

Kürzlich bei einem Workshop: Die Teilnehmer wirkten völlig lethargisch. Bis ins Detail sollte ich ihnen vorgeben, was wie zu tun sei. Wieso das so war, offenbarte sich auf Nachfrage schnell: Während einer Managementtagung hatte sich der CEO vor seine Leute gestellt und mit Nachdruck gefordert: „ICH WILL EINE 0-FEHLER-KULTUR!“ Seitdem erstarrt dort alles in prozesshaften Bahnen. Das Motiv dahinter ist Angst.

Auch wenn das oft nicht so aussieht oder zum Tabu-Thema erklärt wird: Angst ist in vielen Unternehmen das vorherrschende Handlungsmotiv: Angst vor der künstlichen Intelligenz, Angst um den Job, Angst vor Statusverlust und sozialem Abstieg, Angst vor dem Chef, Angst vor Fehlern und Versagen, Angst vor Kontrollverlust, Angst vor Vertrauensmissbrauch, Angst vor dem Chaos, wenn Hierarchien abgebaut werden.

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Ja, Angst wird sehr gerne verbreitet, denn ängstliche Menschen lassen sich leichter beherrschen. Angst betoniert das Gestrige, beutet aus, spinnt Lügengewebe und hält rüde Obrigkeiten an der Macht. Sie macht die Menschen für Populisten und Bauernfänger empfänglich. Denn wenn Angst im Spiel ist, sind Fakten egal. Die Logik wird ausgeblendet. Und das Denken versagt. So verhindert Angst den Erfolg.

Angst ist existenziell nützlich – und zugleich toxisch

Angst gehört zu den Grunderfahrungen jedes Menschen. Als lebensrettendes Warnsystem ist sie unentbehrlich. Sie hat sowohl körperlich spürbare Effekte als auch seelische Konsequenzen. Manchmal manifestiert sie sich nur als milde Beunruhigung oder Besorgnis, manchmal als Erschütterung des gesamten Selbst.

Sie kann „durch alles ausgelöst werden, dem wir in unserer Verletzlichkeit ausgeliefert sind und das sich unserem Begreifen oder den Möglichkeiten unserer Kontrolle entzieht“, schreibt der Kognitionsforscher Rainer Mausfeld in „Angst und Macht“. Angst entspringt also nicht nur einer unmittelbaren Bedrohung, sondern auch einer existentiellen Abhängigkeits- und Ohnmachtserfahrung.

Dass Menschen unter Druck geistige Großtaten vollbringen, ist insofern eine gefährliche Mär. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Aggression, Angst und Schrecken sabotieren die Fähigkeit des Gehirns, sein Bestes zu geben, weil die im Angstzustand ausgeschütteten Botenstoffe Synapsen blockieren. Das kennen wir alle als Blackout, zum Beispiel beim Lampenfieber oder der Prüfungsangst.

Weshalb ein Klima der Angst im Unternehmen gefährlich ist

Angst setzt zerebrale Mechanismen in Gang, die rationales Denken nahezu unmöglich machen. Sie sorgt auch dafür, dass man rationalen Argumenten nicht mehr zugänglich ist. Zudem führt Angst zu einer massiven Verengung des Aufmerksamkeitsfeldes, dem berüchtigten Tunnelblick. Eine angemessene Urteilsbildung ist nicht mehr möglich. In Momenten höchster Not können nur noch Routinen abgespult werden. In Urzeiten war dieser Mechanismus auch sinnvoll, denn langes Nachdenken im Augenblick der Gefahr und Ablenkung durch Details wurde schnell mit dem Leben bezahlt.

Angst als Warnsystem ist lebensnotwendig. Wird sie hingegen aus machtpolitischen Gründen erzeugt, ist das töricht – und nicht tolerabel. Denn Blackouts im Business sind tödlich. Für Denkarbeit, die zu Innovationen führt, sind schnelle Synapsen zwingend vonnöten. Die, die in Gehorsam durch Härte den Erfolg hineininterpretieren, denen fehlt vor allem eins: die Feinfühligkeit, zu spüren, wie ihr Verhalten beim Gegenüber bereits Trotz oder aufschäumende Wut, eisiges Desinteresse oder Rachegedanken erzeugt.

Mit Angst im Nacken laufen wir zwar schneller, aber nur ein ganz kurzes Stück. Danach sind wir vollkommen ausgepowert. Unablässiger Druck und das Androhen von Argem versetzen den Körper in permanente Alarmbereitschaft, mindern seine Leistungskraft und ruinieren die Gesundheit. Der Dauerbeschuss von Stresshormonen unterdrückt auch die körpereigenen Abwehrkräfte, schwächt unser Immunsystem und macht uns krank. Ist Arbeit also mit Angst besetzt, ist das quasi Körperverletzung.

Kreativität kann nur in einem angstfreien Umfeld entstehen

Verängstigte Mitarbeiter haben die unangenehme Eigenschaft, allerhöchstens mittelmäßige Arbeit abzuliefern. Sie machen „Dienst nach Vorschrift“, denn dann kann ihnen nichts passieren. Neue Wege werden vorsichtshalber gar nicht beschritten. Zudem wird die Aufnahme von neuem durch Unsicherheit, Bedrohung und Stress stark behindert. Darüber hinaus verfestigen sich Ängste, wenn man sie oft durchlebt. Unter positiven Umständen hingegen lernt und performt unser Oberstübchen sehr viel besser.

Kreativität schöpft aus der Quelle des Unterbewussten, das keine Angst haben muss. Schon allein deshalb kann sie nur in einem angstfreien Umfeld entstehen. Dann glaubt man an sein Potenzial und die Aussicht auf Erfolg. Man beschäftigt sich mehr mit dem Pro als mit dem Kontra. Man wird offener und damit ideenreicher. Man wird agiler und schreitet zur Tat. Die Dinge gehen locker und leicht von der Hand. Optimistisch geprägt sieht man vor allem die Chancen – und kommt über Hürden behände hinweg.

Sich sicher zu fühlen gehört zu den Grundbedürfnissen jedes Menschen. Erst dann, wenn wir keine Furchtsamkeit spüren und unser Geist nicht durch Sorgen vernebelt ist, sind wir bereit für den Wandel und laufen zu Höchstleistungen auf. Nur in offenen Vertrauenskulturen, in denen es den Menschen gut geht, können die ganz großen Würfe gelingen. So sind Angstabbau und Vertrauensaufbau verbunden mit einem freudigen Wohlfühlklima für jede Organisation auf dem Weg in die Zukunft elementar.

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