Auf dem Weg nach oben

HRM Interview / Portrait Kerstin Wagner Deutsche Bahn
Foto: Julia Nimke

Die Deutsche Bahn machte in den vergangenen Jahren unter anderem durch einen großen Personalmangel Schlagzeilen. Deswegen holte der Konzern 2012 die Talent-Acquisition-Expertin Kerstin Wagner an Bord. Sie soll jährlich bis zu 8.000 Stellen besetzen. Ein Porträt.

Vor zwanzig Jahren sortierte Kerstin Wagner stapelweise Papierbewerbungen nach A-, B-, C-Kandidaten. Das war Verwaltung, an Innovation nicht zu denken. Als sie 1993 bei Siemens ein Praktikum machte, galt Recruiting noch als Einstiegsjob. Nach dem Motto: Und wenn du einmal groß bist, machst du die richtigen HR-Projekte. Heute ist die 45-Jährige Leiterin Personalgewinnung bei der DB Mobility Logistics AG und führt ein 140-köpfiges Team an sieben Standorten. Sie hat es geschafft, dass allein im vergangenen Jahr 11.500 neue Mitarbeiter eingestellt wurden, und die Zahl der Bewerbungen um 30 Prozent gestiegen ist. Das wird den Personalvorstand Ulrich Weber freuen. Er holte die gebürtige Oberschwäbin 2012 zur Deutschen Bahn. Ihre Aufgabe: Die neu geschaffene Abteilung Personalgewinnung zu leiten und eines der drei Konzernziele der DB 2020-Strategie umzusetzen. Es lautet, bis zu dem Jahr Top-Arbeitgeber in Deutschland zu sein, dafür müssen unter anderem jährlich 8.000 Stellen besetzt und das Recruiting digitaler gestaltet werden.

Strukturprobleme

Als Kerstin Wagner im Juli 2012 in das frisch rekrutierte Personalgewinnungsteam kam, hatte sie nur fünf Monate Zeit, um die bereits geplante erste Arbeitgeberkampagne des Konzerns umzusetzen. Gleichzeitig verhandelten deutsche Medien die Strukturprobleme des gebeutelten Konzerns; zu wenig Personal, zu viele Überstunden, zu wenig Nachwuchs – unzählige Zugausfälle, miese Bewertungen auf Kununu. Dank der gemeinsamen Arbeit von einer Agentur und Kollegen aus Marketing und PR wurde im November 2012 der Fernsehspot der Kampagne „Kein Job wie jeder andere“ ausgestrahlt. Kerstin Wagner schaute ihn durch einen Zufall mit einigen Mitarbeitern am Empfang des DB-Towers; sie hatten sich dort versammelt, um die Erstausstrahlung zu sehen. Das hat sie sehr berührt, und war sicherlich auch eine Belohnung für die intensive interne Kommunikation. Kerstin Wagner und ihr Team sind zu den verschiedenen Standorten gefahren und haben die Kampagne in einer Roadshow vorgestellt. Besonders beliebt war der Plakatgenerator, der insgesamt 5.000 Plakate der Mitarbeiter im Kampagnenlayout produzierte. Sie hängen heute in den verschiedenen Abteilungen und haben dem Team deutschlandweit viele Einladungen zu unterschiedlichen Mitarbeiterveranstaltungen eingebracht.

Die Kampagne hat verschiedene Phasen, die jeweils andere Zielgruppen ansprechen: Die DB sucht Azubis, Studenten, Absolventen, Facharbeiter, Top-Führungskräfte und das in rund 500 verschiedenen Berufsprofilen. „Es gibt nicht nur ein Konzept. Die Kampagne allein reicht nicht aus“, sagt Kerstin Wagner. Recruiting ist ein dynamisches Geschäft. Sie ist froh, dass ihre Abteilung das Employer Branding und Recruiting, also Strategie und Operatives, gleichermaßen verantwortet. Auch die Karrierewebseite wurde vollkommen neu aufgesetzt, ein Job-Profiler konzipiert, der den Schülern auf der Webseite Orientierung bei der Berufswahl bieten soll. Die Belohnung: Ein Award und vier Millionen Besucher 2014. Es gibt zahlreiche DB Backstage Events, Online-Werbung, multimediale Stellenanzeigen und seit Sommer dieses Jahres auch die Azubi­plattform db-unplugged.de. Dort berichten ausgewählte Azubi-Botschafter aus ihrem Alltag und präsentieren ihre Lieblingssongs via Spotify – ohne in ihrer Freiheit als Blogger eingeschränkt zu werden, betont Kerstin Wagner.

Reisen als Virus

Dass Kerstin Wagner heute im HR-Bereich arbeitet, hat sie zu einem kleinen Anteil auch einem Recruiter bei Siemens zu verdanken. Sie bewarb sich während des Studiums dort ursprünglich im Marketing, er bot ihr jedoch eine Stelle in der Personalabteilung des Technologiekonzerns an. Nach dem BWL-Studium ging es für den MBA noch nach Kanada. Kerstin Wagner liebt die Ferne und das Reisen. „Ausland ist wie ein Virus. Hat er einen erwischt,  will man diese Erfahrung immer wieder machen.“ Ihre Augen strahlen hinter der rahmenlosen Brille.

Sie sitzt im 15. Stock des DB-Towers am Berliner Potsdamer Platz. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, eine auffällige schwarze Kette, High Heels. Dass sie Sportlerin ist, verrät ihre schlanke, hochgewachsene Figur, der feste Händedruck. Sie ist Turnerin, hatte auch einen Studienplatz im Fach Sport, entschied sich damals aber doch für BWL im baden-württembergischen Reutlingen und später in Reims – passend zu ihren Abitur-Leistungsfächern Mathematik und Französisch. Nach dem Studium kehrte sie nach Deutschland zurück, wegen der Liebe und weil sie sich ihren Berufseinstieg hierzulande am besten vorstellen konnte. Sie fragte sich: Was mache ich mit meinem ganzen Wissen?

Ein umtriebiger Siemens-Personalleiter, wie sie es nennt, lockte sie: Komm zu uns, ich bringe dich mit jemanden zusammen. Dieser jemand wurde 1995 ihr erster Chef, der Leiter globale HR des Telekommunikationsbereichs. Er suchte eine Assistentin. Eine neu geschaffene Position, die Kerstin Wagner die Tür in die HR-Welt öffnete. „Ich habe durch diese ganzen Projekte erst richtig begriffen, was Personalarbeit bedeutet.“ Gestaltungsmöglichkeiten, Netzwerk, Optimierung, diese Begriffe sagt sie oft.

Drei Jahre später ging sie für Siemens nach Boston, dort wurden drei aufgekaufte Startups zusammengeführt. Sie sollte die HR-Arbeit mitverantworten, Strukturen aufbauen, ohne die fragile hierarchiefreie Kultur einzureißen. Sie schwärmt von transformationaler Führung. Was das für sie bedeutet? Visionsarbeit, Einbeziehung von Experten, Erwartungen vorleben, Prozesse transparent machen, einen Rahmen schaffen für Begeisterung.

Transformationale Führung

Das brauchte sie auch für den Change im eigenen DB-Team. Die Abteilung Personalgewinnung wurde diesen Sommer neuorganisiert, die drei Säulen Marketing, Recruiting, Bewerbermanagement zusammengeführt. In vielen Diskussionen und Workshops mit den Mitarbeitern wurde eine gemeinsame Vision erarbeitet. Ideen kämen generell aus den Teams, sagt Wagner. Der Leiterkreis, der einmal monatlich tagt, entscheidet dann darüber, sodass es schnell an die Umsetzung geht. Das ist Kerstin Wagner wichtig. Durch die Neuaufstellung wurden die Aufgaben spezialisiert, ein eigenes Team ist beispielsweise für das globale Recruiting zuständig, eine Einheit kümmert sich um technische Akademiker oder IT-Stellen. Das musste sensibel kommuniziert, die Meinung der Mitarbeiter berücksichtigt werden. „Ich habe mich bewusst entschieden, meinen Schreibtisch im Büro meines Teams zu haben“, sagt Kerstin Wagner. Für den Austausch, sie möchte ansprechbar sein für ihre Mitarbeiter.

Die Autolichter spiegeln sich in der Glasfront des Büros im Potsdamer Tower, ein leerer Schreibtisch, ein großer Schrank, ihre Handtasche. „Das ist nicht direkt mein Büro“. Kerstin Wagner lacht. „Hier bin ich, wenn ich oder jemand aus meinem Team einen Termin im DB-Tower hat.“ In diesem sitzt auch Ulrich Weber, ihr Chef. Kerstin Wagner arbeitet eigentlich mit rund 50 Mitarbeitern aus der Personalgewinnung im Großraumbüro am Berliner Hauptbahnhof. Von dort führt sie ihre 140 Mitarbeiter vorrangig virtuell, durch regelmäßige Telkos, Videokonferenzen, Treffen im Leiterkreis.

Ungefähr so groß war auch ihr Team, als sie 2003 bei Siemens eine Inhouse-Transfergesellschaft aufbaute und leitete. Sie war damals aus Boston zurückgekehrt, wieder wegen der Liebe. „Die private Komponente ist ein stabiler Faktor in meinem Leben“, sagt sie, wählt jedes Wort mit Bedacht. Sie pendelt nun zwischen Berlin und München. 2003 hatte sie gerade ein Recruitingcenter aufgebaut, damit nicht weiterhin jeder Personalreferent das Recruiting für sich allein gestaltete. Doch die Dotcom-Blase platzte, Siemens geriet in die Krise. Ein harter Kurswechsel stand an: Restrukturierung statt Rekrutierung. Kerstin Wagner beriet damals 6.000 gekündigte Mitarbeiter und teilte diese intensive Erfahrung auch mit der Öffentlichkeit. Sie schrieb 2005 das Buch „Personalpolitik in schwierigen Zeiten. Neue Wege mit dem Siemens-beE-Modell“. Vier Jahre später wurde ihr von der Siemens-Managementebene eine neue Position angeboten, sie wurde Head of Global Talent Acquisition. Bis 2012 ein Headhunter im Auftrag der Deutsche Bahn anrief.

Fragen zum Wechsel pariert sie entschlossen, Fragen zur Zusammenarbeit der Abteilungen werden umschifft. Budgets nicht verraten. Höfliches Lächeln. Ein Geheimnis verrät sie dann doch: Die nächste Aktion wird ein 360-Grad-Film über die verschiedenen Arbeitsplätze sein, die sich die Zuschauer bei einem Karrieretag am 17. Oktober mit einer Virtual-Reality-Brille anschauen, und so voll in den Arbeitsalltag der DB eintauchen können. Mit Papierbergen und Verwaltungsaufgaben hat das nun wirklich nichts mehr zu tun.