Azubi-Bewerber sind anders

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Auszubildende gehen bei der Wahl ihres Ausbildungsplatzes eher pragmatisch vor, wie die aktuelle Studie „Azubi-Recruiting Trends“ zeigt. Recruiter sollten dennoch ein besonderes Augenmerk auf diese Zielgruppe legen, denn sie unterscheidet sich zum Teil deutlich von anderen.

Wenn ein Motiv die Ergebnisse der jährlich durchgeführten Studie „Azubi-Recruiting Trends“ durchzieht, dann ist es das Überraschungsmoment. Azubi-Bewerber bilden eben eine eigene Spezies, die sich zum Teil deutlich von anderen Bewerberzielgruppen unterscheidet. Auch in diesem Jahr hat die deutschlandweite Studie, für die 3.343 Azubi-Bewerber und Auszubildende sowie 1.295 Ausbildungsverantwortliche online befragt wurden, wieder Unerwartetes zutage gefördert.

Der wichtigste Kanal ist offline

Nehmen wir zum Beispiel die Kanäle, die angehende Azubis für die Suche nach einem Ausbildungsplatz nutzen. Der wichtigste Weg zur Informationsbeschaffung in Sachen Ausbildung in der ansonsten durch und durch auf Smartphone-Kommunikation geeichten Generation ist ganz traditionell und vor allem offline: der persönliche Rat – zum Beispiel von Freunden und Eltern. „Persönliche Empfehlungen“ werden von 46,8 Prozent der befragten Bewerber und Azubis „häufig oder sehr häufig“ für die Suche nach einem Ausbildungsplatz genutzt, Anzeigen in Online-Jobbörsen mit Azubi-Fokus dagegen nur von 34,5 Prozent. Und eine persönliche Empfehlung ist nur dann eine persönliche Empfehlung, wenn sie von Bekannten, Freunden und Familienangehörigen kommt: Arbeitgeberbewertungsplattformen wie kununu, die durchaus Empfehlungscharakter haben, nutzen nur 14,2 Prozent der Befragten „häufig“ oder „sehr häufig“.

Sinn, Work-Life und Lebenslanges Lernen

Welche Motive spielen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz eine Rolle? Dazu lohnt zunächst ein Blick auf die Frage, was sich (angehende) Auszubildende von ihrer beruflichen Karriere versprechen. Auf die Frage „Welche drei Dinge sind Dir im Rahmen Deiner beruflichen Karriere besonders wichtig?“ geben für eine Mehrheit vor allem drei Antworten den Ausschlag: „eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben“ (64,9 Prozent), „Ausgewogenheit zwischen Beruf und Freizeit“ (60,2 Prozent) sowie „immer mehr zu lernen“ (52,9 Prozent). Überraschend ist hier eher, dass diese vielfach einer bestimmten Generation zugeschlagenen Werte eher gesamtgesellschaftliche Trends darstellen. Darauf weist die Tatsache hin, dass der Wunsch kaum auf Erfahrungen beruhen kann: Azubis wünschen sich schon ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Freizeit bevor „Arbeit“ so richtig in ihr Leben getreten ist. Klassische Karriere-Argumente wie „immer mehr zu verdienen“ (41,5 Prozent) sind für eine größere Minderheit der Zielgruppe von Interesse, haben aber eher den Status eines Hygienefaktors.

Idealvorstellung und pragmatische Wahl des Ausbildungsbetriebs

Wie sieht aus Azubisicht der „perfekte Ausbildungsbetrieb“ aus? Den befragten Azubis wurden zehn Kriterien vorgelegt, die sie auf einer Skala von 1-10 gewichten konnten. Die höchsten Mittelwerte erhielten die Kriterien „bekanntes Unternehmen“ (rund 8,1), „gute Zusatzleistungen“ (7,8) und „moderne Arbeitsausstattung“ (7,2). In der konkreten Wahl des Ausbildungsbetriebs folgen Azubi-Bewerber jedoch anderen Kriterien und zeigen sich durchaus pragmatisch. Auf die Frage „Welches sind/waren für Dich die drei wichtigsten Faktoren bei der Wahl des Ausbildungsbetriebes?“ liegen die Antwortmöglichkeiten „Nähe zum Wohnort“ (40,4 Prozent) und „Jobsicherheit“ (33,4 Prozent) vorn. Die Einschätzung der Ausbildungsverantwortlichen zu den Prioritäten ihrer Zielgruppe bei der Wahl des Ausbildungsbetriebs weicht in einigen Punkten übrigens weit von denen der Azubis ab. Deutlich unterschätzt wird der Faktor „Jobsicherheit“.

Wunsch nach Wahrnehmung der Persönlichkeit und Schulnoten

Die Studienergebnisse der vergangenen Jahre zeigen: Azubis legen Wert darauf, dass ihre Persönlichkeit wahrgenommen wird – und bevorzugen deshalb zum Beispiel Papiermappen. Dieser Wunsch schlägt sich in den Vorstellungen zum Auswahlverfahren nieder: Gegenüber Noten als Auswahlkriterium zeigen sich viele Azubis in den Kommentaren skeptisch. 88,6 Prozent fänden es gut, wenn Ausbildungsbetriebe neben Leistungs- auch Persönlichkeitsaspekte testen würden. 59,5 Prozent der Azubis sind dafür offen, wenn Betriebe statt Schulnoten in der Azubi-Erstauswahl Testverfahren einsetzen, 28 Prozent neutral und 12,5 Prozent dagegen.
Die befragten Betriebe sind etwas reservierter, was das mögliche Verschwinden der Schulnoten als Kriterium für die Erstauswahl angeht: 43,9 Prozent sind dafür, 24,1 Prozent unentschieden und 32 Prozent dagegen. Das Misstrauen der Ausbildungsverantwortlichen gegenüber Schulnoten als Auswahlkriterium ist jedoch deutlich spürbar: 47,6 Prozent machen etwa regelmäßig die Erfahrung, dass die Schulnoten schlechter sind als die „tatsächliche Leistungsfähigkeit der Bewerber“.

Standing der dualen Ausbildung

Wenden sich nicht mehr und mehr Unternehmen von der dualen Ausbildung ab? In der Sicht der Mehrheit der befragten Ausbildungsverantwortlichen hat die duale Ausbildung einen festen Stand im Betrieb. 65,6 Prozent bewerten die „finanziellen Ressourcen“ für die duale Ausbildung als „gut“ oder „sehr gut“. In 64,1 Prozent der befragten Unternehmen nimmt die Ausbildung bei der Geschäftsleitung eine „hohe” oder „sehr hohe” Bedeutung ein. Diese Vitalität zeigt sich auch im Selbstbild der Azubis: Sie stimmen zu 87,7 Prozent der Aussage zu „Eine Ausbildung ist etwas Solides und studieren kann ich immer noch.“ Defizite gibt es allerdings beim Trendthema Digitalisierung/Industrie 4.0: Erst 16,5 Prozent der befragten Betriebe haben ihre Ausbilder speziell auf die mit diesen Veränderungssprozessen verbundenen Inhalte geschult.

Handlungsempfehlungen: in zwei Spiegel schauen

Was sollen Ausbildungsbetriebe mit den Ergebnissen der Studie anfangen? Sie bieten einen „Spiegel“ zum Thema duale Ausbildung, der dazu dient, eigene Denk- und Handlungsmuster zu reflektieren und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen. Dazu einige Beispielfragen:

  • Setzen wir tatsächlich die richtigen Prioritäten in der Ansprache von Azubis oder gibt es blinde Themenflecken wie Jobsicherheit, Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten oder das mit der Ausbildung verbundene Sinnangebot?
  • Sind wir zu sehr auf die Suche nach dem nächsten „hippen Internetkanal“ für die junge Zielgruppe fixiert und übersehen wir dabei die Wirksamkeit lokaler Netzwerke und lokalen Empfehlungsmanagements?
  • Verkaufen wir die duale Ausbildung vielleicht unter Wert? Zeigen wir am konkreten Beispiel, dass die duale Ausbildung eine attraktive Alternative zum Studium darstellt?

Dabei gilt es, der Zielgruppe nicht einfach nach dem Mund zu reden, sondern gleichermaßen in einen zweiten Spiegel zu schauen: den eigenen Betrieb. Dazu ein einfaches Beispiel: 42,2 Prozent der Azubis bevorzugen das „Du“ auf Karrierewebsites und in Azubi-Flyern, 36,7 Prozent ist es „egal“, 21,1 Prozent würden lieber beim formalen „Sie“ bleiben. Dennoch sollten es sich Betriebe gut überlegen, auf das „Du“ im Azubimarketing umzusteigen. Die entscheidende Frage dabei ist: Findet sich das „Du“ nicht nur in den Stellenanzeigen für Azubis, sondern auch im späteren Ausbildungsalltag wieder?

Die Studie „Azubi-Recruiting Trends 2016“ steht unter www.testsysteme.de/studie zum Download bereit. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Studie unterstützt u-form Testsysteme die Initiative JOBLINGE.