Besser als ihr Ruf

Im deutschen Mittelstand tummeln sich immer mehr chinesische Investoren. Sie werden oft misstrauisch beäugt, präsentieren sich bislang aber als gute Chefs. Personalleiter sollten sich um eine interkulturelle Verständigung bemühen.

Wenn Uwe Misselbeck sein Büro verlässt und auf dem Flur Kollegen begegnet, grüßt er nicht immer mit „Guten Tag“, sondern seit einigen Monaten auch gelegentlich mit „Ni hao“ – auf Chinesisch. Misselbeck ist Personalleiter des Betonpumpenherstellers Putzmeister im baden-württembergischen Aichtal. Anfang 2012 wurde das Unternehmen, das bis dato einer deutschen Holding gehörte, an den chinesischen Baumaschinenkonzern Sany verkauft. Die Proteste dagegen waren groß, hunderte Putzmeister-Mitarbeiter gingen auf die Straße, die IG Metall wetterte, das Unternehmen sei „über Nacht verscherbelt“ worden. Heute ist davon keine Rede mehr.

Im Grunde habe sich durch den Verkauf für die Mitarbeiter in Deutschland kaum etwas geändert, sagt Misselbeck. „Es gibt nahezu keine chinesische Präsenz vor Ort.“ Selbst der chinesische Geschäftsführer, dem der Personalleiter gelegentlich auf dem Flur begegnet, antwortet ihm mit „Grüß Gott“. „Es gab viele Sorgen in der Belegschaft, vor allem, dass es zu Entlassungen kommen würde“, sagt Misselbeck. „Solche Unsicherheit entsteht aber aus Unwissenheit.“ Mittlerweile ist Putzmeister seit mehr als einem Jahr in chinesischer Hand, und die Befürchtungen der Belegschaft haben sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Putzmeister und Sany haben den mehr als tausend deutschen Angestellten sogar eine Jobgarantie bis Ende 2020 gegeben.

Chinesische Investoren sind besser als ihr Ruf, sagt Jens-Peter Otto, China-Spezialist der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). Kulturelle Missverständnisse, autoritärer Tonfall, Massenentlassungen – bislang Fehlanzeige. „Sie nehmen meist nur behutsame Änderungen vor, oft auf Anraten des deutschen Managements hin.“ Damit treten sie deutlich rücksichtsvoller auf als viele andere ausländische Investoren. Für die Belegschaft in den übernommenen Unternehmen ändert sich in der Regel kaum etwas. Auch für die deutschen Personalleiter bedeutet eine chinesische Übernahme in der Regel nicht viel Extra-Arbeit. Und mit etwas Engagement können sie die neue Situation für beide Seiten besonders vorteilhaft gestalten.

Dazu gehört zunächst, zu verstehen, was chinesische Unternehmen überhaupt nach Deutschland zieht: Sie wissen nämlich das deutsche Know-how zu schätzen. Sie interessieren sich vor allem für Unternehmen aus dem Werkzeug- oder Maschinenbau, für erneuerbare Energien, Textilien sowie für Automobilzulieferer. Für Sektoren also, in denen der Mittelstand seine Stärken besonders ausspielt. Firmenchefs befürchten oft, dass chinesische Investoren bei einer Übernahme lediglich das deutsche Fachwissen kaufen und den Standort letztlich schließen wollen. Das hat sich bislang aber nicht bestätigt. „Der Standort Deutschland ist für chinesische Investoren extrem wichtig“, sagt PwC-Experte Otto. Produkte „Made in Germany“ sind im Reich der Mitte hochgeschätzt, Investoren wollen die deutschen Marken oft um jeden Preis erhalten.

Ein gewisser Austausch zwischen Deutschland und China ist trotzdem erwünscht. So erwarten die neuen Unternehmensinhaber oft, dass deutsche Ingenieure eine Zeitlang nach China gehen und die Kollegen der chinesischen Muttergesellschaft weiterbilden. „Die deutsche Belegschaft sollte flexibel sein“, sagt Otto. Eine Aufgabe für Personalleiter: Sie müssen die potenziell betroffenen Mitarbeiter darauf vorbereiten, dass sie zeitweise außer Landes müssen, auch wenn das bislang nicht der Fall gewesen war. Umgekehrt sollten Personalchefs sich darauf einstellen, dass regelmäßig chinesische Ingenieure für einige Zeit zum Lernen nach Deutschland kommen. Um die Zusammenarbeit in solchen Fällen zu erleichtern, können sie für die Belegschaft interkulturelle Schulungen anbieten, in denen die Eigenheiten der chinesischen Kultur erläutert werden. „Es ist zudem sinnvoll, ein oder zwei chinesische oder chinesischstämmige Mitarbeiter einzustellen, die eine Brückenfunktion übernehmen“, rät Otto. „Die deutsche Personalabteilung kann und sollte dahingehend die Initiative ergreifen.“

Chinesen wollen lernen

Putzmeister-Personalchef Misselbeck hat gute Erfahrungen damit gemacht. Er hat etwa für alle Mitarbeiter ein freiwilliges interkulturelles Training organisiert. „Das Angebot wurde rege angenommen“, sagt er. „Obwohl die meisten Mitarbeiter überhaupt keine Berührungspunkte mit den Chinesen haben.“ Für die wenigen Mitarbeiter, die im operativen Geschäft Kontakte nach China haben, beispielsweise aus den Bereichen Finanzbuchhaltung oder Controlling, gab es zudem einen Chinesisch-Sprachkurs mit den wichtigsten Floskeln und Grußformeln. Derzeit sind fünf chinesische Ingenieure bei Putzmeister zu Besuch, um deren Unterbringung sich Misselbeck gekümmert hat. „Das ist Routine“, sagt er.

Der Personalleiter, der seit rund vier Jahren bei Putzmeister arbeitet, ist im Umgang mit Investoren erfahren. Die Käufer aus China findet er im Vergleich besonders angenehm: „Viele amerikanische oder französische Investoren wollen einem erklären, wie die Welt funktioniert. Chinesen schauen eher zu und wollen lernen.“ Jüngst wollte einer seiner chinesischen Chefs zum Beispiel wissen, wie die deutsche Sozialversicherung funktioniert und ob Sany, der neue Putzmeister-Eigentümer, am aktuellen System etwas verbessern könne. In China geht eine Beförderung oft mit bestimmten Zusatzleistungen für die Familienmitglieder des Beförderten einher. „Ich habe dann erklärt, wie es in Deutschland abläuft“, sagt Misselbeck. Von solchen Fragen abgesehen laufe der Alltag aber genauso ab wie vor der Übernahme, stellt er klar. „Wir sprechen nicht Chinesisch, wir essen nicht mit Stäbchen, und in der Kantine haben wir gerade italienische Woche.“

Von anderen Unternehmen, die von chinesischen Investoren übernommen wurden, hört man Ähnliches: Man wolle kein Interview geben, weil es schlicht nichts zu erzählen gebe. Durch die Übernahme habe sich für die Belegschaft nichts geändert, heißt es etwa von Preh. Der Automobilzulieferer aus Bad Neustadt an der Saale wurde Ende vergangenen Jahres von der chinesischen Joyson-Gruppe übernommen. Auch die anderen übernommenen deutschen Unternehmen scheinen weitgehend zufrieden. Etwa Solibro: Die Tochter des insolventen Photovoltaik-Spezialisten Q-Cells ging Mitte vergangenen Jahres an den chinesischen Konzern Hanergy. Auf der Firmenhomepage prangt heute neben dem eigenen Logo das Hanergy-Emblem, sonst scheint sich wenig geändert zu haben. Über Personalfragen will man zwar offiziell noch nicht sprechen, dazu sei es zu früh. Medienberichten zufolge plant der neue chinesische Eigentümer aber keine Entlassungen.

Unumgängliche Entlassungen

Selbst, wenn Entlassungen nötig waren, haben die Investoren aus Fernost bislang das Beste aus der Situation gemacht. Beispiel Dürkopp Adler: Der Hersteller von Industrienähmaschinen mit Sitz in Bielefeld wurde als eines der ersten deutschen Unternehmen im Jahr 2005 von Chinesen übernommen, nämlich von der chinesischen SGSB-Gruppe. Als Dürkopp Adler in der Finanzkrise 2009 finanzielle Probleme bekam, nahm die Gruppe nicht etwa weitere Einsparungen vor, sondern steckte Millionen Euro in die deutsche Tochter. Und überzeugte mit diesem Engagement den Betriebsrat davon, dass Entlassungen unerlässlich sind, um die Zukunft des Unternehmens zu sichern. Mittlerweile hat sich die Belegschaft um fast 600 Mitarbeiter auf rund 1.200 verringert. Und niemand ist deswegen auf die Barrikaden gegangen.

Das Image chinesischer Investoren dürfte sich angesichts solcher Erfahrungen allmählich wandeln. Zur rechten Zeit, denn in den kommenden Jahren ist mit weiteren Übernahmen zu rechnen. „Die Fallzahlen steigen“, sagt PwC-Experte Otto. Bislang befinden sich zwar erst rund 20 deutsche Unternehmen in chinesischem Besitz. Die Käufer aus Fernost nehmen aber immer mehr Geld in die Hand, das zeigen Zahlen von PwC.

Im vergangenen Jahr übernahmen chinesische Investoren ausländische Unternehmen im Gesamtwert von rund 65 Milliarden US-Dollar. Das ist ein Anstieg um 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Europa steht immer häufiger im Zentrum der Zukäufe, und dort sind es ganz besonders deutsche Mittelständler, die die Aufmerksamkeit der Investoren auf sich ziehen. „Deutschland genießt in China hohes Ansehen“, sagt Otto.

Geht es nach der Bundesregierung, sind chinesische Investoren in Deutschland höchst willkommen. Im vergangenen Jahr warb Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler dezidiert um chinesische Direktinvestitionen. „Sie sind gewollt, sie sind gewünscht“, stellte er klar. Die Zeiten, in denen Chinesen deutsche Stahlwerke kauften, um sie dann in China wieder aufzubauen, seien vorbei. Chinesische Unternehmen streben heute die globale Technologieführerschaft an, und deutsche Mittelständler sollen ihnen dabei helfen. Umgekehrt investieren deutsche Unternehmen schließlich auch massiv in China. Im vergangenen Jahr tätigten sie Direktinvestitionen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro, und damit 30 Prozent mehr als im Vorjahr, heißt es von Germany Trade & Invest. Nach dem Willen von Wirtschaftsminister Rösler sollen die chinesischen Investitionen in Deutschland dasselbe Niveau erreichen.