Aussagekräftige Ergänzungen zum Bewerbungsgespräch

10.01.2019  |  David Lange
(c) gettyimages/demaerre
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Das klassische Bewerbungsgespräch reicht nicht mehr – Case Studies, Potenzialanalysen und Probetage helfen, die richtigen Mitarbeiter zu finden.

Der „War of Talents“ ist allgegenwärtig. Das World Economic Forum hat unter anderem das Lösen komplexer Probleme, Entscheidungskompetenz und kognitive Flexibilität als Top Skills der Zukunft ausgerufen, während Künstliche Intelligenz begonnen hat, in die Jobrealität einzuziehen. Um effizient die richtigen Mitarbeiter auf sich schnell ändernde Anforderungen vor dem Hintergrund einer neuen Arbeitswelt hin zu rekrutieren, bedarf es neuer, innovativer Prozesse.

Der Fachkräftemangel betrifft alle Branchen und Unternehmen verschiedenster Größe. Vor allem junge Unternehmen sind gefordert, sich gegenüber etablierten Playern zu behaupten und müssen in ihren Bewerbungsprozessen überzeugen. Professionelle und auf die Position abgestimmte HR-Ansätze erleichtern nicht nur die Auswahl der Bewerber, sondern führen auch zu mehr Effizienz. Klassische HR-Elemente, wie das Bewerbungsgespräch, müssen durch aussagekräftige und individuelle Komponenten ergänzt werden. Dazu können unter anderem eigens konzipierte Tests oder gut strukturierte Probetage gehören.

Verschiedene Skills – Verschiedene Prozesse

Wenn Bewerbungsprozesse überdacht und optimiert werden, sollten Unternehmen bedenken, dass es keine „One-fits-All“-Lösung gibt. Müssen Positionen in unterschiedlichen Unternehmensbereichen besetzt werden, muss es auch den Anforderungen entsprechende Prozesse geben. So muss ein Data Scientist andere Skills mitbringen als ein Grafikdesigner. Um analytische Kenntnisse abzufragen, eignen sich beispielsweise Case Studies und Logik-Tests, die oftmals in Assessment Centern genutzt werden. Diese Tests zeigen dem potentiellen neuen Arbeitgeber, ob der Bewerber über ein gewisses Zahlenverständnis verfügt und Potenziale richtig einschätzten kann. Um den Tests noch mehr Gewicht zu verleihen und die Expertise der Bewerber richtig zu evaluieren, können branchenspezifische und auf die Position abgestimmte Inhalte einfließen. Dadurch können Entscheidungen, beispielsweise bei der Suche nach Data Scientists oder IT-Projektmanagern, noch konkreter und passender gefällt werden.

Organisation ist alles

Bei Bewerbern aus kreativen Bereichen sind Probetage eine gute Option und bereichern das „reguläre“ Recruiting. Bei einem oder mehreren Probetagen ist es wichtig, dass die Zeit, die der Bewerber im Unternehmen verbringt, gut organisiert und inhaltlich vorbereitet wird. Die Zeit soll schließlich dafür genutzt werden, auch hier die Expertise des Bewerbers zu testen. Das kann nur gelingen, wenn der potentielle neue Mitarbeiter operativ gefordert wird und an konkreten Aufgaben unter “echten” Arbeitsbedingungen sein Wissen unter Beweis stellen kann. Eine Möglichkeit ist beispielsweise, dass der Bewerber basierend auf einem ausführlichen Briefing eine Aufgabe aufbereitet und am Ende des Probetages die Ergebnisse und die Vorgehensweise in einer Präsentation vorstellt. Durch dieses Vorgehen erhält das Unternehmen wertvolle und authentische Einblicke in die Arbeitsweise und den Charakter des Bewerbers.

Erfolgreich mit der richtigen Vorauswahl

Damit HR-Ergänzungen, wie ein Probetag oder entsprechende Tests funktionieren und einen echten Mehrwert darstellen, müssen auch weitere Bestandteile des Recruitings in Betracht gezogen werden. So ist die Vorauswahl ebenfalls entscheidend, um in dem späteren Prozess das wahre Potenzial eines Bewerbers zu erkennen. Bisherige Joberfahrung oder die letzte Job-Position sind oftmals nicht so aussagekräftig und verraten nur selten etwas über die wahren Talente und Stärken des Bewerbers. Umso wichtiger ist es, dass Unternehmen auch die Skills bei der Auswahl eines neuen Mitarbeiters prüfen (zum Beispiel durch Tests) und in dem persönlichen Gespräch auf die geforderten Soft Skills achten, die Kandidaten für sich beständig ändernde Anforderungen mitbringen sollten. Ein Faktor, der nicht zu unterschätzen ist, ist die Motivation eines Bewerbers. Ein hochmotivierter Bewerber überzeugt durch sein Auftreten und wird sich als Mitarbeiter durch ein entsprechendes Engagement auszeichnen. Hier liegt die Verantwortung bei den Mitarbeitern aus dem Unternehmen, die in dem HR-Prozess für die Vorauswahl der Bewerber zuständig und bei der Durchführung von Bewerbungsgesprächen involviert sind. Sie müssen mithilfe ihrer Erfahrung und ihres Feingefühls die richtigen Kandidaten für den ausgeschriebenen Job erkennen.

Zudem ist es wichtig, dass die Job-Anforderungen klar formuliert werden und das Interesse der aus Sicht des Unternehmens richtigen Kandidaten wecken. In den vergangenen Jahren wurde vermehrt vom „Tod des Lebenslaufs“ gesprochen. Viele Bewerbungen sind jedoch immer noch schwammig und verschwenden enorm viel Potenzial. Für Unternehmen ist es entscheidend, bereits in diesem Anfangsstadium des Bewerbungsprozess konsequent auszusieben, um die Zeit der Mitarbeiter, die im HR involviert sind, effizient zu gestalten. Kurze, aussagekräftige CVs sowie individuelle, auf das Unternehmen und die ausgeschriebene Position gemünzte Anschreiben sind ein klares Indiz für einen starken Bewerber.

Zwei Seiten der Medaille

Um gute Mitarbeiter zu finden, die schnell in ihrer neuen Position überzeugen, bedarf es professioneller und effizienter HR-Prozesse. Unternehmen müssen flexibel denken, um auf dem umkämpften Arbeitsmarkt auch weiterhin erfolgreich zu agieren. Strukturierte Probetage oder jobspezifische Tests geben interessante Einblicke in die Skills eines Bewerbers und bieten die Möglichkeiten, Fähigkeiten, wie Problemlösung, Kreativität oder Kritisches Denken, zu evaluieren. Auf der anderen Seite lernen qualifizierte Kandidaten so das konkrete Aufgabenfeld, das Team und die Unternehmenskultur kennen. Arbeitgeber sollten sich jedoch bewusst sein, dass nicht nur die Kandidaten sich bei ihnen bewerben, sondern die Unternehmen auch um die Gunst der Bewerber buhlen müssen. Eine starke Unternehmenskultur mit entsprechenden Werten und Benefits ist ein Vorteil, im Bewerbungsprozess und um Mitarbeiter langfristig an ein Unternehmen zu binden. Vor allem in jungen Unternehmen ist es entscheidend, dass das ganze Team an einem Strang zieht und neue Mitarbeiter ihre Kollegen und Vorgesetzten durch ihr Können, ihre Arbeitseinstellung und ihre Persönlichkeit schnell überzeugen. Um dies zu schaffen, ist ein effizienter, professioneller Bewerbungsprozess unabdingbar – vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels.