Björn Böhning: „Ich schaffe keinen Zwang zum Homeoffice“

03.05.2019  |  Anne Hünninghaus
(c) Quadriga Media / Jana Legler
(c) Quadriga Media / Jana Legler

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales fordert ein Recht auf Homeoffice. Staatssekretär Böhning über mögliche Hemmnisse und die Rolle von HR.

Herr Böhning, seit Jahresbeginn geistert der Vorstoß des Arbeitsministe­riums, ein verbindliches Recht auf mobiles Arbeiten zu schaffen, durch die Medien. Wie ist der aktuelle Stand?
Björn Böhning: Wir wollen im zweiten Halbjahr einen Gesetzesentwurf präsentieren, der einen Rechtsrahmen für mobiles Arbeiten schafft. Im Moment schauen wir uns an, wie andere europäische Länder mit dem Thema umgehen. In den Niederlanden und in Skandinavien gibt es Regelungen, aus denen wir Schlüsse ziehen können: Was hilft den Arbeitnehmern und Arbeitgebern? Was schafft eine unbürokratische Lösung für alle?

+++ Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Magazin Human Resources Manager. Eine Übersicht der Ausgaben erhalten Sie hier. +++

Die bei Arbeitnehmern beliebte Home­office-Option scheitert oft am Willen der Arbeitgeber. Wie bewerten Sie den Status quo?
Derzeit nutzen zwölf Prozent der Arbeitnehmer gelegentlich Homeoffice. Rund 35 Prozent würden hingegen gerne diese Möglichkeit wahrnehmen. Offensichtlich können die bestehenden Regelungen diese Erwartungen nicht bedienen. Deshalb wollen wir da ran, wie der Koalitionsvertrag es uns aufgibt. Dabei ist klar, dass das Auto natürlich weiterhin in der Fabrik produziert und der Patient im Krankenhaus gepflegt werden wird.

Warum ist es aus Ihrer Sicht im Interesse der Arbeitgeber, den Mitarbeitern entgegenzukommen?
Die neue Arbeitswelt ermöglicht mehr Flexibilität. Und sie braucht sie auch. Wir leben in einem Arbeitnehmer-
arbeitsmarkt, sind auf dem Weg in eine Vollbeschäftigungsgesellschaft. Viele Unternehmen müssen ihre Einstellung also verändern, wenn sie qualifizierte Fachkräfte für sich gewinnen wollen. Das Bedürfnis nach einer attraktiven Arbeitgebermarke rückt in den Fokus. Mir schildern Personaler immer wieder, dass Bewerber in den Gesprächen nicht mehr als Bittsteller dasitzen, sondern nach Benefits fragen.

Das gilt für begehrte Fachkräfte.
Richtig, da muss man differenzieren. Aber mit Blick auf den demografischen Wandel verschärft sich auch in der Breite der Wettbewerb um Arbeitskräfte.

Nun könnte man Ihrer Argumentation folgend vermuten, dass sich das alles ohnehin im Laufe der Zeit reguliert – auch ohne staatliches Zutun: Die Betriebe müssen sich bewegen, sonst gehen sie leer aus.
Mich wundert es, dass die Entwicklung von modernen flexiblen Beschäftigungsverhältnissen in Deutschland so langsam läuft. Das hat viel mit der hier sehr verankerten Präsenzkultur zu tun.

Wie erklären Sie sich diese?
Na ja, wir sind eine hochproduktive Volkswirtschaft mit 45 Millionen Erwerbstätigen. In Skandinavien beispielsweise sind sehr weite Pendlerwege ein großes Thema, bei uns nicht so stark und regional unterschiedlich. Dennoch haben auch hier viele den Wunsch, mehr im Homeoffice zu arbeiten, um lange Strecken zu vermeiden. Auch wenn es in ein paar Jahren – und das wäre ja gut – eines solchen Gesetzes vielleicht gar nicht mehr bedarf: Ein gesetzlicher Push, weg von der Präsenzkultur zu kommen, ist jetzt notwendig.

Ihr Koalitionspartner sieht das etwas anders. Peter Weiß, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, warnt vor fehlenden Kontrollmöglichkeiten, wenn Mitarbeiter zu Hause arbeiten. Was entgegnen Sie?
Die Vorstellung, dass die Arbeitswelt nur aus Kontrolle und Befolgen besteht, ist veraltet. Gute Resultate bekommt man nicht, wenn Mitarbeiter möglichst eng geführt und überwacht werden. In einem modernen Management geht es um Ergebnisse und nicht darum, jeden einzelnen Schritt dahin zu verfolgen. Mobiles Arbeiten ist oft effizienter und effektiver, das zeigen verschiedene Studien. Hinzu kommt: Ich schaffe keinen Zwang zum Home­office! 70 bis 80 Prozent der Beschäftigten wollen überhaupt nicht zu Hause arbeiten, um die Sphären von Job und Privatleben zu trennen. Wir entwerfen lediglich ein rechtliches Gerüst und wollen anregen, dass Unternehmensleitungen und Betriebsräte oder Arbeitgeber und Gewerkschaften darüber sprechen, wie eine individuelle Vereinbarung aussehen kann, damit Homeoffice möglich wird.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier plädiert für individuelle Lösungen statt staatlicher Einmischung. Auch die Arbeitgeberverbände, die sich bedroht fühlen, suggerieren: Wir bekommen das Thema schon selbst geregelt!
Da sind wir uns einig. Ich möchte auch nicht, dass der Staat in betriebliche Vereinbarungen hineinredet und Details vorgibt. Aber es soll mehr Sicherheit geben, sowohl für den Arbeitgeber, der Transparenz erhält, welche Anforderungen er einhalten muss, als auch für den Arbeitnehmer, der berechtigte Ansprüche besser durchsetzen kann. Es gibt bereits eine Fülle an Regelungen, denen wir nun einen Rahmen geben. Fakt ist aber, dass die Entwicklungen noch längst nicht so weit sind, wie aktuell oft behauptet wird. Die Debatte über New Work läuft schon seit einigen Jahren, dennoch hinken viele Unternehmen dem Trend hinterher – sonst gäbe es ja nicht diese hohe Differenz zwischen möglichem und realem Angebot mobilen Arbeitens.

Von den jüngeren Generationen, die in den Arbeitsmarkt eintreten, heißt es, sie seien anspruchsvoller. Sie werden auch in diesem Punkt mehr einfordern.
Die Personalmanager werden schon jetzt mit gestiegenen Ansprüchen konfrontiert. Und doch stoßen auch sie an Grenzen in dem, was sie anbieten können. Die Zuschriften, die wir zu dem Thema bekommen, zeigen, dass es immer wieder Fälle gibt, in denen grundlos auch nur ein einziger Homeoffice-Tag in der Woche abgelehnt wird, vielleicht einfach, um Ruhe zu haben und sich zu konzentrieren. Viele Arbeitgeber haben die Potenziale einer neuen Arbeitswelt noch nicht erkannt.

Auf welche Branchen konzentrieren Sie sich besonders, wo liegt das größte bisher ungenutzte Potenzial?
Wir betrachten die Breite. Im öffentlichen Dienst zum Beispiel ist mobiles Arbeiten weit verbreitet, er ist damit quasi Vorreiter. Dennoch wird auch hier die Präsenzkultur noch überbewertet, das hemmt die Entwicklung.

Wie sieht es bei Ihnen im Ministerium aus in puncto flexibler Arbeitszeit?
Hier im Haus können alle komplett zeit- und ortsflexibel arbeiten. Das funktioniert sehr gut auf Basis einer Vereinbarung mit dem Personalrat. Es muss natürlich eine gute Absprachekultur mit dem Vorgesetzten geben. Und die Beschäftigten haben die entsprechende technische Ausstattung.

… Was für Arbeitgeber auch ein Kostenfaktor ist.
Klar, aber wenn die Mitarbeiter effizienter arbeiten und zufriedener sind, weil sie partiell zu Hause arbeiten können, lohnen sich die Ausgaben allemal.

Und Sie haben sich noch nie darüber geärgert, einen Mitarbeiter nicht im Büro zu erreichen?
Nein, das ist noch nicht vorgekommen. Auch ich selbst arbeite teils von zu Hause aus. Wir nutzen für eine bessere Kommunikation Tools, verbinden uns beispielsweise über Skype. Das ist überhaupt kein Problem.

Digitaler Strukturwandel fordert neue Kompetenzen. Im Fall des mobilen Arbeitens geht es vor allem um digitale Vernetzung. Die Bereitschaft, sich mit neuen Online-Diensten zu befassen, muss – auch bei den Älteren – da sein.
Definitiv! Zwei Dinge sollten bei mobilem Arbeiten unbedingt bedacht werden: Es muss erstens ein Weiterbildungsprogramm zum Umgang mit neuer Software geben. Zweitens: Es bedarf einer besonderen Gesundheitsvorsorge. Nach unseren Studien entstehen zu Hause im Schnitt mehr Überstunden. Es gibt eine Gefährdungslage, weil Arbeitnehmer teils Pausenzeiten nicht einhalten und bis spät abends am Schreibtisch sitzen. Homeoffice darf nicht heißen, dass man Überstunden buckelt. Diesem Thema müssen wir uns besonders widmen.

Das Recht auf Homeoffice soll laut Arbeitsminister Hubertus Heil auch dazu dienen, „mehr Spielraum für Familienzeit“ zu schaffen. Studien besagen aber, dass vor allem Mütter in Heimarbeit mehr Überstunden leisten, weil sie sich parallel häufig noch um Haushalt und Kinder kümmern. Wie kann man Rollenkonflikten und Überlastungen entgegenwirken?
Unsere eigenen Studien zeigen, dass zwar insgesamt mehr Männer als Frauen im Homeoffice arbeiten, aber mehr Mütter als Väter. Das ist beachtlich. Bei manchen Männern führt das Kind also dazu, dass sie lieber im Büro arbeiten, während deren Frauen offenbar in die Rolle gedrängt werden, Heimarbeit zu nutzen, um die Kinderbetreuung noch „nebenher“ zu übernehmen. Über diesen Gender Bias muss geredet werden, gesamtgesellschaftlich und zwischen den betrieblichen Akteuren. Aber genauso klar ist: Eine Neuregelung wird alles in allem deutliche Effekte für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf bringen. Das erwarten im Übrigen auch drei Viertel der Bürger. Darüber hinaus nennen etwas über 60 Prozent der Beschäftigten mit Homeoffice-Wunsch als Gründe die Einsparung von Fahrtzeit oder eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit allgemein. Und tatsächlich besteht das Homeoffice auch hier den Praxistest, denn aktuelle Studien zeigen, dass mehr Zeit für Kinder bleibt.

Aufkommende Rollenkonflikte bleiben also den Unternehmen überlassen, dafür schaffen Sie keine Regelungen?
Wie gesagt, sehen wir in einer Neuregelung zuerst positive Effekte für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Mit einem gesetzlichen Handstreich lässt sich eine solche gesamtgesellschaftliche, kulturelle Frage aber sicher nur partiell lösen.

Müssen wir über Zeiterfassungs­systeme sprechen?
Ja. Die meisten uns bekannten Regelungen zum mobilen Arbeiten sehen eine Zeiterfassung vor, und das ist auch notwendig. Wir hatten das Thema schon in der Diskussion um Vertrauensarbeitszeit.

… Die ja in der Regel auch zu mehr Überstunden führt.
Richtig. Flexible Arbeitszeiten können negative gesundheitliche Folgen haben, Burnout zum Beispiel. Unternehmen haben ihre Regeln dazu teils zurückgedreht, um zu vermeiden, dass das Arbeiten entgrenzt wird. Das Arbeitszeitgesetz gilt – auch wenn man mobil arbeitet.

Was halten Sie von Regelungen wie „Mindestanwesenheitszeiten“, um Isolation zu vermeiden und Teams zusammenzuhalten?
Präsenz ist zweifellos sinnvoll für das Betriebsklima und den Erfolg von Projekten. Ausschließlich im Homeoffice tätig zu sein, halte ich für kontraproduktiv. Nach unseren Zahlen bleibt aber ohnehin von den zwölf Prozent, die mobil arbeiten, ein Drittel nur einen Tag in der Woche zu Hause. Homeoffice ist nicht der Ersatz des betrieblichen Büros, sondern wird als Ergänzung wahrgenommen. Eine gesetzliche Vorgabe nach dem Prinzip „Jeder muss zwei Tage pro Woche im Betrieb sein“ brauchen wir nicht.

Bevor Beschäftigte zu Hause starten können, gibt es meist zuerst eine offizielle Begehung – es wird geprüft, ob der Arbeitsplatz sicher ist, Dokumente verschlossen werden können, die Beleuchtung hell genug ist und so weiter. Sie möchten das Recht auf Homeoffice unbürokratisch umsetzen, wie ist das angesichts der vielen Auflagen gemeint?
Das heißt, wir möchten möglichst viel Spielraum lassen, dass Regelungen im Betrieb oder auf der Tarifebene gefunden werden. Die bisherigen gesetzlichen Vorgaben werden wir dabei nicht schleifen.

Ist die fehlende Lust, sich diesen Prozessen zu widmen, für Arbeitgeber neben dem Thema Vertrauen und Kontrolle der zweite große Hemmschuh?
Das kann ich mir vorstellen. Die gelebte Praxis in vielen Unternehmen zeigt aber, wie viel flexibel zwischen Betriebsräten und Unternehmensleitungen geregelt wird und geregelt werden kann. Der technische Zugang muss garantiert sein, klar. Auch über die Unfallversicherung muss gesprochen werden.

In erster Linie betrifft das Recht auf mobiles Arbeiten Bürojobs qualifizierter Fachkräfte. Der Verkäufer oder Fabrikarbeiter kann ohnehin nicht zu Hause arbeiten. Sehen Sie die Gefahr, dass das die Gräben zwischen Fachkräften, die immer mehr Freiheiten genießen, und Geringverdienern vertieft?
Homeoffice betrifft ja nicht nur Berliner Start-ups. Auch zum Beispiel der Kundenbetreuer im Banking- und Finance-Sektor kann von mobilem Arbeiten profitieren. Klar ist aber, dass wir es nicht in allen Segmenten anbieten können und es eher den höher Qualifizierten mehr Freiheiten bietet. Für mich heißt das umso mehr, dass wir einen Rechtsrahmen brauchen: Der High Potential ist auch heute schon in der Lage, seine Interessen in Bezug auf flexibles Arbeiten mit Verve bei seinen Vorgesetzten durchzusetzen. Denjenigen, die weniger offensiv auftreten, kann eine Regelung helfen.

Der Entwurf zum Homeoffice-Gesetz, die bereits umgesetzte Brückenteilzeit, Einschränkungen im Befristungsrecht: Arbeitgeberverbände werfen dem SPD-geführten Ministerium vor, all diese Maßnahmen kämen einseitig den Wünschen der Arbeitnehmer entgegen.
Für einen Sozialdemokraten ist es keine Beschimpfung, wenn es heißt, er würde sich für Arbeitnehmer einsetzen. Unser Ministerium setzt auf die Sozialpartner: Die Innovativen haben längst selbst Regelungen gefunden, sie werden von meinem Gesetz nicht betroffen sein. Ich gebe denen Antrieb, die Nachholbedarf haben.

Und die werden über das Gesetz fluchen.
Sie werden sich freuen über einen Rahmen, der es ermöglicht, effizienter und flexibler zu arbeiten – und damit ihre Unternehmen attraktiver macht.

Welche Rolle kommt HRlern in diesem Zusammenhang zu?
Ich beobachte, dass sich Personalmanager schon sehr weit in diese New-Work-Themen hineindenken – und dann aber oft von ihren CEOs oder Finanzvorständen ausgebremst werden. Sie brauchen Unterstützung in diesem Dialog. Mobiles Arbeiten zu ermöglichen heißt lockerzulassen und darauf zu vertrauen, dass Arbeit im Sinne beider Parteien besser wird. Das ist eine Kulturfrage, und Kultur zu verändern ist noch schwieriger als Gesetze zu machen. Ich freue mich, diesen Wandel zu unterstützen.

Björn Böhning ist Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales unter Minister Hubertus Heil. Zuvor war der Sozialdemokrat Chef der Berliner Senatskanzlei.