Bye, bye, Beamer, Block und Breakout-Session

Vernetztes Lernen ist nicht nur die Zukunft. Schon heute testen Unternehmen und Hochschulen völlig neue Formen der Weiterbildung und des Studierens. Doch wir stehen erst am Anfang.

Der Fortschritt in der Bildung hatte lange Zeit verheißungsvolle Attribute wie „Flipchart“, „Beamer“ oder „Breakout-Session“. Die englischen Begriffe standen für Modernität, waren aber am Ende nicht viel besser als Tafel, Kreide und Arbeitsgruppe. Alles rein physisch, versteht sich. Wer in der betrieblichen Weiterbildung etwas auf sich hielt, baute modern ausgestattete Trainingszentren mit hoch technisierten Seminarräumen. Führungskräfte reisten für einen Lehrgang um den halben Globus, Mitarbeiter-Trainings an einem Ort waren das Non-plus-Ultra in vielen Unternehmen. Wer berufsbegleitend studierte, musste entweder am Wochenende in die Hochschule oder wartete auf einen Briefumschlag von der Fernuni. Inzwischen befinden sich Lehre und Weiterbildung mitten in einer Revolution – das Internet treibt sie an.

Virtuelle Klassenräume mit Online-Tafeln, Studenten-Chats über die Plattformen der sozialen Medien, Internet-Spiele als Seminarersatz, Online-Vorlesungen für jedermann – alles ist inzwischen denkbar, vieles erproben Unternehmen und Hochschulen bereits. Vernetztes Lernen ist der große Fortschritt in der Bildung, sowohl für die klassische Aus- und Weiterbildung als auch für das informelle Lernen in Unternehmen. Denn die stetige Weiterentwicklung des firmeneigenen Wissens spielt eine immer größere Rolle. „Noch wirft das Thema ‚Vernetztes Lernen‘ viele Fragen auf“, sagt Jochen Robes, Blogger und Berater bei HQ Interaktive Mediensysteme, „viele Unternehmen suchen nach dem Nutzen, den die zahlreichen Möglichkeiten über das Internet wirklich bringen.“

Schon im vergangenen Jahrzehnt kamen begleitend zum klassischen Seminar immer mehr sogenannte E-Learning-Angebote in Mode: Der Lehrstoff wird als Präsentation aufbereitet und dem Lernenden häppchenweise über seinen Internetzugang auf den Computerarbeitsplatz transportiert.

E-Learning wird dank der schnell wachsenden Möglichkeiten über das Internet immer aufwendiger, interaktiver und bunter: Weiterbildungseinrichtungen der Wirtschaft, wie beispielsweise die Porsche-Akademie, bieten E-Learning-Module zu Themen wie Lean Production an. Modernes E-Learning umfasst neben den Online-Texten auch passende Video-Sequenzen, digitale Simulationen und interaktive Übungen. Eine Stunde einer solch aufwendigen E-Learning-Einheit kostet in der Herstellung schnell bis zu 50.000 Euro, kann dafür aber gerade in weltweit tätigen Unternehmen überall eingesetzt werden. „Die letzten Fragezeichen, die viele Unternehmen hinter E-Learning gesehen haben, sind jetzt verschwunden“, stellt Robes fest.

Der Technologiekonzern Robert Bosch nutzt seit rund fünf Jahren E-Learning für Themen, die in alle 60 Länder transportiert werden sollen, in denen das Unternehmen Mitarbeiter hat. Es geht um Prozessänderungen, Neuerungen in der IT-Struktur und Rechtsfragen, aber auch komplexes Wissen. „Wir haben bei E-Learning-Angeboten im Moment einen recht großen Zuwachs“, sagt Bettina Kötteritz, E-Learning-Expertin bei Bosch.

Drei Varianten setzt das Unternehmen schon jetzt ein: „Web Based Trainings“, „Blended Learning“, das Präsenzseminare mit Online-Modulen kombiniert, und „Webinare“, bei denen ein Vortragender live per Telefon und „Application Sharing“ über das Internet mit den Lernenden kommuniziert. Seit 2012 bildet Bosch sogar seine Führungskräfte per „Blended Learning“ aus. „Wir wollen mit den neuen Angeboten unsere Weiterbildung anreichern“, erklärt Kötteritz, „es geht uns darum, alte und neue Lernangebote zu kombinieren, also nicht Bewährtes durch Neues zu ersetzen.“

Der nächste Schritt der Wissensvermittlung

Auch der Handelskonzern Metro Group nutzt das Internet für die Wissensvermittlung: Die virtuelle „Finance Academy“ lehrt neue Entwicklungen in besonders sensiblen Bereichen des Geschäfts, nämlich in Controlling, Buchhaltung, Finanzen und Steuern. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen 62 Web-Seminare mit 1.650 Teilnehmern durchgeführt – ein Rekord für Zlatka Radeva, Head of Finance Academy bei der Metro AG. „Angesichts der Tatsache, dass die Mitarbeiter über mehr als 30 Länder verteilt sind und sich die Schulungsinhalte rasch verändern, stoßen wir mit Präsenzschulungen schnell an unsere Grenzen“, so Radeva, „darum haben wir uns für eine Schulung über Web-basierte Seminare entschieden.“

Die 45-minütigen Kurse finden live über die sogenannte WebEx-Plattform statt, die Trainer kommen entweder aus der Zentrale, einer Landesorganisation oder sind externe Experten. Nach jedem Vortrag können die Teilnehmer direkt Fragen über das Internet stellen. Zusätzliche Unterlagen laden die Mitarbeiter vor oder nach dem Web-Seminar über eine unternehmenseigene Internet-Plattform herunter. „Die Teilnehmer bestätigen uns auch immer wieder, dass die Anmeldung wirklich einfach ist: Alle angebotenen Seminare werden im Web-Katalog der Finance Academy veröffentlicht – man muss nur wählen und sich anmelden“, so Radeva. Die Barrieren, neues Wissen im Unternehmen zu verbreiten, sinken immer weiter.

Bosch testet seit Jahresanfang schon den nächsten Schritt der Wissensvermittlung. Mehrere hundert Mitarbeiter tauschen sich in verschiedenen Themengruppen auf einer firmeneigenen Social-Media-Plattform aus. Der eine lädt etwa Dokumente zu einem bestimmten Thema auf die Plattform, der andere gibt Fragen in die virtuelle Runde und tauscht sich mit anderen Experten aus. Im Laufe des Jahres sollen alle Mitarbeiter weltweit die informelle Wissensbörse einfach und schnell nutzen können – so, wie die private Kommunikation auch heute schon auf Facebook funktioniert. „Wir wollen den Wissensaustausch offener und vielfältiger gestalten“, bringt es Kötteritz auf den Punkt. Neuester Baustein in der Weiterbildung bei Bosch ist ein Pilotprojekt zum Thema „Game Based Learning“. Erstmals startet ein eigens für Bosch entwickeltes Online-Spiel, das allen Mitarbeitern weltweit zum Mitspielen offensteht – anonym, versteht sich. Ihnen soll auf diese Weise spielerisch ein Fachthema nahegebracht werden.

Testen, was funktioniert und was die eigenen Ziele am besten erfüllt, das ist das Gebot der Stunde. Der Trend zu „Enterprise 2.0“, also zu Kollaborationsplattformen im Internet, die auf ein Unternehmen zugeschnitten sind, bestimmt auch zunehmend das Nachdenken über Wissensvermittlung. Siemens Building Technologies nutzt beispielsweise die eigene Internet-Plattform „References+“, um Wissen, Erfahrungen und Best Practices im Unternehmen auszutauschen. Mehr als 8.000 registrierte Mitarbeiter des Siemens-Bereichs nutzen die Plattform, um sich dort direkt zu beraten – statt per E-Mail. Der Sportartikelkonzern Adidas geht sogar noch einen Schritt weiter: 2012 veröffentlichte das Unternehmen in seinem „Adidas Group Blog“ einen Aufruf, Adidas in eine „lernende Organisation“ zu verwandeln nach dem Motto „ich lerne, wir wachsen“. Die Mitarbeiter sollten helfen, eine Unternehmensuniversität zu gründen, die neue „Lernumgebungen für die Zukunft“ schafft. Der Generationenwandel und der Umgang mit neuen Medienformen erfordern anderes Lernen: Schon 64 Prozent der 48.000 Adidas-Mitarbeiter seien nach 1981 geboren, also Angehörige der „Generation Y“. Für sie gehört der offene Zugang zu Informationen genauso zum Alltag wie das Netzwerken über Facebook und LinkedIn.

Adidas knüpft mit seiner Idee an einen mächtigen Trend an, der in den kommenden Jahren die Aus- und Weiterbildungslandschaft deutlich verändern wird. Die Rede ist von „Massive Open Online Courses“ (MOOC), Online-Vorlesungen namhafter Wissenschaftler und Universitäten, die frei im Netz verfügbar sind, zugänglich mit oder ohne Vorbildung. Wer erfolgreich mitlernt und einen abschließenden Test zu einer Vorlesungsreihe besteht, erhält ein Zertifikat. Zum Beispiel haben sich im Portal EdX die renommierte Harvard University und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit anderen Universitäten zusammengeschlossen, um Vorlesungen kostenfrei zugänglich zu machen. Student wird, wer sich dafür interessiert – ohne Studiengebühren und Numerus Clausus. Die Stanford University arbeitet bereits seit fünf Jahren mit dem Technologiekonzern Apple zusammen und bietet über das Inhalte-Portal „iTunes University“ Vorlesungen für jedermann an. „Viele Unternehmen sind neugierig auf die neue Lernwelt“, bemerkt Berater Robes. Die virtuellen Universitäten lassen verschiedene Geschäftsmodelle zu – beispielsweise könnte mit Zustimmung der Nutzer ein interessiertes Unternehmen besonders leistungsstarke Studenten in den Online-Kursen ausfindig machen und als Nachwuchs anwerben. Außerdem eignen sich Online-Vorlesungen für die Weiterbildung oder setzen sogar Anreize für berufsbegleitende Aufbaustudien.

Denn die neue Internet-Welt vereinfacht berufsbegleitendes Studieren. Sogar das klassische Fernstudium kommt inzwischen multimedial aufgehübscht daher. Die einzige staatliche Fernuniversität in Hagen hat jüngst zum ersten Mal eine „hybride“ Vorlesung präsentiert. Mussten die Studenten vorher für die Veranstaltung nach Nordrhein-Westfalen reisen, konnten sie stattdessen aus einem der vier regionalen Vorlesungsräume in Berlin, Hamburg, Stuttgart oder Frankfurt der Einführung in die Bildungswissenschaft zuhören und zuschauen – und interaktiv Fragen stellen. Auf der Lernplattform bietet die Fernuni auch sogenannte „Cafés“ an, in denen sich die Studenten untereinander Nachrichten schreiben können.

Arbeitsgruppen über Facebook organisieren

Auch an Fachhochschulen sind soziale Netzwerke Teil des Lernalltags geworden. Stefan Ludwigs, Studiengangsleiter für Mediendesign an der Rheinischen Fachhochschule Köln, ist mit seinen Studenten über Facebook verbunden. Die Hochschule bietet traditionell viele berufsbegleitende Studiengänge an und legt in Vorlesungen noch auf die Anwesenheit der Studenten Wert. Gleichzeitig ist aber auch Eigeninitiative gefragt, wenn sie sich beispielsweise zur Situationsanalyse einer Marke im Fach Kommunikationsmanagement auf Arbeitsgruppen aufteilen sollen. Das passiert nicht im Vorlesungssaal, sondern auf Facebook. „Als ich die Studenten gefragt habe, ob sie mich in ihre Facebook-Gruppe aufnehmen, war erstmal Stille“, erinnert sich Ludwigs, „dabei macht es wirklich Sinn, wenn ein Dozent nachschaut, ob zum Beispiel die Projektarbeit auch gerecht auf die Studenten verteilt ist – und es diszipliniert die Umgangsformen.“ Denn die sind im Internet manchmal rauer als an der Hochschule.

Eine der derzeit elegantesten Lösungen verspricht die Steinbeis-Hochschule in Berlin: Sie bietet ab dem Sommersemester als erste Uni in Deutschland für einige Studiengänge eine eigene App für den Tablet-Computer an. Das Programm bündelt alle Studieninhalte, sodass sie jederzeit und überall abrufbar sind. Sogar Mitschriften können die Studenten auf einem digitalen Collegeblock archivieren und anschließend über eine Cloud-Lösung mit ihren Kommilitonen gemeinsam bearbeiten. Es ist soweit, Tafeln und Flipcharts für immer adé zu sagen.