„Die Stimmung hat sich im Laufe der Pandemie verändert“

Seit der Corona-Pandemie kommen emotionale politische Diskussionen vermehrt auch im beruflichen Kontext vor. Wie weit dürfen sie gehen?
© gettyimages / Fernando Dias Silva

Seit der Corona-Pandemie kommen emotionale politische Diskussionen vermehrt auch im beruflichen Kontext vor. Wie weit dürfen sie gehen? Ein Gespräch mit Caroline Nöppert, Leiterin Kommunikation Mitarbeiter und Führungskräfte, Konzernmedien bei der Deutschen Bahn.

Frau Nöppert, die Corona-Pandemie schürt Ängste und führt dazu, dass auch unter Mitarbeitenden in Unternehmen polarisierende Meinungen teilweise sehr emotional diskutiert werden. Wo finden diese Diskussionen statt?
Caroline Nöppert:
Als Interne Kommunikation beobachten wir diese Diskussionen vor allem auf unserem Social Intranet DB Planet. Das kann man sich als eine Mischung aus Spiegel Online und Facebook vorstellen. Wir informieren über das, was im DB-Konzern passiert in Form eines Newsportals unter der Marke DB Welt, und alle Mitarbeitenden können unter jedem Beitrag kommentieren. Darüber hinaus gibt es mehr als 6.000 offene und geschlossene Gruppen, in denen sich Kolleginnen und Kollegen zu unterschiedlichsten Themen und Interessen austauschen und vernetzen können. Seit Beginn der Pandemie, ist DB Planet auch der Dreh- und Angelpunkt für die Information und Kommunikation rund um Corona. Wir informieren wir die Mitarbeitenden  tagesaktuell über aktuelle Entwicklungen, die Folgen der Pandemie für die DB, die individuellen Auswirkungen auf die Arbeit und so weiter. Das wurde sehr gut angenommen. Aber wir haben auch wahrgenommen, dass sich die Stimmung in der Belegschaft im Laufe der Pandemie verändert hat.

Tagung Interne Kommunikation am 17. und 18. Juni

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Inwiefern?
Die Pandemie hinterlässt Spuren bei uns allen. Führt zu unterschiedlichsten Belastungen im beruflichen und privaten Umfeld. Das führt auch zu einem anderen Umgang miteinander. Die Diskussionen auf DB Planet wurden intensiver, emotionaler und durchaus auch schärfer. Wir haben im Laufe der Monate noch einmal deutlich wahrgenommen, dass wir als Unternehmen mit 220.000 Mitarbeitenden in Deutschland natürlich auch die komplette gesellschaftliche Bandbreite abbilden. Das umfasst das komplette Meinungsspektrum und eben auch Kolleginnen und Kollegen, die einige Entscheidungen der Bundesregierung zur Corona-Pandemie kritisch sahen. Diese haben durchaus die Kommentarfunktion unter Beiträgen rund um Corona genutzt, um ihre Sicht auf die Dinge zu teilen. Wohlgemerkt geschieht das auf DB Planet immer öffentlich und unter dem Klarnamen. Unter Beiträgen zur Maskenpflicht in unseren Zügen und Bürogebäuden gab es Kommentare, die sich damit sehr kritisch auseinandergesetzt haben und die Notwendigkeit in Frage gestellt haben. Es wurden so klassische „Querdenker“-Positionen ins Unternehmen getragen. Das führte zu sehr intensiven Diskussionen, denn andere Kolleginnen und Kollegen haben emotional gegengehalten. Wir als Redaktion mussten häufiger als vorher moderierend eingreifen und die Debatte versachlichen. Und es gab immer wieder Positionen, die wir nicht dulden konnten.

Was wäre das zum Beispiel?
Was für uns nicht tolerierbar ist, ist jegliche Artikulation von politischem Extremismus, Rassismus und Verschwörungstheorien sowie Sympathien mit allem, was den freiheitlichen, rechtsstaatlichen und demokratischen Prinzipien und damit auch unseren Unternehmenswerten widerspricht. In unseren Nutzungsbedingungen fordern wir außerdem, dass wertschätzend und konstruktiv diskutiert wird. Beleidigungen und persönliches Attackieren von Kolleginnen oder Kollegen dulden wir gestützt durch die Nutzungsbedingungen nicht.

Dann greifen Sie ein?
Wenn wir merken, dass sich eine Person im Ton vergreift oder Positionen teilt, die unseren Prinzipien widersprechen, ist der erste Schritt immer, dass wir versuchen die Kollegin oder den Kollegen zu kontaktieren und in Austausch zu kommen. Wir spiegeln, was die Äußerung anrichtet und aus unserer Sicht beinhaltet und bitten darum, den Kommentar selbstständig zu bearbeiten oder zu löschen. Wenn das nicht passiert und der Kommentar gegen die Nutzungsbedingungen verstößt, dann löschen wir ihn zentral. Das passiert sehr sorgsam und immer als letzte Möglichkeit und im mindestens Vier-Augen-Prinzip. Sind wir uns einig, dass die Äußerung den Nutzungsbedingungen oder unseren Werten im Konzern entgegensteht, wird er gelöscht. Das wird auch im auch Kommentar-Stream vermerkt. Wenn sich Diskussionen unter Beiträgen grundsätzlich verschärfen und rauer werden, greifen wir als Redaktion ein, diskutieren mit und bemühen uns intensiv um eine sachliche wertschätzende und konstruktive Debatte unter Berücksichtigung der Netiquette.

Gab es auch schonmal Konsequenzen, die über das Löschen eines Kommentars hinausgingen?
Der erste Schritt ist immer Kommunikation. Wir kontaktieren die Person und bitten sie darum, ihren Kommentar nochmal zu überdenken. Auf DB Planet sind – anders als in anderen sozialen Netzwerken – alle unter ihrem echten Namen unterwegs. Schlussendlich schadet man sich mit einem unangemessenen Kommentar ja vor allem selbst. Die meisten zeigen sich im persönlichen Diskurs dann sehr einsichtig, räumen oftmals ein, dass sie aus einem Impuls heraus gehandelt haben und löschen ihren Kommentar. Aber es gibt natürlich auch ein paar wenige Kolleginnen und Kollegen, die sich uneinsichtig zeigen. Wenn wir von einer Person dreimal einen Kommentar löschen müssen, dann behalten wir uns vor, sie für einen befristeten Zeitraum von der Plattform auszuschließen.

Können Sie sich an eine Aussage oder Diskussion erinnern, die Sie besonders schockiert hat?
Mich schockiert vor allem, zu welch rohen und harschen Äußerungen sich Menschen grundsätzlich in sozialen Netzwerken hinreißen lassen, wenn das Gegenüber nur virtuell und nicht persönlich vor ihnen steht. Und mich schockiert weiterhin über einzelne Aussagen hinaus, wie weit manche Kolleg:innen in einem beruflichen Netzwerk gehen. Schließlich sind sie unter ihrem Klarnamen und im beruflichen Umfeld unterwegs. Soziale Netzwerke führen zum Teil das Übelste zu Tage und die Debatten werden immer emotionaler und roher. Sachlichkeit und die Distanz zu eigenen Ansichten gehen zunehmend verloren, in Teilen auch auf DB Planet. Aber das können wir nicht dulden, denn damit treten sie die Werte des Unternehmens, bei dem sie tätig sind, mit Füßen. Das stößt bei mir persönlich wirklich auf völliges Unverständnis. Wobei ich an dieser Stelle auch betonen möchte, dass die Lage der vergangenen 15 Monate uns allen viel abverlangt hat und die Nerven bei vielen blank liegen. Denn bis vor 15 Monaten hatten wir auf DB Planet sehr wertschätzende und sachliche Debatten.

Sind politische Diskussionen im Arbeitskontext überhaupt eine gute Idee?
Im demokratisch-freiheitlichen Rahmen auf jeden Fall. Denn sie ermöglichen einen Perspektivwechsel und können, solange sie zugewandt und wertschätzend geführt werden, das gegenseitige Verständnis fördern. Niemand muss, aber das ist wirklich meine persönliche Sicht, seine Weltanschauung bei Arbeitsbeginn abgeben, aber Hetze, Diskriminierung und extremistische Ansichten haben im Arbeitsumfeld nichts zu suchen. Hinzu kommt im Falle der DB, dass wir ja auch ein  sehr politisches Unternehmen sind. Wir stehen vor einer Bundestagswahl, die zum ersten Mal die Möglichkeit einer grünen Bundeskanzlerin in Aussicht stellt oder zumindest die Beteiligung der Grünen an der Bundesregierung. Das hat großen Einfluss auf die DB, unsere Struktur und damit auch auf unsere Arbeit. Darüber im Unternehmenskontext zu sprechen ist wichtig und sehr relevant. Gesellschaftliche Entwicklungen und Debatten machen ja vor dem Unternehmen nicht halt. Aber wie immer und überall, macht der Ton die Musik und da plädiere ich für Sachlichkeit und Distanz – auch mal zu eigenen Positionen.

Zur Gesprächspartnerin:

Caroline Nöppert stv. Leiterin Kommunikation Transport & Logistik/International DB Schenker (GKL)
© DB / Pablo Castagnola

Caroline Nöppert ist Leiterin für Mitarbeiter- und Führungskräftekommunikation und Konzernmedien bei der Deutschen Bahn. Sie studierte Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und der Zürcher Hochschule Winterthur (Schweiz) sowie Communication & Leadership an der Quadriga Hochschule Berlin. Seit Oktober 2019 verantwortet sie den Bereich Mitarbeitenden- und Führungskräftekommunikation und Konzernmedien. Zuvor war sie Leiterin der Konzernredaktion und als Pressesprecherin in verschiedenen Kommunikationsbereichen der DB tätig. Von 2011 bis 2013 leitete sie das Büro von Oliver Schumacher, Leiter Kommunikation und Marketing bei der DB.