Chefs dringend gesucht

Nicht in allen Branchen sind Leitungsjobs heiß begehrt. So sind Schulleiter – gerade in den unteren Schulformen – zur Mangelware geworden. Helfen könnte unter anderem eine qualifizierte Personalentwicklung, die dazu ermuntert, Verantwortung zu übernehmen. Doch es geht nur langsam voran.

„Auf keinen Fall“, „Das kommt für mich nicht in Frage“ – das sind Antworten, die einige Junglehrer aus dem eigenen Umfeld auf die Frage geben, ob sie sich vorstellen könnten, irgendwann mal Schulleiter zu werden. Man sei dann bei so vielen verschiedenen Interessensgruppen immer für irgendwen der Blödmann, und überhaupt, 200 Euro Gehaltsunterschied zwischen Grundschullehrer und Grundschulleiter seien ja wohl ein Witz für solch eine Führungsaufgabe, heißt es zum Beispiel. Und schon ist man mittendrin in der Diskussion darüber und ahnt ein wenig, warum in Deutschland so ein Mangel an Rektoren herrscht.

Die Zahlen aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen verdeutlichen das Problem: Aktuell fehlen dort 754 Rektoren und 1.140 Konrektoren, ungefähr die Hälfte davon an Grundschulen. Und in den nächsten Jahren werden genau dort zahlreiche neue Schulleiter gebraucht, knapp 45 Prozent von ihnen sind älter als 56 Jahre. Dieser Mangel ist kein neues Thema. In regelmäßigen Abständen werden ähnliche
Zahlen verkündet. Dabei wird nur selten der Blick darauf gelenkt, was hinter diesem Befund steht. Klar ist aber auch für Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE): „Es gibt viele Kollegen, die sagen, dass sie die Aufgabe eigentlich interessant fänden, aber sie unter den gegebenen Umständen nicht machen wollen.“

Da lohnt ein genauerer Blick auf diese gegebenen Umstände, denn er zeigt, welche Anreize fehlen, um Nachwuchskräften diesen Karriereschritt schmackhaft zu machen.

Dabei wird klar, dass man für diesen Job schon sehr stark intrinsisch motiviert sein muss. Allerdings ist in den vergangenen Jahren auch Bewegung in dieses Thema gekommen, sowohl seitens denjenigen, die verantwortlich sind für die Schulleiter, also Politik und Verwaltung, als auch durch die neuen Generationen von Lehrern, die seit einigen Jahren an die Schulen kommen und – genauso wie es in der Wirtschaft diskutiert wird – Bestehendes in Frage stellen und zum Teil andere Vorstellungen von Führung mitbringen.

Das Gehalt

Wegen des Geldes macht vermutlich kaum ein Schulleiter in Deutschland seinen Job. Und welche Führungskraft würde schon in der freien Wirtschaft damit zufrieden sein, für viel mehr Verantwortung und Aufgaben nur ein paar hundert Euro mehr überwiesen zu bekommen? „Die Bezahlung ist für die Aufgaben nicht angemessen“, sagt auch Verbandsvorsitzender Beckmann. Bei einer kleinen Grundschule ist der Unterschied meist nicht mehr als 500-600 Euro brutto, dort bekommt man entweder nur eine Zulage oder wird in die nächsthöhere Besoldungsgruppe einsortiert. Schaut man auf die höheren Schulformen, allen voran in Richtung Gymnasium, ist es in der Regel mehr, da kann der Unterschied zwischen Lehrer und Schulleiter immerhin schon bei über 1.000 Euro im Monat liegen, sagt Beckmann. Das gibt schon einmal einen deutlichen Hinweis darauf, warum vor allem Leitungsstellen bei den Grundschulen vakant sind.

Und es stellt sich die Frage, warum die Leitungsarbeit in den Sekundarstufen höher bewertet wird als die in der Primarstufe. Schließlich ähneln sich die meisten Aufgaben. Dieser Unterschied der Bezahlung je nach Größe der Schule und Schulform ist aber in den meisten Bundesländern zu finden, ein Fakt, der für Udo Beckmann nicht mehr akzeptabel ist: „Eigentlich müsste die Grundbezahlung für Schulleitungen gleich sein.“

So schnell wird dies aber wohl nicht ausgeglichen werden, gerade angesichts knapper öffentlicher Kassen. Dennoch, es tut sich was: So hat beispielsweise Bayern vor einiger Zeit an der Besoldung geschraubt und stuft Schulleiter jetzt höher ein als bisher.

Die Anforderungen

Schulleiter ist im Vergleich zu Lehrer ein anderer, ganz eigener Beruf. Die Pädagogen müssen sich völlig neuen Aufgaben stellen, gleichzeitig aber bleiben sie zu einem gewissen Maße Lehrer – dafür sorgt schon die Unterrichtsverpflichtung, je nach Schulform und -größe können dies bis zu 18 Stunden in der Woche sein. Die meisten wollen auch weiter unterrichten, um den direkten Kontakt zu den Schülern nicht zu verlieren und näher am alltäglichen Schulgeschehen zu sein. Im Grunde hat man als Schulleiter also zwei Jobs. Und ist in der Position zwischen Schulverwaltung und Schule vergleichbar mit dem klassischen Mittelmanager, nur dass er nicht selten eine Organisation mit der Größe eines kleinen mittelständischen Unternehmens alleine managen muss.

Zudem haben sich die Aufgaben in den vergangenen Jahren vervielfacht. Als Schulleiter ist man nicht nur für die Organisations- und Unterrichtsentwicklung zuständig, man muss unter anderem auch interne und externe Kommunikation betreiben, diverse Verwaltungsaufgaben erledigen und ist nicht zuletzt als Personalentwickler tätig. „Ein Schulleiter muss schon ein kleiner Tausendsassa sein“, meint Udo Beckmann. Gerade durch die Stärkung der Eigenverantwortlichkeit der Schulen in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren haben sich die Entscheidungskompetenzen bei den Schulleitungen erweitert. So sind sie inzwischen in fast allen Bundesländern Dienstvorgesetzter.

Diesen Ausbau an Entscheidungsbefugnissen sieht der Wissenschaftler Stephan Huber positiv – er wäre sogar dafür, den Schulleitern noch mehr Gestaltungsspielraum zu geben. Viele Lehrer wollten Verantwortung übernehmen und die Qualität von Schule weiterentwickeln, würden sich aber fragen, welche Laufbahnmöglichkeit sie haben. Der Leiter des Instituts für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie der Pädagogischen Hochschule Zug in der Schweiz sieht noch ein anderes Problem: die Zentralisierung. Schul-TÜV, Schulinspektionen, Rechenschaftspflichten, Evaluationen, Lernstandserhebungen – all diese Aufgaben seien hinzugekommen. „Insgesamt gesehen wird deutlich, dass das mit den Entscheidungsbefugnissen der Rechenschaftspflicht hinterher hinkt“, sagt der Forscher, der 2013 in einer großen Studie die Schulleiter im deutschsprachigen Raum unter die Lupe nahm.

In der Studie wird auch deutlich, welche Aufgaben die Schulleiter gerne wahrnehmen und unter welchen sie leiden. Beratung, Personalführung und Qualitätsentwicklung gehören zu den Highlights, Organisation und Verwaltung sind am unbeliebtesten. Allerdings sind die Rektoren die meiste Zeit genau damit befasst, rund ein Drittel des Tages. Ein Missverhältnis, dem durch mehr Verwaltungspersonal entgegengewirkt werden könnte. „Schulleiter brauchen mehr Leitungszeit und bessere Entlastungsmöglichkeiten, beispielsweise durch Sekretariate und eine Stärkung von Schulleitungsteams“, meint der Forscher. Er hat zudem nicht nur festgestellt, dass dies ein Punkt ist, der Schulleiter am meisten belastet, sondern auch, dass er Lehrer davon abhält, sich überhaupt für den Posten zu interessieren.

Die Qualifikation

Kein Karrieresprung ohne das entsprechende Wissen. Schulleiter fühlten sich aber auf ihre Aufgaben nicht vorbereitet, meint Udo Beckmann, eine vorzeitige Qualifizierung finde nicht oder nur unzureichend statt. Dem kann sich Stephan Huber nur bedingt anschließen. „Zwar gab es noch vor rund fünfzehn Jahren kaum eine angemessene Fortbildung, doch diese Situation hat sich entscheidend verbessert, auch wenn es noch Optimierungspotenzial gibt.“ Inzwischen gibt es in vielen Bundesländern entsprechende Angebote: von Orientierungskursen über eine vorbereitende Qualifizierung und die Amtseinführung bis hin zur berufsbegleitenden Weiterbildung.

Auch Heike Gleibs arbeitet daran, die Qualifikation der Lehrer für Leitungsaufgaben zu erhöhen und den Nachwuchs für den Karriereschritt Schulleiter zu gewinnen. Sie ist bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft für ein Stipendienprogramm für Lehramtsstudierende zuständig, das begabte Studierende während der universitären Ausbildung finanziell und durch ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm unterstützt. Dazu zählen auch Workshops und Seminare, die sich mit dem Thema Führung im schulischen Kontext auseinandersetzen. Man will Lehramtsstudierende dazu anhalten, innerhalb der Schulgemeinschaft früh Verantwortung zu übernehmen. „Leitungsaufgaben sollen überhaupt erst als Option wahrgenommen werden“, sagt sie. Daher sollte dem Thema mehr Gewicht gegeben werden, gerade auch bereits in der Ausbildung. „Der Anteil der Leadership-Themen ist in der Lehre bisher unterrepräsentiert.“

Eine weitere Möglichkeit der Qualifikation stellt die Personalentwicklung direkt an den Schulen dar. Hier sind die aktuellen Schulleiter in der Pflicht, den Nachwuchs auf außerunterrichtliche Aufgaben mit mehr Verantwortung für die gesamte Schule vorzubereiten. „Man muss schließlich nicht von heute auf morgen eine Führungsposition inne haben, aber man muss die Möglichkeit haben, Kompetenzen zu erwerben, die motivieren, sich in der Schulgestaltung einzubringen“, sagt Stephan Huber.

Die Führungsfrage

Nachwuchskräfte so weit zu entwickeln, dass sie Lust haben, in eine Leitungsfunktion zu wechseln, zieht nach sich, als Schulleiter den Blick nicht nur auf die eigene Schule zu richten, sondern auch auf das große Ganze. „Man könnte das Schulsystem mit einem Unternehmen mit vielen Filialen vergleichen. Da macht es Sinn, wenn es Anreize für Rektoren gebe, gute Nachwuchskräfte auch für andere Schulen zu empfehlen“, meint Huber. Ein bisschen mehr unternehmerische Denke schadet also nicht.

Die ist an anderer Stelle schon etwas stärker ausgeprägt. Gerade die Ideen von geteilter Führung (Shared Leadership) und kooperativer Führung sind stark im Kommen. Das merkt auch Heike Gleibs beim Nachwuchs und fördert dies: „Wir wollen unseren Stipendiaten zeigen, dass es auch andere Führungskonzepte gibt, bei denen es nicht die eine starke Figur an der Spitze gibt, sondern in denen Verantwortung geteilt und delegiert wird.“ Dass dies ein Thema ist, das auch bei Schulleitern aktuell ist, weiß Stephan Huber: „Die Idee wird diskutiert, es gibt ein Bedürfnis danach. Und wir kommen auch aufgrund des Professionalisierungsdrucks gar nicht mehr darum herum.“

Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten, ein angemessenes Arbeitszeitmodell, sprich ausreichend Leitungszeit, und Delegationsmöglichkeiten sind laut des Bildungsforschers maßgeblich entscheidend für die Attraktivität des Berufs Schulleiter. Es gibt also noch ordentlich Luft nach oben. Gleichzeitig gilt es, einen neuen Blick auf diese komplexe und wichtige Aufgabe zu werfen. Daher bringt Heike Gleibs ihre Stipendiaten oft und gerne mit Rektoren zusammen, die ihren Job gerne machen und als gute Beispiele fungieren können. Aber die Grenzen sind zumindest aktuell schnell erreicht: „Lehramtsstudierende unseres Studienkollegs sind bereit, Verantwortung an Schulen zu übernehmen und die Funktion einer Schulleitung auszufüllen. Außerhalb unseres Programms ist es leider noch nicht gelungen, dieses Bild, dass es auch ein toller Job ist, in das Bewusstsein der Lehrer zu bringen.“ Für einen kompletten Imagewandel braucht es wohl noch etwas mehr Zeit.