Coming-out: am Arbeitsplatz man selbst sein

10.10.2019  |  Gesa Heinrichs
Dr. Gesa Heinrichs von Otto über ihr Coming-out
© Otto

Es kostet Energie, die sexuelle Orientierung bei der Arbeit zu verheimlichen. Gesa Heinrichs von Otto erzählt, wie sie ihr Coming-out erlebt hat.

Stellen Sie sich vor, sie haben ein wunderbares Wochenende mit Ihrem Schatz verbracht. Es war alles so, wie Sie es sich gewünscht haben. Sie kommen am Montagmorgen zum Arbeitsplatz: Alle starten mit Small Talk, dann wird Ihnen die Frage gestellt, was Sie am Wochenende gemacht haben. Und plötzlich ist das Glücksgefühl weg. Sie murmeln, dass Sie mit Freund*innen unterwegs waren, es sei nett gewesen. Oder Sie berichten euphorisch vom Wochenende, tun dabei aber so, als seien Sie in einer heterosexuellen Beziehung. Um nicht aufzufallen, weil eben fast alle in Ihrer Umgebung heterosexuell sind. Das macht was mit Ihnen, Sie empfinden es als Verrat gegenüber Ihrer Partnerschaft, Sie fühlen sich schuldig. Sie erfinden Geschichten und verbrauchen viel Energie für Tarnung und schlechtes Gewissen. Und stellen Sie sich vor: Das geht immer so weiter, nicht nur montagmorgens.

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Anfang 2019 hat die Boston Consulting Group eine Umfrage veröffentlicht: „Auch wenn in Deutschland rund 85 Prozent der LGBT+-Talente angeben, ihre sexuelle Orientierung auf der Arbeit mitteilen zu wollen, haben das nur 37 Prozent von ihnen bislang auch getan“. Die Talente halten sich aus einem sehr klaren Grund zurück: 22 Prozent halten ein Coming-out für eine Karrierefalle, 42 Prozent lügen ihre*n Chef*in an, wenn es um die eigene sexuelle Orientierung geht.

In der Studie „Out im Office“ von Prof. Dr. Daniel Frohn aus dem Jahr 2017 geben 74 Prozent aller befragten LGBTIQ*-Menschen an, bei der Arbeit Diskriminierung erlebt zu haben. Was immer es auch war: Witze, Unterstellungen, persönliche und sehr selten körperliche Angriffe.

Diejenigen, die sich nicht outen (oder auch gar nicht vorhaben, dies zu tun), verhalten sich vermutlich montagmorgens wie oben beschrieben. Glauben wir wirklich, dass Menschen in einer solchen Lage ihr Bestes abrufen können? Glauben wir, dass diese Kolleg*innen wirklich loyal zu ihrem Arbeitgeber stehen oder ihr gesamtes Potenzial im Job ausschöpfen? Dass Menschen, die Angst vor Enttarnung haben müssen, authentisch sind? Mit ihrer Persönlichkeit überzeugen?

Je mehr Diskriminierendes wir hören, umso schwerer fällt uns ein Coming-out

Viele, gerade junge Kolleg*innen fragen mich, was denn eigentlich so schwer ist, sich zu outen, es hätte doch niemand etwas gegen Queere. Ich denke, es ist leicht und schwer zugleich. Meinen Satz „ich bin lesbisch“ habe ich vor 31 Jahren ausgesprochen. Ich dachte damals, es sei leicht, aber das war es nicht. Auch scheinbar weltoffene, liberale Eltern fallen einem da nicht jubelnd um den Hals. Viele Freunde fragen irritiert dreimal nach und in der Öffentlichkeit sind gleichgeschlechtliche Paare auch nicht immer gern gesehen. In diesen 31 Jahren hat sich sehr vieles zum Guten gewendet: Die Welt ist eindeutig offener geworden. Und doch kann ein Coming-out immer noch schwer sein: Wenn die Kolleg*in zum Beispiel beim Coming-out sagt: „Verstehe ich nicht, du ziehst doch gar kein Bein nach“. Oder wenn die sich outende Person nicht mit sich im Reinen ist, wenn das private Umfeld nicht unterstützt, aber auch wenn das berufliche Umfeld nicht stimmt.

Die Kultur eines Unternehmens ist ein Key Success Factor

Nicht nur im Recruiting neuer Kolleg*innen, sondern auch im wirtschaftlichen Erfolg: Es wird zunehmend klarer, dass in einer volatilen, unbeständigen, unsicheren und mehrdeutigen Welt (Stichwort „VUCA“) nur adaptionsfähige, schnelle Unternehmen, die Wissen verteilen, Hierarchien abbauen und die Kompetenz und Kreativität aller Kolleg*innen nutzen, Erfolg haben. Eine Unternehmenskultur, die Diversity ablehnt, wird als Monokultur nicht die notwendige Anpassungsbereitschaft in der digitalen Welt haben. Diversity ist damit eine zentrale Managementaufgabe. Es gilt, Vielfalt zu fördern, zu bewahren, zu nutzen und sowohl in den Unternehmen als auch innerhalb der Gesellschaft ein Vorbild für Vielfalt zu sein.

Es ist ein Gradmesser für Unternehmen, ob ein Coming-out leicht oder schwerfällt

Ich habe meinen Satz im privaten Umfeld vor 31 Jahren gesagt und seitdem im beruflichen Kontext möglichst offen gelebt. Das Schwierige am Coming-out ist, dass man es oft wiederholen muss. Und in jeder neuen Situation zumindest Bruchteile darüber nachdenkt, wie dein Gegenüber reagiert.

Umso befreiender war, dass wir 2018 bei Otto im sogenannten „Factbook Diversity“ (erscheint einmal jährlich als Report, dieses Jahr das erste Mal auch extern) das Thema sexuelle Orientierung aufgenommen haben. Ganz viele Menschen aus dem Unternehmen haben sich mit persönlichen Geschichten als LGBTIQ*bekannt. Ich war dabei und es war beglückend: Kolleg*innen allen Alters, aller Hierarchiestufen haben das Gespräch gesucht, Fragen gestellt, ihre Freude über unser aller Coming-out gezeigt.