Mehr Wert­schätzung für nicht-akademische Arbeit

In der Corona-Krise bekommen systemrelevante Berufe plötzlich die Wertschätzung, die sie schon lange verdienen.
© gettyimages / Cavan Images

In der Corona-Krise bekommen systemrelevante Berufe plötzlich die Wertschätzung, die sie schon lange verdienen. Applaus allein reicht jedoch nicht.

Wo vorher noch Hochschulprofessor:innen, Richter:innen und Pilot:innen auf der Liste der angesehensten Berufe standen, rücken plötzlich ganz andere in den Fokus, zum Beispiel Pflegekräfte und Kassierer:innen. Sämtliche Diskussionen rund um Arbeitskultur, Employer Branding und New Work wurden bisher jedoch systematisch ohne die Perspektive auf nicht-akademische Berufe geführt. Dabei haben eine deutliche Mehrheit von 61,4 Prozent der erwerbstätigen Fachkräfte mit Berufsausbildung. Sie bilden das Rückgrat von Wirtschaft und Gesellschaft.

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Arbeitsüberlastung, Dauerstress sowie in Gehalt und im Umgang ausgedrückte geringe Wertschätzung sind nur einige der Probleme, mit denen die systemrelevanten Berufe schon vor Corona im Alltag zu kämpfen hatten. Einige der Probleme haben sich mit der aktuellen Krise noch verschlimmert. Durch viele Aktionen der Bevölkerung spürt man aktuell die Solidarität und Wertschätzung gegenüber den sonst so selbstverständlich hingenommenen Berufen. Aber Politik und Arbeitgeber müssen nachziehen, um die Berufe attraktiver zu gestalten. Die folgenden drei Berufsbilder zeigen beispielhaft, wie paradox die Arbeitsmarktsituation zur Zeit ist und dass viele Bereiche mit ähnlichen Problemen kämpfen.

Pflegekräfte

Jeden Abend um 21 Uhr wird in vielen Städten Deutschlands den Helfern der Corona-Krise für ihren unermüdlichen Einsatz applaudiert, darunter auch den Pflegekräften. Doch Applaus alleine reicht nicht bessere Arbeitsbedingungen, mehr Wertschätzung und Aufwertung des Berufes müssen die Konsequenz sein. Inzwischen einigten sich die Gewerkschaft Verdi und die Bundesvereinigung der Arbeitgeber in der Pflegebranche auf eine einmalige Corona-Prämie in Höhe von 1.500 Euro. Das ist ein gutes Signal, aber Einmalzahlungen lösen die Probleme der Berufsgruppe nicht. Ein Großteil der Pflegekräfte hat auch schon vor der Krise hart an der Belastungsgrenze gearbeitet. Immenser Zeitdruck, hohe administrative Aufwände, schlechte Bezahlung und Arbeitszeiten sind nur einige Gründe für den strukturellen Personalmangel in der Branche. Allein in der Pflege gibt es aktuell 17.000 offene Stellen in Deutschland und die Vakanzzeiten werden immer länger. Im Durchschnitt bleibt eine Pflegestelle im Krankenhaus laut Bundesagentur für Arbeit 167 Tage unbesetzt, in der Altenpflege sind es sogar 205 Tage. Fehlende Fachkräfte auf der einen und eine immer älter werdende Bevölkerung auf der anderen Seite werden die Situation weiter verschärfen.

Kassierer:innen

Überstunden ohne Ausgleich oder Bezahlung, Arbeitszeiten angepasst an immer längere Ladenöffnungszeiten, samstags frei ein Luxus und der Kunde ist stets König: Das ist Arbeitsalltag vieler Mitarbeiter:innen im Lebensmitteleinzelhandel. Gleichzeitig gehören sie wohl zu den am wenigsten gesehenen Berufsgruppen. Umso plötzlicher kommt ihr Aufstieg zu “Corona-Helden”. Der wahnsinnige Andrang auf Supermärkte und Drogerien sorgt derzeit für weitere unzählige Überstunden. Die Situation der Kassierer:innen ist nicht mit Pflegekräften zu vergleichen, doch die Gehaltsproblematik trifft auch hier in Teilen zu: Aushilfen im Einzelhandel erhalten in der Regel nur den Mindestlohn. Die Arbeitszeit vor und nach Ladenöffnung wird häufig gar nicht vergütet. Je nach Arbeitgeber werden aber immerhin ausgebildete Kaufleute im Einzelhandel übertariflich bezahlt. Dennoch sind viele Filialen unterbesetzt. Die Vakanzzeiten in der Sparte “Verkauf von Lebensmitteln” liegen aktuell bei 142 Tagen. Digitale Lösungen wie Selbstbedienungskassen könnten den Fachkräfteengpass zum Teil kompensieren oder dafür sorgen, dass Menschen weniger als 40 Stunden pro Woche arbeiten müssen. Doch dann ist es umso wichtiger, dass die Arbeitsbedingungen im Einzelhandel angepasst und Stundenlöhne erhöht werden, damit das Leben für die Mitarbeiter:innen finanzierbar bleibt.

Erzieher:innen

Obwohl Kindertagesstätten in der aktuellen Krise geschlossen sind, übernehmen viele Erzieher:innen die Notbetreuung von Kindern, deren Eltern in systemrelevanten Berufen tätig sind. So sind sie nicht nur im Alltag, sondern auch besonders in dieser Krisenzeit ein wichtiger Pfeiler unserer Gesellschaft. Mittlerweile ist die Zahl der gemeldeten Stellen für Fachkräfte in der Kinderbetreuung und -erziehung deutlich höher als die der Arbeitslosen. Dies spiegelt den gewachsenen Einstellungsbedarf. Im Juni 2019 waren knapp 12.000 offene Stellen gemeldet. Bei Vakanzzeiten von aktuell “nur” 76 Tagen kann man bei dieser Berufsgruppe derzeit zwar nicht von einem Mangelberuf sprechen, aber der Bedarf an Erzieher:innen wird weiter zunehmen: gestiegene Geburtenzahlen, der Ausbau der Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren und der geplante Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen werden den Mangel verschärfen. Auf der anderen Seite ist das Durchschnittsalter der Erzieher:innen recht hoch, was die Nachwuchssuche erschweren wird.

Diese drei Berufe stehen stellvertretend für all die Berufsgruppen, die unser System am Laufen halten. Sie alle riskieren ihre Gesundheit für die Gesellschaft, da sie sich nur bedingt gegen eine Infektion schützen können. Durch das Coronavirus und die daraus resultierenden Belastungen für diese Berufsgruppen werden sich die kritischen Arbeitsbedingungen verschärfen. Wenn man an die Welt nach Corona denkt, möchte man sich vorstellen, dass genau diese Beschäftigten endlich eine gerechtere Anerkennung für ihre Arbeit bekommenwerden – und zwar nicht durch Applaus, sondern durch eine langfristige Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen.