Der Cyborg als nächste menschliche Evolutionsstufe

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(c) gettyimages/kutaytanir
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Implantate und technische Helferlein sollen längst nicht mehr nur Gebrechen lindern oder heilen, sondern in Zukunft auch gesunde Menschen leistungsfähiger machen. IT-Visionäre sehen die menschliche Spezies vor einem Evolutionssprung – Kritiker monieren derweil, dass Menschen zu Objekten eines exzessiven Leistungsdenkens degradiert werden.  

Schlafen auf Knopfdruck, ganz ohne Tabletten und Nebenwirkungen: Das Start-up Thync aus Boston hat ein Gerät samt App entwickelt, mit dem Nutzer besser ein- und durchschlafen sollen. Ein pflastergroßer, am Nacken befestigter Sensor sendet elektromagnetische Wellen, die das Nervenzentrum im Gehirn beeinflussen. Per Smartphone können Nutzer das Programm starten und obendrein aufzeichnen, wie ruhig sie geschlafen haben. Mediziner nutzen elektromagnetische Wellen schon lange für therapeutische Zwecke, etwa um Nervenkrankheiten zu behandeln. Thync spricht mit seinem Produkt hingegen gezielt gesunde Menschen an, die ihr Schlafverhalten verbessern wollen – Nutzer berichten auf der Website, dass sie dank Thync erholsamer schlafen und damit tagsüber leistungsfähiger sind.

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Das Produkt zielt auf einen Trend, der zunehmend zu beobachten ist: Technische Geräte am und im Körper sollen gesunden Menschen helfen, sich selbst zu optimieren und ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Der neudeutsche Begriff „Human Enhancement“ verweist auf die Wurzeln in den USA, doch auch hierzulande findet die Idee Anklang: Rund die Hälfte der Deutschen kann sich vorstellen, Geräte am Körper zu tragen oder sich Implantate einsetzen zu lassen, damit Körper und Gehirn besser funktionieren, besagt eine Studie des Bundesforschungsministeriums. In der Filmfiktion sind Cyborgs als Verschmelzung von Mensch und Maschine schon lange präsent. Der Schauspieler Matt Damon etwa ist im Science-Fiction-Film Elysium dank eines Ganzkörper-Exoskeletts nicht nur im Zweikampf nahezu unbesiegbar, sondern hat in seinem Gehirn auch gleich das Betriebssystem für den Neustart einer gigantischen Raumstation gespeichert.

In der Realität zieht vor allem das Optimieren des Gehirns die Menschen in den Bann: schneller denken, mehr fühlen, besser schlafen – und das ganz ohne Chemie. Zu den illustren Vertretern einer Cyborgisierung zählt der Brite Neil Harbisson: Von Geburt an farbenblind, hat sich der selbst ernannte Cyborg-Aktivist eine Antenne samt Farbsensor auf seinem Kopf befestigen und direkt mit seinem Gehirn verbinden lassen, ein implantierter Chip wandelt die Farben in Töne um. Harbisson will aber nicht nur seine Farbenblindheit ausgleichen – er kann auch Fotos und Videos über seine Wi-Fi-fähige Antenne empfangen und in Musik umwandeln. Ziel des Künstlers: Seine Wahrnehmung über das menschenmögliche Maß hinaus zu erweitern. Andere Cyborg-Pioniere lassen sich Chips in Finger implantieren, mit denen sie ihre Haustüre öffnen können oder die ihnen wie bei Zugvögeln mit ihrem angeborenen Kompass die Richtung zum Nordpol weisen.

Mensch-Maschine-Symbiose

Ob nun am oder im Körper getragen: Während solche Varianten einer Cyborgisierung noch spielerisch wirken, spekulieren die Visionäre bereits darüber, was eine weitergehende Verschmelzung von Mensch und Maschine bedeutet. In wenigen Jahren bis Jahrzehnten wird die künstliche Intelligenz optimistischen Schätzungen zufolge so leistungsfähig sein wie das menschliche Gehirn. In diesem Zustand der sogenannten Singularität sollen Mensch und Maschine endgültig eins werden. Die Bewegung der Transhumanisten sieht in diesem Schritt die nächste Entwicklungsstufe des Menschen und kommt damit deutlich kulturoptimistischer daher als Astrophysiker und Star-Wissenschaftler Stephen Hawking, der unkt, dass sich der Mensch mit der Erfindung der künstlichen Intelligenz eines Tages selbst abschaffen und von Maschinen verdrängt werden könnte. Die Transhumanisten sehen das anders und beschreiben vielmehr eine Symbiose: Der Mensch selbst wird demnach durch Apparate und intelligente Systeme im und am eigenen Körper immer leistungsfähiger.

Auf die Spitze treibt diese Ideen der Transhumanismus-Vorreiter Ray Kurzweil, Erfinder, IT-Visionär und derzeit Chefentwickler von Google. Kurzweil zufolge könne man schon Ende des kommenden Jahrzehnts ein menschliches Gehirn nachbauen oder auf einem Computer nachbilden und so in den 2030er Jahren hybrid denken, indem man zusätzliche Rechenleistung implantiert und das Gehirn direkt mit dem weltweiten Wissen vernetzt. In letzter Konsequenz steht die Unsterblichkeit als Sicherheitskopie sämtlicher Gedanken und Gefühle in der Cloud, beliebig oft übertragbar auf ein neues Endgerät, wenn der Körper oder die Maschine mal wieder schlapp macht. Für Kurzweil ist das menschliche Gehirn nichts anderes als eine Software, die allerdings Millionen Jahre alt ist und in einigen Bereichen dringend ein Update braucht.

Unheilvolle Sackgasse?

Also alles gut? Mitnichten. Ein ganzes Heer von Neurologen, Soziologen und Philosophen arbeitet sich derzeit an den Idealen der Transhumanisten ab. Im Kern geht es ihnen darum, dass der Mensch, seine Gedanken und Emotionen in der Symbiose seines Körpers mehr sind als eine Abfolge von Einsen und Nullen, die sich beliebig optimieren lässt, wenn der Prozessor nur schnell genug rechnet. Demnach kann Information allein das menschliche Bewusstsein nicht abbilden, weil Dimensionen wie eigene Motivation und Antrieb und das Streben nach einem sinnerfüllten Leben fehlten. Damit bleibe „die Informationstheorie der Wirklichkeit des Lebens und Erlebens fremd“, schreibt ein Autoren-Sextett um die Wiener Professorin Sarah Spiekermann-Hoff in einem in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlichten Manifest „Wider den Transhumanismus“. Die Idee von der Realität als Summe aller Informationen führe „in eine unheilvolle Sackgasse“. Damit nehmen die Wissenschaftler den exakt konträren Standpunkt zu IT-Visionären wie Kurzweil ein. Denn der sieht den entscheidenden Fortschritt in der weiterhin exponentiell steigenden Rechnerleistung und der damit rapide wachsenden Möglichkeit, besagte Informationen zu verarbeiten. Allerdings bezweifeln Neurobiologen, dass es Menschen auf absehbare Zeit überhaupt gelingt, die Funktionsweise des Gehirns zu entschlüsseln ‒ steigende Rechnerleistung bei Computern hin oder her.

Losgelöst von der Diskussion um das tatsächlich mögliche Tempo des technischen Fortschritts fußt die Argumentation der Kritiker des Transhumanismus auf einer alten Erkenntnis: Der Mensch wächst nur durch Beharrlichkeit und Willen zur Veränderung, eine Abkürzung zum Glück gibt es nicht, allenfalls zu Trugbildern der eigenen Wünsche. Wenn Menschen also in Zukunft ihren Körper technisch aufrüsten, um stärker und leistungsfähiger zu werden, wird sie das allein nicht glücklicher machen. Die Glücksforschung der vergangenen Jahrzehnte hat gezeigt, dass die Umstände nur bedingt in der Lage sind, Menschen zufriedener zu machen. Wissenschaftler orientieren sich dabei eher an Begriffen wie Wohlbefinden und zeigen, dass eben dieses durch ein Konglomerat von äußeren und persönlichkeitsbestimmenden Faktoren wie Geld, Freundschaft, Gesundheit, erfüllter Arbeit, eigenen Erwartungen und persönlicher Veranlagung sowie Wechselbeziehungen dieser Faktoren entsteht. In diesem Sinne vermag der Transhumanismus wenig Bahnbrechendes zu leisten: Menschen in den westlichen Gesellschaften werden sich noch mehr als ohnehin schon auf Leistung, materiellen Wohlstand und eine als Unabhängigkeit von anderen verstandene Freiheit konzentrieren, auf deren Optimierung sie heute schon einen Großteil ihrer Zeit und Energie verwenden. Zum Wohlbefinden gehören aber mehr als eben diese Faktoren – laut Forschung sind egozentrierte, materiell reiche Erfolgsmenschen nicht glücklicher als andere. Der Typ des technisch optimierten Menschen zielt aber genau auf diese Kriterien ab. Umgekehrt beschreiben Soziologen die Fähigkeit, mit anderen Menschen zu fühlen und zu leiden, als zentrales Element für das Zusammenleben in der Gesellschaft. Die Sorge: Wer vor allem damit beschäftigt ist, sich selbst zu optimieren, wird andere nicht akzeptieren, wie sie sind.

Assistenten im Gehirn

Bedenken hin oder her: Dass die Cyborgisierung kommt, ist mehr als wahrscheinlich. Zu groß sind die praktischen Nutzen bei der Arbeit und im Alltag, zu sehr haben Menschen sich heute schon an den Komfort gewöhnt, den ein Smartphone möglich macht. Warum sollten Power-User etwas dagegen haben, das Handy demnächst direkt im Kopf zu tragen? Google-Cheftechniker Kurzweil träumt bereits von einem voll vernetzten Hirn, das für jeden fragenden Gedanken die passenden Suchmaschineneinträge genannt bekommt. Datenschützer grausen sich angesichts solcher Ideen. Doch die Millionen Nutzer der Sprachsteuerung Alexa werden womöglich nicht davor zurückschrecken, sich den Assistenten direkt ins Hirn pflanzen zu lassen, wenn sie dann daheim im Wohnzimmer mit einem bloßen Gedanken das Licht einschalten können. Zudem sind die fundamentalen Verbesserungen des Lebens in ihrem Umfang bislang kaum absehbar; Menschen werden dank biotechnischer Optimierung vermutlich langsamer altern, mikroskopisch kleine Roboter könnten rund um die Uhr im Körper zirkulieren und Zellen reparieren. Und wenn ein Mensch dann eines Tages stirbt, wird eine Software den Angehörigen aus den verfügbaren Daten, Fotos und Videos des Verstorbenen einen Avatar bauen, der sich mit ihnen unterhält und sie vielleicht sogar trösten kann.

Über Sinn und Unsinn der neuen Technologie wird auch in Zukunft zum großen Teil jeder Einzelne entscheiden. Wer dank Chip im Hirn und Exoskelett auf dem Rücken seine Arbeit schneller und besser erledigt als bisher und es schafft, nach Feierabend den Stöpsel zu ziehen, um Freundschaften zu pflegen, Zeit mit seiner Familie zu verbringen und durch den Wald zu joggen, hat vermutlich gute Chancen, ein zufriedener Cyborg zu sein. Personaler werden noch mehr als heute darauf hinwirken, dass Mitarbeiter lernen, sich nach der Arbeit zu erholen und im wahrsten Sinne des Wortes abzuschalten. Und sie werden vielleicht schon bald mit dem Betriebsrat darüber verhandeln müssen, wer bei der Entscheidung über die Verwendung von Augmented-Reality-Kontaktlinsen oder Technik-Implantaten mitbestimmen darf. Spätestens beim Einsatz eines die Hirnleistung steigernden Rechenchips bei Mitarbeitern werden eine Menge Fragen aufkommen – inklusive Diskussion um die Besteuerung des geldwerten Vorteils bei privater Nutzung des Überhirns.

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