Kann man auch ohne Talent erfolgreich sein?

Der amerikanische Journalist Daniel Coyle besuchte weltweit Talentschmieden, um der Essenz des Talents auf die Spur zu kommen. Eine Rezension.
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Der amerikanische Journalist Daniel Coyle ist weit gereist, um das Geheimnis von Talent zu lüften. Er besuchte Talentschmieden dieser Welt und hat aus seinen Beobachtungen inspirierende Regeln destilliert, die Grundlage für Höchstleistungen sein könnten.

Irgendwie musste er immer wieder an den fokussierten Blick eines Clint Eastwoods denken. Genauso schauten nämlich die Menschen, die Daniel Coyle in den verschiedensten Teilen der Welt besucht hatte. Talente, die beispielsweise in einer Moskauer Tennishalle, auf einem Fußballplatz in São Paulo oder in einer Musikschule in Dallas übten und trainierten. Allesamt Orte, die eine Ballung von Ausnahmetalenten hervorgebracht hatten. Coyle möchte wissen: Wie entwickelt sich Talent? Und: Was ist Talent eigentlich?

Daniel Coyle, Erfolg braucht kein Talent

„Erfolg braucht kein Talent. Der Schlüssel zu Höchstleistungen in jedem Bereich.“ Daniel Coyle, 224 Seiten, Riva Verlag, 9,99 Euro

„The Talent Code. Greatness isn‘t born. It‘s grown“, so der Originaltitel des Buchs, ist bereits 2009 erschienen und es verspricht: Wir alle können uns Talent antrainieren. Vor zehn Jahren wurde das Buch bereits auf Deutsch publiziert – nur beim Titel muss sich irgendein Marketingexperte
irrigerweise gedacht haben, aus dem Talent-Code die „Talent-Lüge“ zu machen, sei eine gute Idee. Die Kritiken waren mäßig.

Aktuell erscheint es bei einem anderen Verlag unter dem passenderen Titel „Erfolg braucht kein Talent“. Denn eine Lüge deckt Coyle tatsächlich nicht auf. Er schenkt eher denen Hoffnung, die eben nicht den Eindruck haben, ihnen sei eine besondere Gabe in die Wiege gelegt worden. Das gelingt, indem er sich der Rätselhaftigkeit von Begabung mithilfe zweier Methoden nähert: Er schaut Meistern bei der Arbeit zu und kombiniert seine Beobachtungen mit den neuesten Ergebnissen der Hirnforschung. Dem tradierten Modell vom Talent als angeborener Gabe setzt er die These entgegen, dass sich Fähigkeiten wie Muskeln verhalten. Man kann sie trainieren, bis sie gar exorbitant wachsen.

Was also ist Talent? Daniel Coyle lässt seine vielschichtigen Rechercheergebnisse in drei Erkenntnisse zusammenfließen. Um Höchstleistungen zu erbringen, müssen wir aktiv lernen, brauchen eine Initialzündung (Motivation) und einen Meistertrainer. „Aktives Lernen“ bedeutet, dass wir uns anstrengen müssen, um etwas zu erreichen. Wir tasten uns langsam voran, machen Fehler, finden dafür eine Lösung. Damit das aufgeht, müssen wir unsere Lernzone finden, also die ideale Lücke zwischen dem, was wir können, und dem, was wir erreichen wollen. Hinter der mühelos wirkenden Eleganz von Höchstleistungen steht nämlich vor allem eines: schweißtreibende, zermürbende Kleinstarbeit.

Umhüllte Nervenzellen

Dass sich diese Arbeit lohnt, liegt laut Daniel Coyle am Myelin, ein unscheinbarer Stoff, der unsere Nervenzellen umhüllt, wodurch Signale besser verarbeitet werden können. Je mehr Isoliermaterial, desto besser die Fähigkeiten. Er vergleicht den Effekt mit dem Internet: Es spielt keine Rolle, wie groß ein Computer ist, sondern dass man schnellen Zugriff auf eine Vielzahl von Computern und den darin gespeicherten Informationen hat. Die Schaltkreise, die das Myelin in unserem Gehirn durch stete Übung bildet, funktionieren also wie eine Suchmaschine.

Coyle ist kein Wissenschaftler, verliert sich aber im Gespräch mit Neurobiologen schnell im Rausch über die Entdeckung des Myelins. Bis zum Jahr 2000 konzentrierten sich Forscher nämlich nur auf Neuronen und Synapsen und verkannten die Kraft dieser Biomembran. Es fallen Begriffe wie Oligodendrozyten, Refraktärphase, Zytoplasma – und die Frage drängt sich auf: Muss der Leser das alles so genau wissen? Coyle hätte es sich (und uns) etwas leichter machen können.

Das Wesen der Motivation

Das Credo lautet also: strenges Üben. Auch hierfür gibt es drei Regeln: Das, was man können möchte, muss man in seine Einzelteile zerlegen, wiederholen und fühlen. Mit „Fühlen“ meint er, dass es bestimmte Zustände gibt, die uns beim Erlernen einer neuen Fähigkeit erfüllen können. Sie sollten wir bewusst wahrnehmen, wie das Gefühl, sich nach etwas zu strecken, es nicht zu erreichen, sich erneut zu strecken. Eine Art positive Unzufriedenheit. Dass wir uns überhaupt strecken wollen, entscheidet dabei natürlich unsere Motivation, die „mysteriöse Explosion“. Ursprung ungewiss. Doch der Journalist versucht, ihr Wesen zu ergründen, und findet klare Worte für etwas derart Ungreifbares. Hier nur kurze Einblicke: Leidenschaft wurde oft durch äußere Umstände entfacht, Motivation entspringt unserem Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit und es gibt eine spezielle Sprache der Motivation.

Zum Schluss befragt er erfolgreiche Lehrer aus Musik und Sport – die Meistertrainer – und gliedert deren Gabe, Schüler zu motivieren, in vier Tugenden: fachspezifisches Wissen, Wahrnehmungsvermögen, das Erteilen konkreter Anweisungen und Ehrlichkeit.

Dass Daniel Coyle Journalist ist, tut der Sprache des Buchs gut. Dass er gerne Anekdoten erzählt, jedoch weniger. Als befürchte er seine Glaubwürdigkeit zu verlieren, unterfüttert er jede Beobachtung mit breit erzählten Beispielen und wiederholt seine Gedanken. Er tut das zwar in wohlformulierten Sätzen und eindringlichen Metaphern. Hätte er jedoch mehr eigene Gedanken formuliert, die nicht entlang einer Anekdote erzählt werden, wäre es leichter, ihm zu folgen. Denn das möchte man gern: Die Fragen, die er sich stellt, sind spannend, seine Beobachtungen präzise. Es empfiehlt sich demzufolge, das Buch nicht linear zu lesen. Dann geht man erhellt aus der Lektüre hervor. Und tatsächlich auch eine Spur motivierter, etwas für seine Myelinschicht zu tun.

+++ Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Printmagazin Human Resources Manager. Eine Übersicht der Ausgaben erhalten Sie hier. +++