„Das Arbeitsumfeld Politik muss familienfreundlicher werden“

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Mit der Intitiative „Eltern in der Politik“ bemüht sich eine interfraktionelle Gruppe um die CDU-Abgeordnete Kristina Schröder um bessere Arbeitsbedingungen für Politiker mit kleinen Kindern. Im Interview spricht die ehemalige Familienministerin über besondere Herausforderungen, verpasste Abstimmungen und Telefonkonferenzen in der Kita-Garderobe.

Frau Schröder, ist die Arbeitswelt Politik familienfeindlich?
Sie ist es teilweise. Wir Bundestagsabgeordnete haben natürlich auch Privilegien, zum Beispiel dass wir gut verdienen. Somit können wir uns Unterstützung im Haushalt und bei der Kinderbetreuung leisten. Insbesondere in den Wahlkreisen haben wir auch die Möglichkeit, uns manche Termine frei einzuteilen. Das sind Dinge, die uns das Leben erleichtern, es gibt aber auch einige besondere Härten. So sind wir die einzige Berufsgruppe in Deutschland, die kein Recht auf Elternzeit hat: Acht Wochen nach der Geburt müssen wir wieder voll einsteigen. Hinzu kommt, dass wir zwei Wohnsitze haben und unser Leben zwischen dem Wahlkreis und Berlin organisieren müssen. Einen Säugling während der Sitzungswoche fünf Tage lang beim Partner oder den Großeltern im Wahlkreis zu lassen, fällt vielen Müttern und Vätern sehr schwer.

Mit Ihrer interfraktionellen Initiative „Eltern in der Politik“ möchten Sie diese „besonderen Probleme“ angehen, mit denen Mütter und Väter mit Bundestagsmandat, aber auch politisch Aktive im Allgemeinen, konfrontiert werden. Dafür haben Sie eine Selbstverpflichtung formuliert und die Fraktionen des Deutschen Bundestags und aller Landtage sowie Parteien von der Bundes- bis Gemeindeebene und alle Mandats- und Amtsträger gebeten, sie zu unterzeichnen. Wie ist die Initiative entstanden?
Der konkrete Auslöser war eine Statistik von Abgeordnetenwatch, in der aufgeführt wurde, welcher Abgeordnete wie viele namentliche Abstimmungen verpasst hat. Bei mir waren das 2014 recht viele – aus dem einfachen Grund, dass in diesem Jahr meine zweite Tochter zur Welt gekommen ist und ich im Mutterschutz war. Zwar stand unter der Statistik der lapidare Satz, das Fehlen könne auch Gründe wie Krankheit oder die Geburt eines Kindes haben, aber innerhalb des Rankings war dies in keiner Weise gekennzeichnet. Das hat mich sehr geärgert. Wer in Mutterschutz ist, fehlt 14 Wochen, da verpasst man leicht mal 30 oder 40 Abstimmungen. Darüber habe ich dann getwittert. Franziska Brantner von den Grünen sah das ähnlich und hat darauf reagiert. So kamen wir ins Gespräch, haben dann Abgeordnete der anderen Fraktionen angesprochen und die Sache in Angriff genommen.

Kristina Schröder in ihrem Büro (c) Laurin Schmid

Politiker werden oft als privilegiert angesehen. Wie viel Verständnis für die Initiative bringen Ihnen  Menschen entgegen, die in der freien Wirtschaft tätig sind?
Menschen, die selbst wenig Geld haben, nehmen oft an, dass sich mit einem größeren Gehalt die alltäglichen Probleme lösen lassen. Das habe ich auch als Ministerin erlebt. Nach dem Motto: „Was jammert ihr denn, ihr könnt euch doch eine 24-Stunden-Nanny leisten.“ Abgesehen davon, dass hier die finanziellen Möglichkeiten von Politikern überschätzt werden, wäre das aber doch auch keine Lösung! Man hat schließlich ein Kind, weil man es liebt und möchte Zeit mit ihm verbringen. Wenn ich meine Situation aber konkret schildere, bekomme ich von der breiten Bevölkerung sehr viel Verständnis. Es ist schließlich ein allgemeiner Trend, dass junge Mütter und Väter, gerade weil sie früh wieder berufstätig sind, auch mehr Zeit für ihre Kinder einfordern. Unser Arbeitsumfeld muss sich darauf einstellen.

Und wie ist es um das Verständnis kinderloser Abgeordneter bestellt?
Auch hier bekommen wir positive Reaktionen. Bei der Initiative geht es generell um die Achtsamkeit vor dem Privatleben von Abgeordneten. Viele von ihnen planen, irgendwann eine Familie zu gründen und sehen, wie abschreckend das politische Arbeitsumfeld diesbezüglich ist. Das ist ein relativ neues Phänomen. MdBs, die eine Familie gründen, gab es in den vergangenen Jahrzehnten deutlich seltener als heute. Die meisten wurden Abgeordnete, wenn die Familie schon da war – das galt erst recht für Frauen.

Ähnlich wie im baden-württembergischen Landtag wollen Sie Abgeordnete unterstützen, die im ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes mehr Zeit für ihre Familie haben wollen. Die Fraktionen sollen  sich verpflichten, dies zum Beispiel durch Vereinbarungen über Pairing und fraktionsinterne Vertretungsregeln zu ermöglichen und nächtliche namentliche Abstimmungen zu vermeiden. Welche Reaktionen haben Sie auf diese Vorschläge aus der Unionsfraktion bekommen?
Unser parlamentarischer Geschäftsführer Michael Grosse-Brömer hat mir spontan zugesagt, dass er das Anliegen unterstützen will. Es geht ja darum, dass die Parlamentarischen Geschäftsführer es Müttern und Vätern ermöglichen, im Jahr nach der Geburt etwas kürzer treten zu können. Dazu kann man Pairingregeln beschließen: Wenn ein Abgeordneter der Regierungsfraktion fehlt, nimmt auch einer der Opposition bewusst nicht teil. Oder man schafft Vertretungsregelungen. Wenn es dann eine Abstimmung gibt, bei der es auf eine einzelne Stimme ankommt, werden die jungen Eltern natürlich dennoch da sein. Aber es ist schon viel geholfen, wenn sie die Möglichkeit haben, den normalen Parlamentsbetrieb etwas zu reduzieren und nicht für jede Sondersitzung nach Berlin zu reisen.

Kristina Schröder (c) Laurin Schmid

Es geht in der Inititative um Eltern, nicht allein um Mütter. Dennoch ist sie von sechs Frauen ins Leben gerufen worden: Franziska Brantner, Lisa Paus (beide B90/Die Grünen), Katja Kipping (Die Linke), Susann Rüthrich, Dagmar Schmidt (beide SPD) und Ihnen. Wollen oder dürfen die Väter sich nicht engagieren?
Die Väter haben wir nicht dazu eingeladen. Das hatte ganz praktische Gründe, über die wir lange diskutiert haben. Zur Initiative haben wir alle Mütter mit kleinen Kindern unter zwölf Jahren eingeladen. Das sind rund 50 Abgeordnete. Wenn wir jetzt dazu noch alle Väter gefragt hätten, wären wir etwa 200 gewesen. In einer so großen Runde kann man nicht vertrauensvoll ein Papier erarbeiten. Aber unsere Initiative war immer als eine von Vätern und Müttern in der Politik geplant. Wir haben inzwischen knapp 70 Bundestagsabgeordnete, die die Initiative unterstützen. Davon sind die Hälfte Männer – und innerhalb der CDU/CSU-Fraktion liegen die Männer sogar vorn!

Kristina Schröder (c) Laurin Schmid

Aber ist es nicht ein negatives Signal, die Männer nicht einzuladen?
Künftig sind sie ja dabei. Aber am Anfang standen vor allem auch Themen wie der Mutterschutz oder der Umgang mit einem Stillkind im Fokus.

Die Frauen sind bei aller Gleichberechtigung also von den Herausforderungen und Problemen des Arbeitsumfelds stärker betroffen?
Naja, ich habe ja kein Problem damit, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Dieses Thema könnte ich mit meinen Mitinitiatorinnen wahrscheinlich heiß diskutieren. (lacht) Das macht aber nichts, da wir in der Praxis zum selben Ergebnis kommen und uns auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren.

Innerhalb der interfraktionellen Gruppe wird nicht gestritten?
Wir haben einen bemerkenswerten Konsens. Schon nach fünf Treffen konnten wir ein gemeinsames Papier auf den Weg bringen. Auch wenn es natürlich Meinungsverschiedenheiten gibt; so haben sich einige gewünscht, den politikfreien Sonntag noch strenger zu formulieren oder eine Art Elternzeit einzuführen.

Sie haben 2011 als erste Bundesministerin während Ihrer Amtszeit ein Kind zur Welt gebracht. Auch Ihr Mann, Ole Schröder, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, war zu diesem Zeitpunkt bereits in seinem hohen politischen Amt. Wie haben Sie als Eltern diese Zeit erlebt?
Glücklicherweise hatte ich mit Angela Merkel eine Chefin, die mich sehr unterstützt hat. Als sie mich gefragt hat, ob ich Bundesministerin werden möchte, habe ich gleich offenbart, dass mein Mann und ich planen, eine Familie zu gründen. Frau Merkel hat sofort gesagt, dass das funktionieren kann und dass ich ihre Rückendeckung habe. Dennoch bringt der Job Situationen mit sich, die schwer zu kalkulieren sind. Beispielsweise hatte ich mir extra die zwei Fastnachts-Wochen für die Kita-Eingewöhnung meiner großen Tochter freigehalten. Doch dann ist am Sonntag davor ein Spiegel-Titel erschienen: „Die Familienpolitik in Deutschland ist gescheitert“ oder so ähnlich. Natürlich hat am Montag das Kanzleramt und das Konrad-Adenauer-Haus nach unserer Kommunikationsstrategie gefragt. Ich verbrachte also den gesamten ersten Tag, an dem meine Tochter ihre Eingewöhnung hatte, in der Garderobe in Telefonkonferenzen. Vor so etwas kann einen keine Chefin bewahren.

Letztlich habe Sie auf das Ministeramt verzichtet mit der Begründung, nun doch mehr Zeit für die Familie haben zu wollen. Ist das Projekt „Ministerin und Mutter“ am Ende doch gescheitert?
Ich habe ja bewiesen, dass es geht. Aber natürlich verpasst man manchen tollen Augenblick mit der Tochter. Nicht alles passiert immer brav in der „Quality-Time“. Wenn ich meine gesamte intensive Familienphase so verbracht hätte, hätte ich das auf meinem Sterbebett bereut, das weiß ich ganz sicher. Daher ist also nicht die Frage, ob es geht. Die Frage ist, ob man das unter den genannten Bedingungen auch will.