Das Land der alten Mitarbeiter

Kein Land altert so schnell wie Japan. Schon lange spielen Senioren auf dem Arbeitsmarkt des Landes eine wichtige Rolle. Doch ihre Arbeitskraft muss effizienter genutzt werden.

Kato Manufacturing hatte schon vor 15 Jahren ein Problem, mit dem inzwischen Unternehmen in vielen Ländern der Welt kämpfen: zu wenige junge Fachkräfte. Der mittelständische Automobilzulieferer aus Zentraljapan änderte seine Personalpolitik – und schaltete Stellenanzeigen, die sich explizit an Rentner richteten. Der Erfolg war überwältigend: Mehr als 100 Bewerber meldeten sich, obwohl Kato anfangs lediglich Mitarbeiter für Wochenenden und Feiertage gesucht hatte. Seither ist das Durchschnittsalter der Belegschaft kräftig gestiegen. Mehr als die Hälfte der 106 Beschäftigten sind über 60, ein Fünftel sogar über 70 Jahre alt.

„In allen Abteilungen gibt es ältere Mitarbeiter“, sagt Unternehmenssprecher Shinpei Goto. „Wir machen keine Ausnahmen, nur weil jemand alt ist.“ Kleinere Zugeständnisse machte Kato an die Mitarbeiter in der Produktion: Die Fabrikhalle wurde heller beleuchtet, das Gewicht von Kisten reduziert sowie Rollen unter Gestellen angebracht, um den Transport schwerer Metallteile zu erleichtern. Üblicherweise arbeiten die Senioren in Teilzeit, an drei bis vier Tagen pro Woche von 9 bis 17 Uhr. Wer neu zum Unternehmen hinzustößt, erhält allerdings mit umgerechnet 6 Euro pro Stunde deutlich weniger Lohn als die regulär Beschäftigten.

Auch Daiwa Life Next nutzt das Potenzial älterer Arbeitnehmer. Der Dienstleister aus Tokio sorgt für den fachgerechten Betrieb von mehr als 2.000 Wohnblöcken im ganzen Land. Ein Großteil der 3.700 Mitarbeiter arbeitet vor Ort als Hausmeister, übernimmt die Arbeit am Empfang, die Gebäudereinigung und kleinere Reparaturen. Fast zwei Drittel der Angestellten sind älter als 60 Jahre, rund 20 Prozent über 70. „Wie fit jemand ist, hängt vom Individuum ab“, sagt Pressesprecherin Naoko Tajima. „Wer keine gesundheitlichen Probleme hat, kann bei uns auch im hohen Alter weiterarbeiten.“

Gesundheitstests für Ältere

Mitarbeiter jenseits der 70 verpflichtet Daiwa Life Next zu jährlichen Gesundheitstests. Dabei wird beispielsweise auch geprüft, ob die betagten Hausmeister noch Säcke mit Erde stapeln können, um Schäden durch Starkregen oder Überschwemmungen abzuwenden. Bei der Auswahl neuer Mitarbeiter ist Daiwa Life Next wählerisch. Nur einer von 36 Bewerbern erfülle die Voraussetzungen oder wolle die erforderlichen Aufgaben erledigen, berichtet Tajima. Nicht selten hätten Ältere dabei die Nase vorn – etwa was Höflichkeit, Pflichtgefühl oder die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen angehe.

Überall in Japan sind Senioren als Arbeitskräfte im Einsatz. Insgesamt jeder zehnte Beschäftigte in dem fernöstlichen Inselstaat ist inzwischen über 65 Jahre alt. Der Grund: Zahlreiche Firmen, vor allem kleinere Industrieunternehmen und Dienstleister, können ihren Personalbedarf nicht mehr alleine mit jungen Mitarbeitern decken. Und der Trend dürfte sich fortsetzen. Regierungsschätzungen zufolge wird die Bevölkerung bis zum Jahr 2060 um ein Drittel schrumpfen. Gleichzeitig wächst der Anteil der über 65 Jahre alten Japaner von 25 Prozent auf 40 Prozent.

Traditionell wird der Arbeit in Japan ein hoher Wert beigemessen. Die Unternehmen attestieren vor allem der älteren Generation eine hohe Motivation und Arbeitsmoral. Aktuell gehen rund 20 Prozent aller Japaner über 65 Jahren einer bezahlten Tätigkeit nach. Tatsächlich würden noch viel mehr Rentner arbeiten, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. Laut einer Regierungsumfrage unter Japans Baby-Boomern wollen 80 Prozent von ihnen arbeiten, 38 Prozent sogar über das 75. Lebensjahr hinaus.

Weil der Bedarf sowohl auf Arbeitgeber- als auch auf Arbeitnehmerseite wächst, haben sich zahlreiche Arbeitsvermittlungsagenturen inzwischen auf den sogenannten „Silver Market“ spezialisiert – und vermitteln betagte Arbeitnehmer an interessierte Unternehmen. Zu den Pionieren auf diesem Gebiet gehört „Mystar 60“. Yukari Takahira, Direktorin des Jobvermittlers aus Tokio, verfolgt die Entwicklung des Silbermarktes seit Mitte der 1990er Jahre. In dieser Zeit hat sie große Veränderungen beobachtet – zumindest in der Einstellung der Stellensuchenden.

Vielfältige Gründe für die Arbeit im Rentenalter

„Früher haben die älteren Arbeitssuchenden hohe Gehaltsforderungen gestellt. Viele hatten zuvor gutbezahlte Jobs in der Verwaltung gehabt und wollten weiterhin eine sinnvolle Tätigkeit ausüben“, erinnert sich Takahira. Das hat sich geändert. Das Platzen der Immobilien- und Finanzblase Anfang der 1990er Jahre, zwei Dekaden wirtschaftlicher Stagnation und eine Rentenreform haben die Situation für Senioren grundlegend verändert. Viele Rentner sind inzwischen auf einen Zusatzverdienst angewiesen. „Heute überwiegen finanzielle Gründe“, sagt Takahira.

Häufig sei auch eine kriselnde Ehe der Grund dafür, dass Männer und Frauen im Rentenalter auf die Suche nach einem Job gingen. Weil die Arbeitszeiten in Japan zu den längsten der Welt gehören und das Ausgehen mit Kollegen weit verbreitet ist, entfremden sich viele Ehepaare im Laufe der Jahre. Mit dem Ruhestand des Hauptverdieners beginnt dann eine schwere Zeit der Umstellung. „Die Frauen wollen nicht für ihren Mann dreimal am Tag Essen kochen, und die Männer fühlen sich zu Hause nicht wohl“, weiß Takahira. Für viele Senioren ist die Flucht in einen neuen Job der rettende Ausweg.

An den Bedürfnissen der Unternehmen habe sich in den vergangenen Jahrzehnten hingegen wenig geändert. „Die Firmen stellen Senioren ein, wenn sie sehr gut ausgebildetes Personal suchen, oder wenn sie einfach gar keine jungen Mitarbeiter finden können“, sagt Takahira. Der Arbeitsmarkt für Ältere sei zweigeteilt: Gesucht würden entweder Hochqualifizierte oder Handlanger. Entsprechend unterschiedlich fällt die Bezahlung der Tätigkeiten aus.

Diese Zweiteilung zieht sich durch den gesamten japanischen Arbeitsmarkt. Knapp 40 Prozent aller Beschäftigten haben keine feste Anstellung, erhalten Niedriglöhne und werden beruflich kaum fortgebildet. Die übrigen Beschäftigten verbringen ihr Berufsleben meist durchgängig im gleichen Unternehmen. Am Anfang ihrer Karriere werden sie stark unterbezahlt, am Ende erhalten sie überzogen viel Gehalt. Auch deshalb sind viele Unternehmen nicht an einer Weiterbeschäftigung über das Rentenalter hinaus interessiert – zumindest nicht zu gleichen Konditionen.

Arbeiten bis 65

Bis vor kurzem durften nur Ingenieure oder leitende Manager darauf hoffen, über ihren 60. Geburtstag hinaus für ihren Arbeitgeber tätig zu sein. Dabei mussten sie Gehaltsabschläge von 30 bis 60 Prozent hinnehmen. Seit April 2013 verlangt der Gesetzgeber jedoch, dass Japans Unternehmen grundsätzlich allen arbeitsfähigen Beschäftigten eine Weiterbeschäftigung bis zum 65. Lebensjahr ermöglichen. Das stellt viele Firmen vor große Herausforderungen. „Alle Mitarbeiter über einen Kamm zu scheren, ist nicht vernünftig“, sagt Florian Kohlbacher, Leiter der Wirtschaftsabteilung am Deutschen Institut für Japanstudien (DIJ) in Tokio.

Die meisten Unternehmen würden deshalb den bestehenden Arbeitsvertrag mit 60 Jahren auslaufen lassen und den Mitarbeitern einen neuen Vertrag anbieten. Je nach Befähigung könnten diese dann weiter beschäftigt werden. Im Idealfall könne das Erfahrungswissen älterer Beschäftigter dadurch besser an jüngere Mitarbeiter weitergegeben werden. Allerdings müssten auch Arbeitnehmer gehalten werden, die eigentlich nicht mehr benötigt würden.

Die Auswirkungen verschiedener Gesetzesänderungen zur Weiterbeschäftigung älterer Beschäftigter lässt sich exemplarisch an Toyotas Einstellungsstatistik ablesen: Wurden im Geschäftsjahr 2001/2002 nur acht Prozent aller angehenden Rentner mit einem neuem Vertrag ausgestattet, waren es fünf Jahre später schon 55 Prozent und im abgelaufenen Geschäftsjahr schätzungsweise 75 Prozent. Der Automobilkonzern erwartet, dass sich in Zukunft noch mehr ältere Mitarbeiter als bisher für eine Weiterbeschäftigung entscheiden werden. Um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden, erprobt Toyota derzeit in einem Pilotprojekt Teilzeitarbeit für betagte Fabrikarbeiter.

Auf viel mehr Entgegenkommen dürfen Senioren bei den meisten Unternehmen nicht hoffen: „Bisher gibt es wenig Überlegungen, wie ältere Mitarbeiter effizienter eingesetzt werden können, etwa indem Arbeitsplätze ergonomisch gestaltet werden“, sagt Kohlbacher vom DIJ. Japan sei zwar ein Vorreiter bei der Beschäftigung von Senioren – allerdings nur quantitativ. Was die Qualität der Jobs und ihre Bezahlung angehe, hinke Japan weit hinter Ländern wie Deutschland her.

Das Interesse an älteren Mitarbeitern steigt

Der Ökonom Martin Schulz vom Fujitsu Research Institute hat dafür eine Erklärung: „Bisher hatten die Unternehmen wenig Interesse an einer Weiterbeschäftigung älterer Mitarbeiter“, sagt er. „Aber das ändert sich jetzt, weil es weniger junge Menschen auf dem Arbeitsmarkt gibt und weil die große Welle der Restrukturierungen vorbei ist.“ Vor allem im Verwaltungsbereich sieht Schulz mehr Bedarf. Gleichzeitig heuerten Ingenieure und Manager zunehmend bei Unternehmen im Ausland an. „Wir sehen eine Globalisierung älterer Mitarbeiter“, so der Forscher.

Florian Kohlbacher warnt die Unternehmen allerdings davor, ihre Personalpolitik zu stark auf Mitarbeiter am Ende ihrer Karriere zu fokussieren. „Auch in einer alternden Gesellschaft darf man die Jungen nicht vergessen“, sagt er. Nötig sei eine Reform der Gehaltsstruktur über die gesamte Lebensarbeitszeit. Die Unterbezahlung junger Mitarbeiter und die üppigen Vergütungen für Ältere gehörten auf den Prüfstand. Ebenfalls nötig: Ein Umdenken in den Personalabteilungen. Diese müssten die Altersstruktur ihrer Beschäftigten sowie deren Bedürfnisse und Potenziale stärker in ihrer Planung berücksichtigen und sie als wertvolle Ressource ansehen. „Diese Betrachtungsweise ist in Japan noch nicht wirklich angekommen“, sagt Kohlbacher.