Decoding Corporate Culture: die Kraft der Selbsterkenntnis im Recruiting

| |
Foto: Getty Images / Westend61
Foto: Getty Images / Westend61

Recruiting funktioniert nur, wenn wir uns selbst verstehen – nur so lässt sich einschätzen, ob man zusammenpasst. Das gilt für Unternehmen wie auch für Fachkräfte. Doch wie lernt man sich selbst kennen und was bedeutet das für die Zukunft des Recruitings?

Die Entscheidung für einen neuen Job ist – neben der Wahl des Partners und des Wohnorts – eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben eines Menschen. Unser Job bestimmt, wann wir aufstehen, mit welchen Menschen wir den Großteil unseres Tages verbringen und ob wir abends gut oder schlecht gelaunt nach Hause kommen. Die Arbeit prägt unser Leben. Wer sich für einen neuen Job entscheidet, sollte daher beurteilen können, ob er zu ihm passt.

Vorstellungsgespräch gleicht einem Blind Date

Die Realität sieht anders aus: Menschen wissen meist erstaunlich wenig über Job und Unternehmen, bevor sie sich bewerben. Selbst bei Vertragsunterschrift haben viele Fachkräfte keine Ahnung, mit wem sie zusammenarbeiten werden und wie ihr zukünftiger Arbeitsplatz aussieht. Diese schlechte Informationsgrundlage steht in keinem Verhältnis zur hohen Bedeutung einer Jobentscheidung. Würde man jemanden heiraten, den man kaum kennt? Ein Haus kaufen, ohne es sich vorher ganz genau angeschaut zu haben? Wohl kaum. Bei der Wahl einer neuen Stelle hingegen bleiben eine Menge Fragen offen.

Unternehmenskultur ist wichtiger Faktor bei der Jobsuche

Das hat Folgen: Aktuelle Marktforschungen zeigen, dass knapp 40 Prozent der Fachkräfte in Deutschland mit ihrem Job unzufrieden sind. Das liegt auch an einer mangelnden Identifikation mit dem Arbeitgeber, wie eine Studie zeigt, für die StepStone mehr als 25.000 Fach- und Führungskräfte sowie rund 4.000 Recruiter befragt hat. Demnach legen 97 Prozent der Fachkräfte in Deutschland großen Wert auf die Unternehmenskultur. Doch nur 36 Prozent sind der Meinung, dass sie zur Kultur ihres derzeitigen Arbeitgebers passen.

Zusammenhang zwischen Cultural Fit und Zufriedenheit

Die Studienergebnisse zeigen außerdem: Unter den Mitarbeitern, die sich mit ihrem Unternehmen identifizieren können, sind 59 Prozent mit ihrem Job zufrieden. Dagegen können sich nur neun Prozent aller Fachkräfte, die mit ihrer Stelle unzufrieden sind, trotzdem mit ihrem Arbeitgeber identifizieren. Mehr als jeder Zweite (56 Prozent) hat ein Unternehmen wegen einer unpassenden Kultur sogar schon einmal verlassen.

Cultural Fit zahlt sich aus

Der Cultural Fit sollte im Recruiting eine zentrale Rolle spielen – darüber sind sich auch die Personalentscheider in Deutschland einig. 96 Prozent sind überzeugt von der Bedeutung der Unternehmenskultur für die Personalarbeit. Die große Mehrheit der Arbeitgeber in Deutschland verspricht sich von einem hohen Cultural Fit handfeste Vorteile, vor allem eine höhere Motivation der Belegschaft, eine stärkere Mitarbeiterbindung und eine effektivere Zusammenarbeit innerhalb der Teams. Umso erstaunlicher ist, wie wenig Arbeitgeber im Bewerbungsprozess von sich und ihrer Kultur preisgeben und wie selten der Cultural Fit tatsächlich überprüft wird.

Unternehmen schweigen zur Unternehmenskultur

Welcher Führungsstil wird gepflegt? Wie werden Entscheidungen im Unternehmen getroffen – sind die Hierarchien flach oder eher nicht? Duzen sich die Kollegen untereinander? Wie ist es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bestellt? Sitzen die Mitarbeiter im Großraumbüro oder in Einzelbüros? Die meisten Unternehmen verraten in Stellenanzeigen kaum etwas über die Unternehmenskultur – und wenn doch, dann viel zu oft in Form von nichtssagenden, austauschbaren Floskeln.

Nur 15 Prozent messen Cultural Fit systematisch

Die Überprüfung des Cultural Fit im Bewerbungsprozess ist nur bei 41 Prozent der Unternehmen in Deutschland Standard. Die meisten nutzen dafür das Interview (36 Prozent). 16 Prozent verschaffen sich im Rahmen eines Probearbeitstags einen Eindruck und 15 Prozent gaben an, sich anhand der Bewerbungsunterlagen ein Bild von der Persönlichkeit des Bewerbers zu machen. Die Überprüfung geschieht allerdings häufig unsystematisch und auf Basis des persönlichen Eindrucks, den ein Bewerber bei den Unternehmensvertretern hinterlässt. Nur 15 Prozent der befragten Personalverantwortlichen setzen systematische Verfahren und Tools zur objektiven Überprüfung des Cultural Fit ein.

Systematische Tools verbessern HR-Performance

HR-Experten verlassen sich bei der Frage, ob ein Bewerber persönlich zur Firma passt, oft ausschließlich auf ihr Bauchgefühl. Der persönliche Eindruck ist ohne Zweifel wichtig, allerdings zeigen die Studienergebnisse, dass Unternehmen noch erfolgreicher arbeiten, wenn sie den Cultural Fit zusätzlich objektiv überprüfen.  Laut StepStone-Studie meinen 84 Prozent der Arbeitgeber, die systematische Verfahren im Auswahlprozess einsetzen, dass sie die Zufriedenheit ihrer Belegschaft dadurch steigern konnten. Bei 70 Prozent konnte die Fluktuation verringert werden. Zwei Drittel gaben an, dass sie neue Erkenntnisse über die Kandidaten gewonnen haben, die ihnen sonst verborgen geblieben wären.

Fazit: Die Beurteilung des Cultural Fit zwischen Bewerber und Arbeitgeber gehört zu den größten Herausforderungen der Personalgewinnung. Arbeitgeber sollten es Bewerbern ermöglichen, sich ein umfassendes und vor allem authentisches Bild zu verschaffen. Voraussetzung dafür ist, dass Unternehmen bereit sind, etwas von sich preiszugeben. Klar ist: Wer den Bewerberwunsch nach Transparenz nicht erfüllt, wird langfristig einen Wettbewerbsnachteil haben.

Der Autor Rudi Bauer spricht zu diesem Thema auch in einer Expert Session auf dem diesjährigen Personalmanagementkongress – Dienstag, 26. Juni, 12:15 bis 13:15 Uhr.

Weiterbildungen zum Thema Recruiting und Personalmanagement