Den eigenen Bedürfnissen folgen

In der Online-Mediathek von Ferrero können sich die Mitarbeiter individuell und selbstständig weiterbilden. Und nebenbei das Kompetenzmodell des Süßwarenherstellers verinnerlichen. Ein Weg zur Demokratisierung des Lernens.

Viele unüberschaubar lange Arme, die noch in die kleinste Nische reichen – wird die Metapher des Kraken bemüht, stellt sich nicht selten als erstes ein negatives Bild ein. Wie beim Begriff Datenkrake. Dass Kraken aber auch als positive Assoziation herhalten können, davon ist Frauke Hofsommer überzeugt. Sie verwendet dieses Bild, um die grundlegende Funktionsweise der Multi-Mediathek zu verdeutlichen, die sie für den Süßwarenhersteller Ferrero auf die Beine gestellt hat: „Bei Trova! reichen mehrere Arme in verschiedene Richtungen“, erklärt sie, die dort Head of Talent Management, Training and Development ist, ihren Vergleich. Der Nutzer könne sich daher sowohl sehr intensiv über einzelne Themen informieren oder sich in verschiedene – auch neue – Bereiche einarbeiten. Heißt: Dem Artikel über Projektmanagement könnte beispielsweise ein Podcast über Führungsmethoden und ein Video zu aktuellen Marketingtools folgen. Und das entweder auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch oder Spanisch.

Das Kompetenzmodell erlebbar machen

Ausgangspunkt für die Wissens-Datenbank, die in dieser Form seit einem Jahr online ist, war die Frage, wie man das Kompetenzmodell des Unternehmens greifbarer und erfahrbarer machen kann. Und das weltweit, also auch im Kontext von unterschiedlichen Lerngewohnheiten, Sprachen und Werten. Und da das Modell nicht in der Schublade der Mitarbeiter landen sollte, wie Hofsommer sagt, entschied man sich für die Online-Bibliothek. Dabei spielten Trends wie selbstorganisiertes, freies Lernen und die zunehmende Flexibilisierung der Weiterbildung genauso eine Rolle wie die Phänomene des ständigen Online-Seins und des Teilens von Inhalten. Darauf versucht Trova! einzugehen. „Wann, was und wie er lernen will, kann jeder frei entscheiden.“

Darüber hinaus soll das Tool selbsterklärend sein und zum Lernen animieren. Man will damit auch an die klassischen Lernformen, die es nach wie vor gibt bei Ferrero, anknüpfen. Wird beispielsweise ein Seminar für Projektmanagement angeboten, dann bekommen die Teilnehmer für die Vor- und Nachbereitung einen Link zu Inhalten auf Trova!. „Die Online-Bibliothek sehen wir daher als Zusatzelement zum Gesamtthema Lernen.“

Die bestmögliche Lernumgebung schaffen

Frauke Hofsommer hat die Plattform gemeinsam mit dem externen Partner Bridge2think auf die Beine gestellt. Die Grundlagen der Online-Bibliothek beruhen auf deren Software Bridge2know. „Dieses Grundsystem passen wir dann immer genau an die Erfordernisse der Kunden an“, erklärt CEO Andreas Dittrich. „Dabei steht immer die Frage im Raum, wie für die Mitarbeiter des jeweiligen Unternehmens die optimale Lernumgebung aussieht.“

Bei Trova! heißt das vor allem, die unterschiedlichen Bedürfnisse der weltweiten Nutzer in den Blick zu nehmen. Die Inhalte liegen daher in verschiedenen Formaten vor. „Derjenige, der lieber liest, soll die für ihn relevanten Inhalte genauso finden wie derjenige, der lieber Podcasts hört oder Videos anschaut“, so beschreibt Hofsommer das Ziel. In Asien beispielsweise würden Texte kaum mehr gelesen. Dementsprechend werden dort die Videos besser angenommen. Wichtig ist auch, dass Trova! auf allen Kanälen gleichermaßen funktioniert. „Denn das Lernen wird sich zukünftig noch mehr auf mobile Endgeräte verlagern“, meint Andreas Dittrich.

Aspekte wie Vernetzung und Empfehlungen sind ebenfalls relevant für die Online-Bibliothek. Zukünftig sollen diese noch stärker werden. Denn die Nutzer können Inhalte zwar schon jetzt mit anderen teilen, das passiert aktuell aber stärker offline als online. So gibt es beispielsweise im Vertrieb jede Woche ein Teammitglied, das im Meeting eine Buchzusammenfassung resümiert und zur Diskussion stellt. Und im Marketing werden regelmäßig empfehlenswerte Artikel aus dem Harvard Business Review zwischen den Kollegen ausgetauscht.

Zeitersparnis durch Vorrecherche

Für die Inhalte der Plattform ist Bridge2think zuständig. Die dort angesiedelte 20-köpfige Redaktion sichtet die Quellen, die vorab mit Ferrero ausgewählt wurden, bewertet die Artikel, Podcasts und Videos und lädt diese hoch. Dittrich beschreibt diesen Vorgang als eine Kombination von Mensch und Suchmaschine, „wie Google, aber mit einem ,Human Factor‘“. Man erspare den Nutzern so eine Menge Recherchearbeit. Zu den Quellen gehören vor allem Business-Journale, Universitäts-Bibliotheken, Blog-Beiträge und Verlagsveröffentlichungen.

Wie die Mitarbeiter von Ferrero Trova! nutzen, das versucht Frauke Hofsommer so gut wie möglich auszuwerten. Quantitative Daten spielen da eine eher untergeordnete Rolle. Das liegt nicht daran, dass diese nicht erhoben werden könnten, vielmehr ist es eine Frage des Datenschutzes. „Wir würden da gegebenenfalls und unnötig Probleme mit dem Betriebsrat bekommen.“ Daher stehen die qualitativen Daten im Vordergrund, beispielsweise wertet Ferrero die Stichwortsuche aus, um zu sehen, wo die Bedarfe der Mitarbeiter liegen. Fällt dabei auf, dass ein Thema an Relevanz gewinnt – wie Artikel zu Feedback-Gesprächen, wenn diese auch im Jahresturnus anstehen – dann wird versucht, darauf zu reagieren und weiteres Material zur Verfügung zu stellen.

Auch die Weiterentwicklung der Plattform geschieht auf dem Weg des ständigen Austauschs mit den Mitarbeitern. Aktuell ist geplant, die Suchmaske um den Zeitaspekt zu erweitern. Die Mitarbeiter geben an, wie viel Zeit sie zum Lernen haben, und die Inhalte werden dementsprechend ausgegeben.

Ebenso sollen neue Lernformen wie E-Learning zukünftig eine Rolle spielen. Bisher hat Ferrero noch keine solchen Angebote. Und für Hofsommer ist es wichtig, bei jeder weiteren Entwicklung im Blick zu haben, wo das Unternehmen gerade steht. „Wir haben mit Trova! zwar einen Riesensprung nach vorne gemacht, müssen aber auch schauen, dass wir möglichst viele Mitarbeiter mitnehmen.“ Das Nutzen der Plattform solle erst einmal Alltag werden, dann geht es Schritt für Schritt weiter. Man ist aber schon im Gespräch mit einem Blended-Learning-Anbieter, um Sprachkurse anzubieten. Bedürfnisorientiert und nebenbei, so soll laut Hofsommer die Weiterentwicklung des Tools vonstattengehen.

Dabei steht Trova! allen Mitarbeitern offen, ist aber nicht verpflichtend. Bei den Weiterbildungsempfehlungen wird darauf geachtet, wer mit diesen Lernformen gut umgehen kann und wem andere Herangehensweisen eher liegen. „Wir versuchen dennoch, alle Mitarbeiter auf die Plattform zu locken“, sagt Frauke Hofsommer. „Denn wir merken, dass sie uns hilft, das Wissen im Unternehmen insgesamt immens zu erhöhen.“

Gleicher Zugang für alle Mitarbeiter

Die Mitarbeiter nutzen die Inhalte vor allem für die Suche nach Literatur zu konkreten Aufgabenstellungen, stöbern aber auch gerne etwas herum, um neue Inspiration zu bekommen oder Trends genauer zu verstehen. Da das eigenverantwortlich passiert, hat sich bei Ferrero die ganze Unternehmenskultur ein Stück weit verändert. Das Lernen sei demokratisiert worden, der Zugang zum Wissen für alle gleich.

Die Plattform hat sich für das Unternehmen bisher bewährt, auch wenn es stetig an Verbesserungen und Weiterentwicklungen arbeitet. Immerhin wollten aber auch die Wünsche der Unternehmensleitung bezüglich des Kompetenzmodells mit dem, was den Mitarbeitern darüber hinaus in ihrer täglichen Arbeit hilft, verknüpft werden. Mit Trova! habe man da eine sinnhafte Verbindung geschaffen, urteilt Hofsommer. Die Arme dieses Wissens-Kraken werden wohl noch weiter wachsen.