„Den Müttern mehr Karriereoptionen und den Vätern mehr Familie“

Cornelia Spachtholz ist Vorstandsvorsitzende des Verbands berufstätiger Mütter. Dieser hat vor kurzem die zehnte Auflage seines „Dschungelbuchs“ herausgegeben. Mit diesem Ratgeber will der Verein Hilfestellung beim Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie bieten – und das Müttern genauso wie Vätern. Im Interview erklärt Spachtholz, warum ihr das Thema insgesamt nicht konsequent genug angegangen wird und warum sie mit ihrer Arbeit auch die Männer ansprechen will.

Frau Spachtholz, das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist seit einiger Zeit ein Dauerbrenner. Das müssten Sie ja mehr als begrüßen.
Grundsätzlich ist es sehr gut, dass das Thema auf der Agenda von Politik, Wirtschaft und Medien steht, denn wir brauchen dringend eine Veränderung der Rahmenbedingungen. Mir fehlt jedoch der ganzheitliche Aspekt: Das Thema wird nicht konsequent angegangen in allen Facetten und Bereichen, die die Vereinbarkeit und die partnerschaftliche Aufteilung von Familien-, Haus- und Erwerbsarbeit beeinflussen. Zum Beispiel müsste das Ehegattensplitting in Zusammenhang mit der kostenlosen Mitversicherung des nicht-berufstätigen Ehepartners in der Krankenversicherung abgeschafft werden. Zudem stört mich, dass trotz der gestiegenen Verantwortungsbereitschaft von Vätern die öffentlich geführte Debatte immer noch das Kind beziehungsweise die Sorgearbeit überwiegend den Frauen zuordnet. Wir brauchen hier weiterhin einen soziokulturellen Strukturwandel.

Gibt es in der Debatte auch Aspekte, die Ihrer Ansicht nach komplett unter den Tisch fallen?
Da fallen mir leider einige ein. Beispielsweise dürfen Bildung und Betreuung nicht als zwei unterschiedliche Anforderungen, sondern müssen als Einheit gedacht werden. Ganz konkret stellen wir uns einen flächendeckenden Systemwechsel zur rhythmisierten, gebundenen Ganztagsschule vor, flankiert durch einen Rechtsanspruch auf Betreuung im Ganztag von null bis mindestens 14 Jahren.

Thema ist auch nie, was es unsere Gesellschaft kostet, wenn wir den Frauen – denn Altersarmut ist vornehmlich weiblich – keine durchgängige Erwerbstätigkeit ermöglichen. Und zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie gehört unbedingt auch urbaner bezahlbarer Wohnraum. Denn gerade die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist unabdingbar, um den Alltag zwischen Beruf und Familie meistern zu können.

Bei so vielen Kritikpunkten, merken Sie denn, dass sich etwas bewegt?
Ja, das schon, auch wenn sich diese Bewegung, gerade auf politischer Ebene, momentan vor allem auf Kleinkinder bezieht, Stichwort Kitaausbau oder Elterngeld Plus. Ebenso flammt immer wieder die Rabenmutter-Diskussion auf, auch wenn das Wort selbst weniger verwendet wird.

Es ist noch ein langer Weg, bis Frauen und Männern die gleichen Chancen auf Karriere eingeräumt werden. Für die Arbeitswelt wären entscheidende Schritte dahin, dass atypische Erwerbsbiografien anerkannt werden müssen, dass wir Flexibilität nicht nur arbeitgebergerecht, sondern auch mitarbeitergerecht brauchen, dass frauentypische Berufe aufgewertet werden müssen – auch finanziell, dass Ergebnis- anstelle Präsenzkultur karrierefördernd ist, Familienzeit als Karrierebaustein zählt und dass es ein Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit gibt. Es gibt an die 250 familienfreundliche Personalmanagementmaßnahmen, aus denen passgenau für Unternehmens- und Mitarbeiterbedürfnisse Lösungen umgesetzt werden können.

Ihr Verband nimmt dem Namen nach explizit berufstätige Mütter in den Fokus, Ihr Ratgeber richtet sich aber an Mütter und Väter. Wie passt das zusammen?
Unser Verband wurde vor 25 Jahren am Küchentisch gegründet, von Frauen, die es leid waren, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ihr privates Dilemma schien. Nach wie vor brauchen insbesondere Frauen eine Lobby, um Berufstätigkeit und Karriere mit Erziehungs- und/oder Pflegeverantwortung vereinbaren zu können.

Dennoch ist den Frauen sehr bewusst, dass sie die Vereinbarkeit nur dann zufriedenstellend schulten können, wenn ihre Partner beziehungsweise der andere Elternteil am gleichen Strang zieht und im Gegenzug zur stärkeren Berufstätigkeit der Frauen mehr Haus- und Familienarbeit übernimmt. Frauen und Männer nähern sich da von den zwei Polen der Vereinbarkeit an – das muss in der Verbandsstruktur berücksichtigt werden. Daher haben wir unseren Slogan vor vielen Jahren um den Zusatz „für Frauen und Männer“ aktualisiert, sind bereits verschiedene Kooperationen mit Männer- und Väterorganisationen eingegangen und wollen eben jetzt auch mit der neuen Auflage unseres Ratgebers „Dschungelbuch“ aktiv Mütter wie Väter ansprechen. Inhaltlich beziehen wir uns also durchaus mehr und mehr auch auf die Belange der Väter, wir bleiben aber die Lobby der Frauen, die Beruf und Kind(er) vereinbaren möchten.

Aktuelle Studien sagen, dass den Vätern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wichtiger wird. Ist der Fokus rein auf Mütter oder Väter an diesem Punkt also nicht eh inzwischen obsolet?
Daher fokussieren wir uns auch nicht mehr ausschließlich auf die Mütter. Wir verstehen uns aber als ihr Sprachrohr den Vätern, der Wirtschaft und der Politik gegenüber. Denn eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie heißt für Frauen vornehmlich noch, sich mehr Berufszeit zu erwirken. Und das geht unweigerlich mit weniger Berufszeit für die Männer einher. Letzen Endes geht es doch darum: den Müttern mehr Karriereoptionen und den Vätern mehr Familie.