Depressionen sind nicht das Karriereende

Psychische Erkrankungen sind in der Arbeitswelt häufig noch ein Stigma. Das betrifft auch die „Volkskrankheit“ Depression. Dabei entwickeln Betroffene durch ihre Erfahrungen wichtige Kompetenzen, die gerade in der heutigen Arbeitswelt gefragt sind. Zeit für einen anderen Umgang mit Betroffenen.

Die depressive Symptomatik deckt sich mit den häufigsten psychischen Symptomen am Arbeitsplatz. Auch die Anzahl psychischer Erkrankungen steigt nach wie vor und obwohl viele pathologisch nicht auffällige Menschen mit dem ein oder anderem Symptom der Depression vertraut sind, scheuen sich viele Depressive offen mit ihrem aktuellen beziehungsweise vergangenen Zustand im Job um zu gehen. „Mein neuer Arbeitgeber weiß nichts von meiner Depression! Die hätten mich doch niemals eingestellt, wenn ich das gesagt hätte!“ berichten Klienten regelmäßig in der Therapie. Zu groß ist die Angst, nicht verstanden oder auch als nicht leistungsfähig eingestuft zu werden. Was dann bedeuten würde: Keine Chance auf den neuen Job.

Und diese Angst ist gar nicht so unbegründet: Denn neben den realen Herausforderungen, die sich aus langwierigen Ausfall- und Wiedereingliederungszeiten ergeben, herrschen in der Unternehmenswelt noch immer stereotype Vorstellungen über Depressionen und die Betroffenen. Dies zeigt sich vor allem darin, dass viele, die zurück in den Job kommen, den Eindruck haben, ihre Kollegen bemitleiden sie, nehmen sie anders wahr, zum Beispiel als weniger belastbar oder sogar als krank, im Sinne von „verrückt“. Wenig hilfreich sind da auch – häufig als Witz getarnte – Sprüche wie „Ich bin auch manchmal schlecht drauf, lass mich deswegen aber nicht gleich krankschreiben“.

Obwohl derartige Vorurteile und Stereotype meist aus Unwissenheit über das Krankheitsbild und ihren Behandlungsverlauf entstehen, wird die Diagnose damit in den Vordergrund gerückt und der Blick auf den eigentlichen Menschen verstellt. Das ist ungünstig, denn bei genauerer Betrachtung entwickeln betroffene Mitarbeiter in dieser, für sie schwierigen Zeit, Kompetenzen, Fähigkeiten und Eigenschaften, die auch dem Unternehmen von Nutzen sein können.

Persönliche Stärke und Durchhaltevermögen

Stellen Sie sich einmal vor, Sie fühlen sich antriebslos, ausgelaugt und niedergeschlagen. Die Dinge, die Sie einst begeistert haben und Ihnen am Herzen lagen, sind plötzlich egal. Selbst Ihre Liebsten können Sie nicht aufmuntern. Sie fühlen Sie einfach leer und kraftlos. Und das über Wochen und Monate. Normale Stimmungsschwankungen können schnell vorkommen. Insbesondere jetzt, da die Tage kürzer, dunkler und kälter werden. Aber wie lange halten Sie das aus? Ein, zwei oder sogar drei Tage?

Die Diagnose Depression hält nach internationalem Klassifikationssystem psychischer Erkrankungen dem ICD -10 mindestens 14 Tage an. Die meisten Krankheitsverläufe sind deutlich länger, da die Betroffenen die Krankheit zunächst nicht erkennen oder wahrhaben wollen und es lange dauern kann, bis sie sich Hilfe holen.

„Wochenlang lag ich nur im Bett, hatte überhaupt keinen Appetit und weinte den ganzen Tag. Dabei hatte ich nicht die geringste Ahnung, was genau mich eigentlich so traurig machte. Ich verstand das Ganze nicht und schob es immer wieder auf eine Erkältung oder den Prüfungsstress.“

Liest man Berichte, wie den der 29-jährigen Anna, bekommt man ein gutes Gefühl für die Symptomatik und welche Anforderung sie an die Betroffenen stellt: Persönliche Stärke und ein ungeheures Durchhaltevermögen! Denn ohne sie wären die Symptome nicht wochen- oder gar monatelang zu ertragen. Nicht umsonst ist die Rate für Suizidversuche bei jahrelangen, schweren depressiven Erkrankungen hoch.

Hohe Belastbarkeit und Loyalität

Schaut man genauer hin, was den hohen Leidensdruck in depressiven Episoden verursacht, wird schnell klar, dass ein ausgeprägter Leistungsanspruch eine große Rolle spielt. Denn das Selbstwertgefühl stützt sich auf ein perfektionistisches Leistungsdenken und treibt mit hohen Ansprüchen bis zur Überforderung und Erschöpfung an. Ein Zustand, der gerade wegen der starken Leistungstendenz vehement abgelehnt und abgewertet wird. Deshalb versuchen die Betroffenen die Erschöpfung mit allen (meist erfolglosen) Mitteln zu „bekämpfen“, was dazu führt, dass die typischen Symptome von Wertlosigkeit, Sinnlosigkeit und Ohnmacht noch verstärkt werden. Was folgt? Mehr Erschöpfung.

Es ist erstaunlich, dass Betroffene bei dem hohen Energieaufwand für ihren inneren Konflikt relativ lange am Arbeitsplatz performen können. Von Schwäche und fehlender Belastbarkeit keine nach außen sichtbare Spur. Ebenfalls auffällig ist, dass Betroffene über eine ausgeprägte Loyalität gegenüber Kollegen und Vorgesetzten verfügen. Sie wollen möglichst gut funktionieren, um niemanden zu belasten.

Lernbereitschaft und Fehlerkultur

Schaffen die Betroffenen es dann, trotz Scham, Schwere und Erschöpfung, sich Hilfe zu suchen, beginnt meist ein umfangreicher Lernprozess. Statt sich abzuwerten und weiter zu überfordern, lernen sie umzudenken. Dazu gehört als erstes, das Problemmuster zu erkennen. Weil kein Klient 24 Stunden am Tag depressiv ist, wird genau geschaut, wann es ihm beziehungsweise ihr besser geht und welche Umstände im Denken, Fühlen und Handeln dafür verantwortlich sind. So lernen die Klienten ihre psychischen und körperlichen Symptome als wichtige Hinweise dafür aufzufassen, wann sie sich selbst schaden und was ihnen gut tut.

Dieser Lernprozess erfordert in erster Linie: Geduld. Gerade wegen der perfektionistischen Leistungsansprüche überfordern sich die Betroffenen häufig auch in der Therapie. Schritte werden zu schnell und zu groß gemacht, so dass Ehrenrunden erforderlich sind. Was als Rückschritt empfunden wird, ist in Wahrheit ein Fortschritt. Denn die Klienten werden nicht nur für ihre Grenzen sensibilisiert, sondern lernen auch mit Niederlagen konstruktiv umzugehen und durch Selbstreflexion Fehler zu korrigieren. Schritt für Schritt wird damit das hinderliche Muster verändert.

Selbstverantwortung

Während sich Klienten ihrer Krankheit meist zu Beginn einer Therapie ausgeliefert fühlen, weicht die Hilflosigkeit im Verlauf der Zeit einer zunehmenden Selbstverantwortung. Dies geht mit dem Verständnis für das depressive Muster einher. Denn wer erkennt, dass er seine Symptome mit bestimmten Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen selbst hervorruft, erkennt auch, dass er mit veränderten Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen die Symptome lindert und ihnen nicht hilflos ausgeliefert ist. So entkommen die Klienten dem Gefühl der Ohnmacht. Statt also ungünstigen Umständen oder anderen Personen die Schuld für den eigenen Zustand zuzuschieben, erlangen Betroffene ihren Handlungsspielraum zurück und lernen, ihr Wohlbefinden selbst zu gestalten.

Selbstverständlich geschieht dies nicht über Nacht. Das Umlernen erfordert einen professionell gestalteten Prozess, bei dem Unternehmen ihre Mitarbeiter sogar unterstützen können. Schließlich bestätigen Betroffene immer wieder, dass sie ihre Arbeit als stabilisierende Komponente während des Genesungsverlaufs empfinden.

Was Unternehmen tun können

Weder für Unternehmen noch für die Betroffenen ist eine Depression ein erfreulicher Umstand. Während die Klienten einem starken Leidensdruck ausgesetzt sind und sich auf einen herausfordernden Lernprozess begeben, müssen Arbeitgeber den langwierigen Ausfall personell ausgleichen. Das erfordert Aufwand und kostet Geld. Präventive Maßnahmen müssen daher erste Wahl sein. Die Abfrage von psychischen Belastungen am Arbeitsplatz können Unternehmen helfen ein gesünderes Arbeitsumfeld zu organisieren. Zusätzliche Angebote wie Employee Assistance Programs (EAP) unterstützen Mitarbeiter auf der persönlichen Ebene darin, rechtzeitig Lösungen zu gestalten, bevor sie ernsthaft krank werden und längere Zeit ausfallen.

Geraten Mitarbeiter dennoch in eine depressive Episode, kann ein mehrstufiges Wiedereingliederungsmanagement nicht die einzige Lösung sein. Ebenso wichtig ist, dass Mitarbeiter bei ihrer Rückkehr das Gefühl bekommen, offen und ehrlich mit ihrer Krankheit umgehen zu können. Sowohl Personaler, als auch die Führungskraft und die Teamkollegen sollten über Depressionen und ihre Auswirkungen informiert und damit auch dafür sensibilisiert sein. Außerdem lohnt es sich einen Blick auf die neu erlernten Kompetenzen der betroffenen Mitarbeiter zu werfen: Denn Mitarbeiter, die Eigenverantwortung, Durchhaltevermögen und das Wissen von den eigenen Stärken und Schwächen mitbringen, können für ein Unternehmen wertvoll sein.

Weiterführende Literatur und Quellen:

  • Vgl. Badura, ua. (Hrsg.): Fehlzeiten Report 2016. Unternehmenskultur und Gesundheit- Herausforderungen und Chancen, i.A. von AOK-Bundesverband und Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO), Abb. Gesundheitliche Beschwerden.
  • Vgl. Sandra Maxeiner, Hedda Rühle (2015): Dr. Psych´s Ratgeber Depressionen. Damit ihr wisst, wie ich mich fühle.
  • Vgl. Schmidt, Gunther: Liebesaffäre zwischen Problem und Lösung. Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten, Heidelberg 20156, S.267.