Der Blick nach innen

Wenn Unternehmen Burnout bei Mitarbeitern vorbeugen wollen, müssen sie vor allem auf die eigene Organisation schauen. Hier liegt häufig der Grund für dauerhafte Überforderung.

Manche möchten das Thema Burnout endlich beiseitelegen. Es sei alles nur ein Medienhype. Doch wir dürfen uns nicht beirren lassen. Erschöpfung ist kein Modethema: Durch psychische Störungen werden erhebliche gesamtwirtschaftliche Kosten verursacht, vom Leid der Betroffenen ganz zu Schweigen. Alle die, die Personalverantwortung tragen, müssen sich intensiver mit den Ursachen von psychischer Erschöpfung und ihrer Prävention befassen. Vor allem dürfen sie nicht nur auf den Einzelnen, sondern müssen auch auf die Organisation schauen. Die wenigsten Unternehmen wagen allerdings diesen Blick nach innen.

Nach Lektüre zahlreicher Ratgeber könnte man schnell zu dem Schluss kommen, dass Erschöpfung bis zum Burnout nicht sein muss. Denn jeder kann selbst vorbeugen. Verbreitete Präventionsempfehlungen sind: Achtsamkeit, gesunde Lebensführung (viel Bewegung, fettarme Ernährung, nicht rauchen, kein Alkohol), aktive Arbeitspausen mit Entspannungsübungen sowie der „Power Nap“ als Kraftquelle. Auch der Schlaf will optimiert sein. Und Körperübungen wie zum Beispiel Morgengymnastik haben Konjunktur.

Selbstoptimierung und Perfektionsdrang

Aber sind diese Präventionsempfehlungen schon Teil der Lösung oder noch Teil des Problems, das es zu lösen gilt? Appelliert wird an selbstoptimierendes Verhalten jedes Einzelnen, um die Gesundheit zu erhalten. Sanfter Zwang zu permanenter Selbstoptimierung und Perfektionsdrang führen in einer Leistungsgesellschaft, in der „nichts unmöglich“ scheint, aber schnell zu vermehrtem Stress, zur Selbstgefährdung statt zur Selbstgesundung.

Es ist unstrittig, dass der Einzelne verantwortlich für sein Verhalten ist – und auch Sorge für seine körperliche und seelische Gesundheit zu tragen hat. Auch das Privatleben kann Stress auslösen und zu Erschöpfung beitragen, etwa durch private Konflikte, Kindererziehung, Geldsorgen.

Aber die Hauptursache ist – neben dem Ausschluss aus dem Arbeitsleben – immer noch am Arbeitsplatz zu suchen. Dort sind die Hauptstressfaktoren: zu hohes Arbeitspensum, Termindruck, Arbeitsunterbrechungen und Informationsflut. Das zeigt die TK-Stressstudie 2013. Stress an sich ist eine normale Reaktion des Körpers, insofern nicht per se schädlich. Dauerstress und dessen schädliche Folgen, wie zum Beispiel Erschöpfung, entstehen, wenn die Anforderungen ständig zu hoch oder die Ressourcen ständig zu gering sind, um den Aufgaben gerecht zu werden.

Verantwortung der Personaler

Es ist die Organisation, die zählt. Hierfür tragen Manager der Linie und HR-Manager große Verantwortung. Viele Ressourcen der Organisation werden zu wenig genutzt, um Dauerstress vorzubeugen: zum Beispiel die Arbeitsprozesse unterbrechungsfreier zu gestalten, Termine realistischer zu planen, Pausenzeiten einzuhalten (und das offline) – keine unmöglichen Aufgaben eigentlich. Auch Einstellung von Personal soll entlastend wirken.

Viele Ressourcen im sozialen, immateriellen Bereich bleiben offenbar auch ungenutzt. Dazu zählen vor allem: wechselseitige Anerkennung und Respekt; maßvoller interner Konkurrenzdruck, der Kooperation nicht zerstört; herausfordernde Ziele, die zugleich erreichbar sind; Handlungsspielräume, die den Anforderungen des Jobs gerecht werden.

Wenn Organisationen nicht auf dauerhafte Überforderung, Verschleiß und Austausch von erschöpften Mitarbeitern setzen wollen, dann ist eine Analyse der Bedingungen in Organisationen notwendig, die individuelle Auszehrung begünstigen, billigend in Kauf nehmen oder unreflektiert geschehen lassen. Dieser Analyse müssen zumindest eine sorgsame Arbeitsgestaltung, gesundheitserhaltende Arbeitsbedingungen und ein förderliches Arbeitsklima folgen. Systemische Störungen oder eingebaute Überforderungen in Organisationen können auch durch bereitwillige, freiwillige und aufopfernde Leistungen der Arbeitenden nicht dauerhaft kompensiert beziehungsweise bewältigt werden.