Der Dunning-Kruger-Effekt: 3 Beispiele

26.08.2019  |  Deidre Rath
Gerade inkompetente Menschen neigen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen und die der anderen zu unterschätzen. Die Krux an der Sache: Sie merken es nicht.
© gettyimages / canbedone

Inkompetente haben das größte Selbstvertrauen – der Dunning-Kruger-Effekt liefert eine überzeugende Erklärung für so manches Alltagsphänomen. 3 Beispiele.

„Ahnungslos, ohne es zu wissen“ – so umschrieben die Forscher Justin Kruger und David Dunning ein Phänomen, das seitdem unter dem Namen Dunning-Kruger-Effekt bekannt ist. Der Kern des Konstrukts: Gerade inkompetente Menschen neigen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen und die der anderen zu unterschätzen. Die Krux an der Sache: Sie merken es nicht. Eine Erklärung für so manches Alltagsphänomen, denken Sie? Stimmt. Wir haben 3 Fälle zusammengetragen.

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Der Fall mit dem Zitronensaft

Im Jahr 1995 raubte ein Mann namens McArthur Wheeler am helllichten Tag und unmaskiert eine Bank in Pittsburgh aus. Es war durch die Überwachungsaufnahmen ein Leichtes, ihn ausfindig zu machen. Dass er nur kurze Zeit später von der Polizei aufgegriffen werden konnte, wunderte ihn allerdings trotzdem. „Aber ich habe doch den Saft getragen“, soll seine Antwort gewesen sein. Wheeler war der festen Überzeugung, Zitronensaft mache ihn für die Videokameras unsichtbar. Der Fall diente den beiden Psychologen Dunning und Kruger vier Jahre später als Beispiel für das Phänomen, dass gerade inkompetente Menschen ihre eigenen Fähigkeiten mitunter überschätzen, dies aber selbst nicht bemerken. Wheelers Geschichte mag auf den ersten Blick recht kurios erscheinen. Es handelt sich allerdings um keinen Einzelfall: Im Jahr 2016 überfielen zwei brasilianische Einbrecher ein Ladenlokal und testeten eine neue Strategie aus, um der Aufzeichnung durch die Überwachungskameras zu entrinnen: Sie wickelten sich von Kopf bis Fuß mit Alufolie ein.

„Wo hast DU denn die Prüfung gemacht?!?“

Auch beim Thema Fahrkompetenz schlägt der Dunning-Kruger-Effekt zu. Die meisten deutschen Autofahrer sind sich sicher: Ich kann es besser als der Durchschnitt! Auf die Frage „Gehören Sie zur besseren Hälfte der Autofahrer?“, antwortet die überragende Mehrheit mit Ja. Männliche, junge Autofahrer, die besonders viele Unfälle verursachen, haben dabei übrigens das größte Selbstvertrauen. Das führt auf deutschen Straßen täglich zum einen oder anderen verbalen und nicht-verbalen Schlagabtausch. Die gute Nachricht: Dunning und Kruger klammerten in ihrem Modell den Begriff Intelligenz bewusst aus. Menschen, die sich selbst überschätzen, sind also nicht per se dumm. Ihnen fehlt nur die für das Fach nötige Kompetenz. Und die kann man sich beim Autofahren glücklicherweise aneignen, sobald man seine eigenen Wissenslücken erkennt. Gut, dass einen die anderen Autofahrer regelmäßig auf diese hinweisen.

Der Auserwählte

Ein beinahe auf der Hand liegendes Beispiel für den Dunning-Kruger-Effekt ist Donald Trump. Der amerikanische Präsident, Klimawandel-Skeptiker und Verschwörungstheoretiker – für sich genommen handelt es sich dabei schon um Fälle für Dunning und Kruger – ist bekannt für Sätze wie „I alone can fix it“ und “nobody knows more about xyz than me”. Trump kennt die besten Worte, baut die besten Mauern und spielt am besten Golf. Erst kürzlich lieferte der Präsident mit dem Tweet „Sorry losers and haters, but my I.Q. is one of the highest – and you all know it!“ eine einleuchtende Erklärung für seinen überragenden Erfolg. Politisches Kalkül lässt sich dabei selbstverständlich nicht ganz ausschließen.

Angesichts des Ausmaßes der augenscheinlichen Inkompetenz Trumps bei einigen Themen mag es verwundern, wie der Unternehmer es so weit bringen konnte. Die Erklärung dafür liefert eine Studie der beiden Ökonomen Peter Schwardmann und Joël van der Weele von der Universität Amsterdam. Ein Experiment zeigte, dass Probanden sich beim IQ-Test besser als andere Studienteilnehmer einschätzten, sobald man ihnen mitteilte, dass sie im Anschluss andere von sich überzeugen müssen. Die Wettbewerbssituation förderte ihre Selbstüberschätzung. Sie steigerte aber auch ihr Selbstvertrauen. Die Probanden traten gewinnender auf und konnten sich und ihre nur vermeintlich vorhandenen Fähigkeiten auch besser verkaufen. Die Schlussfolgerung der Forscher:  Das Phänomen schlägt seine Wellen bis in die obersten Führungsetagen.

Was genau besagt der Dunning-Kruger-Effekt? Das erfahren Sie in Teil 1 unserer Artikelserie hier auf HUMANRESOURCESMANAGER.